Bio Natur - Der Weblog

22.1.2012

Ungelöschte Emails, die virtuelle Klimaerwärmung

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 21:08


Unnötige Serverlast durch die Sammelwut der Internetgemeinde

Möglicherweise wir nach dem Lesen dieses Beitrags die eine oder der andere der Meinung sein, dass es der liebe Her Boegle nun aber gehörig übertreibt und päpstlicher als der Papst ist. Mag schon sein, aber die großen Dinge beginnen bekanntermaßen im Kleinen und deshalb schreibe ich, was mir auf dem Herzen liegt. In diesem besonderen Falle jedoch weniger auf dem Herzen, sondern mehr in meinen Email-Postfächern. Es ist ja so, zumindest verhält es sich bei mir so, dass jeden Tag Unmengen an elektronischen Nachrichten eintreffen, welche einmal mehr und viermal weniger und 18-mal überhaupt nicht wichtig sind. Doch immer schwebt die Angst mit: Löschen kann ich später immer noch. Vielleicht brauche ich ja irgendwann den Kontakt, die enthaltenen Informationen, den darin mitgeschickten Link oder das gesendete Foto noch für Zwecke, von denen ich bisher nichts weiß, die sich aber irgendwann noch finden werden. Irgendwann, irgendwann, irgendwann. Deshalb ist es also besser, nicht den elektronischen Mülleimer zu betätigen, sondern diese potentiellen Brauch-ich-noch-Nachrichten lieber auf dem Server zu belassen und dort im virtuellen Bunker zu versenken.

Ob diese ganze Sammelleidenschaft jetzt mit unserem Jahrtausende alten Hang zur Sesshaftigkeit zu tun hat, müssten mir die Anthropologinnen und Verhaltensforscher sagen. Was aber trotzdem nichts an der Tatsache ändert, dass sich in meinen Email-Höhlen ein Sammelsurium an elektronischen Übermittlungen angesammelt hat, welches dem frühzeitlichen Menschen, der wahrscheinlich noch ohne Tablet unterwegs war und ein Mammut auch ohne GPS gefunden hätte, was aber sowieso nur rein hypothetisch gedacht ist, zur Ehre gereicht hätte. Was aber mir selbst überhaupt nicht zur Ehre gereicht, ist folgende Tatsache, welche ich nach einem ersten Stöbern und Schnüffeln, wobei ich hoffe, dass ich bei dieser persönlichen Schnüffelei in eigenen Dingen nicht irgendwelchen fremdschnüffelnden Vorratsdatenspeicherern und Festplattenspähern in Green Action Kampagne “Internet und Stromverbrauch” von Nick Michelson. Das Problem: Das World Wide Web verbraucht viel Energie. Das Ziel ist Menschen über die Technologien zu informieren, die sie tagtäglich einsetzen.meinen Dingen in die Quere gekommen bin, gefunden habe. Was mich selbst insofern weiterhin maßlos über mich selbst ärgern lässt, weil ich erst unlängst in meinem Beitrag “Facebook: Erneuerbare energiegeladene Abhörfalle” das Thema gestreift habe, ohne aber diesem Aspekt Aufmerksamkeit zu schenken.  

Meine Güte, da habe ich am 04. September 2008 (!) die Bestätigung erhalten, dass die nette Dame in England mein neues Foto für meinen Open Water-Tauchschein erhalten hat. Naja, wer weiß, ob ich dies nach drei Jahren und einigen Monaten nicht doch endgültig zu den Akten legen könnte und mich schweren Herzens davon trennen sollte. Schau, schau, am 08.09.2010 habe ich meine neue Handyrechnung elektronisch erhalten. Nun, da diese Informationen im Jahre 2012 nicht mehr ganz so neu ist, könnte ich mich ja endlcih  dazu entschließen, auf eine etwas neuere Rechnung zu warten. Nur zwei (tatsächliche) Beispiele, mit welchen Dingen ich die Server am Laufen halte. Dass ich dabei aber auch dafür, wenngleich nur zu einem verschwindend geringen Teil, Sorge trage, dass ich mit diesem Laufen auch diese Rechenzentren mit meiner unscheinbar gelagerten und wohl nicht mehr benötigten Last am Schwitzen halte. Und weil Schwitzen nicht nur beim Jäger oder Sammler die Reaktion des Kühlens hervorruft, will auch jener Server seine kalte Dosis abbekommen, um, ganz genau, weiterhin dafür zu sorgen, dass meine Emails nicht ohne meine ausdrückliche Einwilligung im Mistkübel landen und dann auf der virtuellen Müllhalde des Vergessens landen. Was sie natürlich in den seltensten Fällen dank schon erwähnter schnüffelnder Freundinnen und spähender Freunde auch tun, aber für mich eben in unerreichte Abgründe gefallen sind.

Ganz nebenbei und wirklich nur weil es mir gerade einfällt: “Ilija Trojanow, Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“; Hanser Verlag. Ist irrsinnig polemisch geschrieben, stilistisch manches Mal am federführenden Holzhammer, aber trotzdem nahe am aktuellen Facebook-Zeitgeist. Die Streitschrift glänzt sicherlich nicht mit tiefgreifenden Fakten, sondern verfällt allzu oft in jene nicht nachzvollziehende Methodik des für die “normalsterblichen” BürgerInnen Undefinierbaren und latent Unfassbaren in Sachen Datenwut, dessen Aufklären und Durchleuchten eigentlich Ziel des Buch sein sollte, macht aber gerade durch diese Art des Schreibens auf erschreckende Weise klar, wohin wir mit unserer allzu sorglosen Preisgabe der Daten an Mutterland und Vater Staat steuern. Aber dieses nur eine kurze Exkursion und jetzt zurück zum eigentlichen Thema, zu dessen Schluss ich nun zügig kommen möchte und deshalb das geschriebene Wort Nick Michelson und seiner Kampagne “Internet und Stromverbrauch” überlasse.

Ich bin Ingenieur und arbeite in einem Großraumbüro. Täglich verbringe ich 9 Stunden vor dem Bildschirm. Das ist meine Arbeit. Was sind meine Werkzeuge? Ein Computer, unterschiedliche Programme, Internet, E-Mail, ein Tisch und ein Drehstuhl. Die Frage ist: Ist das wirklich nur EIN Computer? Dass ich nur einen Drehstuhl benutze bin ich mir sicher, aber dass ich nur einen Computer brauche - das stimmt nicht! Und was machen meine Arbeitskollegen in der Mittagspause? Richtig - sie “surfen”!

Und wo? Na klar doch - im Internet. Es ist so groß und kostenlos und steht jedem uneingeschränkt zur Verfügung. Was bedeutet „uneingeschränkt“? Alle Server weltweit laufen ununterbrochen rund um die Uhr nur damit die Informationen auf den jeweiligen Internetseiten uns immer zur Verfügung stehen. Wie kann man sich einen Server vorstellen. Ein Server sieht wie ein großer Kühlschrank aus.

(…) Die Rechnung ist ganz einfach: Je mehr Informationen wir hochladen, desto mehr Serverräume werden entstehen. Mehr Server – mehr Stromverbrauch. Mehr Stromverbrauch – mehr Kohle- oder Atomkraftwerke werden gebaut. Letztendlich zahlen wir sogar dafür obwohl auf den ersten Blick viele Internetdienste kostenlos sind.

Reduziert man die Vermehrung von Privatdaten im Internet – so reduziert man den Stromverbrauch, der dafür benötigt wird. E-Mails sind klein, sie „wiegen“ nicht viel. Sie benötigen aber auch Platz auf einem Server. Die meisten Menschen machen sich keine Gedanken über die nicht gelöschten E-Mails auf dem Postserver. Es ist doch kostenlos!

Aber was bedeutet das für die Umwelt? Am anderen Ende einer ungelöschten E-Mail Nachricht steht ein riesiger Industriebagger und schaufelt Braunkohle für die Stromerzeugung. Das Löschen alter E-Mail Nachrichten befreit den Speicherplatz auf dem Postserver. Dadurch werden keine neuen Festplatten gekauft, die wiederum Energie verbrauchen.

Sicherlich klingt dies alles für die SkeptikerInnen zu schön, zu linear und viel zu aufgeräumt, um wahr zu sein. Aber, wie bereits geschrieben: Alle großen Dinge beginnen mit dem ersten Vers oder so ähnlich eben. Aber manchmal können wir auch getrost den ersten Vers aus unseren elektronischen Postfächern wieder löschen. Spätestens dann, wenn wir uns sowieso keinen Reim mehr darauf machen können, weshalb wir diese oder jene Email überhaupt noch gespeichert haben.

     

20.1.2012

Der Wiener Ball ist UNESCO-Geschichte - zumindest vorläufig

Abgelegt unter: Plattformen und Projekte — Paul Boegle @ 16:07


Immaterielles Kulturerbe in der Warteschleife

UNESCO streicht “Wiener Ball” als Kulturerbe. Die Österreichische UNESCO-Kommission hat das immaterielle Kulturerbe “Wiener Ball” undd damit auch den WKR-Ball oder Burschenschafter-Ball aus dem Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich gestrichen.

Sag mir, wo die Bälle sind.
Wo sind sie geblieben?
Sag mir, wo die Bälle sind.
Was ist geschehn?
Sag mir, wo die Bälle sind.
Die Kommission pflückte sie geschwind.
Wann wird man je verstehn?
Wann wird man je verstehn?

Wer sich dazu entschließen sollte, bei meinem letzten Beitrag “Wien ist anders - die UNESCO noch viel mehr” auf den dortigen Screenshot zu klicken, wird vielleicht überrascht sein. Denn heute, nur zwei Tage später, bietet diese Momentaufnahme über immaterielle Kulturerbschaften, welche die UNESCO-Verantwortlichen als “Praktiken, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten, die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes verstehen” (UNESCO Österreich: Immaterielles Kulturerbe), nichts Informatives mehr zum “Wiener Ball”.

Sollten hier über Nacht plötzlich dubiose kulturelle Erbschleicherinnen oder perfide politische Kulturbanausen am Werke gewesen sein, um die lebenden Felix-Austria Generationen daran zu hindern, diese kulturpolitischen Güter von nationaler Trag- und touristisch internationaler Reichweite von einer Generation an die nächste weiterzugeben, welche fortwährend neu gestaltet werden und den Gemeinschaften ein Gefühl von Identität und Kontinuität vermitteln, wie es weiter unten heißt?

Nein, es geht alles mit rechten Dingen zu. Oder glücklicherweise eben nicht mehr. Denn die UNESCO hat sich, wohl auch aufgrund massenhafter Proteste und lautstarker Empörung, kurz und bündig dazu entschlossen, neben dem von den Burschenschaften veranstalteten WKR-Ball, welcher (hoffentlich) zum letzten Male (nicht nur) in der Wiener Hofburg stattfindet, auch alle anderen Wiener Bälle vom immateriellen Throne zu stoßen. Gut, diese Entscheidung ist natürlich für jene anderen tänzerischen Ringelspiele mit seidenbehandschuhtem Anfassen bedauerlich, welche unter dieser Entscheidung der UNESCO-Kommission zu leiden haben.

Die österreichische UNESCO-Kommission hat das Element „Wiener Ball“ – und damit auch den Burschenschafter-Ball – aus dem Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich gestrichen.

Die Organisation reagiert damit auf die heftige Kritik – unter anderem von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek – an der Nennung des umstrittenen Balls des Wiener Korporationsrings in der UNESCO-Liste. „Wir bedauern, dass wir im Rahmen der Einreichung die Listung des WKR-Balls übersehen haben und haben uns nun entschieden, die gesamte Liste der Wiener Traditionsbälle per sofort aus dem Verzeichnis zu entfernen“, erklärte Eva Nowotny, Präsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission am Donnerstag. Es liege nun beim Antragsteller - dem Kontaktkomitee der Wiener Nobel- und Traditionsbälle -, die Liste der Bälle abzuklären. „Eine abgeklärte Liste kann selbstverständlich wieder aufgenommen werden“, so Nowotny. (Salzburger Nachrichten: UNESCO streicht „Wiener Ball“ aus Kulturerbe)

Linksextremes Mobbing und unappetitliches Kesseltreiben

Dass von dieser vorläufigen Streichung auch solch traditionsbeladene Ballgesellschaften wie der Philharmonikerball oder der Wiener Opernball betroffen sind, ist, wie bereits geschrieben, mehr als bedauerlich. Schließlich ist gerade der Opernball aufgrund der Tatsache, dass Österreichs wohl größter Baumeister aller Zeiten mit Namen Richard “Mörtel” Lugner immer wieder auf diesem (bisherigen) immateriellen Kulturgut mit materiellen menschgewordenen Kulturgütern von geradezu kulturpolitischer Brisanz und außerordentlichem Renommee zum gelungenen “Alles Walzer”-Abend beigetragen hat, wohl Hauptgrund für viele, überhaupt die Flimmerkiste einzuschalten. Waren doch in der Vergangenheit in der eigens vom Baumeister angemieteten Loge solch elitäre Namen wie Paris Hilton (2007), ein Dieter Bohlen im Jahre 2010 oder die absolut mundgeblasene und handverlesene Sensation des letzten Jahres Ruby Rubacuori, ja genau, das Triple B Bunga Bunga Berlusconi Girl, illustre Gäste neben Mausi, Katzi oder Hasi in Herrn Lugners gehegtem und gepflegtem Streichelzoo und wetterfester Mörtel-Loge. Daneben durfte Herr Baumeister noch 2011 Zachi Noy in seiner materiellen Kulturgüterbehausung begrüßen. Den Herrn kennen Sie nicht? Ich sage nur “Eis am Stiel“, denn mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Dass jetzt aber “Richard Lugner steht wieder ohne Opernball-Gast da” zu lesen ist, stimmt mich doch etwas traurig.

Immateriell hin, Kultur her, Erbe hierhin, Güter dorthin. Alles schön und gut, aber ein gesellschaftliches Großereignis wie der Opernball ohne einen formidablen Ehrengast vom Range einer Hotelerbin, eines DSDS-Granden oer eben einer mit Italiens Staatspolitik auf Du und Du Stehenden oder möglicherweise auch Liegenden, Knienden oder Sitzenden wird es der UNESCO sicherlich nicht leichter machen, den Ball der Bälle und andere Bälle eben neben dem Ball der Bälle für den Fall der Fälle, dass der Fall eintritt, dass der Wiener Ball wieder nach den UNESCO-Statuten salon- und hoffähig wird, in die Liste der immateriellen Kulturgüter aufzunehmen.  

Ich bin überzeugt davon, dass dieses alleinige Stehen von Herrn Lugner ohne adäquates Ehrengeleit einzig und allein mit der Rückgängigmachung der Entscheidung durch die UNESCO zu tun hat. Verdammt nochmal, warum muss die UNESCO einem wie mir jedes Mal die Freude am Feiern und dem gepflegten Sich-im-Kreise-drehen auf spiegelblankem Parkett verderben. Nein, natürlich nicht nur mir alleine. Hat sich doch der Heinz-Christian, also Herr FPÖ-Vorsitzender HC Strache, ebenfalls nicht sehr erfreut zu dieser Entscheidung geäußert. Dies sei eine “Anlassentscheidung aufgrund von gezieltem linksextremem Mobbing” (Der Standard: Rechter WKR-Ball - UNESCO streicht “Wiener Ball” als Kulturerbe) mutmaßt der um das eine oder andere Tänzchen rund um die Hofburg nicht Verlegene und Kollege und FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl vermutete mit Blick auf die unzähligen KritikerInnen des Burschenschafterballs hinter dem Ganzen sogar ein “Kesseltreiben der selbsternannten Zivilgesellschaft“, welches ein “völlig unerträgliches Ausmaß an Unappetitlichkeit” angenommen habe.

Hat also dieses immaterielle Weltkulturerbe vorläufig sein unrühmliches Ende gefunden. Was aber leider nicht bedeuten wird, dass der Rechtsextremismus ebenfalls dasselbe finden wird. Aber wir können zumindest Zeichen setzen. Zum Beispiel in der Woche vom 20. - 27. Jänner 2012. Erinnern und Zeichen setzen! Schon der erste Klick auf den Link wäre ein erstes Zeichen gegen Rechts.       

18.1.2012

Wien ist anders - die UNESCO noch viel mehr

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 17:32


Wenn immaterielles Weltkulturerbe zur schützenswerten Erbsünde erklärt wird

Heute noch einmal Anschauungsunterricht in Sachen Ethik. In Wien steht Anderssein im Vordergrund. Zumindest wirbt die heimische Touristenwerbung seit Jahren mit dem eingängigen Slogan “Wien ist anders” dafür, dass sich BesucherInnen ais aller Welt schon einmal darauf einstellen können, sollen, müssen, dass hier bei unsUNESCO Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe erklärt den Burschenschafter-Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) in der Hofburg zum immateriellen Weltkulturerbe, im österreichischen Revier, die Uhren anders ticken und die der Tod auch nach dem letzten Tick noch einen ganz speziellen Touch erhält. Wer in Wien nicht den Zentralfriedhof zum lohnenswerten Ziel und überirdischen Muss für den wöchentlichen Sonntagsausflug erhebt und auf die Frage, was in Wien denn zuerst und unter allen Umständen als erstes touristisches Highlight zu besichtigen sei, nicht mit der unterschwellig nekrophilen Antwort “Der Zentralfriedhof natürlich!” dienen kann, ist hier fehl am Platz. Hat auch schon Marius Müller-Westernhagen gesungen, ob im Hinblick auf Wien oder auch nicht, mag dahingestellt sein. Aber zuhause ist der echte Wiener, der einfach nicht untergehen will und pünktlich zu Silvester im öffentlich-recht politischen ORF-Programm seinen festen Platz hat, nur dort, wo die Lebendigen den Toten den gebührenden Respekt zollen und andererseits die Toten den Lebendigen jene Reminiszenz schon zu Lebzeiten entgegenbringen, welche allgemeingültig und in Stein gemauert als “es lebe der Zentralfriedhof” eines Wolfgang Ambros in die Geschichte eingegangen ist.

Ich bin wieder hier,
in meinem Revier.
War nie wirklich weg,
hab mich nur versteckt.
Ich rieche Dreck,
ich atme tief ein.
Und dann bin ich mir sicher,
wieder zuhause zu sein.

Hat Marius Müller-Westernhagen also gesungen, damals in der guten alten Zeit, als das Singen noch in der guten alten deutschen Muttersprache geschah und Töne auf guten alten schwarzen Scheiben gepresst wurden.

Es lebe der Zentralfriedhof
und alle seine Tot’n,
da Eintritt is für Lebende
heut ausnahmslos verbot’n.
Weu da Tod a Fest heut gibt
Die ganze lange Nacht,
und von die Gäst ka anziger
a Eintrittskarten braucht.

Hat der Wolferl, also der Wolfgang Ambros gesungen, damals in der guten alten Zeit, als das Sterben noch für’s gute alte Vaterland zur freudigen Pflichterfüllung und zum guten Ton gehörte und Töne nicht nur auf schwarze Scheiben gepresst wurden, sondern auch unter der braunen Erde leise in tiefen braunen Rillen vor sich hin sickerten, bis sie wieder auferstanden aus Ruinen und auf längst schon vergessenen tiefbraunen Altlasten wieder zum kontaminierten Leben erweckt wurden. Oder, um Ihnen meine ganzen Ausführungen zu dieser bisher leicht unverständlichen touristischen Werbekampagne, welche im folgenden und aus ganz anderen Gründen noch leicht unverständlicher wird, etwas näherzubringen: Die UNESCO hatte bereits 2010 beschlossen, dass der Wiener Ball in den Stand des immateriellen Kulturerbes Österreichs erhoben wird, was jetzt auch auf der Webseite der Nationalagentur für das immaterielle Kulturerbe schwarz und grün auf weiss zu lesen ist, wie oben bei Klick auf den Screenshot zu sehen.

Und damit verbunden wird auch der sogenannte Ball der Wiener Kooperationsrings WKR, der wiederum Bestandteil der Wiener Ballsaison ist, in Zukunft immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe. Dazu vielleicht ganz interessant und aufschlussreich, dass dieser frackbewehrte Treffpunkt und ballbekleidete Sammelplatz deutschnationaler Burschenschaften im imperialen Gefilde am Wiener Heldenplatz selbst von Österreichs Verteidigungsminister Norbert Darabos unter “Die Presse: WKR-Ball unter Beobachtung des Verfassungsschutzes?” bzw unter folgendermaßen beschrieben wurde: “Ein Ball, auf dem sich Jahr für Jahr international bekannte Rechtsextreme die Klinke in die Hand geben, hat aus meiner Sicht nichts mit österreichischem Kulturerbe zu tun. Die Wiener Ballsaison käme auch gut ohne dieses rechtsextreme Stelldichein aus.” Darüberhinaus empfiehlt er dem für diese Entscheidung zuständigen UNESCO-Fachbeirat, doch einmal einen Blick auf die Gästeliste zu werfen:

Neben mehreren Vertretern der unbestritten rechtsextremen deutschen NPD war auch der Fraktionsvorsitzende des Vlaams Belang, Filip Dewinter, Gast der Veranstaltung. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) beurteilt die Studentenverbindungen, die im WKR zusammengeschlossen sind, als dem deutschnationalen bis rechtsextremen Milieu entstammend. Die Mitglieder rechtsextremer Burschenschafter seien dabei tonangebend. (Meine Abgeordneten: WKR-Ball - Darabos kritisiert UNESCO)

Und die UNESCO? Die stellt recht eindeutig zweideutig im Interview mit dem Standard (UNESCO führt WKR-Ball auf Liste für “immaterielles Kulturerbe”) fest.

Alle formellen Kriterien eines traditionellen Wiener Balls erfüllt

Maria Walcher, Leiterin der Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe der Österreichischen UNESCO-Kommission, erklärt im Gespräch mit derStandard.at, dass der WKR-Ball dezidiert von der Kommission als eines von 17 Beispielen für das immaterielle Kulturerbe “Wiener Ball” akzeptiert wurde. Der WKR-Ball erfülle alle Kriterien eines “Wiener Balls”, der sich zum Beispiel durch die Eröffnung, eine Mitternachtseinlage und eine Ballspende auszeichne.

Na also, die deutsche Sprache ist doch eine recht verständliche und zeichnet sich durch präzise Fakten und leicht nachzuvollziehende Details aus. Eröffnung, Mittelteil und Schluss, Satz, Spiel und Endsieg inbegriffen. Semantisch und syntaktisch auf den Punkt gebracht und für alle zufriedenstellend formuliert. Es darf getanzt werden. Sozusagen “Alles Walzer” im schönen anderen und schön abartigen Wien. Natürlich ein Zufall, dass der WKR-Ball ausgerechnet am 27. Jänner 2012 seine burschikosen Pforten öffnet und zum Tanz auf brauner Asche und verbrannter Erde bittet. Es ist der Tag der Befreiung der Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz. Dass das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau übrigens unter dem Namen “Auschwitz-Birkenau – deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager (1940–1945)” zum Teil des Weltkulturerbes erklärt wurde, macht die Sache doch so richtig rund und schließt den Kreis zu neuen alten weltkulturellen gutgütigen Tänzen auf deutschnationalen Vulkanen, welche inmitten unescollabierender Landschaften fröhlich vor sich hin brodeln. Wer möchte dabei noch von einem Kulturschock sprechen? So ist sie also, die österreichische Seele, welche ihren ganz persönlichen Zentralfriedhof Tag für Tag vergöttert und verklärt. Oder um mit Wolfgang Ambors zu schließen:

Auf amoi is die Musi still
Und alle Aug’n glänzen,
weu dort drüb’n steht der Knochenmann
und winkt mit seiner Sens’n.

16.1.2012

Ethical Fashion Show Berlin mit Mercedes-Benz?

Abgelegt unter: Plattformen und Projekte — Paul Boegle @ 22:04


Auch hierzu muss ich meinen Senf dazugeben

Ethical Fashion Show Berlin 2012: Die Ethical Fashion Show Berlin verfolgt ein visionäres Konzept, zugeschnitten auf innovative Brands, die Ökologie und Ethik als Selbstverständlichkeit ansehen und sich mit moderner Streetfashion und Casualwear in der Mitte des Modemarktes positionieren. Designer, die bei uns ausstellen, sind der Mode verpflichet, aber sie berücksichtigen nicht nur Schnitt, Farbe und Form, sondern auch den Einfluss von Mode auf die Umwelt und auf die sozialen Verhältnisse.Eigentlich, ja eigentlich hätte dies nur eine kurze Ankündigung für das sein sollen, was bereits in der Überschrift zu lesen ist. Und weil ich heute ein sehr bequemer Blogger bin, übernehme ich gleich Wort für Wort, was die Webseite “Ethical Fashion Show Berlin” so an Informationen zu dieser “Grüner geht’s nicht”-Veranstaltung hergibt:

Die Ethical Fashion Show Berlin feiert vom 18. bis 20. Januar 2012 im ewerk Premiere und positioniert sich als zentrale Messe für innovative, nachhaltig und ethisch produzierte Streetfashion und Casualwear in der Hauptstadt. Als Teil der Berlin Fashion Week bündelt die Messe die Aktivitäten der Branche und präsentiert grüne Fashion-Labels mit hohem modischen Anspruch.

Und weil dieser Artikel doch gar so kurz ausgefallen ist, lasse ich noch Magdalena Schaffrin zum geschrieben Wort kommen, welcher im Auftrag der Messe Frankfurt den Ableger in Berlin zur Reife gebracht hat:

Mit der Ethical Fashion Show Berlin sprechen wir gezielt Besucher und Aussteller an, die Ökologie und Ethik als Selbstverständlichkeit ansehen und sich mit moderner Streetfashion und Casualwear in der Mitte des Modemarktes positionieren.

So, das hätte es eigentlich schon sein sollen. Kurz, knackig und bündig. Doch dann las ich eben noch folgendes: “Der Mercedes-Benz Shuttle verkehrt zwischen ewerk, Hotel Adlon, Premium am Geisdreieck, der Fashion Week am Pariser Platz und weiteren Veranstaltungsorten in Berlin.” Der Wer-bitte-Shuttle? Mercedes-Benz, tatsächlich, steht auch nach mehrmaligem Lesen immer noch da, ohne per Shuttle von dannen zu fahren. Dieses Unternehmen, welches in Sachen Greenwashing weder ein unbeschriebenes Blatt und schon gar nicht so saftig grün ist, wie gerne selbst in der Öffentlichkeit dargestellt. Gute Güte, gütiger Himmel, da verwenden die MacherInnen der Ethical Fashion einen Slogan “If you do it right, it will last forever” oder eben gleich richtig machen und das hält dann für die Ewigkeit. Wunderbar!

Da fällt mir übrigens nebenbei noch ein, dass Mercedes-Benz im Jahr 2010 mit einer wunderhübschen Werbekampagne im Sinne von “Wir machen Hamburg sauberer” lanciert hatte. Ich will jetzt gar nicht viel Aufhebens darüber machen, das hat der Klima-Lügendetektor schon wesentlich besser unter “Mercedes: Wir machen Hamburg nicht sauberer” gemacht als ich es jemals tun könnte. Und was dort nicht getan wurde, aber trotzdem erwähnt werden sollte. Nein, ich habe jetzt meine Senf dazugegeben und werde nichts mehr erwähnen. Außer vielleicht noch ein kurzes Video namens “”Grüne Werbung” für Autos - Pressekonferenz auf der AMI 2010“. So, das soll es aber genug für heute gewesen sein. Vielleicht nur noch der abschließende Hinweis, dass der Umweltbrief “Greenwashing - Grünfärberei” noch viel Wissenswertes und vor allem einiges an Praxisbeispielen und Verlinkungen von Greenwashing-Kampagnen auch abseits jener vier Räder, die die große, weite Welt bedeuten, bietet.

Liebe Veranstalterinnen und Organisatoren der Ethical Fashion Show Berlin. Jetzt macht ihr so eine Supersache hinsichtlich grüner Mode, verbunden mit nachhaltigem Denken und ökologischem Handeln sowie sozialer Verantwortung. Und ihr schreibt, dass die Konsumenten neugierig und kritisch werden. Und dann sollen sich diese kritischen und vor Neugierde geplagten BesucherInnen mit einem Mercedes-Benz Shuttle Dienst spazieren fahren lassen? Also, in meinen Augen geht das gar nicht.   

14.1.2012

Warum gegen CO2 kämpfen, wenn es viel einfacher geht?

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 19:00


Wenn Medien falsche Hoffnungen wecken …

… und die Menschheit dann aufs falsche Pferd setzt. Es ist manchmal schon erstaunlich, mit welchen Überschriften und darunter befindlichen Inhalten sich die sogenannten Leitmedien im realen und virtuellen Pressewald in besonders lichte Höhen aufschwingen, wenn es um den Klimawandel geht. So titelt jetzt der Spiegel online unter der für viele sicherlich helle Freude und schönstes Entzücken weckenden Headline “Kampf gegen Erderwärmung - Forscher finden einfachste Wege zur Klimakühlung“, dass sich die Erde erwärmt, doch der Durban-gemeuchelte Klimaschutz nicht voran kommt. Nun, diese Erkenntnis wäre auch ohne den Spiegel nicht neu gewesen. Doch schon im nächsten Satz folgt dann die Sensation für alle, welche schon immer wussten, dass das mit dem Klimawandel eigentlich erstens gar nicht so schlimm und zweitens viel leichter in den Griff zu bekommen ist, als manche Pessimistinnen und Warner immer so lauthals tönen.

Anstatt sich wie bisher auf Kohlendioxid (CO2) zu konzentrieren, würde es sich lohnen, andere Gase zu bekämpfen, berichtet ein Team von 24 Experten um Drew Shindell von der Nasa jetzt im Wissenschaftsmagazin “Science”. Die vorgeschlagenen Maßnahmen könnten der Studie zufolge gleichzeitig die Luftverschmutzung verringern und so mehreren Millionen Menschen pro Jahr das Leben retten.

Die heilsbringende Quelle, welche hier der Spiegel zum Ziel seiner euphorischen Berichterstattung zum Anlass nimmt, anstatt wie bisher und seit Durban nicht mehr die Treibhausgase zum vorrangigen Ziel zu machen und mit einem “Plan B” deren methodische Bekämpfung “besonders effektiv und schnell umsetzbar seien. Würde sich die Weltgemeinschaft allein auf diese Methoden konzentrieren, könnte die Erwärmung bis 2050 um ein halbes Grad und damit um gut ein Drittel geringer ausfallen als prognostiziert“, wurde im renommierten Wissenschaftsmagazin Science unter “Simultaneously Mitigating Near-Term Climate Change and Improving Human Health and Food Security” veröffentlicht.

Tropospheric ozone and black carbon (BC) contribute to both degraded air quality and global warming. We considered ~400 emission control measures to reduce these pollutants by using current technology and experience. We identified 14 measures targeting methane and BC emissions that reduce projected global mean warming ~0.5°C by 2050. This strategy avoids 0.7 to 4.7 million annual premature deaths from outdoor air pollution and increases annual crop yields by 30 to 135 million metric tons due to ozone reductions in 2030 and beyond.

Oder kurz, gut und auf deutsch: Aus etwa 400 möglichen Alternativen, welche die Klimaerwärmung (siehe vielleicht dazu auch die mehrteilige Artikelserie, beginnend mit “Geo-Engineering: Moderne Ruinenbaumeister“) eindämmen könnten, haben die Wissenschaftler einen Maßnahmenkatalog von 14 Möglichkeiten zusammengestellt, welcher ihrer Meinung nach zu einer sinnvollen (?) Reduktion der Temperaturen von immerhin einem halben Grad führen könnte. Bis zum Jahre 2050. Besondere Erwähnung finden dabei die neben Kohlendioxid für die Erderwärmung verantwortlichen Klimakiller, allen voran Ruß, welcher als giftige Schweb- und Schadstoffe gesundheitsschädliche Auswirkungen hat und Methangas. Oder wie dann der Spiegel in seinem Artikel weiter ausführt:

Der Klimawandel ließe sich auf diese Weise um Jahrzehnte hinauszögern, sagt Veerabhadran Ramanathan von der Scripps Institution of Oceanography in San Diego, USA, ein Mitautor der Studie. Damit würden die Chancen steigen, dass die Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts unter zwei Grad bliebe.

Die Taktik führt über einen Nebenweg zum Ziel: CO2 gilt zwar als Hauptverursacher der Klimaerwärmung, das Treibhausgas hält sich Jahrhunderte in der Luft. Methan und Ruß hingegen bleiben allenfalls ein paar Jahre in der Atmosphäre. Dabei wärmen die Substanzen aber stärker als CO2. Es mache sich also deutlich bemerkbar, würden Methan und Ruß reduziert, schreibt die Forschergruppe in “Science”.

Schon länger erwägen Experten deshalb einen Plan B beim Klimaschutz; die Verringerung des Abgasausstoßes von Methan und Ruß schien ihnen verlockend. Doch mit der “Science”-Studie legen Forscher nun erstmals einen genauen Plan vor. “Wir haben die praktikabelsten Schritte identifiziert, wie mit bestehender Technologie die Erwärmung erheblich gebremst und gleichzeitig die Luft gesünder gemacht werden kann”, sagt Shindell.

Zwischen den Zeilen lesen oder einfach nur übers Kuckucksnest hinweg?

Wer sich nun nach Lesen dieses Artikels der trügerischen Hoffnung hingibt, mit einem Schlage und dank eines sagenhaften Plans B seien sämtliche Probleme unseres rauchenden, schlotenden, hustenden und kollabierenden Planeten für immer und alle Zeiten gelöst und Plan A, also die immer so vehement geforderte CO2-Reduktion, sowieso nur ein Phantom, welchem nachzujagen eigentlich viel zu mühsam und aufgrund von Plan B auch gar nicht notwendig ist, sollte jedoch unter der Oberfläche kratzen.

Tatsache ist, dass die Gruppe in ihrer Studie auf die vielen Vorteile hinweist, welche ein verminderter Ausstoß von Rußpartikeln und Methan mit sich bringt. Und sie kommen zu dem Ergebnis, dass diese Schadstoffe nur für einen kurzen Zeitraum (anders als das mit enormer Verspätung wirkende Kohlendioxid) unser Klima belasten und eine effektive Bekämpfung dadurch zu spürbaren und besonders schnellen Erfolgen führt. Eine entsprechende Pressemitteilung der beteiligten Forschungsgruppe findet sich auch auf der Seite des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) unter “Study shows health, food security benefits from climate change actions“, in der sich diese Ergebnisse wiederfinden:

The scientists used computer models developed at GISS and the Max Planck Institute for Meteorology in Hamburg, Germany, to model the impact of emissions reductions. The modeling showed widespread benefits from the methane reduction because methane is evenly distributed throughout the atmosphere.

In contrast, benefits from reducing black carbon, which falls out of the atmosphere after a few days, were stronger in certain regions than others. The effect of reducing black carbon, for example, would be particularly strong in areas with large amounts of snow and ice. In the Himalayas and the Arctic, such reductions would reduce projected warming over the next three decades by up to two-thirds.

“Protecting public health and food supplies may take precedence over avoiding climate change in most countries, but knowing that these measures also mitigate climate change may help motivate policies to put them into practice,” Shindell said.

While carbon dioxide is the primary driver of global warming over the long-term, limiting black carbon and methane are complementary actions that would have a more immediate impact because these two pollutants circulate out of the atmosphere more quickly.

Was die Wissenschaftler aber in ihren Ergebnissen niemals empfehlen, so wie es der Spiegel-Bericht suggegriert, dass durch diese kurzfristig zu bewerkstelligenden Maßnahmen und umzusetzenden Möglichkeiten die Suche nach dem Heiligen Gral eingestellt werden kann. Hier von einem Plan B und sogar von einer von den Forschern vorgeschlagenen Abkürzung in Sachen Klimawandel zu sprechen, ist mehr als unverantwortlich. Denn dies weckt eindeutig die Hoffnung, dass sich durch solcherlei Lösungen die anthropologisch verursachten Klimaprobleme mit einem Schlag aus der Welt schaffen lassen.

Dass die Science-Studie machbare Vorschläge unterbreitet, ist gut und schön, impliziert aber keineswegs, dass es sich hier um Substitute hinsichtlich der Verringerung von CO2-Emissionen handelt und als Allheilmittel dienen kann. Und ich glaube, so wollen sich die Wissenschaftler auch verstanden wissen. Begleitmaßnahmen zu präsentieren, welche die notwendige CO2-Reduktion und den damit verbundenen Stopp der Klimaerwärmung sinnvoll unterstützen, aber nicht aus dem Kontext losgelöst und als Wunderwaffe im Treibhausgas geschwängerten Raum schwebend die Hoffnungen der Menschen in allzu hohe Sphären treiben. “Frust, Frust, Frust - so lässt sich die Stimmung von Klimaschützern beschreiben.” schreibt Spiegel online eingangs seines Artikels. Das stimmt allerdings aufgrund solcher Plan B Berichterstattung.      

12.1.2012

Gute Güte! Gute Gütesiegel für nachhaltigen Urlaub?

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 19:06


Der touristische Labeldschungel: “Holt mich hier raus!

Naturfreunde, Amis de la Nature, Naturefriends International: Nachhaltigkeit im Tourismus. Wegweiser durch den Labeldschungel.Dass ich ein Freund des gepflegten Müßiggangs bin, ist altbekannt. Doch selbst diese erschöpfende Tätigkeit artet immer mehr in Stress aus, zumindest wenn es um die eigene Urlaubsplanung geht. Was gilt es da alles im Vorfeld zu bedenken und abzuklären, um die wenigen Stunden, welche uns in unserem harten postindustriellen Zeitalter bleiben und um deren axiale Strukturen sich unser Denken und Handeln rund um die Uhr dreht, auch wirklich zu genießen. Bevor ich nun wieder ab ovo verbal zu brüten beginne, lassen Sie mich gleich zum Thema kommen.

Gütesiegel überschwemmen mittlerweile die touristischen Märkte wie ebendiese Erholungssuchenden die Strände von wo auch immer. Die Plattform Naturfreunde Internationale hat sich deshalb jetzt einmal die Mühe gemacht, die verschiedenen Nachhaltigkeitslabels hinsichtlich ihrer Eigenschaften, Merkmale und Tauglichkeit abzuklopfen. “Nachhaltigkeit im Tourismus - Wegweiser durch den Labeldschungel” nennt sich diese PDF-Broschüre und sie soll uns Reisewilligen den Weg aus dem dichten Dschungel voller grüner Blätter, gelber Sonnen oder blauer Fahnen, welche so schön diese verschiedenen Gütesiegel zieren, hin in Richtung der lichten Höhen des nachhaltigen Tourismus weisen. Die Naturfreunde stellen dabei besonders jene Aspekte in den Vordergrund, welche gemeinhin vernachlässigt werden, doch bei einer wirklich durchdachten Vorabplanung der sogenannten “schönsten Zeit des Jahres” eigentlich fast immer außer Acht gelassen werden. Denn dass es in unserer globalen fluglärmgeschädigten und asphaltverbandelten Verdichtung, in der das dichte Netz touristischer Infrastruktur jeden Punkt der Erde (und wohl bald darüberhinaus) in Nullkommanix und Kostfastnix erreichen lässt, mittlerweile nicht nur zum guten Ton gehören sollte, neben umweltschonender Freizeitplanung auch an jene zu denken, welche uns für einige Tage bis Wochen in ihrem Land aufnehmen, wird eben bei all unserer Euphorie für billiges Reisen und schnelles Vergnügen gerne vergessen.

Oder denken Sie bei der Urlaubsbuchung daran, dass neben Bio und Fairtrade (ja, auch im Urlaub) ebenso Faktoren wie Menschenrechte, der Nutzen und Mehrwert für die einheimische Bevölkerung und vor allem der Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung nicht unberücksichtigt bleiben sollten. Wer hat schon immer im Hinterkopf, dass der wohlverdiente fliegende Freizeispaß immer mit weniger spaßigen, aber leider ebenso fliegenden und klimawandelnden Treibhausgasen einhergeht. Wem ist bewusst, dass wir als Kurzzeit-Fremde zur ökologischen Belastung unserer vergnüglichen Heimstätte beitragen und dort die oftmals knappen  Ressourcen wie Wasser und Nahrungsmittel verbrauchen. Wer verschwendet einen Gedanken daran, dass das Hotel, in welchem wir übernachten und auf dessen Grund und Boden wir zu nachmittäglicher Stunde am Pool faulenzen, vielleicht zwanzig Kleinbauern zu unverschämt beschämenden Preisen abgenommen wurde, damit statt Nahrungsmittel für die Familien oder Produktionsgütern für die Die Naturfreunde Internationale ist der weltweite Dachverband und Mitglied der Green 10, einer Plattform der zehn größten europäischen Umweltorganisationen.Einkommenssicherung eine wunderschöne Wasserrutsche für prickelndes Vergnügen jenseits des gut bewachten Zaunes sorgt. Und jene, welche nun land- und arbeitslos mit übervollen Augen, aber leerem Magen hinter diesen hohen Mauern der Glückseligkeit stehen?

Naja, alles kein Problem. Die Familienväter können schließlich den grünen Rasen auf Vordermann bingen und nächtens, wenn wir beim 5-Gänge-Menü im tiefen und augenfüllenen Dekolleté und im tadellos geschnittenen magenfreundlichen Zweireiher an festlich beleuchteten Tischen sitzen, um uns bei dezenter Hintergrundmusik oder schummrig verschwommenem Kerzenlicht mit sonnenbrandgebrandmarkter Tischgesellschaft über die furchtbar deprimierenden Lebensbedingungen und unhaltbaren Zustände der Bevölkerung zu unterhalten, während das Bœuf Stroganoff vor lauter Entsetzen schon ganz kalt geworden ist (der gute Riesing dafür lauwarm) den verschmutzten Pool wieder auf Hochglanz bringen. Und für die Frauen gibt es selbstverständlich auch genug Arbeit. Irgendjemand muss ja die Zwiebeln schneiden und den Salat putzen, die Zimmer reinigen, wenn wir im warmen Wasser plantschen und vielleicht sogar die ehemals blütenreine Bettwäsche von verräterischen Spuren befreien, welcher der schnelle Sex mit Minderjährigen hoch und heilig im rauschzuständigen Urlaubsfeeling (siehe dazu vielleicht auch: “Weiße Flotten, frische Seeluft, eine Brise Schweröl und eine Prise Profit“) verspricht.

Die Welt ist einfach wunderschön. Und Nachbars Gartenzaun glücklicherweise so weit weg. Sozusagen aus den Augen, aus dem Sinn.

11.1.2012

Grüne Gentechnik - Fakten und Mythen

Abgelegt unter: Erdreich — Paul Boegle @ 21:39


Problematische Potentiale und potentielle Probleme von gentechnisch veränderten Organismen

Vorab eines, bevor wir uns auf die Felder der Manipulation und die Äcker des Eingreifens stürzen. Die nachfolgenden Gedanken zur Nutzung und Anwendung der sogenannten grünen Gentechnik (siehe z.B. auch “Eine schallende Ohrfeige für die Gentechnik“) spiegeln nicht unbedingt meine eigene Meinung wider. Dass ich dieser Form von Veränderung zweifellos mehr als zweifelnd gegenüber stehe, ist keine Neuigkeit. Doch gerade dies macht es unumgänglich, sich als kritischer Mensch eben immer und immer wieder mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, um einerseits den eigenen Standpunkt durch fundierte Informationssuche weiter zu festigen, andererseits aber auch Menschen zu Wort kommen zu lassen, welcher diese (ablehnende) Sicht der Dinge vielleicht nicht konträr zu der meinigen, sondern doch zumindest etwas aufgeschlossener und vielleicht allzu optimistisch betrachten. Ob diese andere und weitaus positivere Meinung über den Einsatz von GVO (gentechnisch veränderte Organismen) jetzt objektiver und emotionsloser ist, sei dahingestellt.

Die Friedrich-Naumann Stiftung hat mich also wieder einmal mit Informationsmaterial versorgt. Unter anderem war ein Positionspapier von Steffen Hentrich mit dem schönen Titel “Grüne Gentechnik - Fakten und Mythen” (Download bei Klick auf den Link) darunter. Der Autor möchte dabei mit den Vorurteilen aufräumen, welche hinsichtlich der Verwendung gentechnisch veränderter Pflanzen, besonders als Substitute zu konventionellen landwirtschaftlichen Pflanzen (wie z.B. transgener Mais, Soja, Raps, Baumwolle) oder der Einsatz von gentechnischen Verfahren in der Pflanzenmedizin in vielen Teilen der Bevölkerung überwiegen.

Wie in anderen Fragen der Umweltschutz- und Nachhaltigkeitspolitik sind es vor allem Informationsdefizite, die zu der starken Polarisierung der Diskussion und der stark von Unsicherheit und Angst bestimmten öffentlichen Wahrnehmung führen. Dieses Argumentationspapier soll daher einen kurzen Überblick über Potenziale und Probleme der Grünen Gentechnik geben und damit zur Versachlichung der Debatte beitragen. (Seite 2)

Dass Hentrich seine Argumentationsketten mit den damit verbundenen inhärenten Merkmalen und Eigenschaften für ein “Ja” zur Gentechnik fein säuberlich aneinanderreiht und mit den immer wieder gerne zitierten Vorteilen als grün schimmernde Perlen, welche Gutes tun, vor die kritischen Säue wirft, darf dabei natürlich nicht verwundern.

Wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte der Grünen Gentechnik

Die Grüne Gentechnik trägt in ihren Anbaugebieten schon heute zur preisgünstigen und sicheren Versorgung mit Lebens- und Futtermitteln bei. Steigende Hektarerträge und sinkende Produktionskosten versprechen spürbare wirtschaftliche Vorteile dieser neuen Verfahren. Aufgrund geringerer Flächeninanspruchnahme, weniger Aufwand für die Bodenbearbeitung und einem verminderten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln konnten in gut einem Jahrzehnt weltweit rund 51,9 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet werden, wobei jeweils rund die Hälfte der Gewinne durch eine Steigerung der Erträge und eine Reduzierung der Produktionskosten erzielt wurden. Allein für die vier wichtigsten gentechnisch modifizierten Anbaupflanzen Soja, Mais, Baumwolle und Raps belief sich der zusätzliche Ernteertrag auf 29,6 Millionen Tonnen, für die bei der Verwendung traditioneller Pflanzen ein Flächenmehrverbrauch von 10,5 Millionen Hektar nötig gewesen wäre. Angesichts der durchschnittlichen jährlichen Abholzungsrate der globalen Wälder von rund 7,3 Millionen bedeutet dies auch eine erhebliche ökologische Entlastung. Im Zeitraum von 1996 bis 2008 summierten sich die Ertragsgewinne auf 167 Millionen Tonnen, was bei den Erntemengen des Jahres 2008 einer Reduktion der Flächeninanspruchnahme gegenüber konventionellen Kulturen von 62,6 Millionen Hektar entspricht. Die ökologische Bedeutung einer derartigen Flächeneinsparung lässt sich bemessen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass diese Fläche etwa der Hälfte der gesamten europäischen Forstfläche oder 70 Prozent der Fläche der Waldbedeckung Indonesiens entspricht. (Seite 7)

Dass ich gerade der These des Einsparens von Anbaufläche nicht zustimmen kann und werde, da diese sogenannte Einsparung durch gentechnische Mehrerträge, wenn dem denn so ist, nur eine Verlagerung mit sich bringen wird und anstatt etwa den unbedingten Schutz der Wälder zu forcieren, werden sich findige Konzerne und politische Köpfe zuhauf finden lassen, welche aus eben diesen Argmenten der Welthungerproblematik, um politisch schlagkräftige Geschütze namens humanitäre Hilfe aufzufahren, auch diese Anbauflächen umwidmen werden. Dass das Wort “Ertragsgewinne” dabei wohl zusätzliche bilanzielle Kräfte freisetzen wird und keinesfalls zum gentechnischen Stillstand vor den sich sanft wiegenden Baumwipfeln kommen wird, nur nebenbei bemerkt. Ebenfalls nebenbei bemerkt auch die Tatsache, dass es hinsichtlich der propagierten Anbauflächen und des suggerierten Zuwachses gentechnischer Anpflanzungen auch ganz andere Meinung gibt und die Jubelarien von gentechnikfreundlichen Instituten wie z.B. “International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Application (ISAAA)” mehr als fragwürdig sind (Rückschritt: Vormarsch der Gentechnik).

Steffen Hentrich verschweigt allerdings auch nicht, dass der Einsatz von Gentechnik gewisse Probleme, wie z.B. auf dem Arbeitsmarkt, mit sich bringen kann. Ich schreibe hier bewusst im Konjunktiv, da Hentrich auf Seite 9 seines Papiers, beginnend mit “Die Einführung neuer Pflanzensorten in der Landwirtschaft bleibt wie jede andere neue Technologie nicht ohne Folgen für das Einsatzverhältnis der in der Landwirtschaft genutzten Produktionsfaktoren. Davon ist natürlich auch der Faktor Arbeit betroffen.” gezählte vier Eventualitäten aufführt, welche seiner Meinung nach zwar durchaus im Bereich des Möglichen liegen könnten, aber scheinbar nicht von grundsätzlicher Muss-Tragweite sind. Nun, solch eine Abschwächung klingt für mich mehr nach Überzeugungsarbeit, um hier nicht vollkommen euphorische Stellungnahme pro grüne Gentechnik beziehen zu müssen.

Wenn sich dann noch auf Seite 10 f. Sätze wie

Horizontaler Gentransfer über Artengrenzen hinweg hat sich in der Evolution des Lebens als besonders vorteilhaft für die rasche Anpassung an veränderte Umweltbedingungen herausgebildet. Einige Viren und Bakterien besitzen die Fähigkeit, artfremde Erbinformationen aufzunehmen und zu übertragen, so dass sich die Befürchtung breit gemacht hat, dass Veränderungen am Genom einer Kulturpflanze auf Bakterien übertragen und damit zum Teil des bakteriellen Genpools werden. Bislang sind diese Überlegungen im Zusammenhang mit transgenen Kulturpflanzen und ihren praktischen Einsatzbedingungen rein hypothetischer Natur und konnten empirisch noch nicht nachgewiesen werden. Dennoch gehen sie in die Risikobewertung ein und werden damit zu einem ständig zu prüfenden Zulassungskriterium.

finden, kommen bei mir doch gewisse Zweifel auf. Sich den Darwin’schen Fatalismus vom Recht des Stärkeren in Sachen grüne Gentechnik zunutze zu machen, mag ja ganz nützlich für das Befürworten dieser wissenschaftlichen Errungenschaften sein. Doch nicht immer impliziert dieses evolutionsbedingte Muskelspiel auch, dass durch diese Überlebensstrategien neben diesem Recht auch andere Vorteile wie Unbedenklichkeit für den Organismus oder Mehrwert für die Gesundheit mit einhergehen. Wenn wir davon absehen, dass Versuche mit Pflanzen zwar schon vor Jahrtausenden stattfanden, dieses aber bis vor ca. 40 Jahren noch nicht unter kontrollierten und wissenschaftlichen Bedingungen stattfand, möchte ich weiterhin zu bedenken geben, dass solch ein verschwindend geringer Zeitraum auf einer Skala von 4,7 Milliarden Erdenjahren im Hinblick auf die Entwicklung von Flora, Fauna und selbstverständlich auch den modernen Menschen sehr wohl die berechtigte Forderung nach Transparenz und eingehender Prüfung solcher Verfahren, Techniken und Einsatzmöglichkeiten nach sich zieht. Ich möchte nicht wissen (doch, wahrscheinlich möchte ich schon), wie lange es gedauert hat, bis sich aus einigen Wasserstoffmolekülen der Zufall oder was auch immer endlich dazu bequemt hat, daraus ein zartes konventionionelles Maispflänzchen zu formen.

Resümee

Es wird immer wieder argumentiert, dass die sogenannte Anti-Gentechnik-Front mit übertriebener Panikmache und unbegründetem Populismus mobil macht und damit zur künstlichen Aufheizung dieses Themas beiträgt.

Wenn dann allerdings solche Initiativen wie “Genfrei gehen“, deren Grundtenor sicherlich löblich ist, eben über die zu Beginn meines Artikels gepflügten Felder der Manipulation und Äcker des Eingreifens marschieren, muss allerdings auch ich verzweifelt das Haupt schütteln. Wenn diese gentechnikkritischen Menschen wenigstens gentechnikfrei gehen würden, wäre es zumindest noch nachvollziehbar. Aber nur genfrei gehen und dabei womöglich die eigenen Gene im Keller oder wo auch immer zu verstecken, also genau jenen Aspekt außen vor zu lassen, für welchen zu marschieren eigentlich Sinn und Zweck ist, nämlich die damit verbundene Technik, ruft natürlich die Spötter auf den Plan Gottes. Dass Joseph Wilhelm, der Initiator der Aktion, selbstverständlich ganz genau weiß, für welchen Zweck er auf die Straße geht und in weiterer Folge auch von Gentechnik spricht und schreibt, ist schon klar. Zumindest mir.

Sie sehen, bezüglich der grünen Gentechnik scheiden sich die Geister oftmals schon am zu verwendenden Terminus. Doch dies ist auch schon anderen passiert. So schreibt selbst Greenpeace in “Bald gentechfreies Brasilien“, dass das Ende aller Gene in Südamerika nicht mehr weit ist: “Mit der Zusage des Unternehmens Perdigao bekräftigt Brasilien seine Vorreiterstellung als einziger genfreier Sojaproduzent auf dem Weltmarkt.” Und wenn sogar das angesehene Wirtschaftsblatt vor mehr als 15 Jahren erfreut feststellte, dass in Österreichs Sojamühlen die genfreien Produkte boomen, der Spiegel über die US-amerikanischen Gentechnikgrenzen hinweg diesbezüglich ebenfalls verbale Reduktion betreibt (McDonald’s: Burger ohne Genfrei-Garantie) oder “Welt online” unter “Wie fairer Handel funktionieren kann“, sprachlichen Minimalismus pflegt, aber dafür inhaltlich überaus interessant ist

“Hoffnung schimmert auch in jenem genfreien Projekt, von dem Bauer Sory recht ordentlich leben kann: Dem fairen Handel mit afrikanischer Bio-Baumwolle. Gerade besuchte eine Delegation des deutschen Vereins Transfair die afrikanischen Bauern, um zu sehen, wie sich die Lebensbedingungen über diese Handelsstrategie verbessern.”

habe ich doch das Gefühl, dass die Befürworter der Gentechnik, welche solch verbalen Fauxpas als Begründung für die Ahnungslosigkeit der gentechnikkritischen Bevölkerung hernehmen, mit denselben Waffen kämpfen, welche sie eben dieser Schicht vorwerfen. Damit ich mir schlussendlich nichts vorzuwerfen habe, sei jetzt noch der Artikel “Genfrei - Probleme der Wissenschaftskommunikation” erwähnt, welcher mir beim Erkunden dieser sprachlichen Eigenheiten und Diskrepanzen bezüglich Gen und Gentechnik hilfreich zur Seite stand. Dass diese sprachlichen Eigentümlichkeiten in Sachen grüner Gentechnik jedoch wohl die geringsten Unterschiede sind, welche derzeit zwischen GegnerInnen und BefürworterInnen dieser manipulativen Spielwiese herrschen, wird sicherlich noch für viel Gesprächsstoff sorgen. Welcher Graben letztendlich zugeschüttet wird, mag ich zwar nicht zu sagen. Doch manchmal sitzen leider diejenigen am längeren Hebel, welche eigentlich nicht dafür geschaffen wurden, diese auch zu bedienen. Und dass notwendiger Erklärungsbedarf nicht immer deckungsgleich mit geforderten gentechnikfreundlichen Handlungsspielräumen durch Politik und Wirtschaft ist, macht diese Schaltzentralen in meinen Augen nicht unbedingt freundlicher.  

   

9.1.2012

Der Kostnix-Laden, eine archaische Rückbesinnung

Abgelegt unter: Plattformen und Projekte — Paul Boegle @ 09:33


Wertkritische emanzipatorische Gegenbewegung W.E.G.

Bezugnehmend auf meinen letzten Artikel “Operation Blitzkrieg oder Shoppen zur rechten Zeit” machen wir doch heute gleich weiter in Sachen Konsumverhalten. Doch in positivem Sinne. Angeblich ist ja nichts so schön oder besser so hilfreich wie die Tatsache: “Beim Reden kommen die Leut’ zusammen“. Nun, ein kleiner Plausch über Nachbars Gartenzaun hinweg und wieder zurück, ein paar belanglos hingeworfene Sätze mit der Sitznachbarin in der Schnellbahn oder die erschöpfende tautologische Feststellung im Kreise der ArbeitskollegInnen, dass es heute entweder regnet oder auch nicht, hat sicherlich noch niemandem geschadet. Ob sie irgendeinen Nutzen hat, mag zwar dahingestellt sein, aber pragmatisch betrachtet ist solch Kommunikation immer noch besser als das (An)Schweigen im Walde. Immerhin bedeutet es in Zeiten wie diesen oftmals noch einige der wenigen Möglichkeiten, von seinen lieben Mitmenschen wenigstens noch irgendetwas gratis zu bekommen. Sieht man dabei einmal von den kostenlosen Beratungsgesprächen der Bankinstitute ab. Oder anderen ähnlich altruistischen Angeboten der freien Marktwirtschaft und des kapitalistischen Daseins.   

Doch manches Mal sehnt sich der Mensch wieder nach der “guten, alten Zeit“. Dass diese Wünsche nun nicht immer negativ besetzt sein müssen, macht die bereits im Jahr Im Kostnix-Laden kannst du ohne Geld „einkaufen“. Du kannst vorbeikommen und ohne Zwang zu irgendeiner Gegenleistung Dinge mitnehmen, die du brauchen kannst. Außerdem kannst du Sachen vorbeibringen, die z.B. bei dir zuhause ungenutzt herumliegen und die du sowieso schon längst loswerden wolltest. Im Prinzip ist der Kostnix-Laden also ein Lagerraum für Dinge, die abgegeben und kostenlos weitervermittelt werden. Derzeit gibt es hier unter anderem Bücher, Gewand, Videos, CDs, Geschirr, Haushaltsartikel, Elektrogeräte, Schuhe und noch vieles mehr.2005 gegründete Gruppe “Wertkritische emanzipatorische Gegenbewegung W.E.G.” mit ihrem Kostnix-Laden vor. Ich hatte bereits vor längerer Zeit über das sogenannte Collaborative Consumption-Prinzip oder zu deutsch Gemeinschaftskonsum geschrieben, welches durch Mehrfach-Verwendung nicht mehr benötigter Gegenstände des Alltagslebens (insbesondere durch Tauschhandel) unserer Wegwerf-Gesellschaft adäquate Gegenmaßnahmen entgegensetzt. Ich hatte unter “Virtueller Marktplatz Internet: Anno Domini gegen Kaufrausch” auf die nützliche Liste von Sebastian Backhaus “Tauschen, leihen und mieten 2.0” aufmerksam gemacht, welche nach ähnlichen Grundsätzen funktioniert. Sich von liebgewonnenen Gütern und leicht angestaubten Produkten zu trennen und gleichzeitig diesen Trennungsschmerz mit dem Bewusstsein zu verbinden, anderen wiederum zu helfen, ist aber nicht nur in Zeiten des virtuellen Fortschreitens in der anonymen Welt Internet eine Möglichkeit, sowohl kommunikativ als auch tatkräftig zu handeln.

Warum nicht einmal höchstpersönlich solche Plätze archaisch anmutender Konsumtempel ansteuern (z.B. bei Klick auf das nebenstehende Bild schon einmal virtuell vorab), welche ohne Kreditkarten, süß klingelnde Kassen und liebreizende köstlich parfümierte Schönheiten und haargel-geschleckte menschgewordene Adonis-Skulpturen im neuesten Outfit funktionieren? Warum nicht für einen kurzen Moment offline gehen und dafür online respektive on air ebensolche nicht mehr benötigten Dinge und Sachen dort abgeben, wo die Welt noch ohne Konsumzwang auf Basis des Helfens ausgerichtet ist und das vorherrschende Grundprinzip Leistung-Gegenleistung sinnvoll ausgehebelt wird.

Was ist ein Kostnix-Laden?

Im Kostnix-Laden kannst du ohne Geld „einkaufen“. Du kannst vorbeikommen und ohne Zwang zu irgendeiner Gegenleistung Dinge mitnehmen, die du brauchen kannst. Außerdem kannst du Sachen vorbeibringen, die z.B. bei dir zuhause ungenutzt herumliegen und die du sowieso schon längst loswerden wolltest. Im Prinzip ist der Kostnix-Laden also ein Lagerraum für Dinge, die abgegeben und kostenlos weitervermittelt werden. Derzeit gibt es hier unter anderem Bücher, Gewand, Videos, CDs, Geschirr, Haushaltsartikel, Elektrogeräte, Schuhe und noch vieles mehr.

Wer also die Gelegenheit nutzen möchte, in den eigenen vier oder mehr Wänden endlich Platz zu schaffen und gleichzeitig jenen Menschen, welche vielleicht vor lauter Platz in den eigenen vier oder oftmals bedeutend weniger Wänden nicht wissen, wie sie diese Freiräume nutzen sollen, könnte doch darüber nachdenken, mit nicht mehr benötigtem Sack und angehäuftem und aufgetürmtem Pack zu etwas mehr Selbstbestimmheit und Wohlbefinden beizutragen. Nicht nur für sich selbst, sondern auch oder gerade mit der Intention, den mehr und mehr um sich greifenden ökonomischen Zwängen entgegenzuwirken. Aber natürlich kann auch solch ein Mikrokosmos abseits der makroökonomischen volkswirtschaftlichen Ströme nur unter bestimmten Gesichtspunkten seine Ziele und Vorgaben erfüllen.

Spielregeln

Damit der Kostnixladen weder zur Sperrmüllhalde verkommt noch sofort völlig leergeräumt wird, sind ein paar Spielregeln notwendig: Pro Person und Tag können 3 Teile mitgenommen werden („3-Teile-Regel“). Dies dient einerseits dazu, Missbrauch zu vermeiden („schnell alles einhamstern, was teuer aussieht“), andererseits ist es ein Beitrag zur Fairness gegenüber denjenigen, die „nicht schnell genug“ sind oder weniger Zeit haben. Vorbeibringen kannst du alle Sachen, die du selbst ohne fremde Hilfe tragen kannst, also z.B. keine voluminösen Möbel oder Kühlschränke. (Diese kannst aber auf dem schwarzen Brett aushängen, oder im Internet zum Verschenken anbieten – www.geldlos.at !) Wichtig ist auch: Die Sachen müssen funktionieren bzw. wirklich brauchbar sein! Das heißt: Kein Gewand mit „eh nur ein paar“ Löchern, und keinen kaputten Plattenspieler der „eh teilweise geht, für einen Bastler sicher kein Problem…“ usw!.

Warum?

Wir wollen mit diesem Projekt (und anderen) versuchen, der Vergesellschaftung durch Geld-, Waren- und Tauschbeziehungen etwas entgegen zu stellen. Weder die Vorstellung noch die Umsetzung von Alternativen zum Kapitalismus kann sich aus rein geistiger Abstraktion entfalten. Es bedarf eines Lernprozesses von Versuch und Irrtum. Daher sind Kost-Nix-Projekte nicht nur als wissenschaftliche Mikro-Experimente zu verstehen. Sie sollen bereits ein direkter Beitrag zu einem selbstbestimmteren Leben sein, mittelfristig helfen, die ökonomischen Zwänge zu reduzieren und die menschlichen Vereinzelungen zu überbrücken. Das langfristige Ziel dem wir Schritt für Schritt näher kommen wollen, ist eine Gesellschaft der Vielfalt auf der Basis freier Vereinigungen und Kooperationen von Menschen, die nicht mehr tauschen, sondern teilen, nicht mehr konkurrieren, sondern zusammenhelfen. Dazu wollen wir als Teil einer breiten sozialen Bewegung mit dem Projekt beitragen.

Dass ich nun den Kostnix-Laden stellvertretend für andere und ebenfalls auf diesen Grundlagen des hilfreichen Miteinanders basierende Projekte aus der immer noch verschwindend geringen Masse dieser meist selbstverwalteten Projekte herausgehoben habe, möge mir verziehen werden. Doch wer mit ähnlichen Initiativen aufwarten kann, weitere Links aus welchen Ländern auch immer veröffentlichen möchte bzw. ihr/seine Bewegung vorstellen will, möge dies auf meinem Blog tun.

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