Archive for the ‘Verkehrte Welt’ Category

In memoriam Angelo Vassallo

Montag, September 6th, 2010

Angelo Vassallo: Tod im Namen des Umweltschutzes

Der Bürgermeister des kleinen italienischen Städtchens Pollica nahe Neapel ist tot! Hingerichtet, erschossen, ermordet, exekutiert, massakriert. Angelo Vassallo stand vielen im Weg. Besonders jenen, welche ihre skrupellosen Wirtschaftsinteressen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Umweltschutz durchsetzen wollen und dies auch tun. Letztes Mittel waren nun neun Kugeln, abgefeuert auf den 57-jährigen Sindaco-Pescatore, den Fischer-Bürgermeister, wie er aufgrund seiner manchmal unpopulären Methoden zum Schutz der Umwelt und im Namen der Natur genannt wurde.

Neun Kugeln brachten Angelo Vassallo zum Schweigen, weil er die Schönheit des Nationalparks Cilento über die wirtschaflichen Interessen stellte und sich gegen eine Bebauung stellte. Neun Kugeln zuviel für einen Menschen, welcher die Wasserqualität vor der Küste Pollicas deutlich verbessern konnte. Neun Kugeln brachten Angelo Vassallo und mit ihm wieder ein Stück Natur zum Schweigen. Neunmal heisser in Blei gegossener Tod für die erbarmungslose Kälte namens Geld. Ein neunfacher Rückschritt in einer um Fortschritt bemühten Welt.

Spiegel online: Eine hässliche Exekution im Stil der Camorra

Grazie Angelo   


Majak - das Tschernobyl vor Tschernobyl

Dienstag, August 17th, 2010


Der Kyschtym-Unfall, geheimer Super-GAU im Jahre 1957

Der Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl liegt nun bereits fast ein Viertel Jahrhundert zurück. Für all jene, welche mich nun grammatikalischer Unwissenheit bezichtigen: GAU steht für “Grösster Anzunehmender Unfall” und dementsprechend wäre ein Super-Grösster Anzunehmender Unfall folglich ausgeschlossen, aber andererseits ist die Dummheit der Atomkraft-Befürworter auch grenzenlos, deshalb nehme ich dieses Recht der Grenzenlosigkeit ebenfalls für mich in Anspruch.

Rückblickend betrachtet ein Horror-Szenario, welches sich 1986 vor unseren Augen in der heutigen Ukraine ereignete. Doch war Tschernobyl wirklich das Non plus ultra atomarer Unfälle, das Nec plus ultra nuklearer Katastrophen, abgesehen von Hiroshima und Nagasaki, welche vor einigen Tagen, genauer gesagt am 06. und 09.08.2010 ihr trauriges 65-jähriges Jubiläum begingen?

Es ist seltsam! Am 29.09.1957 ereignete sich in der damaligen UdSSR, genauer gesagt im Atom- und Chemiekombinat Majak ein atomarer Unfall unvorstellbaren Ausmasses und keiner spricht darüber. Der Super-Gau in der kerntechnischen Anlage von Majak 1957, auch als Kyschtym-Unfall bezeichnet, geht in den Annalen unserer immer länger werdenden Liste an atomaren Unglücken vollkommen unter. Ein Super-GAU, der keiner war? Ein atomares Desaster, welches niemals stattfand? Auch heute noch finden sich erst nach intensiver Recherche wirklich greifbare Informationen, abgesehen von den sich ähnelnden Berichten im Internet, über jenes Tschernobyl des Jahres 1957, welches unweit der russischen Stadt Tscheljabinsk die Katastrophe des Jahres 1986 weit in den Schatten stellt.

Warum dann nicht Tscheljabinsk-Unfall, sondern Kyschtym-Unfall? Schlicht und einfach: Tscheljabinsk oder Tscheljabinsk 40, später Tscheljabinsk 65 oder das heutige Osjorsk gab es einfach nicht. Tscheljabinsk war so geheim, dass die Stadt auf keiner Landkarte verzeichnet war.  

Selbst Wikipedia führt auf der Liste der Unfälle in kerntechnischen Anlagen Tschernobyl als einzigen Kernreaktor-Unfall der Stufe 7 auf der Bewertungsskala nach INES (International Nuclear Event Scale), der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse. Nun, ich gebe weder Wikipedia hierfür die Schuld noch soll hieraus ein Vorwurf entstehen, alleine es erstaunt doch sehr. Wenn ich mir die INES-Skala und die verwendeten Beispiele auf Seite 2 der INES-Publikation für die verschiedenen Dringlichkeitsstufen oder Schweregrade der Störungen von 1-7 ansehe, wird unter Stufe 6 (Schwerer Unfall), also der zweithöchsten bzw. zweitgefährlichsten Stufe, die kerntechnische Anlage Majak aufgeführt. Also kein katastrophaler Unfall der Stufe 7 wie Tschernobyl, sondern eben “nur” ein schwerer Unfall.  

Dann wäre meine Sorge um die Strahlenzone also völlig unbegründet und die derzeitigen Waldbrände rund um die Umgebung der Stadt Kyschtym eine Naturkatastrophe wie so viele andere auch. Nein, ganz so einfach ist es nicht. Doch wie begann die atomare Katastrophe von Majak?

1957 wurden in der Wiederaufbereitungsanlage von Majak die entstandenen radioaktiven Abfälle in grossen konventionellen Tanks gelagert. Durch den radioaktiven Zerfall entsteht Wärme, ein Phänomen, welches keines ist, aber scheinbar auch heutige Kriegtreiber nicht davon abhält, Atombomben zu bauen. Die Temperatur in den Tanks wurden mittels Kühlwasser geregelt, welches durch Kühlleitungen zu den Tanks gepumpt wurde. Im Laufe des Jahres 1956 wurde eine dieser Kühlleitungen undicht und deshalb wurde der Kühlkreislauf abgeschaltet. Andere Stimmen sagen, der Ausfall des Kühlaggregates blieb vollkommen unbemerkt. Resultat dieser fatalen Entscheidung oder eben Nichtbemerkens war, dass die radioaktiven Inhalte zu Trocknen begannen und Nitratsalze bildeten. Ein einziger Funken eines internen Messgerätes genügte, um diese entstandenen Nitratsalze zur Explosion zu bringen. Auch hier gibt es wiederum andere Meinungen, welche die Hitze, entstanden durch die internen chemischen Reaktionen, als originäre Ursache der Explosion ansehen. Wie auch immer: Riesige Mengen radioaktiver Stoffe wurden freigesetzt, Experten sprechen von der doppelten bis sogar sechsfachen Belastung, wie sie in Tschernobyl gemessen wurde.

1957 herrschte Kalter Krieg zwischen den einstigen Kriegsverbündeten USA und UdSSR und da sich die Strahlenbelastung des leckgeschlagenen Tanks auf den unter sowjetischer Herrschaft stehenden Ural beschränkte, kroch die Kontamination bodennah dahin, ohne von westlichen Messgeräten entdeckt zu werden. Die Sowjets starteten daraufhin eine beispiellose Vertuschungsaktion, um eine Panik innerhalb der Bevölkerung zu verhindern. Die entstandene Explosion und der über Hunderte von Kilometern entstandene leuchtende Schein wurde der russischen Bevölkerung als Wetterleuchten bzw. Nordlicht plausibel zu erklären versucht.   

Warum wurde Tschernobyl so schnell entdeckt und Kyschtym konnte nahezu 30 Jahre lang vor der Öffentlichkeit geheimgehalten werden? Hier spielen wohl einige Faktoren mit. Die in den Reaktorkernen von Tschernobyl verwendeten Graphitblöcke führten zu einem sogenannten Graphitbrand, welcher grosse Mengen der verseuchten Radionuklide in die Atmosphäre beförderte und dort im wahrsten Sinne des Wortes in alle Himmelsrichtungen blies. Im Gegensatz dazu sorgte die fehlende Thermik in Majak dafür, dass sich das radioaktive Material in Bodennähe sammelte und nur eine geringe Fläche kontaminierte. Der konstant über mehrere Tage schwache Südwest-Wind machte es Moskau möglich, aus Majak jahrzehntelang ein Staatsgeheimnis zu machen. Der Fallout breitete sich auf einer ca. 300 Kilometer langen und etwa 50 Kilometer breiten nadelförmigen Fläche aus, der sogenannten “Uralspur”.

Doch Majak stand bereits seit 1949 unter strengster Geheimhaltung, diente das Forschungszentrum der Erforschung, Entwicklung und Herstellung von Plutonium und damit gleichbedeutend der Atombombe. Was Amerika bereits hatte und “eindrucksvoll” an Hiroshima und Nagasaki bewiesen hatte, wollte Stalin ebenfalls in seine verseuchten Finger bekommen. Die hochgradig verseuchten Plutonium-Abfälle wurden geradewegs in den Fluss Tetscha geleitet, aus welchem die umliegende Bevölkerung ihr Trinkwasser bezog und Fischfang betrieb. “Wenn das Blut die Farbe von rot nach weiss wechselt, kann einem keiner mehr helfen.” Leukämie war jedoch nur eine von vielen rätselhaften Krankheiten, welche die Bevölkerung plötzlich heimsuchte. Eine andere in direktem Zusammenhang mit dem Kyschtym-Unfall auftretende Erkrankung ist heute unter dem Namen Tscheljabinsk-Aids bekannt.

Diese Probleme blieben jedoch selbst Moskau nicht verborgen und so kam die sowjetische Führung auf die Idee, die radioaktiven Abfälle im eigens dafür angelegten künstlichen Karatschai (Katschai)-See (siehe z.B. Die schleichende Atomkatastrophe) zu entsorgen. Doch auch diese Entscheidung sollte sich zehn Jahre nach dem Atomunglück als fatale Entscheidung herausstellen. Ein trockener und heisser Sommer ließ das Wasser des Sees fast gänzlich verdunsten. Die Winde bliesen den kontaminierten Staub über das Land. Doch wieder stand der Teufel Pate. Wie zehn Jahre zuvor blies ein Südwest-Wind den radioaktiven Staub in dieselbe Richtung. Vor einigen Jahren wurde dieser Karatschai-See zugeschüttet. Was allerdings nicht bedacht wurde: Die radioaktive Verseuchung des Nordmeeres über den Umweg des Grundwassers.  

Wenngleich Kyschtym nicht aufgrund einer Nuklearexplosion, sondern durch eine chemische Kettenreaktion zum Super-Gau führte, die Resultate blieben die gleichen. Langlebige radioaktive Isotope wie Strontium-90, Cäsium-137 und Plutonium-239 mit Halbwertzeiten von 29, 30 und 24110 Jahren, Sie lesen richtig, mehr als 24000 Jahre, werden noch lange für eine strahlende Zukunft sorgen.

Atomkraft: Nein danke!

Doch die wirkliche Initialzündung für das Publikwerden des Kyschtym-Unfalls war ein Mann mit Namen Schores Alexandrowitsch Medwedew, welcher 1976 einen ersten Artikel in der Wissenschaftszeitung New Scientist (weiterführend dazu New Scientist 14.07.1990: Soviet Medvedev) veröffentlichte und drei Jahre später mit seinem Buch “Nuclear Desaster in the Urals”, welches im selben Jahr unter dem deutschen Titel ”Bericht und Analyse der bisher geheimgehaltenen Atomkatastrophe in der UdSSR” publiziert wurde, an die Öffentlichkeit ging. Medwedew sollte ursprünglich im Auftrag des kommunistischen Russlands im strahlenverseuchten Gebiet rund um die Stadt Tscheljabinsk an einem streng geheimen Forschungsprojekt teilnehmen, verweigerte jedoch seine Kooperation. Desweiteren zog Medwedew sich den Zorn der russsichen Führung durch ein weiteres kritisches Buch über die sowjetische Genetik zu und wurde daraufhin in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Erst auf Intervention seines Zwillingsbruders, welcher den Fall an die Öffentlichkeit brachte, wurde Medwedew wieder entlassen. 1973, er weilte gerade in London, wurde ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen. Ein sehr ausführlicher Bericht unter dem Titel “Das Menetekel von Majak” von Henning Sietz findet sich auf Zeit online.  

Er wurde im Westen mit offenen Armen empfangen und es wurde ihm zu seinem Mut gratuliert? Weit gefehlt! Der Biologe erreichte genau das Gegenteil. Die mächtige Atomlobby wurde auf ihn aufmerksam. Negativschlagzeilen wie die Berichterstattung über einen weiteren Super-Gau in Osteuropa waren höchst unwillkommen in der von Atomkraftwerken strotzenden westlichen Welt. Die Tatsachen des 1957 stattgefundenen atomaren Unfalls in Majak wurde auf das Schärfste dementiert und als vollkommen haltlos zurückgewiesen. Was die Atomlobby jetzt nicht brauchen konnte, war ein Mann namens Medwedew, welcher die weitreichenden Interessen atomarer Aufrüstung sowohl in politischer als auch wirtschaftlicher Sicht untergräbt. Die Unfälle von Windscale (Grossbritannien) und im US-amerikanischen Kerntechnischen Zentrum von Hanford saßen den Menschen wie Spukgespenster in den Köpfen, eine weitere atomare Katastrophe in der Öffentlichkeit publik zu machen, musste unter allen Umständen verhindert werden.

Selbst Augenzeugenberichte über den russischen Super-Gau wurden als Hirngespinste abgetan. Lew (Lev) Tumerman, ein 1972 nach Israel emigrierter Wissenschaftler, welcher 1960 mit dem Auto entlang des verstrahlten Gebietes auf der Chelyabinsk-Sverdlovsk-Schnellstrasse  unterwegs war, beschreibt seine Eindrücke in veröffentlichten Leserbriefen mit der Jerusalem Post und der London Times folgendermaßen:

About 100 kilometres from Sverdlovsk, a highway sign warned drivers not to stop for the next 20 or 30 kilometres and to drive throughat maximum speed. On both sides of the road, as far as one could see, the land was ‘dead’: no villages, no towns, only the chimneys of destroyed houses, no cultivated fields or pastures, no herds, no people nothing.

Zu deutsch: Rund 100 Kilometer von Sverdlowsk entfernt warnte ein Verkehrsschild die Autofahrer, auf den nächsten 20 bis 30 Kilometern nicht anzuhalten, sondern mit Höchstgeschwindigkeit weiterzufahren. Zu beiden Seiten der Straße, soweit das Auge reichte, war das Land tot: Keine Dörfer, keine Städte, nur die Schornsteine von zerstörten Häusern, keine bestellten Felder oder Weiden, keine Viehherden, keine Menschen… rein gar nichts.

In weiteren Ausführungen und Briefwechseln mit Diane M. Soran und Danny B. Stillman vom Los Alamos National Laboratory, veröffentlicht in ihrer Studie “An Analysis of the alleged Kyshtym Desaster” (siehe dazu Seite 4 und 5 des Berichtes, den Link ”View Document” klicken) schreibt Tumerman:


What I saw personally, was a large area in the vicinity of Sverdlovsk (no less than 100 to 150 sq. km and probably much more), in which any normal human activity was forbidden, people were evacuated and villages razed, evidently to prevent inhabitants from returning, there was no agriculture or live-stock raising, fishing and hunting were forbidden…
Medwedew und Tumerman sprachen aus, was eigentlich niemand hören wollte. Majak forderte mindestens 200 Menschenleben sofort, zehntausende Anwohner wurden radioaktiv verstrahlt. Die kontaminierten Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, um der evakuierten Bevölkerung die Chance auf eine Rückkehr zu verwehren. Obwohl die Fakten auf ihrer Seite waren, standen sie einer breiten und vor allem mächtigen Front gegenüber.

Die russische Ärztin Nina Afonina, mehrere Monate nach dem atomaren Unfall in das Strahlengebiet beordert, erinnert sich in einem Interview mit der russsischsprachigen Wochenzeitung “Argumenty i Fakty” (AiF) an das gesamte Ausmass der Katastrophe: “The people in the contaminated zone were failing and dying. Especially children were dying… Many of the young victims could no longer stand, their hair had fallen out and they were wasting away. I now know what the apocalypse looks like. It is dozens of bleeding and dying children whom you cannot help.” (Siehe Russia Now: The Mayak nuclear disaster: 50 years on)

Nina Afonina hat viele Menschen in der verseuchten Zone sterben sehen. Dutzende blutender und sterbender Kinder, welche hilflos dahinsiechten. Nina Afonina weiss, wie der Weltuntergang aussieht, hat die Apokalypse aus nächster Nähe gesehen. Doch auch sie wird einer möglichen weiteren Katastrophe nicht mehr entkommen können. Nina Afonina ist mittlerweile krebskrank, Nina Afonina ist an den Rollstuhl gefesselt.

Der 29.09.1957 begann in Majak als ein Tag wie so viele andere auch. Doch um 12:20 Uhr, an einem Sonntag im September, änderte sich mit einem einzigen (Atom)Schlag vieles. Doch auch heute noch findet in Majak die Wiederaufbereitung von Brennelementen aus Kernkraftwerken statt. Auftraggeber aus den USA, Frankreich, Deutschland oder Grossbritannien schätzen die zuverlässigen Lieferungen von Radionuklidpräparaten und radioaktiven Wärme- und Strahlungsquellen (siehe Heinz-Jörg Haury: Die Spur von Majak).

Schluss mit Atomkraft 



Genetische Verschmutzung

Donnerstag, August 5th, 2010


oder die grüne Gentechnologie außer Kontrolle
Symbolbild Gen-Mais-Fratzen Aufgenommen am: 23.08.2002 Copyright: © Martin Langer / Greenpeace

Das von Martin Langer (Copyright: © Martin Langer/Greenpeace) am 23.08.2002 aufgenommene “Symbolbild Gen-Mais-Fratzen” sagt mehr als 1000 Worte.

“EU genehmigt sechs Gentechnikmais-Sorten.” mit dem Folgesatz “Nur angebaut dürfen sie im EU-Raum nicht werden” mag auf den ersten Blick beruhigend wirken. Was jedoch zunächst wie eine alltägliche Meldung aussieht, birgt weit größere Gefahren als wir uns möglicherweise vorstellen können.
Diese sogenannten gentechnisch veränderten Maislinien (und vor allem die sich dahinter verbergenden Konzerne) oder auch kurz und gut gv-Maislinien genannt, wesentlich seltsamer klingt aber Mais-Event, hatten wieder einmal das unbeschreibliche Glück, dass sich der Ständige Ausschuss und der EU-Ministerrat nicht einigen konnten und letztendlich die EU-Kommission nach geltendem EU-Recht zugunsten der Firmen Pioneer, Syngenta und Monsanto entscheiden musste.

Sicherheit steht an erster Stelle! Selbstverständlich oder gerade im Bereich gentechnikveränderter Pflanzen. Und so musste sich eben die EU-Kommission den wissenschaftlichen Sicherheitsbewertungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) beugen, welche zu dem glorreichen Ergebnis kam, dass die zu bewertenden gv-Maislinien und die daraus gewonnenen Lebens- und vor allem Futtermittel genauso sicher und gesetzeskonform seien wie vergleichbare herkömmliche Produkte (siehe z.B. EU-Kommission: Importzulassung für sechs gentechnisch veränderte Maislinien).

Da hört der Natur-Freund und staunt der Bio-Bauer. Und warum werden diese Wundermittel, zumeist handelt es sich um in Kanada, Südamerika und in den USA angebaute Kreuzungen aus verschiedenen anderen gentechnisch veränderten Maislinien, nicht für den Anbau im EU-Raum zugelassen, wenn sie ach so unbedenklich sind? Respektive was macht diese Genehmigung dann überhaupt für einen Sinn? Nun ja, angebaut dürfen diese Mais-Events, erinnert mich irgendwie an ein Musikkonzert oder ein Beachvolleyball-Turnier, nicht werden, aber von Import und Verwendung als Lebens- und Futtermittel dieser gv-Maislinien ist keine Rede. Und sollten andere eingeführte Agrarprodukte “zufällige, technisch unvermeidbare Beimengungen” dieser gv-Maislinien enthalten, spricht auch nichts dagegen, zumindest nicht das geltende EU-Recht. Wenn also konventionell angebauter und in den EU-Raum importierter Mais mit weniger als einem Prozent GVO-Beimischungen kontaminiert ist, müssen wir ihn klaglos hinunterwürgen.

Doch damit nicht genug, will die EU-Kommission bezüglich ihrer zukünftigen Leitlinien über die Anwendung und Handhabung dieser Agrogentechnik einen, mehrere oder sogar unendlich viele Schritte weitergehen. Sollten die EU-Mitgliedsstaaten in Zukunft den Zulassungsprozess für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) beschleunigen, wird ihnen im Gegenzug die Souveränität in Sachen Zulassung nationaler Anbauverbote für gentechnisch veränderte Pflanzen zugesprochen. Ein schöner Deal, jedoch mit einem winzigen Schönheitsfehler. Durch die Gesetzeslage wäre es den Gentechnik-Konzernen und Pro-Gentechnik-Bauern ein Leichtes, diese nationalen Verbote in kürzester Zeit auszuhebeln. Scheinbar hat es sich die EU-Kommission in ihre gentechnik-vernebelten Medusa-Häupter gesetzt, über die Köpfe der Befürworter gentechnikfreier Lebens- und Futtermittel hinweg zugunsten der mächtigen Gentechnik-Lobby zu entscheiden. Die Gentechnik-Expertin Heike Moldenhauer vom BUND spricht offen aus, was viele Verbraucher denken: Die von der EU-Kommission in Brüssel vorgelegten Leitlinien zur Handhabung der Agrogentechnik sind “gefährliches Blendwerk“.            

Ich habe in meinem vor kurzer Zeit veröffentlichten Artikel Toscanella - Tomaten aus der Toscana ? und den dahinter stehenden Agrochemiekonzern Syngenta berichtet, einem, neben den US-Riesen Monsanto und DuPont, weltweit führenden Hersteller z.B. gentechnikverändertem Saatgutes. Natürlich würde kein Anbieter dieses hässliche Wort in der Öffentlichkeit in den Mund nehmen, deshalb wird es ganz unverfänglich auch als kommerzielles Saatgut bezeichnet, aber andere Länder, andere Gentechnik-Sitten.

“Monsanto?” Richtig, da war doch etwas. Der Konzern stand bereits 2007 in der Schusslinie, als es um das Verbot der Aussaat gentechnisch modifizierter Luzerne ging, welches von Biobauern beim Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten (US-Supreme-Court) durchgesetzt wurde. Aber dieses Thema wird mich und hoffentlich auch Sie in einem meiner nächsten Artikel beschäftigen. Zum Einlesen möge Ihnen vielleicht Monsanto: Schlacht um GMO-Saatgut vor Supreme Court weiterhelfen.


Formel 1: Mit Vollgas zur Formel Grün …

Donnerstag, Juli 1st, 2010

… oder die Umwelt dreht sich im Kreis

Es vergeht kaum ein Tag, welcher nicht mein Entzücken über das neue Umweltbewusstsein und löbliche ethische und moralische Anschauungen unserer Gesellschaft findet. Habe ich gestern noch über die, zugegebenermaßen zu meinen etwas konträren Standpunkten, Besorgnis gewisser deutscher und internationaler Großbanken und anderer Konsortien berichtet, aus lauter Angst vor den gierigen Aktionären mithilfe von Streubomben und Streumunition die marodierenden Massen im Zaum zu halten, bewege ich mich in dieser schnelllebigen Zeit heute schon wieder in ganz anderen Kreisen. Moment, ich muß mich berichtigen: Ich bewege mich nur innerhalb eines Kreises, also sozusagen nur im Kreis!

Übrigens, also “by the way”, wie der gebildete Engländer sagen würde, sozusagen im Vorübergehen, besser natürlich in diesem Falle im Vorüberfahren, das mit den Streubomben sollte bei Ihnen beileibe keine Panikattacken auslösen, schließlich haben besagte Banken usw. keinen Krieg angezettelt oder wollen eventuelle Unbeteiligte oder womöglich sogar Unschuldige meucheln und morden. Würde auch keinen Sinn machen, wer würde sonst sein Erspartes und Erschlichenes zur Verfügung stellen? Also, keine Angst, liebe LeserInnen, es wird Ihnen nichts passieren, außer Sie gehen zur Bank und reichen einem jener Nadel-Streifen-Hörnchen Ihren kleinen Finger. Aber selbst dann bewahrt die Frau von Welt und der Mann hinter der Frau von Welt die Contenance. Bitte Contenance nicht mit Kontinenz verwechseln, dies hat schon desöfteren zu absonderlichen Irrtümern geführt, insbesondere in der Welt der Hochfinanz.

Stellen Sie sich einmal vor, ein Mensch weiblicher oder männlicher Machart der Deutschen Bank, ups, jetzt habe ich ”Deutsche Bank” groß geschrieben, muß ich sofort in deutsche Bank ausbessern, würde seinen verbalen Schließmuskel nicht permanent unter Kontrolle haben? Die ganzen schönen Wort-Fäkalien würden in einem fortlaufenden breiigen Strom aus seinem Innersten quellen, fänden ihren Weg zwischen den Zähnen hindurch in die Freiheit und würden sich über Sie als Bankkunde ergießen und langsam, aber sicher einen Finanzhaufen, möglicherweise bei Ihrem Erstgespräch nur ein Finanzhäuflein, aus Ihnen machen. Ja, um alles in der Welt: “Is this desirable?”, wie der immer noch höchst gebildete Engländer sagen würde.

Zu Engländer fällt mir doch zufälligerweise gleich folgendes ein. Ein Herr mit dem untadeligen Namen Martin Whitmarsh ließ diesen Satz aus seinem berufenen Munde quellen: “This is a very exciting time for Formula One, and I am delighted that our sport has been able to take a global environmental lead in this way.”

Zu deutsch: “Ich bin entzückt, dass unser Sport eine weltweite Führerschaft in Sachen Umwelt einnimmt.” Hören Sie jetzt bitte auf, so gelangweilt auf den Bildschirm zu starren! Und gegähnt wird auch nicht! Es geht hier nicht um irgendeinen Sport wie Rasenschach oder Gartenzwerge-Weitwurf. Grund seiner zum Ausdruck gebrachten Freude ist die Tatsache, dass es sich um den Echte-Männer-Sport Nummer 1 handelt. Richtig, wir sprechen von der Formel 1!

“Sport ist Mord!” ist in der Formel 1 keine leichtfertig dahergesagte Floskel. Nein, hier wird dieser Slogan wenigstens noch gelebt. “Wir drehen uns alle nur im Kreis!” ist in der Formel 1 keine leere Phrase. Hier wird solange mit dem Gaspedal auf die Phrase eingedroschen, bis der Satz Wirklichkeit wird. Eigentlich sind in meinen Augen alle die Formel 1 anbetenden Menschen Heilige, Abkömmlinge von Kirchenvater Augustinus, welcher bereits so um das Jahr 400 von der Erde als “moles globosa” sprach. “Die Erde ist eine Kugel und steht im Zentrum des Weltalls und gehört schnellstmöglich umrundet”, sprach er schon damals weise und setzte sich hinter das Steuer seines Streitwagens, um dem Folge zu leisten. Nun ja, das mit dem “schnellstmöglich umrundet” entstammt möglicherweise meiner Feder, aber den Rest hat er wirklich sinngemäß gesagt. Aber nichtsdestotrotz, Ehre, wem Ehre gebührt.

Mister Whitmarsh, unser ehrwürdiger Vorsitzender der Formel 1 Teamvereinigung FOTA (musste ich nachlesen) ist also mit dem hehren Ziel unterwegs, sozusagen mit Vollgas und auf der Überholspur, aus der Formel 1 eine neue Formel Grün zu basteln. Motorenzylinder aus Bambussprossen, Kolben aus Lampenputzer, einer schönen Sumpfpflanze, und die Karosserie aus recycelbarem Kunststoff, welcher bei einem eventuellen Totalschaden des Gefährts in Sticker mit der Aufschrift “Ich war live dabei!” zerlegt und mit grüner Naturfarbe aus Matetee und Brennnessel bedruckt wird.

Das geht Ihnen dann doch einen Schritt zu weit? Herrn Whitmarsh geht es ebenso. Also bleibt er schön am Betonteppich. Aber er hat Großes vor. Das sogenannte “ground-breaking carbon emissions reduction programme“, wie es so herrlich auf der FOTA-Webseite heißt, soll bis zum Jahr 2012 den Kohlendioxid-Ausstoß um sage und schreibe 12,4 Prozent senken. Hört sich sicherlich nicht schlecht an. Wenn man allerdings bedenkt, dass einer Studie zufolge (siehe FOTA Environmental Programme Baseline Report 2010), welche die Londoner Firma Trucost im Auftrag der Benzinbrüder erstellte, die direkten Emissionen der Formel 1, also jene Emissionen, welche in direktem Zusammenhang mit dem Formel 1-Zirkus stehen, für das Jahr 2009 bei einer Größenordnung von 215 588 Tonnen Kohlendioxid lagen, bedeutet dies ein Einsparpotential von 26 733 Tonnen Kohlendioxid.

Blieben also immer noch rund 190 000 Tonnen Kohlendioxid für die Zukunft übrig. Um Ihnen nun ein Gefühl dafür zu geben, was dies, umgerechnet auf unser Alltagsleben, bedeutet, machen wir ein einfaches Rechenbeispiel, welches allerdings nur als Näherungswert zu betrachten ist. Ich habe mich nach verschiedenen Recherchen und der Nutzung eines C02-Rechners dafür entschieden, einen durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausstoß von 12 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr zugrundezulegen. Umgerechnet auf die Formel 1 und ihre 190 000 Tonnen, wohlgemerkt ohne Einrechnung der CO2-Emissionen durch die Anreise der Millionen Zuschauer, würde dies bedeuten, fast 16 000 Menschen könnten ein ganzes Jahr lang ihre Emissionen ungesühnt in die Luft lassen, um mit der Formel 1 gleichzuziehen.

Wir sprechen hier von den Emissionen einer gesamten Kleinstadt, welche durch 19 Rennen einer Saison, welche in etwa 90 Minuten dauern, kompensiert werden. 19 Rennen à 90 Minuten macht aufgerundet 29 Stunden unbegrenzten Fahrspaß. Und die restlichen 363 Tage und 19 Stunden des Jahres? Vielleicht sollten wir dazu Herrn Whitmarsh befragen? Aber, denken Sie daran, immer die Contenance bewahren. Auch wenn es nicht leicht fällt!

In diesem Sinne wünscht Ihnen der grüne Bruchpilot Paul Bögle einen autofreien Sommerabend.      

In-die-Augen-Streu-Bomben-Geschäfte…

Mittwoch, Juni 30th, 2010

… oder zweifelhafte Praktiken der Deutschen Bank(en)

Es gibt Dinge im Leben einer Bank, die sind geradezu unbezahlbar. Nein, verehrte Leserschaft, dazu zählt mit Sicherheit kein Menschenleben. Oder womöglich derer viele. Streubomben heißt die Zukunft jedes seriösen Bankhauses, welches mit Gewinnerzielungsabsicht um das nackte Überleben kämpfen muss. Ja, es herrscht Krieg auf den Finanzmärkten dieser Welt. Nicht nur bei uns in Österreich, überall befinden sich ehrenwerte Damenschaften und natürlich ebenso Herrschaften im permanenten Zustand des monetären Existenzminimum-Finanzkollapses. Warum also nicht auch die so vertrauenswürdige Deutsche Bank? Während die einen wie etwa eine unserer renommierten österreichischen Banken versuchen, ihre Bankstelle zur Tankstelle umzufunktionieren, anders herum geht es selbstverständlich auch, beschreitet die Deutsche Bank einen wesentlich effektiveren Weg und nimmt sich den Slogan “Es herrscht Krieg!” beherzt an die vielgeschmähte Kapitalbrust.

Aufmerksam geworden bin ich durch den Artikel Die fragwürdigen Geschäfte Deutscher Banken mit geächteten Waffen wie Streumunition“. Mein erster Gedanke war: “Gibt´s nicht!” Diesem ersten Gedanken folgte jedoch: “Alles gibt´s!” Also machte ich mich wieder einmal auf, unter die virtuelle Oberfläche real existierender ölverschmierter Ozeane, elektronischem Spielzeug für afrikanische Kinder oder zartem Lachsfilet mithilfe peruanischen Fischmehls zu tauchen.

Natürlich interessiert einen Menschen wie mich, was es mit diesem hässlichen Wort Streubombe überhaupt auf sich hat. Auf der Website “Sagt Nein zu Streubomben” fand ich folgende Definition, welche ich sinngemäß und zusammengefasst wiedergebe:

Streubomben oder auch Streumunition besteht aus einem Behälter, welcher mit bis zu mehreren Hundert Submunitionen (Minibomben) gefüllt ist. Diese Submunition wird auf einer mehrere Fußballfelder großen Fläche verteilt, kann sich aber auch auf mehrere Hundert Hektar erstrecken. Durch fast jeden Einsatz von Streubomben bzw. durch deren ungerichtete und ungezielte Wirkung werden in den meisten Fällen Zivilpersonen in Mitleidenschaft gezogen. Weitere Gefahren entstehen durch sogenannte Blindgänger, welche lange nach einem Angriff detonieren und unschuldige Menschen verstümmeln und töten.

Streubombenbehälter

Streubombenbehälter © Handicap International

Mit In-Kraft-Treten des Vertrages zur weltweiten Ächtung von Antipersonenminen am 01. März 1999 (Ottawa-Konvention) hat eine entscheidende Sensibilisierung für die Gefährlichkeit dieser Waffen stattgefunden. Ende 2007 fand in unserem schönen Wien die Konferenz zur weltweiten Ächtung von Streubomben statt. Im Juli 2009 hat Deutschland bei Human Rights Watch den Vertrag zum Verbot von Streumunition zur Ratifizierung hinterlegt (siehe “Deutschland hinterlegt Vertrag über Streumunition“). Am 01. August 2010 tritt das völkerrechtliche Verbot von Streumunition in Kraft. Vom 07.-09. Juni 2010 trafen sich in Santiago de Chile jene Staaten, welche bereits 2008 das Osloer Abkommen gegen Streubomben unterzeichneten. Und heute, fast auf den Tag genau ein Jahr später?
Die traurige oder besser gesagt skrupellose Wahrheit über das Geschäft mit dem Krieg verschafft uns wohl der Artikel “Leistung, die Leiden schafft” (Originaltext der Pressemappe des Aktionsbündnis landmine.de). Noch wesentlich ausführlicher und vor allem detaillierter ist der Bericht der belgischen Nichtregierungsorganisation (NRO) Netwerk Vlandeeren. Die Organisation benennt namentlich in einer Studie (Wolrdwide investments in CLUSTER MUNITIONS) über die Unterhaltung von Geschäftsbeziehungen internationaler Investoren zu führenden Anbietern und Herstellern von Streumunition wie Alliant Techsystems, L3-Communications, Lockheed Martin, Textron, Singapore Technologies Engineering und Raytheon die beiden Großbanken Commerzbank (siehe Punkt 1.2.34 Seite 44 des Reports) und Deutsche Bank (siehe Punkt 1.2.40 Seite 45 des Reports) über deren Tochter DWS. Doch auch die Bayrische Landesbank, die WestLB oder der Versicherungsdienstleister Allianz finden sich in der international bestückten, quasi dem Who is who der Finanzwelt ”Hall of Shame” (Seite 17 ff) wieder, welche die Verflechtungen von Kriegsmaschinerie und Geldmaschinen aufzeigt.
Ich weiß es selbst und werde trotzdem immer wieder eines Besseren belehrt. Es ist unmöglich, einen einzigen Atemzug in diesem grenzenlosen Morast und skrupellosen Sumpf aus Geld und Krieg zu machen, ohne daran zu ersticken. Aber darüber schreiben wird man ja wohl dürfen. Und im Moment informiere ich mich gerade über sogenannte “Grüne Banken”, also Geldinstitute, welche sich anderen moralischen und ethischen Grundsätzen verschrieben haben, wie es jene bereits erwähnten monetären Munitionsdepots uns immer wieder vormachen. Dazu kann ich Ihnen vielleicht zum Abschluss den Artikel “Grünes Geld wird immer beliebter“ mit auf den Weg geben. Möglicherweise für die eine oder den anderen lohnenswert, darüber nachzudenken. Und sei es nur im Gedenken an eine Million Verletzte und Tote seit 1975, welche der sinnlose Einsatz von Landminen und Streubomben forderte. Jedes dritte bis vierte Opfer ist ein Kind. Ob dies die Banken wissen? Wozu denn, schließlich haben die Kinder kein Bankkonto bei ihnen eröffnet. Menschliches Kapital ist nur sinnvoll, wenn es ordentliche Dividenden und Zinsen bringt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen: Lassen Sie sich keinen Streubomben-Sand in die Augen streuen. Es grüßt Sie der Augenauswischer
Paul Bögle          

   

  


BP Boykott

Samstag, Juni 26th, 2010


mit Boycott BP

Ich bin sicherlich nicht der große Befürworter sozialer Netzwerke. Vielleicht liegt dies nur daran, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, wildfremde Menschen zu “adden”, wie “hinzufügen” heutzutage heißt. Ich bin natürlich unheimlich stolz, diesen Begriff von unserer Tochter übernommen zu haben und wende ihn dementsprechend in jeder noch so möglichen und vor allem unmöglichen Situation auch an, selbstverständlich fehlerfrei . Ich sehe schon, Sie können mit dem Begriff “adden” nichts anfangen und manch LeserIn wendet sich jetzt schon wieder mit Entsetzen ab, weil Sie doch tatsächlich dachten, dass ich zum BP Boykott aufrufe. “Gemach, gemach”, kann ich hierauf nur antworten. Erst muß ich diesem Artikel noch einige bis viele belanglose Sätze “adden”, ich möchte schließlich nicht als semiotischer Sparefroh und verbaler Geizhals dastehen. Oder heißt es “hinzuadden” oder möglicherweise “dazuadden”? Klingt irgendwie seltsam, ist es natürlich auch. Nun gut, ich würde sagen, wir einigen uns auf das unverfängliche “adden”, ist zwar auch seltsam, klingt aber zumindest nicht so. Aber auf was wollte ich überhaupt hinaus? Richtig, ich weiß schon wieder. Also, wie bereits erwähnt, ohne “adden” geht bei mir gar nichts mehr. Ich will Ihnen ein paar Beispiele geben.

Ich habe unlängst in unserem kleinen Garten einen neuen Rosenstock gepflanzt. Zumindest glaubte ich bis dato, dass ich solcherlei Dinge tue, nicht wissend, dass jeder halbwegs vernünftige Bodybooker, Thumbbooker, Kneebooker und Facebooker und was weiß ich, mit welchen englischsprachigen Körperteilen sonst genetzwerkt wird, keinen Rosenstock pflanzt, sondern ihn natürlich in den Garten “addet”. Und da es ein ziemlich trockener und heißer Tag war, habe ich selbstverständlich gleich einmal einige Liter Wasser zum Rosenstock “geaddet”, auf dass er schön zum Licht hin wachse. Apropos Licht! Jetzt ist mir doch unlängst die letzte meiner verbliebenen konventionellen Glühbirnen durchgebrannt, sozusagen der letzte Glühbirnen-Mohikaner. Habe ich also diesen Stromfresser, welche nun in den ewigen Stromzähler-Jagdgründen seinem finsteren Werk nachgehen wird, aus der Fassung “herausgeaddet” und eine Energiesparlampe in die Fassung “geaddet”. Ich kann gar nicht genug bekommen vom “adden”. Ich ”adde” mittlerweile, was mir in die Finger bzw. vor die Tastatur kommt. Wenn mein Antiviren-Programm lauthals aufheult, bitte nicht mit aufhOILen verwechseln, dass ich mir einen Virus eingefangen habe, schreie ich noch um eine Spur lauter zurück: “Ist mir sch…egal, ich “adde” alles, was nichts kostet!” Meiner Frau habe ich schlichtweg die Pistole vor die Brust gesetzt und als Groß-Addierer der Familie befohlen, sie möge sich bei sämtlichen Netzwerken anmelden, damit ich sie “adden” kann. Danach wurde sie wiederum von 4856 anderen Usern, bitte “User” und nicht “Nutzer”, “geaddet” und die haben mich im Schlepptau meiner Frau gleich mit übernommen. Bitte fragen Sie mich jetzt nicht, wen ich innerhalb von zwei Sekunden an Freunden dazugewonnen habe, aber Freunde kann man einfach nicht genug haben, auch wenn sie einem vollkommen unbekannt und eigentlich aufgrund des Unbekanntheitsgrades auch völlig egal sind. Ja, liebe LeserInnen, diese “geaddete” Freunderlwirtschaft ist schon eine gewaltige Schmierenkomödie.

Wobei wir beim heutigen Thema sind. Es wurde genug geschrieben über die BP-Schmierenkomödie namens Deepwater Horizon. Und es wird sicherlich auch noch sehr viel Öl die Bäche herunterlaufen, bis endlich alles Leben in den Weltmeeren ausgelöscht ist. Und deshalb habe sogar ich mich bei Facebook angemeldet. Nicht, weil ich unbedingt darauf erpicht bin, weitere 4856 mir vollkommen unbekannte Freunde zu finden, sondern weil ich mich der Facebook-Aktion ”Boycott BP” angeschlossen habe. BP mag in Europa nicht jenen Stellenwert und jene wirtschaftliche Dominanz wie in den USA besitzen, doch immerhin betreibt der BP-Konzern in Deutschland 2400 Tankstellen unter der Marke ARAL und das Motorenöl Castrol stammt ebenfalls von BP (siehe “US-Amerikaner tanken bei der Konkurrenz” oder die zum Boykott gegen BP aufrufende englischsprachige Seite boycottbp.org ). Sollten Sie irgendwann einmal im Internet dem Webprojekt mit dem wunderschönen Namen “Deepwater Horizon Response” begegnen, ist allerdings Vorsicht geboten. Was glauben Sie wohl, wer für die Seite verantwortlich zeichnet? Richtige Antwort: BP.

BP steht seit Deepwater Horizon in meinen Augen nicht mehr für British Petroleum, sondern lässt sich viel besser im folgenden Satz wiedergeben:

Begin Protesting against Bad People and their Big Pollution!  

       

5. Teil: Gerüchtefalle Internet

Freitag, Juni 25th, 2010


Desinformation bedeutet Information, ganz gleich ob wahr oder falsch, ein Mittel, welches totalitäre Staaten, aber wohl auch sämtliche Geheimdienste dieser Welt anwenden, um dem Gegner Lügen als vermeindliche Wahrheiten zu verkaufen. Von den “Bagatellen” in Form von Wahlkampfversprechen, Werbelügen oder Liebesbezeugungen will ich jetzt gar nicht sprechen, da sie mittlerweile so in unser soziales, politisches und gesellschaftliches Leben Eingang gefunden haben, daß sie vielfach schon nicht mehr als Desinformation bzw. bewußte Fehlinformation angesehen werden. Doch Desinformation bedeutet ebenfalls das Vorenthalten wichtiger bzw. relevanter Fakten und Details, welche, aus dem ursprünglichen Kontext gerissen und wissentlich verschwiegen, dem Verständnis und dem Verstehen eine vollkommen neue Wendung und Interpretationsfähigkeit geben. Desinformation aber wiederum bedeutet deshalb auch Informationsvorsprung, vorausgesetzt, der Gegner wendet nicht dieselben Mittel an. Man könnte jetzt diesen Gedanken weiterführen, um zu sehen, ob und wenn, in welchem Maße sich dann Lüge und Gegenlüge soweit eliminieren, daß als letzter Ausweg doch wiederum nur die Wahrheit bliebe, um den verlorenen Informationsvorsprung wieder zu erlangen. Ich werde diesen Gedanken sicherlich in Zukunft noch einmal aufgreifen, natürlich nur, wenn er der Wahrheitsfindung dient. Bis dahin möchte ich weiterhin Gerüchte verbreiten, allerdings nur solche, die sich auf solch unglaublichem glaubhaftem Niveau bewegen, daß sie der Wahrheit so nahe kommen, ohne allerdings mit ihr zu kollidieren. Oder sollte ich besser sagen, ich werde gelogene Wahrheiten und bewahrheitete Lügen verbreiten.

Nein, liebe Leser, ich werde mich auch in Zukunft weder Hirngespinsten hingeben noch habe ich die Absicht, Halbwahrheiten, Gerüchte oder Lügen zu verbreiten, zumindest nicht so schnell. Was war aber nun meine Intention? Bitte fragen Sie mich jetzt allerdings nicht, ob und vor allem wie lange Sie mich beim Wort nehmen können. Ich weiß es nicht und halte mir zumindest die Option offen, auch zukünftig als wahrheitsliebender Lügner und Schwindler vor Ihnen dazustehen, wobei dies per se fast unmöglich erscheint. 

Mögen Sie mich nun möglicherweise der Sensationsmache, der Effekthascherei, der Panikmache, der Besserwisserei verdächtigen, ich kann es Ihnen nicht verdenken. Bezichtigen Sie mich der Diabolie, stellen Sie mich an den Internet-Pranger, steinigen Sie mich mit virtuellen Wurfgeschossen. Doch gestatten Sie mir, folgendes zu meiner Rechtfertigung zu sagen, auch wenn ich eingangs dieses Artikels geschrieben habe, dieser Erklärungsversuch diene keiner Rechtfertigung.

Ich habe bewußt das Medium Internet benutzt, um ein vollkommen haltloses und förmlich aus der Luft gegriffenes Gerücht, welches ich mit den beiden Artikeln “Extraterrestrisches Leben entdeckt” und “Außerirdisches Leben wird immer wahrscheinlicher” in den virtuellen Weltraum gesetzt habe und mit Hilfe gutgläubiger User weiterverbreitet habe. Ich habe, da ich mich selbst tagtäglich durch die unergründlichen Weiten jener geweihten virtuellen Erde grabe, entschieden, jene mir mittlerweile wohlbekannten und dementsprechend effektiven Kanäle und Kräfte zu nutzen, um eine plausibel erscheinende Meldung, welcher allerdings bei entsprechender Nachprüfung durch kritische Internet-User zu keinem Zeitpunkt einer Verifizierung standgehalten hätte, so zu verbreiten, daß sie die vorab definierte Zielsetzung erreichen würde.

Als erreichtes Ziel wurde definiert, die Meldung solange zu “promoten” und zu forcieren, bis sie sich in den großen Suchmaschinen mit dem Suchbegriff “außerirdisches Leben entdeckt” bzw. “extraterrestrisches Leben” festgesetzt hatte. Andere Wortkombinationen kursieren mittlerweile ebenfalls unter den ersten 20 Suchbegriffen, so daß ich heute, am 25.06.2010 sagen kann, mein vorab umrissenes Ziel erreicht zu haben. Über meine dafür benötigten finanziellen Mittel, welche ich für diese Zielsetzung dafür einsetzen musste, möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern. Ich kann Ihnen jedoch versichern, daß sie im Vergleich zum angerichteten Schaden, wenn man in diesem Zusammenhang von Schaden reden möchte, verschwindend gering sind und bei entsprechender Wiederholung dieses Experiments durch den “Learn by doing”-Effekt sicherlich weiter zu optimieren wären.

Sie werden nun fragen, weshalb sich ein Lebewesen der Gattung Homo sapiens die Mühe macht, erst etwas Zweifelhaftes in die Welt zu setzen, wobei hierbei dem Begriff “zweifelhaft” in seiner Ursprünglichkeit eine besondere Bedeutung zukommt, um dann, nach erfolgreicher Gerüchteverbreitung den Rückwärtsgang einzulegen und lauthals zu schreien: “Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!”

Wir haben im Verlauf unserer Menschheitsgeschichte schon viele selbsternannte und von willfährigen Mitläufern inthronisierte Herrscher weltlicher und kirchlicher Couleur in die Geschichtsbücher eingetragen. Doch wirklich ausschlaggebend für mein Experiment, wenn Sie mir diesen hochtrabenden Begriff gestatten, war ein alltägliches Erlebnis meines Privatbereiches.

Es hing eines schönen Morgens eine Liste vor unserer Eingangstüre, welche von einer der ansässigen Mietparteien initiiert wurde und zu einer Unterschriftenaktion aufrief, deren Inhalt ich nun nicht näher beschreiben möchte. Es unterschrieben daraufhin von insgesamt zwölf Parteien sage und schreibe zehn, ohne sich überhaupt im Klaren darüber zu sein, was und vor allem, weshalb sie ihre Unterschrift unter dieses Pamphlet setzten. Im nachhinein stellte sich dann heraus, dass gerade jene Partei, welche sich für die Aktion stark machte, im Endeffekt genau dieselbe Schuld traf wie einige der anderen, unter anderem natürlich auch mich. Doch genau jene, welche sich an erster Stelle eintrugen bzw. welche für die Unterschriftenliste verantwortlich zeichneten, waren die Hauptschuldigen. Meine Neugierde war deshalb also geweckt. Lassen sich Menschen für die eigenen Zwecke einspannen, ohne sich jedoch ihrer Mitwisserschaft oder, noch schärfer ausgedrückt, ihrer Mittäterschaft bewusst zu werden? Die Frage beantwortete sich in meinem speziellen Fall von selbst mit “Ja!”, deshalb fing ich an, mir darüber Gedanken zu machen, wie diese Mechanismen auf das Medium Internet übertragbar sind.

Ich kann und werde sicherlich niemals müde, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Meinungsfreiheit des Menschen eine unserer wichtigsten Errungenschaften modernen und vor allem friedlichen Miteinanders ist und demzufolge mit (fast) allen Mitteln zu verteidigen gilt. Denn dort, wo Propaganda als subtiles Mittel genutzt wird, die demokratischen Grundprinzipien zu unterwandern, Menschen zu ächten und politische Rechtsstaatlichkeit sowie gesellschaftliche Strukturen aufzulösen, hört der Mensch auf, Mensch zu sein.

Einen letzten Ausblick und eine kurze Zusammenfassung mit dem Titel 6. Teil: Homo cyberspace - die Gefahr Internet macht deutlich, dass bereits die Macht der Gerüchte lange vor unserer modernen und vom allmächtigen Internet geprägten und vielfach dominierten Zeit erkannt und vor allem auch genutzt wurde. Bis dahin wünsche ich der sportbegeisterten Welt, ich gehöre (leider) nicht dazu, dass diejenige Nation Fussballweltmeister wird, welche gerüchteweise als Titelkandidat bereits im Vorfeld gehandelt wurde. Doch ich wage einmal die Behauptung, dass auch hier die Gerüchteküche vor Beginn der WM in Südafrika mehr brodelte und der Sieger aus einem ganz anderen Kreis hervorkommt als es die Propheten weissagten. Und sollten sich die Gerüchte dann doch bewahrheiten, kann ich zumindest sagen, dass an Gerüchten immer etwas Wahres dran ist. Sie sehen, ich lasse mir wieder einmal sämtliche Optionen offen und grüße Sie aus dem Fussball-Entwicklungsland Österreich als das

Fussballweltmeisterschafts-Orakel Paul Bögle

Oi Oi OIL!

Freitag, Juni 18th, 2010


Die OIL!-KlimaCard, damit die Umwelt hOILt! 

Zugegebenermaßen kannte ich bis dato die Tankstellenkette mit dem wegweisenden Namen OIL! noch nicht. Dies mag möglicherweise daran liegen, daß ich selbst trotz Führerscheins nur sehr selten ein Auto von A nach B bewege. Wohlgemerkt, obwohl ich selbst Raucher bin und deshalb eigentlich dringend auf einen fahrbaren Untersatz angewiesen wäre, schließlich ist der nächste Zigarettenautomat gezählte 78 Schritte von meiner Wohnung weg und dementsprechend bräuchte ich dringend ein Auto für meine Glimmstengel. Aber ich bin wie ich bin und so lasse ich lieber meine Frau mit dem Auto die Zigaretten holen. Ich hoffe, Sie nehmen mir den kleinen Scherz nicht übel? Natürlich fährt bei uns keiner um die Zigaretten, schließlich gibt es heutzutage genügend Achtjährige, welche einem die begehrten Suchtbolzen frei Haus liefern und dafür gleich einmal ein Drittel des Päckchens zwischen Automat und Nachhauseweg konsumieren. Gut, schon wieder gelogen, also lassen wir das! Weiter im Text! 

Wie Sie wissen, zumindest hoffe ich inbrünstig, daß dem so ist, lasse ich mich als Wanderer zwischen den Welten im Allgemeinen und in den Internet-Welten im Speziellen gerne desöfteren dort nieder, wo ich frischen Nektar finde. In diesem Fall wählte ich den Bericht mit dem vielversprechenden Titel OIL!: Zusammen tanken wir die Umwelt weg des Projekts ”Der Klima-Lügendetektor” als Honeypot.

Da gibt es also eine Tankstellenkette mit dem übrigens ganz hervorragenden Werbeslogan OIL! frei&flott, welche zum Wohle der uns liebgewordenen und vor allem teuer gewordenen Umwelt eine sogenannte KlimaCard eingeführt hat. “Warum dieses?” wird sich der kritische Autofahrer denken. “Warum dieses nicht?” wird sich andererseits der unkritische Ölbaron denken, meist ebenfalls Autofahrer und damit wiederum kritisch. Mathematisch hebt sich nun kritisch und unkritisch auf, d.h. wir streichen am besten die beiden Wörter und machen den Ölbaron kritiklos. Obwohl eine dieser Pestbeulen im Moment ganz schön im Golf von Mexiko baden geht. Bitte keine Buhrufe, dies soll keine Beschimpfung sein, aber wenn wir schon mathematisch ableiten, dann auch richtig. Sie verstehen das jetzt nicht? Na gut, passen Sie auf. Also Pestbeule ist in diesem Zusammenhang beileibe nicht als Schimpfwort gedacht, wo denken Sie denn hin, liebe Drive-in-BePe-Gemeinschaft (dazu möchte ich Ihnen übrigens gerne meinen Artikel Der Homo sapiens kommt unter die Räder, geschrieben am 10. September 2009, an Ihr ölverschmiertes Herz legen).

Aber Ölbarone sind ja im Moment wirklich arme Menschen. Sie bohren Löcher in den Meeresboden, können diese Löcher nicht mehr stopfen und das ganze schöne schwarze schmierige Gold fließt an den eigenen Taschen vorbei ins Meer. Eine einzige Schmierenkomödie, könnte sich nun der labile Mensch denken. Doch wo Geld durch die Finger rinnt, muß das Denken hinten anstehen. Und dann haben wir den Salat. Anstatt das gute Öl zusammen mit etwas Essig auf denselben zu geben, müssen sich die Damen und Herren von BePe plötzlich mit einer kapitalen Ölpest herumschlagen. Wer nun denkt, kapital kommt in diesem Zusammenhang von Kapital, hat falsch gedacht. Denn die Ölpest im Golf von Mexiko ist eigentlich durch und durch sozialistisch. Sie ist für das ganze Volk da! Jede(r) darf sich so viel nehmen wie sie/er gerne möchte. Es ist genug für alle da. Reichlich vorhanden vom schwarzen Gold, selbst die eingefleischtesten Sozialisten können da gar nicht nein sagen zu so viel Überfluß. So, und jetzt kommen wir zur bereits angekündigten Ableitung, rein mathematisch gedacht, denn das Öl leitet sich selbst ab, da braucht es weder Menschen noch Braunpelikane, welche, oh welch Wunder, nun zu wunderschönen Schwarzpelikanen mutiert sind. Die Ölpest setzt sich so im Gefieder der Vögel fest, daß es förmlich an die großen Pestepidemien des finstersten Mittelalters erinnert. Eine Pestbeule nach der anderen reift heran, gärt und, schwuppdiwupp, zerplatzt wie die schönen Träume der schönen Damen und Herren in den schönen Kostümen und Anzügen von BePe. Lauter schöne Pestbeulen also, welche dort hantieren. Nein, natürlich nicht die schönen Damen und Herren, die schwimmen schließlich nicht im Meer. Die Pestbeulen sind immer die anderen, in diesem Falle die Braunpelikane, stellvertretend für all die anderen geschundenen Kreaturen.

Und so kommen wir wieder zurück auf unser eigentliches Thema. Was geht uns der Golf von Mexiko denn an? Der ist weit weg. Also, da gibt es diese tolle KlimaCard von dieser, ich glaube, ich habe es schon erwähnt, freien und flotten Tankstellenkette OIL!. Und jetzt raten Sie einmal, nein, lassen Sie´s bleiben, dies würde zu lange dauern, mit welch phänomenalen Slogan diese KlimaCard umschmeichelt wird. “Zusammen tanken wir die Umwelt auf”. Ich könnte brüllen vor Lachen. Leider bleibt einem jedoch bei so viel Dreistigkeit das Lachen im Halse stecken. Ein ehemals einigermaßen intaktes ökologisches System versinkt in der Katastrophe, der Mensch muß tatenlos und vor allem hilflos zusehen, wie die Natur hingerichtet wird und OIL! will jetzt auch noch den Rest der Umwelt auftanken. Da sage ich: “Tanke schön!”

Das ganze System funktioniert übrigens so. Kunden, welche mit der KlimaCard ausgerüstet sind, zahlen im Moment pro Liter feinsten Sprit 1,25 Cent extra. Das Unternehmen selbst hat sich aus feinstem Stoff maßgeschneiderte Spendierhosen anfertigen lassen und gibt dieselbe Summe noch dazu. So wandern, wir befinden uns in den Abgründen der Mathematik, 2,50 Cent an eine eilig ins Leben gerufene Organisation mit dem hochtrabenden Namen “Initiative Pro Klima” (siehe dazu die Internetseite Initiative Pro Klima). Wer sich jetzt die Mühe macht, ins Impressum dieser Initiative zu schauen, wird dort als Firmensitz die Adresse Admiralitätstr. 55, 20459 Hamburg finden. Und jetzt raten Sie einmal, ja, nun dürfen Sie, denn das geht sicherlich recht schnell, unter welcher Adresse unsere freie und flotte Tankstelle zu finden ist? Richtig: Admiralitätstr. 55, 20459 Hamburg. Zufälle gibt´s im Leben, man glaubt es ja nicht.

Wie auch auf meiner heutigen Fundgrube oder besser gesagt meinem eingangs erwähnten Honeypot zu lesen ist: Welchen Zwecken das Geld zufließt, steht explizit nirgends geschrieben. Und, mit Verlaub gesagt, die Seite ist weder ein guter noch ein schlechter Witz. Wer genauer schaut, wird sehen, daß dieses Webprojekt bereits 2008 ins Netz gestellt wurde. Und wer sich durch die Unterseiten klickt, wird mit Informationen förmlich überschwemmt. Gehen wir gemeinsam doch auf die Unterseite mit dem schönen Namen Forschungsprojekte. Was finden wir dort?

Steht dort doch tatsächlich im Eingangssatz, daß das Leben auf unserer Erde maßgeblich durch das Klima geprägt wird. Schau an, schau an, welch neue Erkenntnis. Doch es kommt noch besser. Satz zwei klärt uns darüber auf, daß sich der Mensch nur in einer bestimmten Bandbreite von Temperaturen wohl fühlt. Hört, hört! Der Mensch benötigt Niederschläge, doch nicht zuviel davon. Staun, staun! Und auch der Wind ist uns von Nutzen, aber im Übermaß wirkt er zerstörerisch. Also, hier geht es wirklich mit geblähten Segeln zur Sache. Nun, lassen wir die Seite einfach links, rechts und wenn Sie wollen, auch in der Mitte liegen und schauen uns an, was uns sonst noch alles von der “Initiative Pro Klima” erwartet. Der Punkt Projektnews hört sich mächtig interessant an, da platze ich jetzt schon vor Neugierde und der Inhalt der Seite dementsprechend sicherlich aus allen Nähten. Ich will Ihnen jedoch keine leeren Versprechungen machen, sehen Sie also selbst, was Sie auf der Seite erwartet. Da bin selbst ich mit meinen leeren Versprechungen noch ein Meister des Nichtssagenden. Und das Allerbeste: Blicken Sie einmal zum Ende der Seite, keine Angst, Sie brauchen dazu  nicht scrollen. Das Projekt “Initiative Pro Klima” wurde 2008 ins Netz gestellt und heute haben wir den 18.06.2010. Nicht eine einzige Neuigkeit! Nur mal angenommen, die Seite wurde zu Silvester online gestellt (wir wollen höflich und nachsichtig bleiben), würde dies bedeuten, daß seit 1 1/2 Jahren nicht eine einzige Projektnews zustande kam. Aber schreiben ist nicht jederfraus und jedermanns Sache.

Aber ich bin ein gutgläubiger und vor allem geduldiger Mensch. So denke ich mir, daß Öffentlichkeitarbeit das A und O jedes Unternehmens ist. Aha, was haben wir denn da. Der Punkt Pressemeldungen. Wenn das nichts ist für Mamas Sohnemann. Und siehe da, wir bekommen ja wirklich etwas zu lesen. Nur noch einmal zur Erinnerung. Wir schreiben heute den 18.06.2010! Die “aktuellste” Meldung stammt vom 03.12.09. Davor gab es eine zwei gezählte Meldungen für das Jahr 2009 und wiederum zwei für das Jahr 2008. Wissen Sie was, jetzt reicht es sogar mir!

Frei und flott? In meinen Augen eher OI OI OIL! So, jetzt brauche ich zur Beruhigung eine Zigarette. Verd..mt, schon wieder leer. “Allerbeste Ehefrau der Welt, wo sind die Autoschlüssel?”          

3. Teil: Die Gerüchteküche brodelt

Sonntag, Juni 13th, 2010


Nur brodelnde Gerüchte sind gute Gerüchte. Grundlage dieser These bilden jene beiden Gerüchte, welche ich unter den Schlagzeilen Extraterrestrisches Leben entdeckt und Außerirdisches Leben wird immer wahrscheinlicher in diese wunderschöne virtuelle Welt aus scheinbar untrennbar miteinander verbundenen Überlagerungen aus Sein und Schein gesetzt habe. Nun, wie bereits in meinem Artikel 1. Teil: Das Internet - wahr, gelogen oder wahrgelogen? ausgeführt, es handelt sich bei den Meldungen um reine Erfindungen. Gefakt, meiner Phantasie entsprungen, haltlos, grundlos, bodenlose Frechheiten ohne den geringsten Wahrheitsgehalt.

Der 2. Teil: Ohne Lüge keine Wahrheit, veröffentlicht auf meinem Blog Freie Zeit endete mit der von Jean-Noël Kapferer aufgestellten Behauptung, daß zwei Prämissen erfüllt sein müssen, um einem Gerücht Glauben zu schenken, nämlich glauben zu können und glauben zu wollen. Oder, um wieder mit dem französischen Soziologen zu sprechen: “Ein Gerücht ist das Auftauchen und die Verbreitung von Informationen im gesellschaftlichen Organismus, die entweder von offiziellen Quellen noch nicht öffentlich bestätigt sind oder von diesen dementiert werden.” (siehe Marcus Knill: Gerüchte - eine effiziente Form der Kommunikation).

Aber genau hier greifen die Mechanismen des Mediums Internet in all ihrer trügerischen Sicherheit nach schneller Informationsbefriedigung, Abrufen von Informationen in Echtzeit und dem Anspruch, jede nur erdenkliche Information an jedem Punkt der vernetzten Erde zu jedem Tageszeitpunkt abrufen zu können. Ich füge die Puzzleteile zu einer semantisch und syntaktisch schlüssigen Meldung zusammen, welche den Regeln wissenschaftlicher fundierter Berichte entspricht, wie sie der auf dem entsprechenden Wissensgebiet gemeinhin als Laie bezeichnete Mensch ohne weiteres Hinterfragen akzepiert, sogar akzeptieren muss, da die Möglichkeiten der Widerlegung in den meisten Fällen einfach fehlen. Und genau diese Propaganda wird uns schließlich zum Verhängnis, das Internet wird nicht mehr als abgegrenzter Bereich zu unserem realen Leben betrachtet, sondern erfährt eine unmerkliche Vernetzung von Virtualität mit Realität.

Die Grenzen der virtuellen Welt mit unserer einst auf Zeitung, Fernsehen und Radio beschränkten Welt werden fließend, Teile unserer Persönlichkeit überlagern sich als virtuelle Avatare, selbst geschaffene Phantasiefiguren mit jenen Wertigkeiten, wie sie letztendlich von uns als wünschens- und erstrebenswert erachtet werden. Wer sich als virtueller und trotzdem anonymisierter Teil einer Gruppe in sozialen Netzwerken und sozialen Plattformen aufhält, wird danach trachten, sein selbstgewähltes idealisiertes Bild möglichst rasch und vor allem effektiv in der Internet-Gemeinde zu verbreiten, um so eventuelles Misstrauen von vornherein auszuschalten. Was mehrfach im Netz steht, muß zwangsläufig wahr sein und bedarf demnach keiner Überprüfung, hält geradezu jeder Überprüfung durch die gegebene Wiederholbarkeit der Information von verschiedenen, scheinbar unabhängigen Quellen stand. Indikator des Wahrheitsgehaltes einer Nachricht ist nicht mehr, ob ein entsprechender Soll-Ist-Vergleich einer möglichen Plausibilität standhält, sondern ob die Wiederholfrequenz gegeben ist.

Inhaltlich verlässlich wird ein Artikel, die Eigenschaften eines Avatars, ein wissenschaftlicher Bericht dann, wenn seine Wiederholbarkeit, im wörtlichen Sinne “wieder holbar”, gegeben ist. Und je öfter die zu bewertende Information von verschiedenen Quellen abrufbar ist, desto glaubwürdiger wird die Verlässlichkeit dieser transferierten Daten.Wir sind dementsprechend alle Teil dieses globalen Dorfes, virtuelle Einwohner in dieser von Marshall McLuhan geprägten neuen modernen Welt, in welcher wir uns auf den virtuellen Strassen elektronischer Netze bewegen, ohne aber unseren physischen Standort jemals wechseln zu müssen, um in Kontakt mit anderen virtuellen Bewohnern dieses Cyberspace-Planeten treten zu können. Die Menschheit hat bereits diesen Schritt in das neue, von allen herbeigesehnte elektronische Zeitalter vollzogen, unmerklich haben wir die alte Weltordnung, von McLuhan als Gutenberg-Galaxis (siehe z.B. Gutenberg im Medienzeitalter) bezeichnet, Castells spricht heutzutage von der McLuhan-Galaxis, zugunsten der sogenannten Turing-Galaxis vollzogen. Volker Grassmuck prägte diesen Begriff in Anlehnung an Alan Turing, welcher die Ablösung der Gutenberg-Galaxis von zwei Konzepten abhängig machte, einerseits durch eine vorhandene Universale Diskrete Maschine, eine primitive Maschine, die aus sich heraus jede andere Maschine emuliert, ihr Erscheinungsbild neu modelliert und anderereits durch den von ihm entwickelten Turing-Test, ein Gedankenexperiment, welches sich mit der Frage beschäftigt, ob eine Maschine die Fähigkeit haben kann, eigenständig zu denken.

Wobei es bis heute noch keinem Computerprogramm gelungen ist, Intelligenz im Sinne von menschlicher Intelligenz für sich beanspruchen zu können. Allenfall nur unter erheblichen Reduktionen und Restriktionen, so z.B. wenn sich die Fragestellungen auf Schach beschränken, kann Maschinen Intelligenz attestiert werden, mit ein Grund ist hierbei sicherlich, daß sich Kommunikation, wie sie sich im zwischenmenschlichen Bereich abspielt und demzufolge auch definiert wird, von wesentlich mehr Faktoren als dem bloßen Austausch von Worten abhängig ist, man denke etwa an Gefühlsregungen wie Liebe, Hass, Freundschaft usw. Aber ich schweife schon wieder ab. Da aber der gerade Weg, das direkte Ziel vor Augen, oftmals nicht wirklich zielführend ist, überlasse ich Sie für heute Ihren eigenen Gedanken und folge meinem selbstgewählten Zickzack-Kurs, welcher sich dahingehend äußert, daß Sie die Fortsetzung dieser kleinen Reihe über die Welt der Gerüchte mit dem Titel 4. Teil: Auch Gerüchte sind Information wieder auf meinem Blog Freie Zeit finden werden, sozusagen meiner eigenen virtuellen Miniatur-Parallelwelt im großen Universum namens Internet. Bis dahin verbleibe ich mit den gewohnt leichtfertig dahingeschriebenen Grüßen als ein anrüchiger lautlos reitender Gerüchte-Verbreiter. In diesem Sinne sage ich gute Nacht.

Ihr Paul Bögle 

1. Teil: Das Internet - wahr, gelogen oder wahrgelogen?

Sonntag, Juni 6th, 2010

Der Cyberspace, die Welt der Gerüchte

Liebe Leser, nichts ist wahr an meiner Meldung “Extraterrestrisches Leben entdeckt” und der nachfolgenden Meldung “Außerirdisches Leben wird immer wahrscheinlicher“. Auch wenn ich nun einige von Ihnen verärgert habe und in anderen von Ihnen Ängste und möglicherweise sogar Hoffnungen geweckt haben sollte, was den Glauben an außerirdisches Leben fernab unseres eigenen Sonnensystems betrifft. Die Meldung ist schlichtweg erfunden. Allerdings muß ich sagen, und ich hoffe, dies gestehen auch Sie mir zu, ich habe sie wunderbar in ein Feld von Wahrheiten und Wahrhaftigkeiten gepackt. Wahr ist, daß es das System des Gliese 581 tatsächlich gibt. Es handelt sich hierbei um einen ca. 20 Lichtjahre von uns entfernten Stern im Sternbild Waage, mehr weiß ich aber auch schon nicht mehr über diesen Stern zu berichten. Ich habe ganz einfach im Cyberspace, den meisten unter Ihnen als Internet bekannt, gegoogelt und mich dann spontan für diesen Stern entschieden. Mag sein, daß mich dabei der Name besonders angesprochen hat, wohl eher wollte ich mich aber möglichst für einen Stern entscheiden, welcher relativ schnell von anderen Usern bei entsprechender Neugierde im Internet gefunden wird und vor allem bereits gesicherte Ergebnisse liefert. Sprich, meine fiktive Pressemeldung musste auf festen Füssen stehen.

Weiterhin entspricht es der Wahrheit, dass es auch die im Artikel benannte Forschergruppe tatsächlich gibt. Auch hier musste ich eine entsprechende Vertrauensbasis schaffen, um auch die letzten Zweifel aus der Welt zu räumen. Wer hat nicht schon einmal von der altehrwürdigen Freien Universität Berlin gehört und wer würde dementsprechend daran zweifeln, daß die tatsächlich ins Leben gerufene Emmy-Noether-Forschungsgruppe, noch dazu mit Forschungsgeldern ausgestattet, nicht wirklich der Existenz ausserirdischen Lebens auf dem Stern Gliese 581 nachginge.

Ich möchte nun bereits vorab sagen, daß die nun folgenden ziemlich ausschweifenden und vielleicht auch nicht einfach zu lesenden Artikel, welche ich des besseren Verständnisses wegen in drei Teile gegliedert habe, keine Rechtfertigung für mein Tun und Handeln darstellen soll. Und doch sah ich eine Notwendigkeit ganz im Sinne von Jean-Paul Sartre: “Wichtig für mich ist, daß ich getan habe, was zu tun war. Gut oder schlecht, darauf kommt es nicht so sehr an, Hauptsache, ich habe es versucht.” Denn in Zeiten, in denen Menschen und elektronische Medien, wie es besonders das Internet in seiner heutigen Form darstellt, bereits untrennbar miteinander verbunden sind, der Name Netz als Synonym für Internet impliziert meines Erachtens nämlich genau das, was es ist, ein feinmaschiges digitales Instrument ohne die Möglichkeit des Entkommens, müssen wir uns mehr denn je mit den Gefahren auseinanderzusetzen versuchen, welche durch diese für jederfrau (jedermann) Möglichkeit manipulativen Verhaltens drohen. Weiterhin liegt es mir fern, das Internet als genius malignus zu verdammen, einen virtuellen Gaukler, Spielball und Spieler in einer einzigen imaginären Gestalt, welcher dank seiner schier unbegrenzten Fangarme den Menschen täuschen kann, ganz wie es ihm beliebt. Seit Menschengedenken ist die Wahrheit untrennbar mit der Lüge verbunden, denn erst die Konfrontation mit der Lüge macht es möglich, die Wahrheit zu erkennen bzw. schafft sie zumindest die Prämisse, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu bewerten, wenngleich hier immer eine subjektive Bewertung zugrunde liegt. Sprich, Lüge und Wahrheit können niemals entweder nur schwarz als Symbol der Lüge und weiß als Zeichen für Wahrheit gesehen werden, sondern sie lassen sich in beliebig viele Grautöne unterteilen, jede noch so kleine Schattierung, der geringste Farbunterschied, jede Nuance steht dabei für das Wahrheitsempfinden des Einzelnen. Aussagen oder auch Handlungen, welche für ein Individuum also noch als plausibel, legitim und dementsprechend als moralisch vertretbar erscheinen, sich umgangssprachlich “im Rahmen des Erlaubten” bewegen, werden von anderen bereits als Unrecht oder eben als Unwahrheit empfunden und stehen auf dieser Farbskala bereits jenseits des Vertretbaren, sozusagen auf der schwarzen Liste. Oder wie es Nietzsche im Zarathustra ausdrückt, dieser verzweifelten fixen Idee, der Suche nach dem Übermenschen, jenem Antipoden zum Tier, zwischen dessen beiden Endpunkten der Mensch als Bindeglied auf einem Seil über dem Abgrund balanciert: “Wer nicht lügen kann, weiß nicht, was Wahrheit ist.”      

Ich habe also einen realen Ort, eine real existierende Institution gewählt, um eine Nachricht in das allmächtige Internet einzuspeisen, welche jeglicher Grundlage entbehrt. Denn gerade dadurch, nein eigentlich nur durch diesen Umstand, daß ich scheinbar vertrauensvolle und über jeden Zweifel erhabene Quellen benannt habe, verleihe ich dieser brisanten Meldung jene Authentizität, um ein eingestreutes Gerücht als Wahrheit zu verkaufen. Ich stelle mich in diesem Falle sogar als diejenige Vertrauensperson dar, welche nicht abseits des Geschehens nur aus dem Blickwinkel eines Betrachters fungiert, sondern gebe vielmehr vor, Informationen aus erster Hand zu besitzen, deren Glaubwürdigkeit als gesichert gelten. Diese scheinbare Bereitwilligkeit, meine Informationen uneingeschränkt mit anderen zu teilen, unterscheidet mich jedoch grundlegend von den unzähligen anonymen Gerüchten, welche tagtäglich im Medium Internet kursieren und von uns meist ohne unser willentliches Zutun aufgenommen werden. Und doch bin ich in weiterer Folge selbst nur Informant, als Mittelsmann von Informationen, nicht als Produzent, möchte ich in Erscheinung treten, in dem ich vorgebe, daß ich auf etwas Interessantes im Internet gestossen bin. Nicht ich bin es, welcher für deren Echtheit verantwortlich ist, ich bin nur derjenige, der es für notwendig erachtet, mein scheinbares und anscheinend gesichertes Wissen mit anderen zu teilen. Gerade diese Reputation, welche ich genieße, erlaubt es mir, als Knotenpunkt einer mir bekannten, da selbst produzierten, für andere jedoch unbekannten Quelle aufzutreten, ohne mich aber für deren Authentizität verbürgen zu müssen. Je mehr Glaubwürdigkeit also der Informationsgeber bereits besitzt, unabhängig wie abstrus und unmöglich der Wahrheitsgehalt der Information auch erscheinen mag, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß das Gerücht als Wahrheit akzeptiert wird. Wichtig ist jedoch eines! Erst wenn es mir gelingt, die einzelnen Elemente an Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten, an Illusionen, Täuschungen, fiktiven Bestandteilen und möglicherweise auch unbeabsichtigten Irrtümern so zu einer umfassenden Einheit zu komponieren, daß aus diesen Einzelteilen eine glaubwürdige Lüge entsteht, kann erfolgreiche Desinformation, Falschinformation, Fehlinformation oder welche Intention auch immer damit verbunden war, entstehen. Lässt sich eine dieser “kleinen Lügen” nicht mehr stimmig in das Gesamtbild der Gesamtlüge einpassen, d.h. wird ein Element als Lüge enttarnt, bricht über kurz oder lang die Konstruktion dieser ganzheitlichen Lüge in sich zusammen.

Es sei hierbei noch eines angemerkt. Ich weiß, daß mich nun viele Philosophen darauf aufmerksam machen werden, daß ich keine klare Abgrenzung und schon gar keine Definition bezüglich der verschiedenen Begrifflichkeiten zwischen Illusion, Täuschung, Fiktion usw. treffe. Aber dies würde nun einerseits wirklich den Rahmen des hier Vorgestellten sprengen, andererseits finde ich jedoch auf diese Fragestellung keinen bisher befriedigenden Lösungsansatz, welcher sich in einigen wenigen Sätzen niederschreiben ließe. So unterscheide ich der Einfachheit halber diese Termini nicht und substituiere sie je nach Bedarf, wissend, daß ich die dadurch die entstehenden Fragen unbeantwortet lasse.

Der 2. Teil: Ohne Lüge keine Wahrheit folgt in Kürze, allerdings finden Sie die Fortsetzung auf meinem zweiten Blog Freie Zeit. Bis dahin wünsche ich allen eine gute Nacht. Sie glauben mir nicht?