Archive for the ‘Reisen’ Category

Good goods auf der goodgoods

Sonntag, August 29th, 2010

Gute Früchte: Die Verbrauchermesse goodgoods

Nachhaltiger Konsum wir immer wichtiger. Nicht nur Verbraucher wollen sich über die neuesten Tendenzen, Entwicklungen und Produkte auf dem grünen Sektor informieren. Gerade die Hersteller, Produzenten, Anbieter und mittlerweile auch Verkehrsbetriebe betrachten Messen wie die erste grosse Verbrauchermesse goodgoods im Norden Deutschlands als wichtige Plattform, den Konsumenten hinsichtlich der eigenen Waren und Dienstleistungen unter dem Aspekt “nachhaltiger Konsum” aufzuklären und zu informieren. Möchte sich die Öko-Messe Fairena in München zum grünen Brennpunkt für fairen Handel und Nachhaltigkeit entwickeln, hat Hamburg nun mit der goodgoods nachgezogen. 

Während viele Unternehmen mittlerweile im Trüben fischen und sogenanntes “Greenwashing” betreiben, d.h. die erfindungsreiche Vermarktung ökologisch bedenklicher oder zumindest dem Verbraucher keinen Mehrwert bietender leerer Hüllen unter dem Siegel “Wir denken bei allem, was wir tun, in erster Linie an unsere Umwelt”, dargeboten auf medialen Grossereignissen wie etwa dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen, öffnet vom 27.-29. Mai 2011 die erste grosse Verbrauchermesse für nachhaltigen Konsum goodgoods in Hamburg ihre Pforten.

Man darf gespannt sein, ob die goodgoods ihre Zielsetzung, “Die besten Angebote für bewusste Konsumenten” erfüllen kann oder womöglich übertrifft. Zumindest ist die Zielsetzung, dem Messebesucher Produkte und Dienstleisungen zu präsentieren, welche einerseits ökologisch und verantwortungsbewusst sind, andererseits im gleichen Atemzug aber auch von bester Qualität, begehrenswert und smart sind, sehr löblich. Die goodgoods möchte dabei alle Bereiche des täglichen (ökologischen) Lebens abdecken, angefangen von Ernährung, Gesundheit und Wellness über Mode und Wohnen bis hin zu den Trendmärkten Technologie, Mobilität und Business.

Mehr Informationen zur goodgoods finden sich auf der goodgoods-Webseite oder unter diesem Link:

goodgoods: Die Verbrauchermesse für nachhaltigen Konsum vom 27.-29. Mai 2011 in Hamburg

  


Öko-Messe Fairena - Eintritt frei

Sonntag, Mai 30th, 2010


München ist eine Reise wert… 

…besonders dann, wenn Sie ein menschliches Wesen sind, welches den Vorsatz (aus)lebt,das eigene Handeln, Denken und Leben nach ethisch korrekten Gesichtspunkten zu gestalten. Doch die Öko-Messe Fairena am 16. und 17.10.2010 in der denkmalgeschützten Reithalle München richtet sich nicht nur an Sie als Verbraucher, sondern bietet gerade Firmen eine der leider viel zu wenigen Plattformen, sich einem breiten Publikum zu stellen. Dieser Artikel ist deshalb auch eine Unterstützungserklärung und ich möchte betonen, daß ich weder geldwerte Leistungen dafür bekomme noch andere Vergünstigungen für die Veröffentlichung erhalte, sondern einzig und alleine aus dem Bedürfnis darüber berichte, neue Konzepte bezüglich fairen Handels (fair trade) und sämtliche damit in Zusammenhang stehenden Erweiterungen publik zu machen.  

Öko-Messe Fairena bio und fair trade Messe

Bild entnommen aus der Pressemitteilung der

Messe für fair trade Produkte und Nachhaltigkeit

Was bietet die Erste “Fairena”- Messe für fairen Handel und Nachhaltigkeit vom 16. bis 17. Oktober 2010 in München? Hauptschwerpunkte, wie könnte es anders sein, sind ökologisch produzierte Produkte und Dienstleistungen aus dem nachhaltigen Bereich. Doch verantwortungsvolle Lebensweise und gelebte Verantwortung in unserer heutigen modernen Konsumgesellschaft bedeutet ebenfalls, an folgende Themen zu denken:

  • Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau

  • Naturtextilien und Naturkosmetik

  • Umwelt und Natur als Überbegriffe, welche sich natürlich einer strengen Definition entziehen und demzufolge auch kaum begrifflich fassbar sind

  • Verkehrs- und Transportlösungen, die dem Konzept Umweltschonung und Umweltverträglichkeit Rechnung tragen

  • Natürliches und vor allem energiesparendes Wohnen und Bauen

  • Nachhaltigkeit und jene allgemeingültigen und schwer einzugrenzenden Bereiche, welche Sinn und Zweck einer verantwortungsvollen Lebensweise in all ihren Formen und Farben erfüllen

Peter Brudna, Organisator der Fairena, fasst das Konzept der Öko-Messe deshalb folgendermaßen zusammen: 

“Die Nachfrage nach ökologisch und fair produzierten Waren steigt bei Unternehmen und Endverbrauchern kontinuierlich an. Daher haben wir uns entschlossen, die erste Fairena-Messe in München zu initiieren und Unternehmen die Möglichkeit zu bieten, ihre Produkte und Dienstleistungen zu präsentieren.”

Für Verbraucher, welche sich über umweltfreundliche und fair produzierte Waren informieren wollen, ist der Eintritt an den beiden Messetagen deshalb auch frei. Und für Aussteller, welche ihre Dienstleistungen oder Produkte aus den Bereichen Umweltschutz, Energiesparen, Fair-Trade, Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau, umweltfreundliche Wasch- und Reinigungsmittel, Naturkosmetika, Naturtextilien etc. einem breiten Publikum präsentieren wollen, ist eine Anmeldung auf der eigens dafür eingerichteten Fairena-Messe-Webseite ab sofort möglich.  


Phu Quoc - paradiesische Zustände

Freitag, April 2nd, 2010


22.01. - 29.01.2010 Sonne, Meer und weisser Strand

Die Luft ist vom ansteigenden Lärm der Propeller erfüllt. Immer heftiger beginnt die Maschine der Vietnam Airlines zu vibrieren, als wir pünktlich um 9:15 Uhr auf die uns zugewiesene Startbahn rollen. Vor den Fenstern marschieren die eng an den Saigoner Flughafen gebauten kleinen Hütten vorbei, bunte Würfel aus Wellblech und Holz, welche ungeordnet chaotisch und scheinbar planlos rund um die Start- und Landebahnen dicht an dicht den Menschen als Wohnstätte dienen. Manchmal nur durchbrochen von neueren höheren modernen Gebäudekomplexen aus Stahlbeton, die sich mit ihren Beton-Ellenbogen Platz geschaffen haben und nun wie Fremdkörper zwischen den einstöckigen Hütten thronen.

Wir lassen Saigon nun endgültig hinter uns, unter uns. Immer schneller bewegen sich die Häuser an uns vorüber, um sich letztendlich in einer bunten verschwommenen Wand aufzulösen. In langen geschwungenen Serpentinen zeigt sich der Saigon River unter uns, ein glitzernder überdimensionaler Schlangenkörper, welcher sich begierig durch die dunstverhangenen Häuserschluchten frisst. Erst von hier oben lässt sich erahnen, welch riesenhaftes Konglomerat Saigon ist. Ein nicht enden wollender Lindwurm aus stählernen Schuppen zieht sich bis zum Horizont hin, während in westlicher Richtung langsam die ersten grünen und vom Braun des Wassers überfluteten Flächen der quadratischen Reisfelder auftauchen.

Saigon Flughafen: Platz ist in und neben der kleinsten Hütte

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ein unsichtbarer Maler hat sich seine Zeit damit vertrieben, weisse Phantasiegestalten in Form von Elefanten, Pferden, Krebsen mit riesigen Scheren und sonstigen gar absonderlichen und wunderlichen Gestalten auf den Himmel zu zeichnen. Mit jeder Sekunde verändern sie sich, der weisse Krebs verliert langsam eine Schere, still löst er sich auf und mutiert stattdessen zu einem wiessen Ritter mit Lanze, während sich der weisse Elefant plötzlich entschieden hat, doch lieber eine weisse Vase mit einer weissen Rose zu werden. Die Rose wird welk, die Vase bricht unter dem Gewicht der feinen Nebel, welche ihre Konturen nur für wenige Augenblicke zusammengehalten haben, zusammen, der Wind formt eine weisse Amöbe aus den verbliebenen Wolkenfetzen.

So gleiten wir über den vietnamesischen Himmel dahin, vibrierend und dröhnend stampft unser Flugzeug gen Westen, hinaus auf die weite Fläche des Südchinesischen Meeres. Doch nur kurz überfliegen wir das monoton herrliche Blau, bevor die ersten kleinen grünen Zungen der bewaldeten Hügel von Phu Quoc das flüssige Meeressalz in sich aufnehmen. Scharf zeichnet sich die helle Küstenlinie der kleinen Insel ab, hellbraun wellig schieben sich die vorgelagerten schmalen Sandbänke zwischen das Blau des Wassers und den rötlichen Sandstreifen, welcher unter uns in der prallen Sonne glüht.

In einem weiten Bogen nähern wir uns der Hauptstadt Duong Dong. Je tiefer wir sinken, desto dichter werden die Wälder des Eilandes, nur von einigen wenigen Strassen durchzogen und durchbrochen, welche sich als kleine staubige verästelte rötliche Bänder durch die Landschaft schlängeln.

Phu Quoc: Es führt ein Weg ins Nirgendwo Phu Quoc: In lichten Höhen

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Flughafen wirkt verschlafen, nur wenige Bedienstete, die trotz alledem jeden der Reisenden genau unter die kommunistische Lupe nehmen. Auf einem kleinen Förderband drehen sich die wenigen Koffer im Kreis, um von den paar Dutzend Touristen in Empfang genommen zu werden. Auch vor dem Flughafengebäude nur wenige Taxis, keine Spur von Hektik und geschäftigem Treiben, wie wir es von Saigon gewohnt waren. Selbst die Palmen lassen sich nur zu einem müden Winken herab, um sich sofort wieder dem vormittäglichen Sonnenbad zu widmen.

Unser Taxi bringt uns aus der Stadt heraus, zumindest wird Duong Dong als solche bezeichnet, sogar als Hauptstadt. Pfefferplantagen entlang des roten Staubbandes, immer wieder von einigen hundert Metern asphaltierter Strasse unterbrochen, um dann wieder nahtlos als staubiger trockener roter heisser Weg weiterzuführen. Abseits wenige Hütten, überall liegt träge lethargisch angenehme wohlig ansteckende Müdigkeit in der warmen Luft.

Nach 20 Minuten verlassen wir die Sandpiste, durch einen dichten Wald schaukelt unser Taxi über Wurzeln und Steine geradewegs ins Nirgendwo. Manches Mal im Schritttempo, dann wieder für ein paar Meter zwei Schritte schneller, gelangen wir zu unserem Ressort, dem Phu Quoc Resort Thang Loi. Irgendwo im Nirgendwo lässt sich wohl der erste Eindruck am besten beschreiben.

So stehen wir nun da. Eine Flugstunde von Saigon entfernt, einen Koffer und unseren unvermeidlichen Rucksack neben uns. Und sonst? Das Meer blickt uns lüstern hinter Laubbäumen und Palmen an. “Kommt zu mir!” rauscht es uns verführerisch zu. Mir kommen jetzt noch die Tränen, wenn ich an diesen ersten Moment zurückdenke. Dieser erste Augenblick, fern jeglicher Zivilisation, wie sich der gemeinhin als modern bezeichnete Mensch eben seinen Traum vom Paradies vorstellt. Alle Sehnsüchte, alle wunschgewordenen Vorstellungen werden mit einem Male wahr. Wir stehen und schauen, wir schauen und stehen, einfach da und einfach still.

Unser Beach Front Bungalow ist noch nicht ganz fertig. Macht nichts, wir setzen uns auf die geräumige Terrasse des Restaurants, lassen uns von Marianne, der deutschen Chefin des Ressort bei einem frisch gepressten Fruchtsaft und einem Eiskaffee den Ablauf erklären, während ihr Mann Reinhard hinter der Theke die Getränke zubereitet.

Ich möchte bereits vorab schon einige Dinge zum Thang Loi Resort loswerden. Ich habe mich natürlich wie vor jedem Urlaub umfassend über unsere Gastgeber informiert. Ich habe Bewertungen gelesen, Kundenmeinungen und Rezensionen zum Thang Loi Resort gefunden, Vergleiche mit anderen Hotels und Ressorts auf Phu Quoc angestellt. Ich habe nicht nur Positives über unsere Gastgeber gelesen, doch wie überall dachte ich mir, die Wahrheit wird wohl irgendwo in der Mitte angesiedelt sein. Ich las Kritikpunkte, dass die beiden ihre Pflichten als Gastgeber vernachlässigen, dass eventuelle Wünsche abgewiegelt werden und sich die beiden mehr in Urlaubssstimmung als in Arbeitsstimmung befinden.

Liebe Leser, wir, und hier spreche ich nicht nur für mich, sondern auch mit der Stimme meiner Frau, können all diesen Punkten weder zustimmen und schon gar nicht können wir dieses bejahen. Wir wurden herzlich aufgenommen, wir wurden zuvorkommend behandelt und uns fehlte es rein an gar nichts. Wir können das Thang Loi Resort vorbehaltlos empfehlen und dürfen im Nachhinein ohne Einschränkung sagen, dass wir eine herrliche Woche auf Phu Quoc verbracht haben.

Man sollte sich als Reisender bereits vor Antritt bzw. vor der Buchung über einige Punkte im Klaren sein: Was erwarte ich mir im Urlaub und welche Bedürfnisse möchte ich befriedigt sehen? Wer es für unabdingbar hält, fliessendes warmes Wasser am Abend zum Duschen zur Verfügung zu haben, ist hier sicherlich fehl am Platze. Wer es für notwenig erachtet, den ganzen Tag mit elektronischen Strom versorgt zu sein, wird hier enttäuscht werden. Wer davon ausgeht, auf Schritt und Tritt von clownesken Animateuren verfolgt zu werden, um sich seine Zeit zu vertreiben, dem empfehle ich den Ballermann 6 oder wie all diese unsäglichen “Urlaubsparadiese” heißen. Wer der Meinung ist, dass ein Gecko nachts sein Unwesen im Bungalow nicht treiben darf, muss auf komfortablere Hotels ausweichen. Und wer sich nicht damit anfreunden kann, nachts unter einem Moskitonetz mit der Taschenlampe noch sein Buch zu lesen, auch der wird sich hier niemals wohlfühlen. Von den vielen ungewohnten Geräuschen der nachtaktiven Tiere und Vögel ganz zu schweigen, denn die wollen einfach lieber tagsüber schweigen.

Aber was erwartet den Urlaubsreisenden dann? Um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: Nichts! Überhaupt nichts! Rein gar nichts! Kein Lärm, kein Stress, keine Hektik, keine Diskothek, keine Motorboote, kein Animationsprogramm! Sie liegen am menschenleeren Strand, Sie liegen in der Hängematte, Sie baden im 27 Grad warmen Meer. Sie machen nichts, Sie tun nichts. Sie lesen, Sie lassen sich von den bezaubernden Masseusen für umgerechnet 4,– Euro eine ganze Stunde lang massieren, Sie faulenzen. Und wenn Sie vom Faulenzen genug haben, eine Runde schwimmen, das Meer anschauen, dem Plätschern zuhören, die Fischerboote weit draussen am Horizonz beobachten. Einen Eiskaffee trinken, eine Kokosnussmilch trinken, eine Kleinigkeit essen, wieder lesen, wieder faulenzen, wieder schwimmen, wieder in der Hängematte liegen, 24 Stunden lang einfach nur die Seele baumeln lassen. Praktisch Standgas, aber das mit Vollgas. 

Ja, so sah unsere Woche grösstenteils aus. Jeden Tag nichts tun, manches hören, wenig reden, viel sehen, noch mehr lesen. Wer möchte, kann aber auch im Ressort einen Tauchausflug in den Norden der Insel buchen, das Tauchboot hält direkt am Strand, sozusagen vor dem Haus. Ich habe mir jeden Tag aufs Neue vorgenommen: “Aber morgen gehst Du tauchen!” Naja, aus jedem Tag wurde ein nächster Tag, aber sei´s drum, beim nächsten Mal gaaaaaaanz sicher!

So gingen die Tage ins Land, jeder Tag ein Abbild des vorhergehenden. Um Punkt 6:31 Uhr geht die Sonne im Osten der Insel auf und pünktlich um 18:01 Uhr verschwindet sie als riesengrosser roter Feuerball hinter dem Horizont (siehe Phu Quoc - Abendstimmung). Jeden Abend saßen wir auf der Terrasse unseres Strand-Bungalows, ließen Revue passieren, was eigentlich keiner Erwähnung bedarf und waren niemals enttäuscht. Langeweile fand nicht statt, weil kein Platz vorhanden war. Fadess wurde kurzerhand zum Unwort des Jahres ernannt, genauso wie die Worte lärmen, laut, arbeiten, sofort, gleich, jetzt und auf der Stelle.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Hier sagten sich weder Fuchs und Hase noch Robinson Crusoe und Freitag “Gute Nacht”. Hier sagte sich nicht einmal die gute Nacht selbst “Gute Nacht”, höchstens zwei glückliche und zufriedene Menschen auf der Suche nach Ruhe, Entspannung und einer Woche “Weit weg” inklusive “Ganz weit weg”.

Es würde jetzt nicht viel Sinn machen, sieben Berichte lang unser Faulenzen auf Phu Quoc zu beschreiben, wobei man sagen darf und sogar sagen muss, dass selbst der Müßiggang eine Kunst ist, welche zu erlernen nicht die einfachste ist. Gerade die Tatsache, dass dieses Nichtstun und die ungewohnte ständige Nähe schon viele Partnerschaften auseinandergebracht hat, ist bei Urlaubsreisenden ein vielfach beobachtetes Phänomen und in weiterer Folge ein gravierendes Problem, welches nicht zu unterschätzen ist (siehe dazu z.B. Urlaub beendet, Ehe kaputt). Deshalb gilt auch hier: Faulenzen will gelernt sein!

Welche Aktivitäten bietet Phu Quoc aber für diejenigen, welche nicht nur den ganzen Tag mit einem Buch in der Hand auf der faulen Haut liegen möchten? Wie bereits erwähnt, Tauchen im Norden oder im Süden der Insel (z.B. mit der in Duong Dong stationierten Tauchbasis Rainbow Divers) ist sicherlich eine gute Möglichkeit, die Unterwasserwelt des Südchinesischen Meeres, andere sprechen vom Golf von Siam, kennenzulernen.

Wer es nicht ganz so tief mag, auch Schnorchelausflüge in den Süden der Insel werden tagtäglich angeboten. Gerade die vorgelagerten Inseln von An Thoi bieten schöne Korallenriffe, sollten aber keinesfalls mit dem Tauchparadies Rotes Meer verglichen werden. Eine Tagestour um etwa 20,– bis 25,– Euro beinhaltet den Besuch einer Perlenfarm südlich des Strandes Bai Truong, Schnorchel und Flossen bei den beiden danach angefahrenen Spots werden ebenfalls zur Verfügung gestellt.

Phu Quoc: Wer wird denn Perlen vor die Säue werfen? An Thoi: Malerische Idylle am Hafen an der Südspitze der Insel Phu Quoc An Thoi: Ein Job, der zum Himmel stinkt! An Thoi: Das typische vietnamesische “Rundboot”

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ein BBQ auf dem Schiff ist ebenfalls inkludiert, allerdings möchte ich doch darauf hinweisen, dass die zum Verzehr angebotenen Seeigel doch in natura wesentlich schöner sind als im Verdauungstrakt irgendeines Touristen. Wer auf potenzfördernde Mittel angewiesen ist, auch den Seeigeln wird diese Wirkung angedichtet, sollte sich vielleicht den Schnorchel in die Badehose stecken, schaut auch enorm männlich aus und hat möglicherweise dieselbe Wirkung. Wer schon einmal eine Kolonie Seeigel unter Wasser betrachtet hat, wird verstehen, daß dieses diamantene Glitzern dieser wirbellosen Tiere alleine schon vom Anschauen potenzfördernd wirkt, also rein bildlich gesprochen, versteht sich. Der Kauapparat der Seeigel, beweglich miteinander verbundene Skelettplatten, ähnelt einer Laterne und wurde vom Meister höchstpersönlich zum ersten Mal beschrieben, dem von mir so hoch geschätzten Aristoteles. Deshalb wird er heute noch die Laterne des Aristoteles genannt. Es ist immer wieder erhebend, wenn sich Natur und Philosophie auf einen Nenner bringen lassen, man könnte in diesem speziellen Falle doch wirklich von Naturphilosophie sprechen. Auch wenn ich beim folgenden Bild den gerade propagierten Artenschutz ad absurdum führe, aber es erinnert doch stark an unsere westliche Erfindung “Essen auf Rädern”, nur eben “Essen auf Flossen”, man möge es mir verzeihen.

An Thoi-Inseln: Essen auf Flossen An Thoi-Inseln: Strandläufer An Thoi-Inseln: Hier wohnt nicht einmal Robinson Crusoe An Thoi-Inseln: Gelandet, gestrandet, versandet!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle 

Desweiteren darf man sich beim Hochsee-Fischen versuchen, allerdings auf recht puristische Art und Weise mit blosser Angelschnur und lebenden kleinen Köderfischen. Wer sich mit dieser Art Freizeitbeschäftigung nicht anfreunden kann, der bleibt einfach oben am Sonnendeck und schaut den kleinen Nachwuchs-Hemingways zu, wie groß der gefangene Walhai wohl sein wird, welcher sich doch irgendwann einmal im Wal-Walhalla einfinden muss.

Am späten Nachmittag steht dann noch eine Weiterfahrt zum wohl schönsten Strand auf Phu Quoc, dem sogenannten Bai Sao, auf dem Programm. Nun, zumindest wird der Strand als solcher vielerorts angepriesen. Keine Frage, der weisse pulverförmige Sand ist wohl nirgends sonst auf der Insel in dieser Art zu finden, doch eben das macht ihn zu einem begehrten Ausflugsziel. Wer, so wie wir, die Einsamkeit des Bai Ong Lang gewohnt war, wird sich mit dem touristisch angehauchten Strandabschnitt vielleicht nicht anfreunden können. Jet-Ski und andere stinkende lärmende Wassersport-Aktivitäten halten hier bereits Einzug, um dem Bedürfnis nach feriengerechter Unterhaltung nachzukommen, die entlang der Ufer-Promenade in Reih und Glied stehenden Bars tun ihr übriges.

Wer sich allerdings weniger dem nassen Element verpflichtet fühlt, mietet sich auf Phu Quoc für wenige Euro pro Tag ein Moped und erkundet die Insel staubschluckender Weise auf zwei Rädern. Insbesondere der bewaldete Norden der Insel mit seinem Nationalpark, welcher ca. 70% der Fläche der Insel ausmacht oder der Besuch einer Schwarzpfeffer-Plantage auf halbem Wege zwischen Duong Dong und dem Nationalpark, in Khu Tuong, lohnen allemal der Mühe, abends vollkommen mit rotem Staub bedeckt und verdreckt ein wohliges Bad im Meer zu nehmen. Für die Enthusiasten der kultigen vietnamesischen Fischsoße Nuoc Mam lässt sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, warum nicht der Besuch mit Führung in einem jener Produktionsbetriebe in der Hauptstadt Duong Dong, welche diese zu fast allen Speisen gereichte Fischsoße herstellen. Als Zutaten für die Nuoc Mam werden ausschliesslich fermentierte Ca Com-Sardinen verwendet, so erfährt der wissbegierige Tourist. Aber Vorsicht: Meines Wissens ist die Ausfuhr der Nuoc Mam sehr strengen Ausfuhrbeschränkungen unterworfen.

Aber die kleine beschauliche Hauptstadt Duong Dong bietet nicht nur die Fischsoßenfabrik als lohnenswertes und interessantes Ausflugsziel. Zu Fuß lässt sich ein kleiner Leuchtturm erklimmen, der Blick über den malerischen Hafen in einem besonders bei der Dorfjugend beliebten Cafe kann schon einmal eine Stunde dauern. Weiters sollte man der Sung Hung Pagode einen kurzen Besuch abstatten, bunt bemalte Drachen, vergoldete Fabelwesen und die in hellen Rosa- und Blautönen gehaltene Fassade, wie wir dies schon vom Cao Dai Tempel kennen, laden den Besucher ein, im Innenhof für einen kleinen Moment zu verweilen. Und besonders zu empfehlen ist selbstverständlich der Markt von Duong Dong. Was naheliegend Fischmarkt heißt, bietet allerdings mehr als nur Fisch und Fleisch, welches gänzlich ohne Kühlung auszukommen scheint. Wir haben uns dort mit Melonen, Lemonen, Orangen und Bananen eingedeckt, wohlwissend, dass das nächste Frühstück auf der Terrasse unseres Bungalows mit Sicherheit kommt.

Phu Quoc: Frühstück bei Tiffany? Nein, aber mindestens so schön! Duong Dong: Sung Hung Pagode Duong Dong: Fleischeslust und Fleischbeschau auf dem Fischmarkt Duong Dong: Die Hauptstadt und die Hauptstrasse Duong Dong: Blick auf den malerischen Fischerhafen

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Doch wie fast jedes Paradies hat auch Phu Quoc eine dunkle geschichtliche Vergangenheit. War die Insel zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein riesiges Gefangenenlager der französischen Kolonialherren, unter deren Herrschaft die Strafgefangenen riesige Schneisen in die Urwälder schlagen mussten, um diese urbar gemachten Flächen in Pfefferplantagen, Kokospalmen-Haine und Obstanbauflächen zu verwandeln, besann sich die südvietnamesische Regierung dieser grausamen Funktion wieder in den Jahren 1967 bis 1972. Zehntausende Regimegegner wurden im berühmt-berüchtigten Kokosnuss-Gefängnis gefangengehalten und der Folter ausgesetzt. Zeugen dieser Vergangenheit stehen noch bis heute in Gestalt der Ruinen des Gefängnisses in der Nähe von An Thoi, der zweitgrössten Stadt an der Südspitze der Insel.

Unser Urlaub neigt sich dem Ende zu. Viel zu schnell sind die Tage ins schöne Land gezogen, Sonnenaufgang folgte Sonnenuntergang, Meersalz trocknete ebenso schnell auf unserer Haut wie die Zeit durch die riesige Sanduhr namens Leben rann.

Was bleibt? Ein Traum wurde war, wenngleich auch nur für für ein paar Stunden, einige wenige Tage, eine einzige Woche. Aber es war ein wunderbarer Traum, denn wir durften diesen Traum gemeinsam leben, an der Seite meiner wundervollen Ehefrau. Wir haben geträumt, wir haben gelacht, wir haben erlebt und wir haben gelebt. Wir sind an unvorstellbar endlos langen einsamen weissen Stränden spazieren gegangen, Seite an Seite, miteinander. Wir sind im Schatten der Kokospalmen gelegen, Seite an Seite, miteinander. Wir haben Muscheln gesammelt, Seite an Seite, miteinander. Wir waren im Meer schwimmen, Seite an Seite, miteinander.

So, Ihr lieben Mitreisenden meiner Fiktion, liebe Leserschaft, wir sind am Ende unserer Reise durch einen kleinen Teil Vietnams angelangt. Noch einmal geht es zurück nach Saigon, den Ausgangspunkt unseres Südostasien-Trips. Doch hier werden sich nun unsere Wege trennen. Ich habe bereits so viele Dinge über Saigon geschrieben, belassen wir es nun dabei. Ich habe jedoch auch vieles hier nicht niedergeschrieben, teils aus Vergesslichkeit, teils weil ich es einer besonderen Erwähnung als für nicht erachtenswert hielt. Es gäbe selbstverständlich noch immer vieles, was ich nun, im Nachhinein, vielleicht hätte einfügen sollen. Ich habe meinen Berichten eine Menge Fotos beigefügt, der grössere Teil lagert natürlich noch in den dunklen Verliesen meines Computers, um womöglich irgendwann einmal das Licht des Internets zu erblicken.

Wie jeder Autor habe auch ich am Schluss bestimmten Personen Dank zu sagen, ohne die solch eine Reise nicht möglich gewesen wäre. In meinem Fall handelt es sich um eine schlichte und ausgesprochen kurze Dankesrede. Ein besonderes Dankeschön gilt unserer liebsten Oma, ohne die vieles nicht möglich wäre. Darüberhinaus möchte ich unseren beiden allerbesten Kindern Sabrina und Alexander danken, welche mir jeden Tag Freude bereiten (na gut, nicht jeden Tag) und uns erst dadurch mancherlei ermöglichen, wovon andere Eltern nur träumen können. Nun, und wem ich am meisten zu danken habe, werden Sie wohl schon erraten haben. Ich spreche natürlich von der allerbesten Ehefrau dieser wunderbaren Welt, meinem grössten Schatz dieser Erde, ach was sag ich, des gesamten Sonnensystems.

Phu Quoc: Surrealismus trifft Realismus Phu Quoc Thang Loi Resort: Das Ende einer (Dienst)Reise

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

So bleibt mir zum Schluss nur noch eines: Fortsetzung folgt nun keine mehr! Herzlichen Dank und bleiben Sie mir gewogen. Es grüsst Sie

Paul, der von Sonnenaufgang zu Sonnenuntergang Reisende   

Saigon - der erste Abschied

Sonntag, März 28th, 2010

21.01.2010 Der Kreis schliesst sich

Durch die geschlossenen Fenster, noch leicht schläfrig, hören wir die gewohnten Geräusche Saigons. Wohlig räkeln wir uns unter blütenweissen Laken, während die Klimaanlage fröhlich vor sich hin summt. Unsere Stimmung gleicht sich derjenigen der Klimaanlage an, allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, bis aus meinem Summen ein fröhliches Liedchen wird. Hier zeigt sich wieder einmal, wer Chef(in) im ehelichen Ring ist. Ein kleiner Tipp am Rande: Ich bin es nicht. 

Ein Blick auf die Uhr und wir stellen mit Erschrecken fest: Wir haben den halben Tag verschlafen! Es ist bereits nach acht Uhr. Ein zweiter Blick aus dem Fenster. Strahlend blauer Himmel, wie von Zauberhand sind die Regenwolken des letzten Tages weggewischt. Trockene Strassen, nur noch vereinzelt zeugen kleine dunkle nasse Flecken im Schatten der Häuser vom Regen des gestrigen Tages. Doch auch diese werden innerhalb kürzester Zeit von den Gummiprofilen der Mopedreifen praktisch im Vorbeifahren mitgenommen.

Unser letzter Tag in Saigon bricht an, vorerst zumindest, denn wir kommen wieder. Kein Versprechen, sondern eine Feststellung. Der Kreis schliesst sich unmerklich. Was als Albtraum unter dem oft strapazierten Titel “Good morning, Vietnam” begann, entpuppt sich nun, nach einer Woche Vietnam als betörendes aufregendes beeindruckendes unbeschreibliches atemraubendes Abenteuer. Und heute heisst es dementsprechend Luft holen, zu Atem kommen, zur Ruhe kommen, slow down.

Gemütlich frühstücken, die unvermeidliche Pho genüsslich schlürfen, ein Baguette essen. Geistig verabschieden wir uns schon von der quirligen Metropole, nun steht uns der Sinn nach ruhigeren vietnamesischen Gefilden, zumindest wäre dies unser Wunsch für die nächsten Tage. Relaxen, entspannen, ein gutes Buch lesen, und natürlich in der Sonne liegen, baden und einfach nur faulenzen. Doch bis es soweit ist, wollen wir uns noch einmal in den Strassen und Gassen von Ho Chi Minh City treiben lassen. Der Weg ist das Ziel, und für den heutigen Tag ist unser Ziel bis dato noch vollkommen unbekannt.

Wir spazieren die Cao Thang entlang, anfangs gewählte Orientierungspunkte werden jetzt nur noch flüchtig wahrgenommen. Die Tankstelle steht immer noch da, wo sie schon vor einer Woche stand, die grosse Strassenkreuzung, welche vor einer Woche so aussah wie jede andere, ist gar nicht so gross. In der Bäckerei herrscht wie immer Hochbetrieb, am Abend werden wir sicherlich vorbeischauen und uns eine Kleinigkeit holen. Die schon vertraute alte Frau sitzt wieder mit ihren Hemden an der Strasse, Vietnamesen sind gar nicht so gleich, wie es für uns Europäer immer scheint.

Es ist ziemlich ruhig auf den Strassen Saigons, jetzt nach einer Woche. Ein Moped zischt haarscharf an uns vorbei, als wir auf die andere Strassenseite wechseln, wen stört´s, jetzt nach einer Woche in Saigon. Andere folgen hupend im Schlepptau, jaja, ist schon gut, jetzt nach einer Woche in Saigon. Galant schlängeln wir uns durch die motorisierte Armada, jetzt nach einer Woche Saigon.

Am Van Hoa Park entlang schlendern wir die breite Nguyen Thi Minh Khai nach Norden, lassen den ersten und zweiten Teil des Parkes rechter Hand liegen, um uns dann Richtung Stadt zu wenden. Der Wiedervereinigunspalast liegt versteckt hinter hohen Bäumen, ältere Menschen sind mit Gymnastikübungen beschäftigt, junge Burschen spielen gekonnt Federfussball oder Badminton.

Ein kleiner ruhiger Park in der Nähe des Ho Chi Minh City-Museums an der Ly Tu Trong lädt zum Verweilen ein. Wir trinken einen cà phê đá (Eiskaffee), schauen einer Mutter mit ihren beiden Kleinkindern zu, wie sie diese im öffentlichen Brunnen wäscht. Ein Mann geht ruhig seiner Wege, über der rechten Schulter an einer langen hölzernen Stange eisgekühlte Kokosnüsse bsamt der dazugehörigen Milch balancierend. Ein anderer liegt unter einem schattenspendenden mächtigen Baum, die ausladenden Luftwurzeln schützen ihn vor allzu neugierigen Blicken, während er seine Zeitung liest. Gelbe und rote Farbtupfer der Blüten bilden einen neckischen Kontrast zum hellen Grün der kunstvoll mit der Heckenschere bearbeiteten Bäumchen, welche in mit Drachenmotiven verzierten Keramikschalen überall am Wegesrand stehen. Spatzen sitzen auf niedrigen roten Mauereinfassungen davor, schimpfen auf alles und mit jedem, der es wagt, nur in ihre Nähe zu kommen.

Saigon: Ho Chi Minh City-Museum Saigon: Mobile Tankstelle für durstige Vietnam-Touristen Saigon: Wer mit Kanonen auf Spatzen schiesst, erntet natürlich Schimpf-Kanonaden Saigon: Lese-Genuss

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Auf der anderen Seite des Parks, hinter dichten Kabelsträngen, welche in einem wirren Geflecht über der Strasse hängen, sind Teile der grauen Fassade des Museums zu erkennen. Die frühere Residenz des einstigen französischen Generalgouverneurs von Saigon könnte ebenso gut in Paris stehen, imposant und pompös wirkt die dem Mittelteil vorgelagerte Kolonnade mit den reich verzierten Säulen, welche von ionischen Kapitellen gekrönt sind. Doch heute steht uns nicht der Sinn nach Kultur, wir wollen einfach nur dem Treiben der Stadt zuschauen. Mein Versuch, ein fröhliches Liedchen anzustimmen, scheitert an den schon bekannten Machtverhältnissen.

Nur wenige Meter entfernt lädt uns, besser gesagt die allerbeste Ehefrau der Welt, der Ben Thanh Markt zum Bummeln, Schauen und, seltsamerweise, auch Kaufen ein. Ich bin leider nicht eingeladen, also bleibe ich draussen, geniesse das bunte Treiben vor der Markthalle, fröne meinem voyeuristischen Hobby und fotografiere so lange, bis der Auslöser meiner Kamera heisser als die vietnamesische Mittagssonne ist. Immer wieder blinzelt die allerbeste Ehefrau der Welt verstohlen ums Eck, sieht wohlwollend, dass der Voyeur in mir immer noch die Oberhand hat und begibt sich vergnügt wieder ins finstere Reich des Bummelns, Schauens und, seltsamerweise, auch Kaufens zurück. So frönen wir dahin, getrennt und doch in trauter Zweisamkeit. “Ich liebe meine allerbeste Ehefrau der Welt!” So, dies musste auch einmal gesagt sein, mir war gerade danach. Doch irgendwann hat selbst das schönste Frönen ein Ende. Was nun? Was tun?

Als Teilzeit-Vietnamesen wussten wir, wer Zeit hat, teilt diese, und am besten mit einem cà phê đá. Und da unser letzter Eiskaffee nun doch schon eine Weile zurück lag und das dekante Rex Hotel nur ein paar Schritte vor uns lag, was lag da näher als das bereits Zurückliegende mit dem vor uns Liegenden zu verbinden. Sie verstehen, was ich meine? Die Dachterasse des altehrwürdigen Tempels irdischer Freuden weckte neue Begehrlichkeiten in uns. Wer meinen Artikel Erschöpfungszustände noch in Erinnerung hat, wird mitleidsvoll an mein Zwicken und Zwacken zurückdenken. Andererseits geben mir natürlich meine Erschöpfungen wiederum neue Kraft, ich bin quasi ein Perpetuum mobile der Erschöpfung. Je erschöpfter ich bin, desto schöpferischer schöpfe ich neue Kräfte aus meiner Erschöpfung, unglaublich unbegrenzt und unheimlich unerreicht. Und glauben Sie mir eines: In punkto Erschöpfung bin ich der allerbeste Ehemann der Welt, fragen Sie allerbeste Ehefrau der Welt.

So sitzen wir also wieder hier, ein weiterer Kreis schliesst seine Pforten, fast eine Woche, nachdem wir zum ersten Mal die herrliche Aussicht von der sonnigen Dachterrasse über einen kleinen Teil Saigons genossen haben. Wieder steht Eiskaffee und Kokosnussmilch vor uns, die Gedanken schweifen ab, rekapitulieren, was war, spekulieren, was sein wird, artikulieren, was gerade ist. Ein kleines Liedchen will meinen Lippen entfleuchten, bleibt nach einem einzigen Blick des scheinbar hierarchisch doch weit über mir stehenden Eheweibchens dort stecken, wo es gerade herkommen wollte, nämlich in meinem Hals.

Saigon: Blick von der Dachterrasse des altehrwürdigen Hotel Rex Saigon: Eitel Sonnenschein auf der Dachterrasse des Rex-Hotels

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Die unverwechselbare Krone des Rex-Hotels leuchtet weithin sichtbar, von der Mittagssonne beschienen steht sie altehrwürdig und erhaben über den von Lärm erfüllten Strassen der Stadt. Davor, auf einer kleinen Bühne, steht ein grauer Elefant aus Plastik, artig hebt er die beiden vorderen Füsse, ja auch in Saigon ist das ganze Leben ein Zirkus. Überall weht die Fahne Vietnams, gelber Stern auf rotem Grund grüsst den lichtblauen Himmel über der Stadt. Kleine Volieren schaukeln träge über unseren Köpfen, wiegen sich im leisen Takt des plätschernden Brunnens in der Terrassenmitte. Minute für Minute tickt sich die Zeit aus unserem vorläufig letzten Tag auf dem Festland. Schon steht die Sonne wieder auf der westlichen Seite, hat bereits die Hälfte ihres nachmittäglichen Tagespensums zurückgelegt. Auch uns zieht es weiter.

Gemächlich schlendern wir die vielbefahrene Le Loi in Richtung Ben Thanh Markt nach Süden, auf der anderen Strassenseite locken die Händler mit unzähligen Elektroartikeln. Hier sei allerdings angemerkt: Wer darauf spekuliert, bezüglich Fotoapparaten oder anderen elektronischen Artikeln ein Schnäppchen machen zu können, vergessen Sie dies! Die Preise für diese Luxusgüter haben westliches Niveau, selbst Speicherkarten sind in Saigon nicht billiger. So lassen wir uns weiter nach Süden treiben, passieren den farbenprächtigen Mariamman-Hindu-Tempel an der Strassenkreuzung Truong Dinh und Le Thanh Ton. Am grossen Kreisverkehr, uns kann er natürlich nicht mehr erschüttern, eine Woche härtet ab, gehen wir weiter in südlicher Richtung in die Nguyen Trai.

Saigon: Der Ben Thanh Markt, Konsumtempel und Garten Eden auf wenigen Quadratmetern Saigon: Buntes Treiben in einer bunten Stadt

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Eine Strasse wie viele. Auf der Strasse Stossstange an Stossstange Taxis und Lenker an Lenker Zweiräder, neben der Strasse zu beiden Seiten dicht gedrängt Handtaschen, Kleidung und Schuhe. Oder vielleicht war die Reihenfolge auch Kleidung, Schuhe und Handtaschen. Möglicherweise liege ich aber auch richtig, wenn ich sage, dass erst Schuhe, dann die Handtaschen und zum Schluss die Kleider kamen. Obwohl, nach kurzer Rücksprache mit der allerbesten Shopping-Ehefrau der Welt muss ich meine Meinung nun wieder revidieren. Es waren Handtaschen, Kleider und Schuhe, nicht nacheinander, sondern miteinander, übereinander, beieinander und untereinander. Tut mir leid, wirklich, ganz ehrlich, dass ich nicht daran gedacht habe.

Saigon: Die Nguyen Trai, eine Strasse wie jede andere in Saigon Saigon: Schweiss-treibend Saigon: Schuhe, Schuhe, Schuhe

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Das übliche Procedere beginnt. Die Allerbeste hinter den Schaufenstern, der Kettenhund mit dem Fotoapparat davor. Dong wechseln bündelweise die Besitzer, dafür wechseln Schuhe paarweise in das andere Lager. Noch mehr Dong wandern auf die andere Seite, doch im Gegenzug finden sich auf wundersame Weise weitere Schuhe bei den bereits gekidnappten Schuhen. Erinnert mich auf seltsame Weise an den Checkpoint Charly, Sie wissen schon, diese herrlichen Agentenfilme, wo sich amerikanische und sowjetische Spione zum Austausch von Gefangenen trafen. Aber wer braucht den eisernen Vorhang, wenn es auch ohne geht? Köstlich finde ich dabei, dass sich das Ganze in einem kommunistischen Land abspielt.

Ein Sicherheitsbeamter hat mich mittlerweile zu seinem Gesprächspartner auserkoren. Wir unterhalten uns angeregt, er auf Vietnamesisch, ich versuche mich in Englisch, irgendwo in der Mitte treffen wir uns. Habe ich das mit Ost-Berlin und West-Berlin und dem Checkpoint Charly eigentlich schon erwähnt, ich glaube schon? Auf alle Fälle haben wir weder Gefangene noch machen wir solche, ich fotografiere ihn, er lädt mich im Gegenzug zum Essen ein. Stillschweigend habe ich für mich beschlossen, zurück in Wien stelle ich mich auf die Strasse, fotografiere irgendwelche Menschen und erwähne dann ganz beiläufig, dass ich Hunger habe. Mal sehen, was sich machen lässt.

Meine hochgradig vom Shopping-Virus befallenen allerbeste Ehefrau der Welt hat ein probates Gegenmittel gefunden. Gegen weitere Dong werden weitere Schuhe zu den Schuhen, welche bereits bei den anderen Schuhen in bester Gesellschaft sind, gepackt. Besserung ist in Sicht, meine Frau hat schon eine wunderbar gesunde Gesichtsfarbe bekommen. Ich verabschiede mich von meinem neuen Freund, so macht Einkaufen sogar mir Spass.

Der Abend wirft bereits lange Schatten in die engen Gassen, ein letztes Mal an wohlbekannten Orten vorbei, unzählige Stimmen wispern und raunen ”Chào tạm biệt”. Wir antworten “Auf Wiedersehen!”, während sich ein letztes Mal die Sonne vor Saigon, vor uns verneigt.

Saigon Le Loi Strasse: Nachts sind (nicht) alle Katzen grau Saigon: Das Rex Hotel, ein Stern an Saigons Hotel-Himmel Saigon: Der letzte Vorhang ist gefallen!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Und morgen? Ein neues Abenteuer beginnt. Phu Quoc, eine kleine Perle im Südchinesischen Meer, 50 Kilometer lang, maximal 25 Kilometer breit, 80 000 Menschen über die ganze Insel verteilt, alleine 60 000 Einwohner dabei in der Hauptstadt Duong Dong lebend.

Doch bis dahin geniessen wir ein weiteres köstliches Essen, unser vietnamesisches Abendmahl sozusagen. Und jetzt heisst es erst einmal schlafen, von weissen Sandstränden, dem Rauschen des Meeres und blauem Meer träumen. Aber wie wird es wirklich werden?

Das, liebe Leser, ist wieder eine ganz eine andere Geschichte. Doch auch sie wird geschrieben werden, Sie wissen schon, wenn es heisst: Fortsetzung folgt!

Bis dahin grüsst Sie Paul, das Perpetuum mobile der Erschöpfung.   

Chau Doc - Wasserspiele und Wasserhyazinthen

Montag, März 22nd, 2010

20.01.2010 Von Chau Doc nach Saigon

Der Regen, welcher die ganze Nacht unablässig monoton lieblos gegen die mit Klebeband abgedichteten Scheiben unseres Zimmers klopfte, hat sein Klagelied eingestellt. Vorläufig begnügt sich der Himmel damit, uns von oben herab sein frühmorgendliches missmutiges wolkenverhangenes Antlitz zu präsentieren. Das nasse Grau der Strassen vermischt sich mit dem lichten faltenreichen Grau des Himmels, mühsam zwängt sich der Tag an der eben zu Ende gegangenen Nacht vorbei, ohne wirklich die Herrschaft zu erlangen.

Wieder sitzen wir auf kleinen Plastiksesseln, trotz der fehlenden Sonne, oder vielleicht gerade deswegen, sind die Temperaturen bereits zu dieser frühen Morgenstunde angenehm, hier in Chau Doc, an der Grenze des Vietnams zu Kambodscha. Wir geniessen die Stille, welche in den engen Gassen herrscht. Unsere abendliche Begegnung mit der Hausratte ist vergessen, bis, ja bis wir uns die auf dem Tisch liegende Speisekarte anschauen. Die Ratte gewinnt wieder an Form. Nur eine tote Ratte ist eine gut(schmeckende) Ratte, andere Länder, andere Sitten. Mich hätte es schon gereizt, so ein kleines Stückchen Rattenfleisch, doch die allerbeste Ehefrau der Welt hatte aus mir unerfindlichen Gründen etwas dagegen. Und so sprach sie zu mir: “Seinesgleichen isst man nicht!” Nun gut, so begnüge ich mich mit einem Baguette, zumindest die Form lässt mich an das Objekt meiner Begierde denken.

Mekong-Delta: Gegessen wird, was unter dem Tisch (daher)kommt! 

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Fluss ruft uns erneut und wieder folgen wir seinem gebieterischem Drängen. Wieder schultern wir unsere Habseligkeiten, spazieren durch das verschlafene Chau Doc, um uns am Wasser in ein überdachtes Sampan zu setzen, welches die dichte Oberfläche der Wasserhyazinthen mühsam teilt. Nasse rote Flaggen mit dem gelben Stern Vietnams hängen leblos an Masten am Ufer, andere flattern im Fahrtwind der Boote, deren misstrauische Augen die Wasseroberfläche beäugen. Schwärme kleiner Vögel schiessen tief über das Braun des Stromes, auf der Jagd nach kleinen Insekten vollführen sie waghalsige Manöver. Vor den Häusern, welche auf einem Gewirr hoher Holzpfähle in die schmierig seifig dreckig schmutzige Uferböschung gebaut sind, treiben in langsamer Fahrt schwimmende Hausboote. Auf blauen Fässern, welche ihnen den notwendigen Auftrieb verschaffen, werden sie von kleinen Kähnen durch das Wasser gezogen, erinnern an den ersten Ausflug einer Gänsemutter mit ihren Küken.

Ein Mann sitzt am Ufer, das Fischernetz gleitet durch seine Hände, um es auf Schäden zu untersuchen. Andere Männer tanzen auf ihren auf dem Fluss treibenden Holzschalen, ziehen die ausgeworfenen Netze, in denen sich zappelnde Fische verfangen haben, über die Reling. Ein kleiner Vietnamese steht neben seiner Mutter, sein rostrotes Haar fängt meinen Blick auf, unnatürlich wirkt er in einer Welt aus schwarzhaarigen Menschen. Männer waten im knietiefen Wasser, versuchen die im Schlamm festgefahrenen Boote wieder frei zu bekommen. Wir schauen interessiert zu, bis auch wir in einem kleinen Kanal auf Grund laufen. Der Motor heult immer wieder auf, wir hören das knirschende Geräusch der im Schlamm wühlenden Schraube. Unser Bootsführer springt kurzentschlossen in das tiefbraune Wasser, dirigiert uns alle nach vorne, um die Schraube zu entlasten. Sein sehniger ausgemergelter Körper bewegt das Boot Zentimeter für Zentimeter nach vorne, immer wieder rutscht er im schlammigen Grund aus. Nach unzähligen Versuchen hat er unseren Sampan aus dem Morast befreit. Mitreisende klatschen Beifall, ich schäme mich, schaue mir meine trockenen sauberen Stiefel an.

Mekong-Delta: In voller Fahrt Mekong-Delta bei Chau Doc: Männer im Strom Mekong-Delta bei Chau Doc: Muster Mekong-Delta bei Chau Doc: Im Trüben fischen Mekong-Delta bei Chau Doc: Festgefahrene Situation

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wieder setzt der Regen ein. Stakkatoartig öffnen sich für ein paar Sekunden die Pforten des Himmels, um sich fast ebenso schnell wieder lautlos zu schliessen. Das nasse Braun des Wassers vereint sich mit dem schmatzenden Braun des Ufers. Über einen schmalen Holzsteg betreten wir eine kleine Insel. Mit Wasser vollgesogene Holzboote liegen links und rechts, in allen stehen grosse Pfützen. Kahle kleine Sträucher und abgestorbene Äste ragen aus dem Dreck, während das satte Grün des Schilfes einen unnatürlichen Kontrast zu den beherrschenden Brauntönen bildet. Eine schwarze Henne ist mit ihren drei schutzbefohlenden flaumigen Jungen unterwegs, unentwegt picken sie im nassen aufgeweichten Boden nach Würmern.

Mekong-Delta bei Chau Doc: Über-Brücken Mekong-Delta bei Chau Doc: Gelandet, gestrandet Mekong-Delta bei Chau Doc: Holzkreuze Mekong-Delta bei Chau Doc: Hindernisse Mekong-Delta bei Chau Doc: Schlammschlacht

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ein schmaler unbefestigter Pfad führt uns entlang an bebauten kleinen Gemüsefeldern zu einer Ansiedlung der Cham, einer Minderheit in einem Land voller Minderheiten. Unter hohen Bäumen ducken sich die armseligen Hütten kraftlos in die Schatten der Blätterdächer. Eine Familie sitzt auf grob behauenen niederen Holzbänken vor ihrer Hütte, lässt sich auch von den Fremden nicht beim gemeinsamen Frühstück stören. Eine junge Frau sitzt im Halbdunkel einer Hütte hinter ihrem Webstuhl. In langen bunten Reihen hängen fertige Tücher zum Verkauf, auf wackeligen Tischen liegen Armbänder aus Korallen, Halsketten aus Perlmutt. Fast beschämt bieten die Frauen ihre Waren den reichen Touristen an.

Mekong-Delta bei Chau Doc: Platz ist in der kleinsten Hütte Mekong-Delta bei Chau Doc: Gewebte Tücher in einem Dorf der Cham

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir stehen unschlüssig da, Fremde in einer fremden Welt. Fremde Armut gepaart mit fremdem Stolz. Für den Moment so nah, doch auf Dauer nicht greifbar, nicht fassbar, nicht wirklich. Wir gehen, sie bleiben. Mitleid? Nicht angebracht! Mit-leiden? Nicht möglich! Mitten im Leiden? Nur für einen kurzen Moment! Dann gehen wir wieder unserer Wege. Hinaus aus ihrer Welt voller Wasser, voller Schmutz, voller Dreck, hinein in unsere Welt voller Geld, voller Schmutz, voller Dreck. Nur dicke braune schmierige schmatzende Klumpen kleben an unseren Schuhen, abbröckelnd mit jedem Schritt, den wir uns entfernen, bis nichts mehr bleibt ausser der Erinnerung. 

Eine Frau sitzt in einem schmalen Boot, neben sich einen Berg nasser Wäsche, welchen sie in einer orangenen Plastikschüssel, tief über das Boot gebeugt, im Fluss gewaschen hat. Ein Mann kauert in einem anderen Holzboot, mit einem kleinen weissen Plastikeimer schöpft er unermüdlich das stehende Wasser vom Boden, die nackten Füsse bis zu den Knöcheln im Wasser, das nasse T-Shirt klebt an seinem Körper, zeichnet seine schmalen Konturen nach. Wir bewegen uns mit vorsichtigen Schritten, auf Zehenspitzen sorgsam darauf bedacht, den vielen Wasserlachen auszuweichen und den Saum unserer Hosen nicht dreckig zu machen.

Der Mekong nimmt uns wieder in seine nassen Arme, trägt uns weiter zu einer Fischfarm. In einem Holzkäfig, welcher in die Planken des Hausbootes eingelassen ist, wuselt es von Pangasius, dem Modefisch der neuen neureichen alteingesessenen gesundheitsbewussten westlichen Zivilisation. Stolz füttert der vietnamesische Fischzüchter die Pangasius-Brut, das Wasser beginnt zu brodeln, schäumt über den Rand des Käfigs, weisse Spritzer wirbeln durch das Halbdunkel. Reiche Beute für den Züchter.

Nein, die Wirklichkeit sieht anders aus. Über den Artikel Pangasius - der traurige Volksfisch aus Vietnam bin ich auf den Bericht Tod eines Fischstäbchens von Barbara Hardinghaus gestossen. Wie so oft, wenn Arm Reich trifft, wenn Arm mit Reich Geschäfte macht, wenn Arm seine Hoffnungen in Reich setzt, wenn Arm am Reichtum von Reich partizipieren will, bleibt Arm auf der Strecke. Parallelen zu Chimbote - Fisch ist gesund sind unübersehbar. Doch wer glaubt, dieses Spiel sei zu verstehen, der irrt. Es gibt nichts zu verstehen, es ist ein Spiel zwischen Reich und Reich, Arm dient lediglich als Spielball.

Mekong-Delta bei Chau Doc: Fischfarm auf dem Mekong Mekong-Delta bei Chau Doc: Fütterung der Pangasius-Zuchtfische

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Die Zeit ist gekommen. Langsam heisst es Abschied nehmen vom Mekong-Delta. Ein letztes Mal besteigen wir ein Boot, ein letztes Mal gleiten wir über die Wasseroberfläche des neunköpfigen Drachens, ein letztes Mal riechen wir die nasse Haut von Sông Mê Kông, ein letztes Mal trägt uns einer jener starken Arme von Sông Lớn (siehe auch Von Saigon nach My Tho). Leise plätschert unser Sampan in langsamer Fahrt Richtung Chau Doc, die Geräusche des Wassers vermischen sich mit den Regentropfen. Die in Reih und Glied stehenden Palmen an der Uferpromenade des Städtchens werden grösser, Männer stehen rauchend am Geländer, schauen auf den Fluss, schauen auf ihren Fluss.

Rege Betriebsamkeit auf den Strassen, die ersten mobilen Garküchen warten auf hungrige Gäste, Frauen schützen ihre Einkäufe mit durchsichtigen Plastiksäcken und schwarzen Müllsäcken vor dem stärker einsetzenden Regen. Unter schwarzen Schirmen leuchten Seidenblumen, junge Menschen fahren achtlos mit dem unvermeidlichen Mundschutz daran vorbei. Die zart rosa orangenen Mauern eines nahegelegenen Tempels werfen ihre warme Farbe in den Vormittag, während wir uns auf den langen Weg zurück nach Saigon machen.

Chau Doc: Auf zu neuen alten Ufern Chau Doc: Rosarot und zart orange Chau Doc: Seiden(Blumen)Strasse

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Stunde um Stunde frisst sich unser Bus nach Osten, weg vom Wasser, hin zum Lärm der vietnamesischen Metropole Ho Chi Minh Stadt. Wir werden zurückgespült, der Staub der Strassen weggewischt vom Dauerregen, dreckige Gischt hüllt uns ein, nimmt uns die Sicht auf die grüne Weite des Landes.

Neun Stunden später:

Die Lichter der Stadt lassen langsam die natürlichen Grüntöne der vergangenen Tage verblassen, schieben sich wie eine strahlende imaginäre Mauer zwischen uns und das Mekong-Delta. Das Dauerhupen der Mopeds und Roller überlagert die Geräusche der hunderte Kilometer entfernten Motorboote, das Glitzern des nassen Asphalts saugt die letzten Reste der schilfbewachsenen Böschungen auf. Hohe Häuserfassaden rauben uns die Sicht auf die schlanken Stämme der Kokospalmen, Benzingeruch überlagert den modrigen abgestandenen schalen betörenden Geschmack der langsam fliessenden braunen schmutzigen verzweigten engen Kanäle abseits des Hauptstromes. Strassenschluchten drängen die sumpfigen Reisfelder zurück, Karaoke-Bars verwehren den Pfahlbauten den Einlass, schrill bunte Kinos mit westlichen Filmankündigungen brüllen die steinernen Löwen des Sam-Berges nieder.

Saigon: Die Lichter der Grossstadt

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir sind wieder zurück. Herzlich willkommen in Saigon. Und so will auch ich Sie nun alleine lassen, schwelgen Sie in Ihren Erinnerungen, lassen Sie das Erlebte Revue passieren, ordnen Sie Ihre Gedanken, drehen Sie noch einmal am unwiederbringlichen Rad der Zeit. Wie heisst es so schön im Songtext eines Namensvetters von mir:

Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?
Soll das heißen, ja ihr Leut´,
mit dem Paul ist Schluss für heut´.

Paulchen, Paulchen mach´ doch weiter.
Jag´ das Männchen auf die Leiter.
Säg´und pins´le bunt die Wände,
treibe Scherze ohne Ende.
Machst ja manchmal schlimme Sachen,
über die wir trotzdem lachen.
Denn du bist, wir kennen dich,
doch nur Farb- und Pinselstrich.

Wer hat an der Uhr gedreht?
Ist es wirklich schon so spät?
Stimmt es, dass es sein muss:
ist für heute wirklich Schluss?

Heute ist nicht alle Tage,
ich komm wieder keine Frage!

Musik von: Henry Mancini (Pink Panther Theme), Doug Goodwin, Walter Greene, William Lava

Und so schreibe ich schlussendlich zum wiederholten Male jene Worte, welche Sie nun schon ein ganzes Stück unseres gemeinsamen Weges durch Vietnam begleiten: Fortsetzung folgt!

Es grüsst Sie Paulchen der Zeitreisende und Paul, der erfolglos am Rad der Zeit Drehende.

 


Can Tho, die schwimmende Märkte von Cai Rang, Krokodilstränen und der Berg Sam

Montag, März 15th, 2010

19.01.2010 Schwimmende Märkte und undurchdringliches Grün

Die Nacht war, nun wie soll ich sagen, sie war gewöhnungsbedürftig. Nachdem wir mit einem kleinen Boot in Can Tho ankamen, der Bus musste mit der Fähre über den Hau, einen Nebenarm des Mekong, übersetzen, und das kann hier doch ein paar Stunden dauern, eroberten wir mit Sack und Pack unser Hotelzimmer. Zwischendurch wurden wir dann doch daran erinnert, dass wir uns in einem kommunistischen Land befinden. Wie viele von Ihnen wahrscheinlich schon mitbekommen haben, fotografiere ich einfach alles und jeden. Und da eine Bootsfahrt dementsprechend viele schöne Motive bietet, ließ ich naturgemäß den Auslöser glühen, bis der Finger zu rauchen begann. Ein besonders schönes Haus stach mir dabei sofort in meinem geschultem Auge, langsam pirschte ich mich also an die Begehrlichkeit heran. Doch während ich noch die Kamera in Position brachte, wurde es plötzlich unruhig im Boot. Unser Reiseführer begann laut schreiend auf mich einzureden, nicht unfreundlich, sondern hektisch. Das Motiv, welches sich so lasziv vor meiner Linse in der untergehenden Sonne präsentierte, war die örtliche Polizeikommandantur. Und die zu fotografieren, naja, Sie können sich ja selbst denken, welche Erklärung nun kam. Also blieb die Polizei dort, wo sie war, hatte ich halt vier Fotos weniger, aber schade war´s trotzdem, so ein schönes Gebäude, vor so einem herrlichen Sonnenuntergang. So fotografierte ich die Sonne eben ohne Polizeischutz. Aber zurück in unser Hotel.

Der geneigte Westeuropäer sollte sich nun nicht unbedingt unter einem Hotelzimmer das vorstellen, was sich der geneigte Westeuropäer eben so unter einem Hotelzimmer vorstellt. Aber wie lehrt uns, also mich jetzt weniger, schon die Bibel: Wer mit dem Feuer spielt, wird darin umkommen. Und wer sich mit Wasser duscht, wird auch irgendwann ohne Handtücher wieder trocken. Oder so ähnlich! Es war übrigens das erste Mal, dass ich vollkommen bekleidet in einem Hotelzimmer übernachtete. Wer weiss, wozu es gut war?

Ein kleiner Spaziergang durch Can Tho, die grösste Stadt im Mekong-Delta, war allerdings das einzigste, was wir unseren müden Beine an diesem Abend noch abverlangten. Für das Can Tho Museum und den Munirangsyaram-Tempel war es zu spät, die Ong-Pagode mit Quan Am, der Göttin der Barmherzigkeit und Than Tai, jenem sagenhaften Gott des Glücks, wurde heute von uns nicht benötigt, wir hatten ja unser Hotelzimmer, also beließen wir es bei einem Abendessen. Konterfeis und Statuen von Ho Chi Minh kannten wir bereits zur Genüge aus der gleichnamigen Stadt, so blieb dementsprechend auch seine Statue im Stadtpark von uns unberührt, ebenfalls fand auch das im alten Kolonialstil erbaute Hotel Victoria nicht unsere Beachtung, wozu auch, wir hatten schliesslich unser Hotelzimmer, aber ich glaube, das habe ich bereits erwähnt.

Der nächste Morgen begann wie so viele während unserer Vietnam-Reise. Früh aufstehen! Anders als in Saigon beginnt hier der Tag ohne Hektik, vereinzelt knattern Mopeds durch die engen Strassen, drei Frauen unterhalten sich angeregt auf der anderen Strassenseite. Verhandelt wird über Strohbesen. Während die beiden jüngeren Frauen stehend die angebotene Ware begutachten, sitzt die ältere Frau mit verkrüppelten Füssen auf einer roten Steinbank, den schlichten Gehstock aus Bambus neben sich gelehnt. Wir sitzen auf abgewetzten, schmutzig blauen Plastiksesseln an der Strasse, Plastiktischtücher mit 70er-Jahre Blumenmotiven bedecken die wackeligen Tischchen, auf denen wir frühstücken. Ein alter Mann will uns Sonnenbrillen verkaufen, Postkarten finden sich ebenso in seinem Sortiment. Ein verneinendes Lächeln genügt und er zieht weiter, auf der Suche nach bereitwilligeren Touristen.

Nach und nach findet sich unsere Gruppe von gestern wieder ein, manche noch verschlafen, andere wiederum von zuviel Saigon- oder Tiger-Beer noch leicht berauscht. Die Gruppe ist merklich kleiner geworden, viele haben nur eine kleine Mekong-Tour gemacht, sind gestern wieder mit einem der Open Tour Busse zurück nach Saigon. Wir Verbliebenen nehmen unsere Habseligkeiten, wandern gemächlich durch die langsam zum Leben erwachenden Gassen über die Hai Ba Trung zum Fluss. Der Himmel liegt wolkenverhangen über dem Mekong, tieffliegende Wolkenfetzen treiben über dem Wasser. Grau in grau liegt der beginnende Tag vor uns, während wir uns wieder auf das grosse Wasser begeben.

Unser Sampan bringt uns in flotter Fahrt nach Cai Rang, sechs Kilometer südlich von Can Tho gelegen. Vorbei geht es an kleinen Holzbooten, junge Männer sitzen wartend und rauchend darin, in der typischen Vietnamesen-Sitzposition beobachten sie uns gelangweilt. Frauen waschen ihre Wäsche im Mekong, eingetrocknete Essensreste werden mithilfe des Mekong von den Tellern gewaschen, ein älterer Mann steht bis zu den Hüften im Wasser, vornübergebeugt putzt er sich mit dem Wasser des Mekong die Zähne. Wäsche trocknet in langen Reihen im Schutz der Wellblechdächer der Hütten, eine Frau wartet mit einer hellblauen Plastik-Einkaufstasche auf zwei Männer, welche in langsamer Fahrt am Ufer anlegen. Hinter Palmen versteckt, welche ihre ausladenden Palmwedel wie riesige Insekten in den Himmel strecken, husten hohe schlanke Schornsteine ihren schwärzlichen Rauch aus ihren Lungen aus Backsteinziegeln.

Frauen und Männer sitzen in kleinen Gruppen auf kleinen Plastiksesseln unter blauen Baldachinen, unterhalten sich, während sie aus kleinen Schalen mit ihren Stäbchen die Fleischstückchen aus ihrer morgendliche Pho-Suppe fischen. Ein kleines Fischerboot steht quer zum Strom, zwei Männer stehen tief gebückt über dem Heck ihres Bootes und holen die Netze mit dem morgendlichen Fang ein. Ein anderes Boot gleitet links an unserem Sampan vorüber, der Motor heult unter Volllast, das Fischernetz am Ende des Bootes gleicht einem aufgeblähten engmaschigen Segel. Männer am Flussufer entladen ein Boot mit Holzstämmen, ein hellbrauner Hund steht mit erhobener Rute daneben.   

Cai Rang, eine unbedeutende Ortschaft im Mekong-Delta, aber der Nabelpunkt des Handels und des Handelns auf dem Mekong. Auf dem schwimmenden Markt von Cai Rang trifft sich zu früher Morgenstunde die gesamte Bevölkerung des Mekong-Deltas, so möchte man zumindest glauben. Unser Sampan steuert mitten in dieses Treiben hinein. Auf grossen Booten stecken lange biegsame Stangen, auf denen jene Güter befestigt sind, welche hier verkauft werden. Überall steuern Vietnamesen ihre kleinen Holzboote geschickt zwischen den Grosshändlern umher, Frauen, Kinder, Männer. An alten Autoreifen, welche zum Schutz gegen Kollisionen von den Booten hängen, ziehen sie sich an die schwimmenden Verkäufer heran, Waren werden beladen, entladen, umgeladen, aufgeladen. Kokosnüsse werden von oben nach unten geworfen, Salatköpfe fachmännisch begutachtet, Ananas-Berge warten auf Käufer, riesige Kürbisse liegen über- und nebeneinander gestapelt, dicht an dicht reihen sich Melonen neben Bananen, Zwiebeln und Kartoffeln. Körbe sind mit Zeitungspapier bedeckt, verbergen ihre landwirtschaftlichen Schätze, während aus roten Plastikkisten Mango und Papaya im Überfluss quellen.

Schwimmender Markt von Cai Rang: An langen Holzstangen der Grosshändler-Boote ist weithin sichtbar, welche Güter auf dem Boot gekauft werden können. In diesem Fall Ananas. Schwimmender Markt von Cai Rang: Geschicktes (Ver)Handeln Schwimmender Markt von Cai Rang: Handeln, kaufen, verkaufen. Am Wasser und auf dem Wasser des Mekong Schwimmender Markt von Cai Rang: Natürliche Rückendeckung Schwimmender Markt von Cai Rang: Wir sitzen (nicht) alle im selben Boot!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Schwer beladen steuern die kleine Boote den Rückweg an, die Wasserlinie nur wenige Zentimeter unterhalb der Bootsumrandung. Bergeweise werden die gekauften Güter in Richtung Land transportiert, um sie dort den Endverbrauchern weiterzuverkaufen oder am heimischen Herd zu verbrauchen. Während die Männer mit ihren langen Rudern steuern, tänzeln die Frauen akrobatisch über Netze von Zwiebeln, verschwommen zeichnen sich die Konturen von Früchten unter den grossen Plastiksesseln ab. Jackfrüchte liegen mit ihrer ganzen beschwerlichen Last in der Mitte eines Bootes, drücken es bis an den Rand ins Wasser. Eine Frau sitzt abseits des Treibens, weisser Wasserdampf steigt aus einem Aluminiumtopf aus ihrem Boot, während sie, über das Wasser gebeugt, Kartoffeln schält, langsam fallen die Schalen auf die im Wasser treibenden Wasserhyazinthen.

Männer stehen oben neben ihren kleinen Kajüten, Drachenfrüchte wechseln im Flug ihren Besitzer, Frauen stehen daneben, Geldscheine gehen von einer Hand in die andere, mit flinken Fingern wird gezählt und weitergegeben, was so leicht und doch so schwer wiegt. Gemüseabfälle schwimmen auf der braunen Wasseroberfläche, ein paar Mandarinen werden vom Bug eines Bootes achtlos nach unten gedrückt, um gleich darauf wieder hinter dem Boot auf dem Wasserspiegel zu erscheinen. Ein Vietnamese steht hocherhoben in seinem Boot, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schaut er sich nach eventuellen Geschäftspartnern um. Vor ihm liegen Massen von Breiäpfeln, gelbe Bananen und gelb-grün gefleckte Melonen ziehen sich wie eine Mauer um die kleinen Früchte.

Wo, wenn nicht hier beim schwimmenden Markt von Cai Rang, kommt dem Begriff Wasserwelt seine wirkliche Bedeutung zu? Wo, wenn nicht hier auf all diesen Booten, inmitten von Bergen aus Obst, Früchten, Gemüse, Fisch und Pflanzen, lässt sich erahnen, was dem Begriff Wasserstrasse am nächsten kommt? Wo, wenn nicht hier zwischen all diesen Menschen des Mekong-Deltas, sieht der Aussenstehende die Bedeutung des Stromes für das Land Vietnam?

Wir nehmen Abschied, unser Boot gleitet weiter. Ein letzter Blick, ein endgültiges Umschauen, bevor wir auf dem Fluss durch kleine verschlungene Kanäle fahren. Unter gar abenteuerlichen Brückenkonstruktionen hindurch verlassen wir den Hauptarm, die armseligen Hütten zu beiden Seiten rücken wieder näher an uns heran. Unter den auf Pfählen stehenden Behausungen kriecht der Mekong hindurch, bis in die entlegensten Winkel streckt er seine wässrigen Finger. Zwei Frauen sitzen am Wasser, rupfen und waschen eine kopflose weisse Henne im trüben Wasser, ein feiner Blutfaden verliert sich lautlos kräuselnd im Wasser.

Hütten und Häuser werden weniger, die üppige Vegetation drängt sich nun wieder mit all ihrer Macht in den Vordergrund. Dichtes Grün an den Flussufern, jede Pflanze, jeder Strauch, jeder Baum ringt verzweifelt um das Vorrecht, sich den besten Platz an der Sonne zu ergattern. Ein weisser Holzzaun leuchtet einsam und verlassen hinter all diesen Grüntönen, ein verlassener Holznachen, vollbepackt mit schweren Reissäcken, schaukelt führerlos am Ufer. Kleine Holzstege führen vom Wasser direkt ins Nirgendwo, links und rechts vom dichten Pflanzenteppich fast bis zur Unkenntlichkeit überwuchert. Eine Bougainvillea leuchtet in kräftigen Farben, ihre lila Farbtupfer heben sich wohltuend gegen den dichten grünen Hintergrund ab. Überall ragen die gefiederten federgleichen Blätter der Nipa fruticans, der stammlosen Nipa-Palmen, aus dem braunen Wasser, wie die Hände Ertrinkender flehen sie um Hilfe, stumm stehen ihre Rufe über dem Wasser, werden übertönt von den Schreien der im hohen Schilf versteckten Wasservögel.

Mekong-Delta bei Can Tho: Brückenschlag Mekong-Delta bei Can Tho: Farbloses Spiegel-Bild Mekong-Delta bei Can Tho: Kontrast-Reich-Tümer Mekong-Delta bei Can Tho: Schwimmende Reis-Kammer

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Fein gewobene Fischernetze spannen sich am Ufer entlang, trennen das feste Grün-braun vom flüssigen Braun-grün. Der beschlagene Spiegel der Wasseroberfläche reflektiert die satte Vegetation, schwächt die Farben ab, die Dreidimensionalität der Pflanzen löst sich auf im zweidimensionalen nassen Wellenbett. Doch selbst dieser Nebenarm des Nebenarms hat wiederum viele kleine Adern, welche sich links und rechts nach ein paar Metern in unergründlichen Tiefen verlieren.

Wir haben unser nächstes Ziel erreicht. Auf verschlungenen engen Pfaden geht es ein kurzes Stück an Bananenpalmen vorbei zu einer Reispapier-Fabrik. In langen Reihen liegt hauchdünnes rundes Reispapier auf Bambusmatten zum Trocknen an der Luft. In einer verrauchten nach allen Seiten offenen Halle stehen Menschen an verschiedensten Apparaten und Maschinen, verbunden durch ein Gewirr aus Schläuchen und Rohren wird Reis mit Hilfe von Wasser zu einem dünnen Brei gemischt. Zwei Frauen rollen diesen zu der typisch runden Form auf, ähnlich wie wir dies von den französischen Crepes kennen. In Sekundenschnelle entsteht unter Hitze Reispapier, welches auf den bereits erwähnten Bambusmatten dann getrocknet wird, durch die das Reispapier auch die Musterung erhält. Banh trang, Reispapier, ist in der Küche Vietnams unerlässlich. Fast jedes Essen lässt sich in Reispapier einwickeln, gegessen wird quasi das Essen mit der Verpackung, vielleicht ein kleiner Tipp für unsere Fastfood-Gesellschaft. Soll noch einer sagen, wir wären fortschrittlich.

Mekong-Delta: Reispapier-Herstellung mit Hilfe der Kombination Mensch-Maschine Mekong-Delta: Die typische Musterung bekommt das Reispapier durch seine Trocknung auf Bambusmatten.

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Zufrieden grunzende Schweine liegen im nahegelegenen Stall, eine alte Frau verkauft zuckersüsse Backwaren. Das Geklapper eines in die Jahre gekommenen Tischfussball-Gerätes, in Österreich sagen wir Wuzler, unterbricht die Stille, nur unterbrochen vom Torjubel der Spielenden. Ein klitzekleines Mädchen sitzt verzückt auf einem Motorroller, pechschwarz schauen kindliche Augen unter einer tiefschwarzen Mähne über den Lenker des verrosteten Zweirades. Früh übt sich im Lande der Mopeds.

Mekong-Delta: Schweine im Weltall? Aber nein! Mekong-Delta: Früh übt sich! Noch früher geht´s allerdings kaum noch!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir müssen weiter, die Zeit drängt uns gnadenlos voran, zwingt uns erbarmungslos in weitere Wasserstrassen. Ein Kanal gleicht dem anderen, die Vegetation herrscht über die Zivilisation, nur unterbrochen von einzelnen notdürftig zusammengehaltenen Häusern, welche sich gegen das Grün der Natur behaupten. Vereinzelt hocken Frauen am Wasser, waschen Wäsche, putzen Gemüse, reinigen Geschirr. Der hohe schlanke, fast weisse Stamm einer Kokospalme thront mit seinem Blätterdach über dem niedrigen dichten grünen Dschungel, neugierig beugt er sich fast narzissenhaft über das Wasser, um kokett sein Ebenbild zu betrachten.

Abgestorbene Äste ragen aus dem langsam fliessenden Wasser, hilfesuchend haben sie sich an unsichtbaren Vorsprüngen im Untergrund festgekrallt, leblos und kraftlos vom vergeblichen Kampf gegen die Naturgewalten. Ein dickes Geflecht aus dunklen Luftwurzeln breitet sich am Ufer aus . Langsam färbt der einsetzende Regen das Dunkel des Holzes noch dunkler. Nass prallt auf Nass, Regentropfen bilden kleine runde Trichter auf dem Wasser, breiten sich langsam in Konkaven aus, um sich mit den Nachbarkreisen zu vereinen. Leise beginnt das Blätterdach zu rauschen, Nadelstichen gleich trommeln die Tropfen auf die staubgrauen Blätter. Kleine Rinnsale bilden sich, langsam verbinden sich die einzelnen Tropfen zu Miniaturbächen auf dem grauen Grün, ziehen eine nasse Spur über die Blattadern, um dann an der Blattspitze zu einem grossen schimmernden Tropfen anzuwachsen. Immer mehr Staub wird abgewaschen und gibt das satte Grün der Pflanzen frei. Nass glänzend liegt die Natur da, umgeben vom nassen Glanz des trägen Flusses.

Doch ebenso schnell schliessen sich wieder die Schleusen des Himmels. Wir wandeln ein weiteres Mal durch einen kleinen Garten Eden und der Himmel beschliesst, seine Tränen noch zurückzuhalten. Üppig, geradezu verschwenderisch empfängt uns die Natur, breitet ihre grünen Arme aus, um uns in Empfang zu nehmen. Orangen wachsen neben Bananen, schwere Jackfrüchte biegen die Äste bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit, ohne diese zu brechen. Papayas verströmen ihr süsslichen Aroma, mischen sich mit dem Duft des bunten Blumenmeeres, welches uns, sanft wogend im Hintergrund der Obstplantagen, seine Farbenpracht entgegenschleudert. Eine Affenschaukel, ein abenteuerliches Geflecht aus Bambusstäben, lädt den zivilisationsgeschädigten Besucher ein, sich als Hobby-Abenteurer und Kurzzeit-Eroberer zu fühlen. Auf einem kleinen See schwirren Libellen in waghalsigen Manövern über das Wasser, ihre gläsernen Flügel viel zu schnell für das Auge des Beobachters. Ein dichter Vorhang aus Flechten gibt nur widerstrebend den Blick frei, wer sehen will, muss erst lernen, zu sehen.

So verabschiedet sich der Vormittag unmerklich von uns. Und mit ihm verabschieden sich weitere Reisende. Wieder wird die Gruppe kleiner. Während viele nun endgültig die Rückreise Richtung Saigon antreten, steigen wir in einen kleinen Bus. Weiter durch´s Land, weiter Richtung kambodschanische Grenze. Wir wollen heute noch nach Chau Doc, die Grenzstadt zwischen Vietnam und Kambodscha.

Die Landschaft behält unverändert ihr Gesicht. Der Strasse entlang endlos kleine Hütten, niedrige Häuser, kleine dunkle Behausungen, nur ab und zu vereinen sie sich zu einer kleinen Ansammlung, einer Dorfgemeinschaft. Vor den Häusern sitzen Menschen, spielen Kinder, doch immer geben sie den Blick in das Innere preis, alles ist offen, es scheint, als hätte hier keiner Geheimnisse, vor nichts und vor niemandem. Abseits der befestigten Wege hat sich das Wassser seinen Weg in die Landschaft gegraben, mit Hilfe der Menschen entstanden kleine Kanäle, schmale Wasseradern durchziehen das Land, bewässern die grünen Reisfelder. Der Regen setzt nun wieder ein, setzt sich fest, bindet den Staub der Strassen zu einer roten breiigen Masse.  

Auf halbem Weg, bei Long Xuyen, stoppen wir bei einer Krokodilfarm. Bereits im Eingangsbereich wird offensichtlich, welchen Zweck diese herrlichen Urzeitriesen, diese Relikte einer Vergangenheit haben, einer Zeit, als der Mensch noch nicht an das Herrschen dachte. Macht Euch die Erde untertan! Auch hier schonungslos vollzogen, in Form von Handtaschen, Gürteln, Schuhen aus Krokodilleder. Freigehege mit Dutzenden von Krokodilen, einzig und allein zum Zwecke gehalten, den konsumgeschädigten Homo sapiens grausam zu befriedigen. Ich habe Krokodile in freier Wildbahn in Afrika beobachten dürfen, habe deren faszinierende Körper unter der Äquator-Sonne im feinen Sand der sogenannten Freiheit liegen sehen. Hier liegen sie in Betonbassins, umgeben von Betonmauern, auf hartem Betonboden. Der Himmel schüttet seine Tränen aus, ich weine heimlich mit ihm.

Krokodilfarm bei Long Xuyen: Krokodilstränen

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Weiter, weiter, immer weiter. In nordwestlicher Richtung geht es nun geradeaus, noch einmal beinahe zwei Stunden Fahrt liegen vor uns, bis wir den Berg Sam bei Chau Doc erreichen. Der Regen hat jetzt das Land in Beschlag genommen, tief fliegen die Wolkenfetzen über die Reisfelder, schütten aus, was hier so herbeigesehnt wird. Eigentlich wollten wir bis zur Spitze des Sam-Berges hinaufsteigen, aber die Strassenverhältnisse lassen dies einfach nicht zu. Eingehüllt in dichte Nebelschwaden liegt der Berg Sam, Tempelberg oder auch Krabbenberg genannt, mit seinen nicht einmal 300 Metern Höhe vor uns. Die weite Ebene des Mekong-Deltas mit seinen unendlich grünen Weiten lässt ihn höher erscheinen. Was für den Menschen gilt, gilt ebenfalls für die Natur: Mehr Schein als Sein!

Wir steigen eine steile Treppe hoch, nicht enden wollend, Schritt für Schritt nähern wir uns verspielten Türmchen, Baldachinen mit Drachenmotiven, bunten Erkern, dem Tempelkomplex. Die Anlage wird von zwei grossen Löwen bewacht, aus weit aufgerissenen steinernen Mäulern gebieten sie Respekt vor dem heiligen Ort. Ein Mönch in ockergelbem Gewand steht neben zwei riesigen roten Schalen, mit bedächtigen Bewegungen zupft er Unkraut aus der nassen Erde.

Chau Doc Berg Sam: Wer nach oben will, braucht Geduld! Chau Doc Berg Sam: Gut gebrüllt, Löwe! Chau Doc Berg Sam: In der Ruhe liegt die Kraft

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir betreten das Innere des Tempels, barfuss steigen wir die letzten Stiegen hinauf. Ein goldener Buddha lächelt uns glückselig an, heisst uns freundlich “Willkommen”. Göttinnen und Götter stehen still, mit der zum Gruss erhobenen linken Hand, in kostbare bunte Gewänder gehüllt, ruhen sie in kleinen Höhlen, Anbetung erwartend, um Aufmerksamkeit heischend. Phantastische Drachen und an diabolische Seeschlangen erinnernde Fabelwesen mit leuchtenden hellgelben Augen schleudern uns giftige Blitze zu, bewachen den Zugang zu den Göttern. So müssen sich die alten Griechen den Hades der griechischen Antike vorgestellt haben, natürlich ersetzt durch den dreiköpfigen Höllenhund Zerberus.

Chau Doc Berg Sam: Göttlicher Beistand Chau Doc Berg Sam: Vietnamesischer Zerberus

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Eine weitläufige Terrasse bietet einen atemberaubenden Blick aus der Vogelperspektive auf die Weite des Landes. Der Blick führt über Vietnam hinaus, im Hintergrund leuchten in den schönsten Grüntönen die Ebenen Kambodschas. Die Gedanken schweifen ab, der Blick verschwimmt, verschwimmt mit den im Nebel liegenden Hügelketten, gedankenverloren schaue ich durch das Land hindurch, wieder wird die Zeit zur grenzenlosen Dimension, die Sekunden stossen an die sanften Erhebungen des Nachbarlandes, werden sanft zurückgeworfen, um sich wieder auf der Terrasse zu sammeln. Baumgruppen in der Ebene deuten den Verlauf des Wassers an, wie kleine Oasen stehen sie über den hängenden Köpfen der im Wasser stehenden Reispflanzen. Wasserlachen stehen auf den Feldern, kleine Wassergräben schneiden sich unregelmässig durch den grünen Boden.

Chau Doc Berg Sam: Atemberaubend Chau Doc Berg Sam: Blick nach Kambodscha

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir wandeln durch die Tempelanlage, ein friedlicher Steingarten mit Bonsaibäumen reflektiert die Stille und Andacht der heiligen Stätte. Oleander wächst in blauen Keramikschalen, leise plätschern Wasserspiele vor sich hin. Porzellan-Elefanten stehen mit erhobenem Rüssel in schmalen Nischen, daneben Drachen mit weit aufgerissenen Augen. In einem kleinen Teich schwimmen bunte Koi-Karpfen, der Wasserspiegel gibt kräuselnd die Bewegungen ihrer Flossen wieder. Die hexagonalen Flächen der über dem Wasser stehenden Steinmauer spiegeln sich, bis tief zum Grund des Teiches laufen sie senkrecht an der Mauer entlang nach unten, bis sie sich dem Blick des Betrachters entziehen, um auf den Grund des Teiches zu tauchen. Ein junger Mönch geht eine Treppe hinunter, sein kindliches Gesicht lächelt still unter seinem kahlgeschorenen Haupt.

Chau Doc Berg Sam: Steingarten mit Bonsaibäumen Chau Doc Berg Sam: Grosser kleiner Mönch Chau Doc Berg Sam: Keramiken, Abbilder der Natur und unserer Phantasie

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir ziehen unsere auf der Haupttreppe zurückgelassenen Schuhe an, gleichzeitig streifen wir die Ruhe von uns ab. Schuhe bedeuten Wanderschaft, Schuhe symbolisieren Un-Ruhe, Schuhe stehen für Fort-Schritt. Und so kehren wir dem Tempel den Rücken, steigen wieder hinunter, lassen die Mönche zurück mit all ihren Göttern, Fabelwesen und glühenden Augen in tiefen dunklen Höhlen.

Ein Mann kommt uns entgegen, langsamen Schrittes steigt er die Treppe nach oben, bittet auf gleicher Höhe mit uns um eine Zigarette, drei Stück nimmt er natürlich noch freudiger entgegen. Eine Kokosnussmilch am Fusse des Berges Sam, trinken bis zur Neige. Auf meine Bitte zerteilt sie eine junge Frau mit einem einzigen Hieb, gibt das weisse junge Fleisch frei, welches wir mit einem Gemeinschaftslöffel, welcher von Hand zu Hand wandert, von der Innenfläche der grünen Außenschale schaben.

Die Zeit wird nun wieder elementar, ein Blick auf die Uhr zeigt beinahe 18:00 Uhr. Wir kommen in Chau Doc bereits bei Dunkelheit an. Der Rucksack wiegt schwer, die Füsse ebenso. Und doch machen wir noch einen kleinen Spaziergang über den nahe gelegenen Markt des Ortes. Doch anders wie in Saigon und auf den Märkten herrscht hier nach Sonnenuntergang Ruhe. Die meisten Marktstände und kleinen Geschäfte sind bereits zu, nur noch vereinzelt hoffen einige auf zahlende Kundschaft. Also lassen wir uns auf kleinen Plastiksesseln an der Strasse nieder, essen unter den neugierigen Blicken eines Cyclo-Fahrers, zu welchem sich noch zwei weitere Kollegen gesellen und treten bald den Rückzug in unser Hotelzimmer an.

Durch einen Hinterhof gelangen wir in die Küche unserer Gastgeber, eine prachtvolles Exemplar mit dem lateinischen Namen Rattus rattus, bei uns auch bekannt als Hausratte, kreuzt unseren Weg, verschwindet hinter einem kleinen Kasten voller Geschirr, wünscht uns noch schnell im Vorbeihuschen eine gute Nacht. Meine Frau denkt sich ihren Teil, während ich mir denke: “Hm, Essen kommt hier aber frisch auf den Tisch!” Dieser Satz sollte sich noch bewahrheiten, aber dazu in meinem nächsten Bericht mehr. Bis dahin wünscht Ihnen Paul, der Rattenfänger ebenfalls eine gute Nacht und schliesst mit den schon bekannten Worten: Fortsetzung folgt! 

Von Saigon nach My Tho

Donnerstag, März 11th, 2010

18.01.2010 Auf staubigen Strassen in die Reiskammern Vietnams

Es ist soweit, endlich! Wir verlassen Saigon, machen uns auf, in das oft gehörte, im Fernsehen vielfach bestaunte, sehnsüchtig erwartete, heiß ersehnte Mekong-Delta. Was wird uns erwarten? Wasser? Mit grosser Wahrscheinlichkeit. Was sonst? Lassen wir uns überraschen.

Wieder einmal besteigen wir einen jener Open Tour Busse. Mit uns reisen Menschen aus aller Herren Länder, holländisch, französisch, englisch natürlich, deutsch, spanisch, möglicherweise aber auch portugiesisch, ein babylonisches Sprachgewirr hebt an im Reisebus. Unser erstes Ziel lautet My Tho, ca. 80 Kilometer südwestlich von Saigon gelegen, die größte Stadt am nördlichsten Flußarm des Mekong.

Wie schon auf unserer ersten Etappe am 16.01., welche uns aus Saigon hinaus führte (siehe Vietnam - zwischen Kultur und Krieg sowie Cao Dai Tempel und Cu-Chi Tunnel), fahren wir auf staubigen Strassen unter Dauerhupen und waghalsigen Überholmanövern in uns unbekannte Gefilde. Die Gespräche im Bus werden leiser, verstummen irgendwann unmerklich, bis sich nur noch das monotone Motorengeräusch des Busses im Inneren breitmacht. Die Silhouette Saigons ist schon lange im Zivilisationsdunst verschwunden, das Land gibt endlich ein anderes Gesicht preis.

Tiefgrüne Felder säumen die Strasse zu beiden Seiten, je weiter wir uns in das Landesinnere bewegen. Einzelne Menschen stehen in gebückter Haltung auf den Feldern, verloren wirken sie inmitten der riesigen grünen Wogen aus Reispflanzen. Abenteuerliche Brücken verbinden die einzelnen kleinen Kanäle miteinander, das Wasser gewinnt langsam die Oberhand. Entlang der Strasse grössere Wasseradern, auf denen sich die Menschen in Booten vorwärtsbewegen. Immer wieder durchfahren wir kleine Ortschaften, in denen die Zeit eine nur untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Die Zeit ist hier nicht stehengeblieben, aber sie bewegt sich nicht mit dieser unerbittlichen Härte vorwärts, wie wir sie aus unserem von Terminen und Hektik durchwobenen Alltag kennen.

Mekong-Delta: Die unendlich grüne Reiskammer Vietnams

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Mausgraue Esel, die Hufe vom rötlichen Staub der Erde bedeckt, stemmen sich störrisch gegen jene unsichtbaren Mahlsteine des Fortschritts, schreiten selbst fort mit trippelnden Bewegungen, ziehen zweirädrige hölzerne Wagen mit Ladungen von Kokosnüssen, Ananas, Holz oder Ziegelsteinen. Alte Frauen sitzen am Strassenrand, unter ihren Strohhüten blicken sie uns aus faltenreichen Gesichtern, mit zahnlosen Mündern, unbewegt nach.

Wir erreichen My Tho. Nach etwa zwei Stunden Fahrt, vielleicht waren es auch drei, wer weiss schon genau, in welchen Strömen sich die Zeit mit uns weiterbewegt hat, stehen wir zum ersten Mal am Mekong, dem neunköpfigen Drachen. Hier, im Mekong-Delta, wird der Mekong (vietnamesisch Sông Mê Kông oder Sông Lớn), die “große Mutter” oder “Mutter des Wassers” zu Sông Cửu Long, dem Neun-Drachen-Fluß.

Breit und träge liegt der Mekong vor uns. Wasserpflanzen klammern sich verzweifelt mit unsichtbaren Fingern auf der schmutzig braunen Wasseroberfläche fest, um nicht vom langsam dahinfliessenden Strom in das südchinesische Meer fortgespült zu werden. Den Wasserpflanzen gleich treiben die schwimmenden Boote der Flussbewohner auf dem Mekong, leise plätschern die Wellen gegen die Wände aus Wellblech. An den beiden Uferstreifen stehen dicht an dicht Pfahlbauten der Fluss-Bewohner, Nipa-Palmen strecken ihre grünen Blätterfächer in den wolkenverhangenen Himmel, wie kleine grüne Kathedralen wirken ihre hohen schlanken Stämme mit dem dicht gefiederten Blätterdach. Sampans, randvoll beladen mit allen Arten von Waren, überqueren geschäftig den Mekong, versorgen die Menschen von My Tho mit Gütern der Mekong-Inseln.

Mekong-Delta: Auf Einkaufstour Mekong-Delta: Heute hier, morgen dort Mekong-Delta: Nahe am Wasser gebaut Mekong-Delta: Wasserspiele

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Fischerboote durchpflügen mit ausgeworfenenen Netzen den Fluss, auf der Suche nach Riesenwels und Elefantenohrfisch. Bunt schaukeln die Boote auf beiden Seiten des Ufers. Menschen sitzen am Flussufer, liegen in Hängematten, waschen sich im Fluss, beobachten den Fluss, treiben auf dem Fluss. Das Leben der Menschen spielt sich am Mekong, auf dem Mekong, im Mekong ab. Die Menschen leben am Fluss, auf dem Fluss, neben dem Fluss, im Fluss, vom Fluss und mit dem Fluss. Der Mekong ist Nahrungsquelle, Transportweg, Bewässerungsanlage, touristische Attraktion. Der Mekong bietet der heimischen Fauna Schutz und Nahrung, er ist Brutstätte für unzählige Wasservögel.

Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Elefantenohrfisch, eine herrliche Delikatesse

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Unser Sampan bringt uns in gemächlicher Fahrt nach Ben Tre. Vorbei geht die Fahrt an Con Phung, der Phoenix-Insel, auf welcher surreale Skulpturen zu sehen sind. Erbauer war Ong Dao Dua, der Kokosnuss-Mönch. Ong Dao Dua war auch Begründer der Thin Do Cu Si, einer Mischung aus christlicher und buddhistischer Religion, welche er in einer langen Meditationsphase am Sem-Berg bei Chau Doc (wird noch im einem eigenen Artikel behandelt) ersann. Die Legende besagt, daß der Kokosnuss-Mönch seinen Namen daher hat, daß er sich in einer drei Jahre andauernden Meditation nur von Kokosnüssen ernährt haben soll. Der Betrachter erblickt vom Fluss aus in einem Kreis stehende gold-blaue Drachensäulen und verschiedene Gebilde, die einerseits an Raketen-Abschussrampen erinnern, andererseits aber auch an den Wiener Prater mit seinen Hochschaubahnen denken lassen. Natürlich haben die Bauwerke eine andere Bedeutung. Die neun Drachensäulen symbolisieren die neun Hauptarme des Mekong, während die Plattform der Abschussrampe dem Kokosnuss-Mönch als Ort der Meditation diente.

Mekong-Delta Phoenix-Insel: Die Insel des Kokosnuss-Mönchs Mekong-Delta Phoenix-Insel: Die seltsamen und geheimnisvollen Bauwerke des Kokosnuss-Mönchs

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Neben Con Phung, der Phoenix-Insel sind noch drei weitere Inseln rund um Ben Tre erwähnenswert. Auf Con Tan Long, der Drachen-Insel sind die berühmten Bootsbauer des Mekong-Deltas zuhause, hier gehen Bienenzüchter ihrer Beschäftigung nach, eingebettet in Bananen-, Kokosnuss- und Breiapfelplantagen. Vom Wasser aus schimmert die Küstenlinie der Dracheninsel weiß. Von der Sonne ausgebleichte Muscheln, welche den Strand gegen das Ausspülen durch den Mekong bei Hochwasser schützen sollen, geben der Insel diesen verführerischen Glanz.

Con Qui, die Schildkröten-Insel wiederum ist bekannt für Bananenschnaps. Con Qui ist das jüngste der vier Eilande, entstanden aus den abgelagerten Sedimenten des Mekong, welche dann mit Hilfe angepflanzter und im Laufe der Zeit verwurzelter Mangrovenwäldern befestigt wurden. Wer auf der Schildkröten-Insel wandelt, wird sich unweigerlich an den Garten Eden erinnert fühlen. Ananas, Kokosnuß, die riesige unförmige Jackfrucht, die kleine stachelige Longanfrucht, Mango, Papaya, Drachenfrucht wechseln sich in unüberschaubarer Zahl ab. Verschwenderisch leuchten die Farben der Früchte im leuchtenden saftigen Grün der Obstbäume.

Mekong-Delta: Der Garten Eden Mekong-Delta: Holzköpfe

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Unser Sampan legt an einem Holzsteg der Schildkröten-Insel an. Verwunschen liegt das Land inmitten von Palmen, der zugewucherte grüne Küstenstreifen mit seiner dicken Schlammschicht gibt den Blick nur zögernd, zögerlich auf das Innere der Insel frei. Ein Wasserbüffel liegt mit seinem massigen schwarzbraunen Körper unter schattenspendenden Palmen, streunende Hunde treten unschlüssig ihren Rückzug an. Die kleine Ansammlung aus Wellblechhütten und notdürftig zusammengezimmerten Holzhütten liegt verschlafen und leblos inmitten der immergrünen Landschaft. Eine schmale asphaltierte Strasse schlängelt sich durch den Ort, auf beiden Seiten vom Zahn der Zeit angefressen.

Mekong-Delta: Auch ein Wasserbüffel braucht mal eine Pause Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Abseits der Zeit Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Verlassen-schaf(f)t

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ein schmaler Fussweg führt an orange leuchtenden Ziegelsteinmauern vorbei, in der undurchdringlichen Wildnis rechts und links des Pfades warten schlafende Steingräber auf die Unendlichkeit. Welke Blätter liegen auf den Grabplatten, grün-braune Moosflecken haben sich auf dem verwitterten Stein breitgemacht, während sich die Natur die von Menschenhand geschaffenen, mit Menschenhänden gefüllten Sarkophage unmerklich, Millimeter für Millimeter zurückerobert. Kokospalmen schützen die Gräber vor allzu neugierigen Blicken, die grünen Früchte der Bäume hängen schwer in den Verzweigungen der Palmwedel, während Spinnen ihre zarten Netze unterhalb der Kokosnüsse gewoben haben, als ob sie den Wanderer vor deren Herabfallen schützen wollen.

Mekong-Delta: Kokosnüsse mit Netz und doppeltem Boden Mekong-Delta: Natürliche Ruhe, ruhelose Natur

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir schauen Arbeiterinnen zu, wie sie in Handarbeit aus dem Fruchtfleisch der Kokosnüsse den Saft herauspressen, um diesen dann zuerst mit Zucker zu vermischen, diese klebrige Masse wird erhitzt und anschliessend getrocknet. Danach werden die Stränge mit scharfen Macheten in kleine Stücke zerteilt, mit Reispapier umwickelt und fertig sind köstliche Kokosnuss-Bonbons. Die schlichten Holzregale sind mit Gürteln, Geldbörsen und Schuhen aus Krokodilleder gefüllt. Kleine Flaschen mit einer bräunlichen Flüssigkeit geben ein, zumindest für mich, unschönes Geheimnis preis. Kobrawein, eine junge Kobra, welche in Reisschnaps eingelegt wurde, soll dem Manne seine Potenz stärken. Nun gut, wo Touristen sind, da müssen eben Tiere ihr Leben lassen, scheusslich, aber anders als mit diesen lapidar dahingeschriebenen Worten lässt es sich eben nicht sagen, von Änderung will ich hier dementsprechend gar nicht schreiben. Doch erwarten Sie bitte im folgenden nicht von mir, dass ich Ihnen irgendwelche Fotos über besagte Dinge anbieten kann. Der Grund? Alles muss man nicht für die digitale Ewigkeit bannen.

Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Auspressen des Fruchtfleisches der Kokosnüsse Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Herstellung von Kokosnuss-Bonbons in Handarbeit Mekong-Delta Schildkröten-Insel: Arbeiterinnen bei der Herstellung von Kokosnuss-Bonbons

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

So verging der Vormittag wie im Fluge. Unsere Bootsreise führt uns weiter. Wir streben Con Tan Long, der Drachen-Insel zu. Wer sich bereits auf der Schildkröten-Insel im Garten Eden wähnte, wird von den Longan-Gärten auf der Drachen-Insel förmlich aufgesaugt.

Durch kleine brackig-braune enge Kanäle, die Ufer zu beiden Seiten mit dem kostbaren Schlamm des Mekong glitschig matschig zähflüssig breiig, geht es durch die Mangroven. Die Böschungen sind mit Nipa-Palmen bewachsen, tief tauchen ihre Blätter in das gelblich-braune Wasser, werden von den Blattstielen verzweifelt festgehalten. Ihre fleischigen mit getrocknetem Schlamm bedeckten Stengel wachsen durch die trübe Wasserhaut, verjüngend und schmaler werdend streben sie nach oben, zum Licht hin, um sich über unseren Köpfen zu einem endlos gezahnten grünen Blätterdach zu vereinen. Mit ruhigen Bewegungen ihrer Paddel entführen uns die Einheimischen in die Tiefen der Sümpfe, die Breite des Mekong reduziert sich hier, in den Kanälen der Mangroven, auf wenige Meter. Die Weite des mächtigen Flusses verschwindet abrupt hinter unberührter Wildnis, Grenzen rücken in Form schmutziger Böschungen an das enge Boot heran.

Mekong-Delta: Zeitreise Mekong-Delta: Grüne Nipa-Palmen-Kathedrale Mekong-Delta: Stacheln im Fleisch

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Schneeweiß heben sich die gefiederten Körper von Gänsen gegen den schlammigen Hintergrund ab, während tiefschwarze Schmetterlinge lautlos in schnellen Zickzack-Bewegungen über die Wasseroberfläche gleiten, um sich auf knallroten Blüten niederzulassen, um die zarten Körper mit dem so lebenswichtigen Nektar vollzupumpen. Lautlos gleiten ärmliche Hütten an uns vorüber, schamhaft ducken sie sich hinter den Palmen, um nichts über ihr karges Dasein dem fremden flüchtigen Besucher mitteilen zu müssen. Kleine flache Holzboote liegen vertäut am Ufer, blaue rote länglich schlanke Körper, die eine Hälfte auf der ansteigenden Uferböschung liegend, während sich der Bug fordernd in das nasse Element drängt.

Mekong-Delta: Gestrandet Mekong-Delta: Gänse-marsch!

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir wandern durch Obstplantagen, ich pflücke mir einen Breiapfel, Bienenzüchter gehen ruhig ihrer Tätigkeit nach. Strohhütten stehen am Wegesrand, windschief eckig kantig rund asymmetrisch, vom Wind zerzaust, vom Regen aufgeweicht, von der Sonne ausgedörrt. Die Stille legt sich anfangs wie eine schwere Last auf meine Schultern, ungewohnt schlängelt sich die Ruhe um meine Beine. Hören wird plötzlich spürbar, jedes noch so leise Geräusch entwickelt sich nun zu einer fühlbaren Erfahrung. Zeit fliesst träge dahin, strömt warm und bedächtig, bildet kleine Strudel, durch welche sich bunte Tagfalter hindurchzwängen. Kleine Zeitsteine liegen am Wegesrand, bilden Zeitmauern, welche uns gegen die Zivilisation abschirmen. Zeit-Stille, stille Zeit. Zeit-los, lose Zeit.

Mekong-Delta: Windschief, eckig, kantig, rund, asymmetrisch Mekong-Delta: Verkehrte Welt?

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Es ist schwierig, die Eindrücke, Empfindungen, Gedanken und das Erlebte wiederzugeben. Es ist eigentlich unmöglich, die richtigen Worte zu finden, die Impressionen des Mekong-Deltas in die dafür notwendigen Sätze zu fassen, die Gefühle in Satzkonstruktionen zu pressen. Doch dies soll auch nicht meine Intention sein. Augenblicke geniessen, Augenblicke festhalten, Augenblicke wiedergeben, manchmal alleine, aber meistens zu zweit.

Mekong-Delta: Im Bild Mekong-Delta: Quo vadis?

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ich lasse Sie nun, zum Abschluss unseres ersten Tages im Mekong-Delta, mit einigen Impressionen alleine. Schauen Sie sich die Bilder in Ruhe an, entspannen Sie und träumen Sie vielleicht von der grossen Mutter Mekong, dem Sông Mê Kông. Und sollten Sie sich selbst einmal auf einem der neun Arme des Sông Cửu Long, des Neun-Drachen-Flusses befinden, lassen Sie ihn mir schön grüssen.

Mekong-Delta: Pro und contra Mekong-Delta: Schwimmendes Haus Mekong-Delta: Dreigestirn Mekong-Delta: Am grossen Fluss Mekong-Delta: Ins Netz gegangen Mekong-Delta: Abend in Can Tho

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wir sehen uns demnächst wieder, in Can Tho, der Provinzhauptstadt des Mekong-Deltas. Denn dort werden wir unsere erste Nacht verbringen. Bis dahin schwimmen Sie mit der Zeit, Ihrer ganz persönlichen Zeit. Und vor allem: Nehmen Sie sich Zeit, so viel Sie wollen. Denn wir haben nicht unbegrenzt davon, teilen Sie sich diese kostbarste Ressource deshalb gut ein. Aber teilen Sie auch Ihre Zeit, so wie ich sie mit der allerbesten Ehefrau der Welt im Vietnam teilen durfte und hoffentlich noch lange teilen darf.

Bis dahin sage bzw. schreibe ich wieder einmal: Fortsetzung folgt. Es grüsst Sie der Teil-Zeitler und Zeit-Teiler.

Paul Bögle

Vietnam Bilder

Montag, März 8th, 2010

Warum diese Perspektiven?

Das nun folgende soll für alle bereits veröffentlichten Artikel und die noch im Verborgenen schlummernden geistigen Ergüsse zu meinem Fortsetzungsroman “Der Süden Vietnams”, Sie können sich selbstverständlich auch einen geeigneteren Titel wählen, Allgemeingültigkeit haben. Im Zuge dessen kann ich auch gleich die Gelegenheit nutzen, die bereits veröffentlichten Reiseberichte zu Vietnam 2010 in chronologischer Reihenfolge aufzuführen, bevor ich zu den den Artikeln zugrundeliegenden Bildern Stellung nehme.

Good morning, Vietnam

Phu Quoc - Abendstimmung

Saigon - erste Gehversuche

Saigon - oder Ho Chi Minh City?

Saigon River

Saigon - mit dem Cyclo zur Jadekaiser-Pagode

Vietnam - zwischen Kultur und Krieg

Cao Dai Tempel und Cu Chi-Tunnel

Saigon - rund um Cholon

Saigon: Die Pagoden in Cholon

Von Saigon nach My Tho

Can Tho, die schwimmenden Märkte von Cai Rang, Krokodilstränen und der Berg Sam

Chau Doc - Wasserspiele und Wasserhyazinthen

Saigon - der erste Abschied

Phu Quoc - paradiesische Zustände

Es gibt sicherlich mehrere Möglichkeiten, nein es gibt unendlich viele Wege, seine Reiseerinnerungen zu Papier, oder wie in diesem Falle, zu elektronischem Papier zu bringen. Und genauso verhält es sich auch mit den sogenannten Urlaubsfotos. Manch eine(r) versteht es, Gebäude, Sehenswürdigkeiten, Strassenzüge oder sonstige Erinnerungen so festzuhalten, dass diese nur im Ganzen den Zusammenhang des Fotografierten wiedergeben. Andere wiederum, und zu dieser Spezies möchte ich mich zählen, begeben sich viel lieber auf Entdeckungstour beim Fotografieren.

Meine Intention besteht weniger darin, die besuchten Orte, Tempel, Pagoden und sonstigen örtlichen Gegebenheiten in ihrer Ganzheit wiederzugeben, sondern mir spannende Details herauszunehmen, um diese aus dem Zusammenhang gerissen darzustellen. Sie werden selbstverständlich auch Frontalansichten bzw. komplette Gebäude in den verschiedenen Reiseberichten zum Vietnam finden, jedoch sollen diese mehr Wiedererkennungswert als Unterhaltungswert haben. Sollte sich die eine oder der andere Reiselustige nach Saigon oder andere aufgeführte Orte im Süden Vietnams einmal verirren, möge sie/er sich vielleicht die schon einmal auf meinem Blog gesehenen Bilder ins Gedächtnis rufen, um eine  Erinnerung damit verknüpfen zu können.

Da aber die meisten Sehenswürdigkeiten sowieso bereits im grossen weiten unerschöpflichen unergründlichen unüberschaubaren Medium Internet zu finden sind, sehe ich keine Notwendigkeit, diese Bilder auf ein Neues zu präsentieren. Vielmehr sind es eben kleine Details, winzige Puzzleteile, unwiederbringliche Momente und nicht mehr in dieser Form vorkommende Augenblicke, welche für mich den Reiz der Wiedergabe ausmachen.

Meine geneigte Leserschaft möge es mir deshalb als lässliche Sünde verzeihen, dass ich mich auf das Kleine im Großen konzentriere und nicht immer das präsentiere, was gemeinhin als Urlaubsfoto angesehen wird. Aber wie bereits geschrieben, diese Fotos finden sich zuhauf im Internet.

So, und nun begeben wir uns endlich in das unbeschreibliche, ich versuche es natürlich trotzdem, Mekong-Delta.    

Saigon: Die Pagoden in Cholon

Samstag, Februar 27th, 2010

17.01.2010 Saigon und die Pagoden in Cholon

Nachdem wir nun alle Saigon und die Chinesen in Cholon auf dem Binh Tay Markt heil überstanden haben, würde ich vorschlagen, dass wir uns zuerst einmal eine Kokosnussmilch verdient haben. Setzen wir uns für ein paar Momente in den nahegelegenen Park und schauen wir dem bunten Treiben auf, neben und abseits der Strassen in Cholon zu. Wer nun nicht die Muse besitzt, sich uns zu Fuss anzuschliessen, um in Richtung der Pagoden zu spazieren, kann sich natürlich auch ein Cyclo heranwinken und sich gemütlich in das Pagoden-Viertel kutschieren lassen. Es ist vielleicht nicht einmal die schlechteste Idee, da es entlang der Hong Bang Strasse nicht allzu viele Sehenswertigkeiten zu bestaunen gibt.

Wir bleiben jedoch bei unserem ursprünglichen Plan, wandern an der für die Vietnamesen historisch bedeutenden Cha Tam Kirche vorbei. Historisch und politisch relevant ist die Cha Tam Kirche deshalb, da sich in ihr 1963 der gehasste Präsident Ngo Dhin Diem vor den Putschisten verschanzte, welche am 01. November 1963 nach einem Staatsstreich die Macht übernahmen. Nachdem er am nächsten Tag der Kapitulation zustimmte, die USA hatten ihm mittlerweile sämtliche Unterstützung verweigert, wurde er von den ARVN-Soldaten abgeholt, anstatt aber, wie ursprünglich vereinbart, ihn in Verwahrung zu nehmen, wurden er und sein Bruder kurzerhand auf dem Weg in die Stadt erschossen.

Nun gut, wir blieben am Leben. Das einzige, was auf uns zuschoss, waren wie immer die Mopeds und Roller, aber die trachteten uns beiden Langnasen eigentlich nicht nach dem Leben.

Erste Station unserer Pagoden-Wallfahrt war die Phuoc An Hoi Quan Pagode. Die Phuoc An Versammlungshalle (Hoi Quan steht für Versammlungshalle) wurde im Jahre 1902 von der Fujian-Gemeinde gestiftet, jenen Nachfolgegenerationen der Chinesen, welche im frühen 18. Jahrhundert aus der chinesischen Provinz Fujian in das Land einwanderten. Die Phuoc An Hoi Quan Pagode wurde zu Ehren des chinesischen Generals Quan Cong erbaut, verehrt wird aber darüberhinaus auch Ong Bon, jener bei den Vietnamesen willkommene Gott des Glücks und des Reichtums. In der Nähe des Hauptaltars fallen sofort acht Speere auf, welche fächerförmig im Wolkennebel der Räucherstäbchen stehen. Sie symbolisieren die acht Kardinaltugenden.

Saigon Phuoc An Hoi Quan Pagode: Acht Speere, acht Kardinaltugenden

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ich könnte jetzt stillschweigend weiterschreiben und die Kardinaltugenden einfach übergehen. Da dies aber wohl kaum befriedigend ist, weder für Sie noch für mich, habe ich dementsprechend etwas recherchiert, bin aber zu keinem wirklich befriedigenden Ergebnis gekommen. Falls mir also die eine oder der andere LeserIn etwas Unterstützung und Hilfestellung leisten können beim Erklärungsversuch über die Kardinaltugenden, ich nehme dankend an. Bis dahin möchte ich einen Erklärungsversuch starten.

Im Konfuzianismus gibt es fünf verankerte Kardinaltugenden. Es handelt sich dabei um gegenseitige Liebe, die Tugend der Rechtschaffenheit, das Streben nach Weisheit, das Gebot der Sittlichkeit und nicht zuletzt um Aufrichtigkeit. Diese fünf Kardinaltugenden wiederum werden noch ergänzt durch die drei sogenannten unumstösslichen Beziehungen der Menschen, die da lauten: Unterordnung des Sohnes unter den Vater, des Volkes unter den Herrscher und der Frau unter den Mann.

Werte weibliche Leserschaft, bitte schauen Sie nicht mich so zweifelnd an, ich kann auch nichts dafür, ich gebe lediglich das wieder, was ich auf der Suche nach den Kardinaltugenden gefunden habe. Wir sollten deshalb auch nicht vergessen, dass der Konfuzianismus, welcher neben dem Taoismus und Buddhismus ursprünglich die stärkste philosophische Geisteshaltung war, bereits mit Beginn der Han-Dynastie (206 v. Chr.-220 n. Chr.) bis zum Ende des Kaisertums im Jahre 1912 Staatslehre war. Und demzufolge sollte die Geisteshaltung des Konfuzianismus auch immer unter dem Gesichtspunkt des herrschenden Patriarchats, wie es nun einmal über Jahrtausende üblich war, gesehen werden. Wissen Sie was? Machen wir doch aus den acht Kardinaltugenden ganz einfach weniger oder, vielleicht noch besser, jeder nehme sich seine ganz persönlichen Tugenden heraus. Und da ich schon immer ein völlig unverschämter Mensch war, dränge ich mich gleich wieder in den Vordergrund und angle mir die gegenseitige Liebe, dazu hätte ich gerne die Weisheit (warum immer das Unmöglichste?) und da aller guten Dinge drei sind, ach nein, zwei Tugenden genügen für den Anfang, man sollte genügsam sein, auch mit seinen Tugenden.

Wir wandern weiter. Ein letzter Blick zurück, ein leiser Gruß, der Tiger fletscht die Zähne, der gelb gewandete Buddha hinter dichtem Grün lächelt milde zurück und gibt uns hoheitsvoll den Weg frei, während uns ein buntes Fabelwesen mit breitem Maul verabschiedet. Zwei Kraniche versuchen vergeblich, uns zu folgen. Das Gewicht des Porzellans hindert sie, sich dorthin zu erheben, wo sich Vögel frei fühlen.

Saigon Phuoc An Hoi Quan Pagode: Gelber Buddha Saigon Phuoc An Hoi Quan Pagode: Fabelwesen, Drache oder Wächter? Saigon Phuoc An Hoi Quan Pagode: Vogel-Frei?

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Auf der Luong Nhu Hoc gehen wir in südlicher Richtung an vielen kleinen Elektroartikel-Geschäften vorbei, der Lärm der Hong Bang Strasse verebbt, es wird wieder beschaulicher in den kleinen engen verwinkelten Gassen. Die kleine Lao Tu Strasse beherbergt die Quan Am-Pagode, nein, sie trennt die Quam Am-Pagode in zwei getrennte Bereiche. Die freundliche helle Fassade leuchtet schon von weitem, satte Rottöne dominieren den Aussenbereich, während die grünen und roten Keramikziegel den Blick des Betrachters auf die reichen Holzschnitzereien und aufwendig gestalteten Keramiken des Daches vorbereiten und hinlenken.

Saigon Quan Am-Pagode: Aussenansicht Saigon Quan Am-Pagode: Papier-Lampion

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Chinesische Kaufleute errichteten die Quan Am-Pagode 1816 zu Ehren von Quan Am (auch Kwan Yin), der Göttin der Barmherzigkeit. Viele mythologische Gestalten und Gottheiten finden in der Quan Am-Pagode auf den grossen und kleineren Altären ihren Platz. Neben der in strahlendem Weiss dargestellten Quan Am wird Thich Ca gehuldigt, jenem in Indien unter dem Namen Siddharta bekannten Buddha. Verschmitzt und glücklich lächelt Di Lac (oder Amida), der Buddha der Zukunft, während der Höllenfürst Thanh Hoang die Gläubigen an ein gottgefälliges Leben ermahnt. Einige der Gläubigen halten Zwiesprache mit Than Tai, dem Gott der Finanzen, während die Himmelsgöttin Thien Hau besonderen Schutz den Seeleuten gewährt.

Saigon Quan Am-Pagode: Siddharta Saigon Quan Am-Pagode: Göttliches Innenleben Saigon Quan Am-Pagode: Drachensäule

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Rotierende elektrisch betriebene Säulen sind mit unzähligen kleinen Zettelchen behängt, auf denen die Namen der jeweiligen Spender niedergeschrieben sind. Langsam und bedächtig drehen sie sich im Kreise, mit jeder Drehung der Säule werden die Gebete der Spender ein weiteres Mal erhört. In kleinen Öfen zu Seiten der Altäre wird Papiergeld verbrannt, der Rauch zu Ehren der Verstorbenen mischt sich mit dem Duft der vielen Kerzen, mit Duftölen gefüllten Gläser und dem Weihrauchduft, welcher aus allen Ecken und Winkeln strömt.

Vertieft in die facettenreichen geschnitzten Holzpaneele im Eingangsbereich der Quan Am-Pagode, welche das traditionellen chinesischen Leben darstellen, werde ich zart von einer Vietnamesin angestossen, mit einem lautlosen strahlenden Lächeln bittet sie mich um ein Foto.

Saigon Quan Am-Pagode: Drachenrelief auf der Südseite der Quan Am-Pagode Saigon Quan Am-Pagode: Relief mit Musikanten auf der Südseite der Quan Am-Pagode

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Sie gibt mir zu verstehen, wo sie fotografiert werden möchte, ich fotografiere, sie löst sich von der Wand, schaut sich mit strahlenden Augen das Foto an, bittet mich um ein weiteres und noch eines und ein weiteres. Ich fotografiere, wir schauen uns gemeinsam das Resultat an, sie gibt mir neue Instruktionen, ich fotografiere, wir schauen uns gemeinsam das Ergebnis an und so weiter und so fort. Wieder werde ich sanft angestossen, freundlich drehe ich mich um, bereit, einer anderen jungen hübschen Vietnamesin zu Diensten zu sein. Meine Frau steht vor mir! Richtig, da war ja noch etwas, meine Frau habe ich doch vollkommen vergessen. “Na, eine neue Freundin gefunden?” Schuldbewusst senke ich meinen Blick, im Gesicht des Höllenfürsten Thanh Hoang meine ich ein hämisches Grinsen zu sehen, während mir Quan Am einen barmherzigen Blick schenkt, mag sein, dass ich Barmherzigkeit mit Spott verwechsle, doch lassen Sie mir doch diese Illusion.

Saigon Quan Am-Pagode: Meine neue vietnamesische Freundin

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Im Fahrwasser der allerbesten Ehefrau schwimme ich wieder auf die engen Gassen Saigons zurück. Die Kapitänin voran, heisst das wirklich Kapitänin oder sagt man Frau Kapitän, nun egal, auf alle Fälle, der Fotografen-Leichtmatrose immer dicht hinter ihr. Was läge da näher, als in weiterer Folge die Thien Hau-Pagode zu besuchen. Sie erinnern sich? Thien Hau, Himmelsgöttin, Meeresgöttin und Schutzpatronin der Seeleute.

Hohe Mauern versperren die Sicht auf das Atrium. Der Blick wandert an den rauhen Mauern nach oben, bleibt am Dachfries mit Motiven aus chinesischen Sagen hängen, unzählige handgeschnitzte Holzfiguren in kleinen Gruppierungen bevölkern fiktive handgeschnitzte Städte aus Holz. Zwei Lindwürmer schlängeln sich am höchsten Punkt des Daches, ihre langen gewundenen Körper mit den fein gearbeiteten Schuppen zeichnen sich scharf gegen den blauen Himmel ab. Durch den mit vergoldeten Ornamenten verzierten Eingangsbereich fällt sofort der dichte Rauch des grossen bronzenen Weihrauchkessels auf.

Saigon Thien Hau-Pagode: Aussenansicht Saigon Thien Hau-Pagode: Holzfigurengruppe am Dachfries

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Rote Papierstreifen hängen an den Wänden, sogenannte Gebetsfahnen. Mit jedem Windstoss, der durch den Tempel weht, werden die auf die Fahnen geschriebenen Gebete, Wünsche und Bitten zu Thien Hau getragen. Dicht an dicht hängen Räucherspiralen beim Hauptaltar von der Decke. Die meist weiblichen Gläubigen schreiben auf längliche Zettel ebenfalls ihre Wünsche auf, bringen diese kleinen Papierchen am oberen Ende der Wunschspirale an, worauf sie die Räucherspirale an einer Kerze entzünden. Mit Hilfe einer langen Stange werden sie dann an der Decke aufgehängt, wo sie sich im wahrsten Sinne des Wortes in Rauch auflösen. Langsam frisst sich die Hitze bis zum Ende der Spirale hinauf, um zu guter Letzt den Zettel mit den Bitten zu erreichen, welcher schließlich und endlich im alles verzehrenden Feuer aufgeht, um das Flehen der Menschen im Rauch zum Himmel hinaufzutragen.

Saigon Thien Hau-Pagode: Innenbereich Saigon Thien Hau-Pagode: Detail Holzschnitzerei

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Die Ruhe des Tempels wird von den drei Statuen der Göttin am Hauptaltar überstrahlt, jener Göttin all derer, welche den vielen Gefahren des Südchinesischen Meeres ausgesetzt waren. Die Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Pagode wurde von denjenigen aufgesucht, welche, aus China kommend, das Südchinesische Meer mit Hilfe von Thien Hau sicher durchschifft hatten und dementsprechend der Göttin ihre Danksagung überbringen wollten. Doch überwiegend wird die Frauen-Pagode von einheimischen Frauen aufgesucht. Frauen erbitten göttlichen Beistand von Me Sanh, der Göttin der Fruchtbarkeit und junge Mütter danken Long Mau, der Beschützerin der Mütter und der Neugeborenen.

Apropos neugeboren. Ich weiß, schön langsam werden Ihnen die Füsse schmerzen vor lauter Tempeln und Pagoden. Aber bedenken Sie eines: So oft kommen wir nicht gemeinsam nach Saigon und so billig und preisgünstig schon gar nicht. Aber ich will Sie nun nicht mehr weiter quälen, also beenden wir unseren gemeinsamen Spaziergang in den Gassen Cholons und lassen wir es für heute genug sein.

Ui ui ui, schauen Sie sich das an. Ja, genau direkt rechts an der Nguyen Trai Strasse. Nein, nicht da, weiter rechts, hinter dem Haus da. Man sieht sie kaum von der Strasse, aber glücklicherweise habe ich mich schon vorher schlau gemacht, dass man die Nghia An Hoi Quan-Pagode von der Nguyen Trai nicht direkt sehen kann. Jetzt kommen Sie schon, die eine Pagode schauen wir uns auch noch an, auf die soll´s wirklich nicht mehr drauf ankommen. Danach stärken wir uns dann auf dem Xa Tay-Markt, der liegt direkt neben der Cholon-Moschee, keine Angst, die schauen wir uns nicht auch noch an, ich zeige Ihnen schnell ein Foto, dann können Sie behaupten, auch dort gewesen zu sein.

Saigon: Cholon-Moschee

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

So, hätten wir dieses nun auch erledigt, aber jetzt wollen wir uns zum Schluss noch die Nghia An Hoi Quan-Pagode ansehen. Wie wir alle bereits wissen, war Quan Cong ein chinesischer General, welcher zu Zeiten der Drei Reiche (220-280 n. Chr.) lebte und wirkte (zu den Drei Reichen siehe z.B. China Blog: Die drei Königreiche). Die heroischen Taten des rotgesichtigen Generals Quan Cong ließen ihn desweiteren zum Sinnbild für Recht und Gerechtigkeit werden, in den ihm geweihten Tempeln wurden deshalb auch oftmals Schiedssprüche gefällt. Und, nicht genug der vielen Lobpreisungen, Quan Cong gilt als Patron der Gelehrten und Händler.Doch was wäre ein General zu Pferde ohne seinen treuen Stallknecht. Und wenn wir schon beim Heiligsprechen sind, was wäre ein zum Gott erhobener General ohne das dazu gehörige heilige Pferd. Nun, um die Sache abzukürzen. Der treue Stallknecht des Generals hörte auf den schönen Namen Nghia An. Auf welchen Namen nun das rote Pferd hörte, weiss ich beim besten Willen nicht, vielleicht kann mir hier jmand aus der Bredouille helfen. Ansonsten begnügen wir uns eben mit der Tatsache, dass in der Nghia An Hoi Quan-Pagode die Gläubigen sowohl den General, seinen treuen Stallknecht als auch das rote Pferd verehren.

Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Aussenansicht

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Tempel besticht auch wie viele andere Pagoden wiederum durch die filigranen Holzarbeiten. Betreten wir die von Räucherstäbchen vollkommen vernebelte Haupthalle und wandern zum Hauptaltar, sehen wir die Bildnisse von Quan Cong sowie seiner zwei wichtigsten Berater. Zu seiner Linken können wir den Militärmandarin Chau Xuong erkennen, während der General zu seiner Rechten von Quan Binh, dem wichtigsten Zivilmandarin, flankiert wird. Ong Bon, der Glücksgott darf ebenso wenig fehlen wie wunderbar gearbeitete Holzfriese von Tigern und Drachen.

Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Holzrelief Tigermutter mit zwei Jungen Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Räucherspiralen Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Farbig, schön, aber für Langnasen unverständlich

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Doch das wirklich Interessante der im Jahre 1840 erbauten Nghia An Hoi Quan-Pagode, oder auch Chua Ong (Tempel des Großvaters) genannt, befindet sich direkt neben dem Eingang. Eine riesige Holzstatue in Form des heiligen roten Pferdes sowie von Nghia An sind das wirkliche Ziel der Einheimischen. Um den Segen zu erbitten, werden die beiden Holzstatuen berührt, andere wiederum läuten das kleine Glöckchen am Halfter des Pferdes. Und wenn Sie als Besucher jemanden sehen, der unter dem Pferd durchkriecht, wundern Sie sich nicht. Um auch noch die letzten Reste von Segen zu “erwischen”, bitte dies wortwörtlich zu nehmen, wischen die Gläubigen durch das Hindurchkriechen den Segen sozusagen symbolisch auf.

Saigon Nghia An Hoi Quan-Pagode: Holzstatuen von Nghia An und dem roten heiligen Pferd

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

So, meine lieben LeserInnen, wir sind am Ende unserer heutigen Entdeckungsreise durch Ho Chi Minh City oder, um das gebräuchliche Wort Saigon zu verwenden, angekommen. Es gäbe noch vieles zu sagen, es wäre noch einiges hinzuzufügen, ich könnte noch stundenlang weiterschreiben. Aber nicht jetzt, aber nicht mehr heute. Denn auch ich bin von all diesen überbordenden Eindrücken, welchen die verschiedenen Pagoden, Tempel und heiligen Stätten in Cholon dem Betrachter und Besucher bieten, vollkommen erschlagen. Lassen wir es nun also wirklich gut sein und beschliessen wir den Tag mit jenem Ritual, das der allerbesten Ehefrau und mir mittlerweile schon zu einer heiligen Pflicht geworden ist.

Sie wollen wissen, was uns noch heiliger ist als die Pagoden in Cholon? Nun denn, dann wollen wir Ihnen auch diesen Wunsch erfüllen. Aber lautlos, ganz ohne Worte, schließlich versteht man dort sein eigenes Wort sowieso nicht.

Saigon: Hard Rock Cafe

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Eines noch zum Abschluss, bevor ich es vergesse. Das war es jetzt erst einmal mit Saigon, d.h. wenn wir uns hoffentlich bald wiederlesen, werden wir uns, sofern Sie, liebe Mitreisende, nichts dagegen haben, für drei Tage ins Mekong-Delta wagen. Da ich mir aber bereits den Wetterbericht für die nächsten Tage angesehen haben, könnte es sein, dass es zumindest einen Tag regnen könnte, wahrscheinlich wird es das sogar. Vergessen Sie dementsprechend nicht, sich vielleicht einen Regenschutz mitzunehmen. Wer keinen hat, auch kein Problem, die Temperaturen bleiben trotzdem angenehm im Süden Vietnams. Also, es heisst bei unserem Trip in das Mekong-Delta wieder einmal früh aufstehen, aber Sie wissen ja bereits: Nur der frühe Vogel fängt den Wurm!

In diesem Sinne heißt es wieder einmal: Pagoden-Paul grüßt den Rest der wurmstichigen Welt. Fortsetzung folgt!  


Saigon - rund um Cholon

Montag, Februar 22nd, 2010

17.01.2010 Saigon und die Chinesen in Cholon

Machen wir also heute einmal einen Spaziergang durch das Chinesenviertel Saigons, wo die Moa, jene Nachfolgegenerationen der chinesisch-stämmigen Einwanderer aus dem 17. Jahrhundert leben.   

Cholon, das Chinesenviertel Saigons, auch ganz formlos und kurz District 5, da im fünften Bezirk (Quận 5) gelegen, genannt, (siehe dazu auch Cholon - die Chinesen im Ausland von Martin Kessler) besticht vor allem durch zweierlei Dinge. Zum einen durch den Binh Tay Markt, jenem Pendant zum Ben Thanh Markt im Zentrum der Stadt, und weiterhin durch eine Vielzahl von chinesischen Pagoden und Tempeln, und dies auf engstem Raum.

Um die geneigte Leserschaft schon einmal vorab neugierig auf die Pagoden und Tempel zu machen, welche in diesem kurzen Artikel nicht behandelt werden sollen, dies verlangt einer ausführlichen Betrachtung an anderer Stelle, sollen die folgenden Bilder sozusagen zum “Anfüttern” dienen. Sprich, sie haben einzig und allein den verwerflichen Zweck, den Blog Bio Natur wieder zu besuchen. Schande über mich, dass ich Sie quasi verhungern lasse. Nein, eigentlich ich sehe Sie sogar, bei näherer Betrachtung, als wechselwarme, andauernd im Wasser lebende Wirbeltiere. Ich würde es nun verstehen, wenn Sie mir nun die kalte Flosse zeigen, aber schauen Sie sich doch erst die Bilder an und schwimmen Sie doch in ein paar Tagen wieder bei mir vorbei, es gibt schliesslich noch viel über den Vietnam zu erzählen. Und erst die Fotos, Sie glauben ja gar nicht, was ich noch für Bilder im Ärmel habe, meine Güte, wenn Sie wüssten. Aber wir wollten eigentlich alle gemeinsam in den fünften District Saigons, nach Cholon. Wer also mit uns gemeinsam der Klaustrophobie frönen möchte, rein ins Taxi und ab ins Chinesenviertel. Jetzt hätte ich beinahe das Futtermittel vergessen, also hier die versprochenen Fotos, lauter kleine entzückende Details der verschiedenen Pagoden, ohne Zusammenhang, ohne Erklärung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, bevor es richtig eng wird.

Saigon: Miniatur-Buddha in der Quan-Am Pagode Saigon: Weihrauchspiralen in der Phuoc An Hoi Quan Pagode Saigon: Geschnitztes Relief in der Thien Hau Pagode Saigon: Dach der Nghia An Hoi Quan Pagode

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Wobei die Definition engster Raum eigentlich im wörtlichen Sinne geradezu für die Beschreibung des Binh Tay Marktes prädestiniert ist. Der Ben Thanh Markt im Zentrum der Stadt ist sicherlich schon räumlich sehr begrenzt, auf dem Binh Tay Markt jedoch haben die Dimensionen Länge, Breite und Höhe überhaupt keine Bedeutung. Wo sich Touristen auf dem Ben Thanh Markt noch relativ gefahrlos und einigermassen bequem durch die überquellenden Warenangebote bewegen können, herrschen auf dem Binh Tay Markt geradezu klaustrophobische Zustände. Als Ehemann einer zum Shoppen fest entschlossenen und mit keinen Mitteln abzuhaltenden Ehefrau heisst es da einfach Augen zu und durch, obwohl man eigentlich in den seltesten Fällen irgendwo durch kommt. Bleibt dementsprechend nur noch Alternative 2: Im Fahrwasser der zu allem entschlossenen Ehefrau bleiben. Also doch wieder Augen auf und einfach schauen, wo sich eine Europäerin gerade in harten Preisverhandlungen befindet, denn so wirklich viele Europäer findet man hier nicht. Und trotzdem muss man diese Atmosphäre einfach selbst mit erlebt haben, von Indiana Bögle könnte selbst Indiana Jones noch etwas in Punkto Überlebenstechnik im Dschungel lernen.

Während ich mit meinen Gedanken eigentlich weit weg bin, die Objekte meiner Begierde lauten chinesische Tempel und chinesische Pagoden, werde ich durch die vom Feilschen und zähen Verhandeln schon völlig heisere Stimme der besten Ehefrau wieder in die grausame Wirklichkeit katapultiert. Die heiligen Tempel verschwimmen vor meinem geistigen Auge und der Shopping-Tempel stellt sich mir in all seiner Schonungslosigkeit, mit all seinen darin befindlichen Menschen, wieder in den Weg. Hemden fliegen mir in Familienpackungen um die Ohren, Socken im Vier-Dutzend-Pack defilieren vor mir, echte oder vielleicht auch unechte Ledergürtel, soweit mein Auge reicht, Damenschuhe in Kompaniegrössen bauen sich bedrohlich vor mir auf, den Rest habe ich vergessen, da ich mich Schutz suchend hinter die beste Ehefrau der Welt warf.

Saigon Chinesenviertel Cholon: Der Binh Tay Markt bietet Platz für alle und jeden und natürlich gemeinsam zur gleichen Zeit am selben Ort und überhaupt! Saigon Chinesenviertel Cholon: Binh Tay Markt

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Ich zähle die Sekunden, jede Handtasche steht für eine Sekunde, nach wenigen Augenblicken bin ich, also rein rechnerisch gesehen, am Ende meines Jahresurlaubes angelangt, leider nur fiktiv. Denn Fakt ist: Ich stehe immer noch im Hades der Konsumverweigerer. Ich, Indiana Bögle, der Hüter der heiligen Kreditkarte. Ich, der Tempelritter im heiligen Tempel nachgemachter Gucci-Sonnenbrillen, gefakter Armani-Handtaschen und falscher Dolce&Gabbana-Gürtel. Und um mich herum die Reiter der Einkaufs-Apokalypse, Heerscharen von (meist) weiblichen Todesboten der vollen Geldbörsen, mit eisernem Griff klammern sich meine Finger um die Geldscheine, mit stahlharter Faust klammert sich der eiserne Griff der allerbesten Ehefrau um meinen eisernen Griff (einmal dürfen Sie raten, welcher Griff eiserner war, kleiner Tipp am Rande: Meiner war es nicht). Tapfer stehe ich wie ein Fels in der Konsum-Brandung, ein Kapitän Ahab im Kampf mit Moby Shopping. Und dann, nach endlosen engen und engsten Gassen, sehe ich die Sonne. Ich stehe im Innenhof des Binh Tay Marktes, Länge gewinnt wieder an Bedeutung, Breite wird wieder zu einer erträglichen Vorstellung, Höhe lässt sich wieder mit vernünftigen Massstäben messen. Ich gönne mir ein kleines Päuschen, während sich die allerbeste Ehefrau sofort auf der anderen Seite des Innenhofes wieder ins Schlachtgetümmel wirft, ihr eisener Griff locker um die Geldscheine, welche einst von meinem eisernen Griff umklammert waren.

So sitze ich da, schaue mir den wunderschönen Brunnen mit den Drachen an, erfreue mich an den unzähligen Porzellan-Buddhas, lasse mich von den farbigen Blumen inspirieren und denke bei all den Räucherstäbchen an die meinem eisernen Griff entzogenen Geldscheine, welche sich wohl gerade ebenso in Rauch auflösen, natürlich rein symbolisch, schließlich bekommen wir, also meine Frau im Pluralis majestatis, jede Menge Opfergaben für die monetären Geldwölkchen. Aber ich schweife schon wieder ab.

Saigon: Innenhof Binh Tay Markt Cholon Saigon Chinesenviertel Cholon: Binh Tay Markt Innenhof

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle

Der Binh Tay Markt in Cholon ist auf alle Fälle ein Muss-man-gesehen-haben. Einerseits aus dem eben Geschilderten, andererseits aber auch zu seiner Nähe zu einigen der schönsten Tempel und Pagoden Saigons. Wo sonst ließe sich so einfach Konsum, Kitsch, Kunst und Kultur unter einen Hut bringen. Und um nun noch die letzten Zweifel auszuräumen, ob es den Himmel gibt. Ja, liebe Leser, es gibt den Himmel und er befindet sich direkt über Saigon oder besser gesagt, überall in Saigon. Aber hinein werden nur die wirklich Gläubigen kommen. Aber denen wirkt ein Ort der Glückseligkeit. Ein Ort, an dem nicht Buddha von den Menschen angebetet wird, sondern wo Buddha die Schuhe anbetet. Ein Schlaraffenland, wo nicht Milch und Honig fliessen, sondern wo es Handtaschen vom Himmel regnet. Ja,ja, liebe Leser und besonders liebe Leserinnen, ich habe ihn gesehen, denn ich war mitten drin.

Saigon: Der Shopping-Gott bei der Arbeit Saigon: Handtaschenhimmel

Sämtliche Bilder Copyright © 2010 Paul Bögle  

Bevor wir uns aber nun den Pagoden ganz in der Nähe zuwenden, muss ich mich erst einmal etwas ausruhen.

Bis dahin sagt Paul Bögle, der in die Enge Getriebene “Hẹn gặp lại!”, was soviel wie “Auf Wiedersehen!” bedeutet und, Sie wissen schon: Fortsetzung folgt!