Bio Natur - Der Weblog

12.1.2012

Gute Güte! Gute Gütesiegel für nachhaltigen Urlaub?

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 19:06


Der touristische Labeldschungel: “Holt mich hier raus!

Naturfreunde, Amis de la Nature, Naturefriends International: Nachhaltigkeit im Tourismus. Wegweiser durch den Labeldschungel.Dass ich ein Freund des gepflegten Müßiggangs bin, ist altbekannt. Doch selbst diese erschöpfende Tätigkeit artet immer mehr in Stress aus, zumindest wenn es um die eigene Urlaubsplanung geht. Was gilt es da alles im Vorfeld zu bedenken und abzuklären, um die wenigen Stunden, welche uns in unserem harten postindustriellen Zeitalter bleiben und um deren axiale Strukturen sich unser Denken und Handeln rund um die Uhr dreht, auch wirklich zu genießen. Bevor ich nun wieder ab ovo verbal zu brüten beginne, lassen Sie mich gleich zum Thema kommen.

Gütesiegel überschwemmen mittlerweile die touristischen Märkte wie ebendiese Erholungssuchenden die Strände von wo auch immer. Die Plattform Naturfreunde Internationale hat sich deshalb jetzt einmal die Mühe gemacht, die verschiedenen Nachhaltigkeitslabels hinsichtlich ihrer Eigenschaften, Merkmale und Tauglichkeit abzuklopfen. “Nachhaltigkeit im Tourismus - Wegweiser durch den Labeldschungel” nennt sich diese PDF-Broschüre und sie soll uns Reisewilligen den Weg aus dem dichten Dschungel voller grüner Blätter, gelber Sonnen oder blauer Fahnen, welche so schön diese verschiedenen Gütesiegel zieren, hin in Richtung der lichten Höhen des nachhaltigen Tourismus weisen. Die Naturfreunde stellen dabei besonders jene Aspekte in den Vordergrund, welche gemeinhin vernachlässigt werden, doch bei einer wirklich durchdachten Vorabplanung der sogenannten “schönsten Zeit des Jahres” eigentlich fast immer außer Acht gelassen werden. Denn dass es in unserer globalen fluglärmgeschädigten und asphaltverbandelten Verdichtung, in der das dichte Netz touristischer Infrastruktur jeden Punkt der Erde (und wohl bald darüberhinaus) in Nullkommanix und Kostfastnix erreichen lässt, mittlerweile nicht nur zum guten Ton gehören sollte, neben umweltschonender Freizeitplanung auch an jene zu denken, welche uns für einige Tage bis Wochen in ihrem Land aufnehmen, wird eben bei all unserer Euphorie für billiges Reisen und schnelles Vergnügen gerne vergessen.

Oder denken Sie bei der Urlaubsbuchung daran, dass neben Bio und Fairtrade (ja, auch im Urlaub) ebenso Faktoren wie Menschenrechte, der Nutzen und Mehrwert für die einheimische Bevölkerung und vor allem der Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung nicht unberücksichtigt bleiben sollten. Wer hat schon immer im Hinterkopf, dass der wohlverdiente fliegende Freizeispaß immer mit weniger spaßigen, aber leider ebenso fliegenden und klimawandelnden Treibhausgasen einhergeht. Wem ist bewusst, dass wir als Kurzzeit-Fremde zur ökologischen Belastung unserer vergnüglichen Heimstätte beitragen und dort die oftmals knappen  Ressourcen wie Wasser und Nahrungsmittel verbrauchen. Wer verschwendet einen Gedanken daran, dass das Hotel, in welchem wir übernachten und auf dessen Grund und Boden wir zu nachmittäglicher Stunde am Pool faulenzen, vielleicht zwanzig Kleinbauern zu unverschämt beschämenden Preisen abgenommen wurde, damit statt Nahrungsmittel für die Familien oder Produktionsgütern für die Die Naturfreunde Internationale ist der weltweite Dachverband und Mitglied der Green 10, einer Plattform der zehn größten europäischen Umweltorganisationen.Einkommenssicherung eine wunderschöne Wasserrutsche für prickelndes Vergnügen jenseits des gut bewachten Zaunes sorgt. Und jene, welche nun land- und arbeitslos mit übervollen Augen, aber leerem Magen hinter diesen hohen Mauern der Glückseligkeit stehen?

Naja, alles kein Problem. Die Familienväter können schließlich den grünen Rasen auf Vordermann bingen und nächtens, wenn wir beim 5-Gänge-Menü im tiefen und augenfüllenen Dekolleté und im tadellos geschnittenen magenfreundlichen Zweireiher an festlich beleuchteten Tischen sitzen, um uns bei dezenter Hintergrundmusik oder schummrig verschwommenem Kerzenlicht mit sonnenbrandgebrandmarkter Tischgesellschaft über die furchtbar deprimierenden Lebensbedingungen und unhaltbaren Zustände der Bevölkerung zu unterhalten, während das Bœuf Stroganoff vor lauter Entsetzen schon ganz kalt geworden ist (der gute Riesing dafür lauwarm) den verschmutzten Pool wieder auf Hochglanz bringen. Und für die Frauen gibt es selbstverständlich auch genug Arbeit. Irgendjemand muss ja die Zwiebeln schneiden und den Salat putzen, die Zimmer reinigen, wenn wir im warmen Wasser plantschen und vielleicht sogar die ehemals blütenreine Bettwäsche von verräterischen Spuren befreien, welcher der schnelle Sex mit Minderjährigen hoch und heilig im rauschzuständigen Urlaubsfeeling (siehe dazu vielleicht auch: “Weiße Flotten, frische Seeluft, eine Brise Schweröl und eine Prise Profit“) verspricht.

Die Welt ist einfach wunderschön. Und Nachbars Gartenzaun glücklicherweise so weit weg. Sozusagen aus den Augen, aus dem Sinn.

7.12.2011

MyLife 24/24: Die Jugend blickt nach vorne

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 18:46


Filmische (Kurz)Gedanken zum Jahr 2035

Nun, da ich meinen lesenden Streifzug zusammen mit Rudolf Fill durch die staubigen und angestaubten Jahrhunderte päpstlicher Machtbestrebungen und -ansprüche, welche bis in die Gegenwart hinein nachhallen und sich als vatikanische Schallwellen ausbreiten, beendet habe, lasse ich heute jene zu Wort kommen, welche gemeinhin als “unsere Zukunft” betrachtet werden und unter dem Siegel der pensions- und rentensichernden Verschwiegenheit von den Älteren als oftmals lästiges, lärmendes, lautes und Hast du Lust auf eine gedankliche Zeitreise? Wie lebst du im Jahr 2035? Wie wohnst du? Wo arbeitest du? Wie bewegst du dich von A nach B? MyLife 24/24 Videokompilation von jungen Menschen.lebensfeindliches Anhängsel betrachtet werden. Oder kurz: In meinem heutigen Beitrag soll die Jugend zu Wort kommen oder besser geschrieben ins rechte Bild gerückt werden, was sie aber sowieso gleich selbst übernehmen wird.

Was treibt eigentlich die Jugend so den lieben langen Tag, wenn sie nicht gerade auf Facebook mit 617 FreundInnen chattet? Nun, es hört sich vielleicht seltsam an, aber auch (oder gerade) diese Generation X+1 oder eben der liebe Nachwuchs macht sich Gedanken über die eigene und, sollte das Jahr 2035 noch irgendeine Verwendung für Sie und mich auf diesem Planeten Erde haben, möglicherweise auch Ihre, meine, unsere Zukunft. Und im vorliegenden Fall namens MyLife 24/24 sogar minutiöse Gedanken, welche im Sekundentakt abgerechnet werden oder welche jene gedankenverschwendende, gedankenverschwenderische Nachfolgegeneration in Form von Kurzvideos von etwa ein- bis dreiminütiger Länge über die eigenen Vorstellungen, Gedanken, Ängste, Verbesserungen und Zustände zum filmischen Leben erwecken. Dass sich diese jungen Kreativen dabei natürlich nicht nur des Mediums Film bedienen, sondern eben auch wiederum Facebook (MyLife 24/24 Facebook-Seite) als Aggregator zum Verbreiten dieser Inhalte des Heute über das gar nicht mehr so ferne Morgen nutzen, ist natürlich klar. 

Im Rahmen des SUM (Stadt-Umland-Management Wien/Niederösterreich) haben sich 24 junge Filemmacherinnen und Filmschaffende also zusammengefunden, um aus ihren jeweiligen Beiträgen eine Videokompilation zu schaffen, welche sich mit ganz vielfältigen Themen beschäftigt. Und doch liegt allen Beiträgen ein Grundtenor zugunde: Was wird die Zukunft bringen? Egal ob “a movie, where plastic bottles control the whole world” (”Waste War” von Valentin Lechner), welcher schlussendlich hinsichtlich unserer Bereitschaft, alles in Plastikflaschen abzufüllen, die Frage stellt: “And a solution?” oder der prämierte Clip “Der erste Schritt” von Simon Casetti, welcher für Car sharing, Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, die verstärkte Nutzung des Fahrrads und selbstverständlich jenen ersten Schritt wirbt, welcher neben dem Hirn auch das Einschalten des natürlichen Bewegungsapparates, also unserer Beine, zum Kernpunkt seiner Aussage macht. “Und keiner schimpft mehr die Ausländer und alle sind gleich. Ich find es schon besser jetzt!” Die beiden letzten Sätze des Beitrages “Früher war alles besser” by Julia Hacker sagt eigentlich ohne weitere Worte, welche Botschaft hier für die Menschen der Gegenwart ausgegeben wird bzw. welchen Wertewandel der Gesellschaft sich die beiden ProtagonistInnen des Films von uns, jenen in der derzeitigen politischen und sozialen Verantwortung stehenden Menschen, wünschen würden. Dass dabei von einer PS 25, welche im Jahre 2035 wohl erhältlich sein wird, die Rede ist, zeigt doch mehr als deutlich, wie subtil diese jungen Menschen, welche an der Videocollage mitgewirkt haben, ihre Kritik und Verbesserungsvorschläge eingebracht haben, ohne gleich mit dem filmischen Holzhammer auf die Menschheit einzuschlagen. Alle Teilnehmerinnen und Mitwirkenden, welche nun nicht namentlich erwähnt wurden, mögen mir dies bitte verzeihen. Sollte es aber irgendwo in eurem Fundus etwas Dementsprechendes geben, kann ich dies gerne nachträglich einbauen. Nachtrag, ohne diese vorangegangene Worte jetzt zu löschen: Ich bin bezüglich der Namensliste bereits fündig geworden und habe sie selbstverständlich weiter unten vor der Videocollage online gestellt.

Dass sich dabei sogar Wiens Vize-Bürgermeisterin Maria Vassilakou per Facebook-Post zu Wort gemeldet hat, mag sicherlich ein Zeichen für das Verständnis der gezeigten Maria Vassilakou: Facebook-Post zu MyLife 24/24. Wie sehen Jugendliche die Stadt Wien und das Umland im Jahr 2035.Werke sein. Doch wenn die Grünen trotz 25-jähriger Feierlichkeiten über den erstmaligen Einzug in den Nationalrat diese Botschaften über dieses Verständnis hinaus, hier sei besonders wieder Simon Casetti namentlich erwähnt, in die Tat umsetzen möchten, um im Jahre 2035 dann durch entsprechende umweltpolitische Maßnahmen an ihr 50-jähriges Dienstjubiläum im Namen des Volkes denken zu können, bedarf es allerdings auch einer dementsprechenden Umsetzung dieser Vorgaben aus Kindermund und Wünsche, Sorgen und Kritikpunkte der mit dem Auge der jugendlichen BetrachterInnen auf Video gebannten minütlichen Gedankengänge. Was ich aber auch schon selbst in einigen Beiträgen (z.B. “Nicht das Rad neu erfinden. Einfach ausbauen” oder “Hoch zu Ross auf dem Drahtesel“) zum Anlass nahm, dies mit Worten zu äußern.

So, aber nun genug der schönen Worte. Lassen wir also jene sprechen, welche für die kleinen Werke verantwortlich sind.

Diese Kompilation beinhaltet alle im Rahmen vom Projekt MyLife 24/24 eingereichten Videos. Am Projekt waren folgende junge RegisseurInnen beteiligt: Aimee Karl, Stefan Giparakis, David Blacher, Tobias Weber, Linda Kress, Andreas Mayer, Elias Hirschl, Bengisu Naz Uzgur, Julia Hacker, Sonja Greinecker, Sophie Schwarz, Rene Kaspar, Valentin Lechner, Franziska Weber, Stefan Reuter, Valentin Gensthaler, Katja Träger, Elmas Libohova, Christoph M., Anja S., Judith T., Laura Ewers, Rupert Tömböl, Melina Lehofer, Miriam Hülmbauer, Christiana S., Lisa K., Christine S., Jovana L., Dominik Scheidl, Claudio dela Sciava, Alexander Bauer, Flora Petrik und Simon Casetti.

MyLife 24/24 - Videokompilation from Büro PlanSinn on Vimeo.

25.11.2011

Ludwig Hirsch: Der große, schwarze Vogel kam endgültig

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 08:30

Danke für viele dunkelgraue Stunden und noch mehr dunkelgraue Lieder

In memorian Ludwig Hirsch. Paul Boegle sagt danke für viele dunkelgraue Stunden und noch mehr dunkelgraue Lieder. Der große, schwarze Vogel kam nun endgültig.

9.11.2011

Klimaflüchtlinge: Fluchtlinie Klimawandel

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 12:34


1. Der Klimawandel unter “normalen” Gesichtspunkten

Wenn wir, und da nehme ich mich nicht aus, über den Klimawandel und dessen Folgen viel reden und wenig handeln, haben wir fast immer bestimmte Auswirkungen und Probleme im Fokus, welche wir, und da nehme ich mich wiederum nicht aus, in schöner Regelmäßigkeit anprangern und wiederholen. Es wird von Gletscherschmelze gesprochen, deren fehlende Eisflächen das Sonnenlicht nicht mehr reflektieren werden. Wir machen uns Gedanken über den Raubbau an den Regenwäldern, welche als natürlicher CO2-Speicher die Schadstoffe der Luft nicht mehr auffangen werden. Wir propagieren die dringende Notwendigkeit, endlich von fossilen Energieträgern auf erneuerbare Energien umzusteigen und die damit verbundenen Technologien endlich zu forcieren, anstatt wie bisher mit neuen Schröder-Pipelines (”Fragwürdige Ostsee-Pipeline-Eröffnung in Lubmin mit Merkel, Medwedew und Ex-Kanzler Schröder“) oder im Bau befindlichen Nabucco-Pipelines weiterhin auf die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu setzen. Dazu sicherlich auch sehr interessant: “Klima der Gerechtigkeit: Gaskraft hilft dem Klimaschutz” und die dort erwähnte Kurzstudie “Die künftige Rolle von Gaskraftwerken in Deutschland” der Klima-Allianz Deutschland. Das Argument, dass Gaskraft wesentlich umweltschonender als etwa Kohlekraft ist, braucht hierbei wohl nicht diskutiert zu werden. Dass Gaskraft auch nur als Übergang hin zu erneuerbaren Energieformen angesehen werden darf, sollte ebenso vorausgesetzt werden. Was mich bei der ganzen Geschichte stört. Unter Punkt “1.4 Alternativen zu Gaskraftwerken als Backup in der Stromerzeugung” auf Seite 17 ff. wird nur auf drei alternative Szenarien zur vollständigen Versorgung aus erneuerbaren Energien des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) zurückgegriffen wird, was aber jetzt nicht Thema dieses Beitrages sein soll. Abschließend vielleicht nur noch der Hinweis auf das vielfach noch unbekannte und aus wohl kalkulierten Überlegungen nicht in die Öffentlichkeit getragene chemische Verfahren namens Hydraulic Fracing oder Fracking, eine Form der Erdgasförderung mithilfe chemischer Giftstoffe. 

Atomausstieg war nach Fukushima Brennpunkt Nummer 1, hat sich aber mittlerweile wieder mit dem sanften Abkühlen der Brennstäbe, welche zwar immer noch glühen und ihre tödliche Dosis verbreiten, aber eben nicht mehr in unserem Bewußtsein, wieder in den hintersten Winkel aktueller Rettungsfallschirme verzogen. Manchmal echauffieren wir uns noch einige Minuten über die Abzocke beim Emissionshandel, debattieren müßig und mäßig über die Überfischung der Meere und, natürlich immer wieder gerne aufgegriffen, wir machen uns selbstverständlich ohnmächtig Sorgen über die Allmacht von Banken. Eine endlose Litanei im Zeichen der Umwelt, aber natürlich auch über den maroden Ist-Zustand heutiger nationaler und länderübergreifender Handlungsunfähigkeit. Und die einzigen, welche wirklich handeln, agieren müssen, weil aufgrund all dieser genannten und noch unzählig anderer Gründe zum Handeln verdammt, sind eine bestimmte Gruppe von Menschen. Sogenannte Klimaflüchtlinge.    

2. Der Klimawandel unter “menschlichen” Aspekten

Vorab ein kurzes Video von Ska Keller mit dem bezeichnenden Titel “Klima wandelt Migration“.

Klimaflüchtlinge. Oder streichen wir doch der Einfachheit halber das Klima und bleiben bei Flüchtlinge. Welch unschönes Wort. Da denken wir doch sofort an Krieg, Hunger, politische Agitation. Wir verbinden mit Flüchtlinge kleine apathisch blickende Kinder, welche mit dicken Bäuchen und unzähligen Fliegen unter der Sonne Afrikas in die Kameras der westlichen Berichterstattung stieren. Wir sehen vor unserem geistig deformierten Auge FreiheitskämpferInnen, welche inmitten langer an ihnen vorbeiziehender Autokolonnen nach möglichen SympathisantInnen ehemaliger und jetzt gestürzter Regierungen Ausschau halten. Wir assoziieren hoffnungslos überfüllte Boote, welche irgendwo im salzigen Nirgendwo der Meere treiben und auf “Land in Sicht!” warten. Vielleicht denken wir aber auch noch an japanische Schulen, welche zu provisorischen Auffanglagern für die vor Fukushima Flüchtenden umfunktioniert wurden. Und so können wir noch endlos weiter in unseren Gedanken flüchten. Doch in den wenigsten Fällen denken wir an sogenannte Klimaflüchtlinge.

Was eigentlich verwundern sollte. Nein, darf es nicht, weil die Politik schließlich nicht alles im Visier haben kann. Jetzt ist aber seltsamerweise so, dass andere Organisationen abseits von eben jener Politik und natürlich noch viel abseitiger der Wirtschaft (NICHT vergessen: Zur LobbyControl-Wahlurne schreiten) sich dieser Problematik schon seit mehreren Jahren angenommen haben. So gibt es etwa eine Studie im Auftrag von Greenpeace aus dem Jahr 2007, welche von Cord Jakobeit und Chris Methmann erstellt wurde. Unter dem einfachen Titel “Klimaflüchtlinge” legen die beiden dar, welche Konsequenzen der Völkergemeinschaft durch die menschgemachte Klimaerwärmung drohen. Die beiden sehen den dringend notwendigen Klimaschutz nicht als intentiertes Verhalten, um das Abkühlen des Planeten aus politischen, wirtschaftlichen und besonders als Verpflichtung der Industrienationen gegenüber unsere zukünftigen Generationen zu betreiben. Asylrecht aufgrund von Klimawandel findet bis heute noch fast überhaupt keinen Zugang in den internationalen Statuten sowohl von UN-Flüchtlingskommissariat als auch nationaler Bestimmungen über Migrationsrechte. Doch Jakobeit und Methmann entwickeln gerade aus dieser Ignoranz eine Zukunftspespektive, welche voraussagt, dass durch die veränderten Umweltbedingungen die Zeichen im wahrsten Sinne auf Sturm stehen.  

Besonders interessant dabei ist meines Erachtens die Unterscheidung zwischen “normalen” Flüchtlingen und den expliziten Umweltflüchtlingen (Punkt 3.4.1. Seite 21 der Studie). Die beiden definieren den speziellen Fall dieses Fluchtverhaltens so, dass der entscheidende Faktor die Umweltveränderung sei. Dass hierbei jedoch die Grenzen fließend sind und oftmals schwierig zu beurteilen ist, ob letztendlich die veränderten kliamtischen Bedingungen für eine Flucht ausschlaggebend sind, soll hier nur nebenbei erwähnt werden. Wenn etwa Menschen, welche in Armut leben, durch ein Ansteigen des Meeresspiegels zum Verlassen der Heimat gezwungen werden, betrachten die beiden dies als Klimaflucht und nicht als Armutsflucht. Wenn aber andererseits fehlende Bewässerungsanlagen durch zu hohe Kosten und damit eben fehlender Gelder, welche wiederum eine Folgeerscheinung der Armut sind, zum Ausfall von Ernten führen und dies eine Flucht nach sich zieht, wird die Sache und damit auch die Definition per se schon schwieriger.

Das Ergebnis ihrer Forschung spiegelt sich wohl im Schlusssatz am besten wider: “Wer sich ernsthaft mit dem Phänomen der Klimaflüchtlinge auseinander setzt, wird in einigen Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr behaupten können, sie oder er habe von der Brisanz und dem Umfang des Problems nichts gewusst.

Schlussendlich vielleicht noch eines. Die von Jakobeit und Methmann entwickelte Studie geht davon aus, dass Menschen, welche direkt durch die klimatischen Veränderungen und die globale Erwärmung aus ihrer Heimat vertrieben wurden, sich in einer Größenordnung von 20 Millionen Flüchtlingen bewegt. Eine neuere Studie aus dem Jahr 2009 von CARE International mit dem Titel “In Search of Shelter: Mapping the Effects of Climate Change on Human Migration and Displacement” relativiert das Ganze nun. Jedoch nicht nach unten, sondern mit der Erkenntnis, dass “the influence of environmental change on human mobility is discernible and growing. Current and projected estimates vary widely, with figures ranging from 25 to 50 million by the year 2010 to almost 700 million by 2050. The International Organisation for Migration (IOM) takes the middle road with an estimate of 200 million environmentally induced migrants by 2050.” Deutschsprachig dazu: “Florian Rötzer. Telepolis: Hunderte Millionen Flüchtlinge bis 2050?

      

23.10.2011

Die Entdeckung Amerikas und der Klimawandel

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 12:19


Die Ausrottung indigener Stämme zum Wohle der Umwelt

Bitte verurteilen Sie mich nicht vor Lesen dieses Artikels anhand der gewählten Überschrift. Denn was sich sehr zynisch liest, soll es auch sein. Aber mehr dazu jetzt in den folgenden Zeilen. Sollten Sie jetzt die beiden letzten Früchte des Zorns (siehe “Hinter Gittern” und “Der Kern der Dinge“) vermissen. Diese folgen selbstverständlich nach. Sozusagen gewachsen, ausgereift, aber eben noch nicht gepflückt.

Wenn wir über das Damoklesschwert Klimawandel sprechen, bewegt sich unser Denken und leider Nichthandeln meist nur in geographischen Breiten- und zeitlichenDie Entdeckung Amerikas und der Klimawandel. Die Ausrottung indigener Stämme zum Wohle der Umwelt. Der Geochemiker Richard Nevle und seine Hypothese vom Austerben indigener Völker durch Krankheiten wie Diphterie, Pocken und Grippe durch europäische Eroberer und die damit verbundene Erholung der Waldbestände durch fehlende Landrodung. Längengraden jenseits der industriellen Revolution. Die Erderwärmung, das Abschmelzen der Gletscher, die Zunahme von CO2 in unserer Atmosphäre, alles Schlagworte und Inhalt von Diskussionen unserer heutigen Zeit. Doch wie war es früher? Gab es damals, in einer Zeit vor Atomstrom, einem Zeitalter ohne exzessive Kohlekraft, einer Ära ohne Konsumtempel, Energiesparlampen und Biodiesel auch schon gute Gründe, sich über unkontrollierte Erwärmung, polare Tauperioden oder abgeholzte Waldflächen, welche als natürliche CO2-Speicher schädlicheStoffe aus der Luft filterten, Gedanken zu machen?

Wast wia des wirklich war, vor hunderttausend Jahr, im Lebkuchenhaus. Du waßt das net, dann pass auf … Ich möchte nun nicht jenen fernen Zeitraum mit Ihnen erkunden, welchen Ludwig Hirsch in seinem dunkelgrauen Lied “Geh spuck den Schnuller aus” so schön morbid besingt. Doch der Geochemiker Richard Nevle von der US-Universität Stanford hat sich mit jenem Zeitalter der sogenannten “Kleinen Eiszeit” beschäftigt und stellt eine revolutionäre Konkurrenzhypothese in Sachen Klimawandel auf. Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit schon einmal über das sogenannte Maunder Minimum berichtet, welches KlimaforscherInnen immer noch als Erklärungsmodell dafür dient, wie sich die Inaktivität unseres Licht- und Lebensspenders Sonne wohltuend auf unser Klima auswirken kann. Andere Hypothesen sehen die vermehrte Aktivität von Vulkanen und die Absorption des Sonnenlichtes durch die großen Eisflächen der Polarzonen zumindest als weiteren wesentlichen Faktor neben den diesem Minimum an Sonnenflecken für das Abkühlen der Erdoberfläche als Grund, aber dies nur nebenbei erwähnt. Was aber, zumindest im Falle des Maunder Minimums, wie von Dr. Georg Feulner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung eiskalt aufgezeigt, eine mehr als nur trügerische Hoffnung ist.

Nevle hat die schon erwähnte Kleine Eiszeit, ein Zeitraum zwischen Mitte des 17. bis Mitte des 19. Jahrhunderts, welcher in den Jahrzehnten 1570 bis 1630 und 1675 bis 1715 besonders frostig ausfiel, auf mögliche Ursachen untersucht und kommt zu einem vollkommen neuen Schluss. Denn die Ursachen, welche die Themse zufrieren ließen, die Kanäle der Niederlande mit Eis bedeckten oder ganze alpenländische Bergdörfer unter den sich ausdehnenden Gletschern begraben wurden, sind nicht in Europa zu suchen, sondern in Nord-, Mittel- und ganz besonders in Südamerika! Denn der Wissenschaftler sieht die Entdeckung Amerikas, zumindest jene Entdeckung, wie sie uns die Geschichtsschreibung und die Geschichtsbücher vorgeben, als Ursache dieser kalten Periode der jüngsten Erdgeschichte. Klingt seltsam? Ist es auch. Wenngleich der Wissenschaftler, zugegebenermaßen, gute Gründe für seine Theorie anführt.

Auf der Jahrestagung der Geological Society of America trug er jedenfalls seine Vermutungen vor Publikum vor. Was unter anderem Science News zum Anlass, diese Spekulationen ebenfalls aufzugreifen. Unter “Columbus’ arrival linked to carbon dioxide drop. Depopulation of Americas may have cooled climate” von Devin Powell finden sich folgende Kernaussagen des Wissenschaftlers wieder.

The European conquest of the Americas decimated the people living there, leaving large areas of cleared land untended. Trees that filled in this territory pulled billions of tons of carbon dioxide from the atmosphere, Stanford University geochemist Richard Nevle reported October 11 at the Geological Society of America annual meeting. Such carbon dioxide removal could have diminished the heat-trapping capacity of the atmosphere and cooled the climate, Nevil and his colleagues have previously reported. …

By the end of the 15th century, between 40 million and 100 million people are thought to have been living in the Americas. Many of them burned trees to make room for crops, leaving behind charcoal deposits that have been found in the soils of Mexico, Nicaragua and other countries.

About 500 years ago, this charcoal accumulation plummeted as the people themselves disappeared. Smallpox, diphtheria and other diseases from Europe ultimately wiped out as much as 90 percent of the indigenous population.

Trees returned, reforesting an area at least the size of California, Nevle estimated. This new growth could have soaked up between 2 billion and 17 billion metric tons of carbon dioxide from the air.

Die im Schlepptau von Kolumbus ins Land eingefallenen (spanischen) Konquistadoren und Eroberer haben durch eingeschleppte Krankheiten aus Europa also dazu beigetragen, dass 90 Prozent der ursprünglichen Bevölkerung starb. Dieser These ist nicht zu widersprechen, haben doch Diphterie, Pocken oder die Grippe das Immunsystem der indigenen Stämme in Amerika dermaßen geschwächt, dass tatsächlich diesen Krankheiten viele zum Opfer fielen. Dass Brandrodung damals wie heute ein beliebtes und vor allem effektives Mittel ist, innerhalb kürzester Zeit Lebensraum und Anbauflächen für landwirtschaftliche Produkte zu gewinnen, lässt sich ebenfalls nicht bestreiten. Nevle kommt durch dieses Zusammenspiel von aussterbenden Menschen und der damit verbundenen Tatsache, dass jetzt auf einmal niemand mehr für Brandrodungen “zuständig” ist, zu dem folgenreichen Ergebnis: Die Wälder konnten sich erholen und eine ungeplante Aufforstung der Baumbestände fand statt.

Die Tatsache, dass aus der Antarktis im leider nicht mehr ewigen Eis eingeschlossene Luftproben einen signifikanten Rückgang des Kohlendioxids von geschätzten zwei bis zu 17 Milliarden Tonnen ergaben, erklärt der Geochemiker damit, dass die wiedererstarkte Waldlandschaft auf dem amerikanischen Kontinent für die jetzt wieder saubere Luft verantwortlich war. Oder kurz und bündig: Keine Urvölker, kein Nahrungsmittelanbau, keine Treibhausgase. Dass andere Klimaforscher wie Jed Kaplan diese Hypothese des Beginns der Kleinen Eiszeit im Moment nicht unterstützen und lieber durch die konventionellen Erklärungsversuche Vulkanismus, Sonnenflecken und Gletschermassen zu erklären versuchen, sei auch wiederum nur nebenbei erwähnt. Allerdings sehen auch sie den Menschen (nicht die Urvölker!!!) als Hauptursache des Klimawandels. Und auch sie bestreiten nicht, dass die Einflussnahme auf unser Klima schon weit vor Beginn der industriellen Revolution ihren Anfang nahm.

“Humans didn’t wait for the industrial revolution to provoke environment and climate change. They have been having an influence for at least 8000 years.” Jed Kaplan is putting forward a new interpretation of the history of humans and their environment. This professor at EPFL and his colleague Kristen Krumhardt have developed a model that demonstrates the link between population increase and deforestation. The method enables a fairly precise estimate of human-origin carbon emissions before the advent of industrialization. (Science Daily: Humans Have Been Provoking Climate Change for Thousands of Years, Carbon History Shows)   

Die von Richard Nevle aufgestellten Szenarien lassen jetzt natürlich die Fragestellung zu: “Müssen wir die indigenen Stämme und letzten Restbestände an Urvölkern ausrotten, um in Zukunft signifikante Verbesserungen unseres Erdklimas zu spüren zu bekommen?” Die Antwort darauf lässt sich relativ einfach finden: “Nein, müssen wir nicht!” Denn das tun wir bereits Tag für Tag erfolgreich. Wir vertreiben diese Menschen aus ihren angestammten Lebensräumen, nehmen ihnen die Luft zum Atmen, den Platz zum Jagen und das Land zum Anbauen, ohne jedoch Sorge dafür zu tragen, neue Grundlagen für die Wegnahme dieser Landflächen zu schaffen. Wir bauen Staudämme, graben nach Bodenschätzen, bohren nach Erdöl und pflanzen Monokulturen von apokalyptischen Ausmaßen. Hat sich also, nachdem wir genau das machen und in Form unserer eroberungswütigen Ahnen bereits getan haben, nämlich die geplante Vertreibung dieser indigene Stämmen aus dem angestammten Paradies, das Weltklima erholt und verbessert? Nein, hat es nicht. Was also dann tun? Vielleicht sollten wir den letzten verbliebenen indigenen Völkern diese Aufgabe übertragen und sie bitten, mit dem Auslöschen der Industrienationen zu beginnen. Wäre doch zumindest einen Versuch wert, um dann irgendwann in ferner Zukunft zu der Überzeugung zu kommen, dass die von Richard Nevle aufgestellten Hypothesen ja doch nicht so falsch waren wie immer (von mir) behauptet wurde.

13.10.2011

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 04:20

Eine Buchrezension von Paul Boegle

1. Inhalt des Romans von Hermann Stefánsson

Der Isländer Hermann Stefánsson und sein Werk “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte”. Eine Buchrezension von Paul Boegle.Was ist richtig und was falsch? Wo endet die Realität menschlichen Erfassens und verstandesmäßigen Begreifens und wo verschwimmen diese Grenzen zu wissenschaftlicher Fiktion und menschlichen Traumlandschaften? Der Isländer Hermann Stefánsson beschreitet mit seinem Werk “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” einen sehr gewagten und ambivalenten Weg, um die Auseinandersetzung des Geistes auf bewusster Ebene mit jenen Schichten unbewussten Denkens in Einklang zu bringen, welche bereits Sigmund Freud zum Ziel seiner Forschungen machte und welche wohl der Wunschtraum der meisten Menschen ist: Die Reise in die Zukunft und im vorliegenden Roman der unverschleierte Blick in die Vergangenheit.

Die beiden ProtagonistInnen des Romans, der Schriftsteller Guðjón Ólafsson und seine Freundin Helena, durchwandern in dem 250 Seiten Werk im wahrsten Sinne Raum und Zeit. Stefánsson entblättert parallel zwei verschiedene und gegenläufige Erzählstränge, welche sich mit Fortdauer der Geschichte auf verschiedenen Ebenen in einem Gewirr aus Möglichkeiten, Denkbarem und hypothetischen Konstrukten kreuzen, Erlebtes mit Visionen verknüpfen, nebenher verlaufen, auseinandertriften, um sich dann wieder in einer gemeinsamen Geschichte zu vereinen. Während Guðjón nach einem rätselhaften Unfall im Krankenhaus erwacht, bedingt dadurch unter Amnesie leidet und in einem langwierigen und mühsamen Selbstfindungsprozess wieder die vorhandenen Gedächtnislücken zu schließen versucht, besitzt Helena zu Anfang der Erzählung ihre geistigen Fähigkeiten zur Gänze, welche sich in einem Umkehrprozess jedoch mehr und mehr verlieren.

Ein Strudel beginnt, welcher die beiden mit sich fortreißt und deren Kontrolle über die eigene Handlungsfähigkeit ihnen aus den eigenen Händen genommen wird. Der Roman beschreibt die Odyssee zweier Menschen zwischen Wahn und Wirklichkeit, Vergessen und Erinnerungen, welche durch Fremdsteuerung eines am Schweizer Kernforschungszentrum CERN tätigen Wissenschaftlers in Bahnen außerhalb des eigenen Verantwortungsbereiches gelenkt wird.

Ich sitze am Schreibtisch in meiner Zuflucht, in der ich mit Depressionen darniederlag, und schreibe Brandes einen Brief und gestehe alles ein.

“Die wenigsten Menschenleben sind viel wert”, schreibe ich an Edvard Brandes. “Sie kräuseln das Wasser nur gerade eben, aber die wenigsten schlagen Wellen, und noch weniger schaffen es, sich aus dem Meer zu erheben und das Fundament für eine Insel zu legen.”

Der gewöhnliche ungebildete Pöbel ist alles in allem gedankenlos und zum Machen und Management unfähig. Der Wille ist es, der das menschliche Leben aus dem Flachwasser herausragen lässt, der Wille ist es, der nicht zur Verherrlichung der visionslosen Mediocritas untergeht. Während der Ausfahrt fällt Mondlicht auf das Boot, an Bord ist ein Dichter, alle Dichter sind Mörder.

Daran denke ich und ziehe mir den Vorhang der Besinnungslosigkeit vor die Augen; gefroren in mildem Meertod stehen die Untergegangenen mir vor dem inneren Auge, der Tod hat ihrem Leben Bedeutung verliehen und mir Beileid gebracht; nur der Dumme fordert, sich weiß zu malen - reinem, frisch gefallenem Schnee gleich. Der große, der grobe Fels akzeptiert, was ist. Diese Männer mordete ich, diesen Ton schlug ich an.

2. Wie sieht Paul Boegle das Buch?

Hermann Stefánssons Werk weckt sicherlich bei jenen LeserInnen, welche wie ich “Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana” von Umberto Eco kennen, gewisse Assoziationen. Ein Mann erwacht nach einem Unfall und sucht mithilfe seines Umfeldes, seiner Familie, seinen Bekannten nach jenen Fragmenten früheren Lebens, welche sich in den Nebeln des Nicht-erinnern-könnens aufgelöst haben. Die Idee ist also sicherlich nicht neu, denn auch Stefánsson nutzt, ähnlich wie Eco, die Möglichkeiten der Literatur, um Guðjón Ólafsson die Rückkehr in die Normalität zu erleichtern bzw. die Brücke zwischen gesichtsloser Vergangenheit und zertrümmerter Gegenwart zu schlagen. Doch was sich beim italienischen Meister der Semiotik als literarischer Amoklauf par excellence entwickelt, wird bei Hermann Stefánsson zu einem Spagat zwischen Unentschlossenheit und manches Mal nicht nachzuvollziehenden (un)logischen Erklärungsversuchen. Die grenzenlose Neugier des modernen Menschen, sämtliche naturwissenschaftlichen Phänomene und ungeklärten Rätsel unserer langen Menschheitsgeschichte immer zu hinterfragen und anhand von Fakten, wissenschaftlichen Annahmen, unausgereiften Forschungsmethoden und dem Drang nach grenzenloser und nicht mehr zu bändigender Forschungswut, bietet sicherlich interessante Ansätze, um sich dem Thema individuellen oder sogar kollektiven Vergessens zu nähern. Doch der Autor vergisst bei allem Enthusiasmus, aus diesen Einzelteilen eine wirklich funktionsfähige Erzählung zu konstruieren.

Was zu Anfang als spannendes Frage-Antwort-Spiel zwischen der real existierenden Welt des Guðjón Ólafsson beginnt, welcher seine Vergangenheit wiedererlangen möchte und der konträren Entwicklung seiner Freundin Helena, driftet leider im Verlauf des Erzählens zu einer Geschichte ab, welche zumindest bei mir mehr Fragen offenließ und schlussendlich durch den gewählten dualen Lösungsweg von Hermann Stefánsson keineswegs zu einem für mich befriedigten Abschluss geführt hat. Auch hier zeigt sich für mich wieder die Unentschlossenheit des Autors. Anstatt sich auf eine einzige präsente Möglichkeit zu konzentrieren und diese zu einem durchdachten Ende zu führen, wählt er den Weg zweier Eventualitäten, welchen jedoch der Biss fehlt und die verloren nebeneinander vor sich hin welken. Ich fühlte mich teilweise an sogenannte Adventure-Spiele meiner Jugend erinnert, welche einen vorgegebenen Lösungsweg vorgeben, aber bedingt durch den Spielenden in mehr oder weniger kniffligen Sackgassen enden, welche einen jedoch nach einer Reihe von Try and Error und dem Suchen von für den weiteren Verlauf der Geschichte wichtigen Gegenständen letztendlich immer wieder auf den (richtigen) roten Handlungsfaden zurückführen. Doch entscheidend bleibt bei solchen Dingen immer, ob der Spannungsbogen gehalten werden kann und nicht unter der Last dieses Drucks in sich zusammenfällt.

Der Autor verliert sich für meinen Geschmack leider nicht in der für dieses brisante Thema notwendigen Detaillandschaft, welche für solch ein kompliziertes Thema notwendig wäre, sondern umreißt mit wenigen groben Pinselstrichen leider nur sein syntaktisches Gemälde namens Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte. Hermann Stefánsson kratzt an der Oberfläche eines sicherlich brisanten Bereichs, er deutet die wissenschaftlichen Problemstellungen an, streift sowohl ethische als auch moralische Grundsatzfragen, welche Laien wie ich an verantwortungsvolle Wissenschaftszweige stellen würden und sicherlich auch tun, aber es bleibt leider bei diesem unvollendeten Streifzug. Der Geschichte dadurch mehr Tiefgang verleihen zu wollen, indem Namen wie Stephen Hawking oder das aus der Quantenphysik bekannte Problem von Schrödingers Katze beiläufig fallen, weckt eigentlich die Neugier auf fundierte Erklärungsversuche, welche mit dem begonnenen Gedächtnisverlust der menschlichen Laborratte schlüssig und nachvollziehbar zu einem befriedigenden Höhepunkt hinsteuern. Doch auch hier schießt der Roman leider etwas ins Leere und wird in eine gestaltlose Form gegossen, welche nicht wirklich überzeugen noch gefallen kann. Gerade bei solchen Versuchen, den nach Erkenntnis strebenden Menschen als Symbol des Bösen darzustellen, welcher seinesgleichen als Spielball für wissenschaftliche Experimente hernimmt, hätte ich mir wesentlich mehr verbales Spiel mit diesen subjektiven Ängsten vor eigenem Kontrollverlust und damit einhergehender Fremdbestimmung gewünscht

Vielleicht wäre es zweckmäßiger gewesen, durch ein entsprechendes Ende jene Fragen, welche sowieso, egal ob in der Fiktion der Geschichte oder in jener Realität des tatsächlich Existierenden, offen bleiben, auch offen zu lassen, anstatt sich durch ein sichtlich konstruiertes Finale diesem Dilemma zu entziehen.

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte. Bewertung des Romans von Hermann Stefánsson durch Paul Boegle.

3. Daten zu Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte

Als Rezensent für das vom Litteraturverlag kostenlos zur Verfügung gestellte Buch möchte ich natürlich anfügen, dass die oben angeführten Zeilen selbstverständlich nur meine ganz persönliche Meinung und subjektive Sichtweise wiedergeben. Als Mensch, welcher selbst viel und gerne schreibt und lGuðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte. Ein Roman von Hermann Stefánsson. Eine Buchrezension von Paul Boegle.iest, möchte ich deshalb betonen, dass ich (fast) sämtliche literarischen Werke achte und respektiere. Was ich in meiner Eigenschaft als lesender Mensch nun als schlecht bzw. gut erachte oder welche Bewertung auch immer hier als Maßstab dienen kann und soll, mag sich aus der Perspektive eines anderen Menschen wiederum vollkommen anders darstellen. Deshalb stelle ich auch gerne den Link (Klick auf das Buch) zur Verfügung, unter welchem sich “Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte” bestellen lässt. Was aber nicht bedeuten soll, dass Sie nur dieses Buch beim Litteraturverlag bestellen können. Denn wenn ich etwas im Laufe meines doch schon angegrauten Lebens gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass man sich niemals eine eigene Meinung nur auf der Grundlage anderer Meinungen bilden kann und soll. Dazu ist unser eigenes Denken viel zu wertvoll.

Und wer nun, aber dann soll es wirklich genug für heute sein, der Meinung ist, selbst einmal eine Buchrezension verfassen zu wollen, was natürlich auch mit dem unschätzbaren Vorteil von kostenlosen Leseexemplaren verbunden ist, sollte sich vielleicht einmal meinen Beitrag “Schreibblockade bei der Blogparade” durchlesen. Für alle, welche auch ohne weiteres Lesen und auf direktem Wege zu kostenlosen Büchern gelangen möchten: Blogg Dein Buch bietet möglicherweise das, was Sie suchen.     

12.10.2011

Sauerei unterm Brandenburger Tor in Berlin

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 20:31


Tierquälerei, vegetarisches Essen und andere schweinische Gedanken

Nachdem ich ja, wie Sie aber auch ohne diese einleitenden Worte sehen respektive lesen können, wieder aus meiner temporär abgebrannten Bloggerlandschaft in die virtuelle Welt zurückgekehrt bin, fällt es mir trotzdem schwer, den richtigen Schreibrhythmus zu finden. Also versuche ich zunächst einmal, mit leichter syntaktischer Kost mich über Wasser und Sie als LeserInnen bei Laune zu halten, bis ich mich wieder in den Prozess des Schreibens eingegliedert habe bzw. meine Gedanken aus jenem Teil, welcher nach eigenem Bekunden ausgebrannt war, gemeinhin als Gehirn bezeichnet, sinnvoll ausgliedern zu können, um den Kreislauf des Eingliederns zu vollenden.Sicherlich könnte ich diesen Sachverhalt auch weniger kompliziert ausdrücken und ohne Umschweife sagen, schreiben oder welch

Ich war also in Berlin. Dass die deutsche Hauptstadt mehr bietet als nur Currywurst mit Schrippen, Bockwurst mit Schrippen oder Buletten mit oder auch ohne Schrippen, werden die meisten von Ihnen bereits wissen und ich habe auch schon über die geschlossenen Fleischtöpfe in Form von “Veganz”, dem ersten europäischen Supermarkt mit rein veganem Vollsortiment, berichtet. Dass eine “Schrippe” ein “Brötchen” oder im österreichischen Raum eine “Semmel” ist, wusste ich allerdings auch nicht. Aber glücklicherweise bin ich in Sachen Essen doch äußerst lernfähig. Was ich aber auch bedingt darauf zurückführe, dass sich meine Essgewohnheiten im Laufe meiner doch schon mehrere Jahrzehnte andauernden Odyssee auf diesem Planeten Erde vom ehemaligen Fleischtiger mehr und mehr hin zum Pflanzenfresser verlagert haben und dieserPaul Boegle zu Gast in Berlin am Brandenburger Tor. Schweinische Gedanken während einer Kundgebung für vegetarische Ernährung. Umstrukturierungsprozess in Sachen Futteraufnahme immer noch nicht abgeschlossen scheint. Gut, was möchte ich aber damit ausdrücken?

Nun, am 08. Oktober habe ich mich eben an besagtem Brandenburger Tor eingefunden. Denn dort fand eine Kundgebung zum Thema “Vegetarisch essen” statt. Einige werden sicherlich denken: “Nichts Neues unter Berlins Sonne!” “Vollkommen richtig“, pflichte ich bei, während ich justamente, also im Augenblick des Niederschreibens dieser Zeilen, ein köstliches Kürbiskern Pesto im fleischfreien Vakkum zwischen meiner Speiseröhre und der Tastatur meines Laptops in mich hineinlöffle. Aber ein Foto, welches justamente, also in diesem Falle zum Zeitpunkt des Protestes gegen den Konsum tierischer Nahrungsmittel, entstand, möchte ich Ihnen dann doch nicht vorenthalten.

Dass, und hier verwehre ich mich ganz entschieden einer möglichen Unterstellung von Ihrer Seite, diese Aufnahme, also justamente die Betätigung auf den Auslöser meiner Kamera zum Zeitpunkt X, bestimmte Assoziationen schweinischen Charakters oder gar ungehörige obszöne und staatsfeindliche Gedanken bei mir während des Auslösens auslöste, ist vollkommen an den Haaren herbeigezogen und entspricht dementsprechend auch nicht den Tatsachen. Aber schön ist das Bilddokument doch allemal.

Sie möchten wissen, was auf der Kundgebung so alles gesagt und gezeigt wurde? Habe ich natürlich nicht vergessen, aber zugegebenermaßen war ein Auge und vielleicht auch eines meiner beiden großen Segelohren nicht ganz bei der Sache, sondern sozusagen als knipsender Lauschangriff immer langsam diese herrliche Konstellation umrundend. So, ich glaube, ganz im Sinne von Stefan Remmler und den fehlenden Sternen in Athen, ich habe meinen “Rhythmus, wo ich immer mit muss” wieder gefunden und freue mich deshalb wieder auf fröhliches und hoffentlich auch konstruktives Bloggen.

20.6.2011

Zug fährt ab: Train of Ideas

Abgelegt unter: Reisen — Paul Boegle @ 02:04


Großer Bahnhof quer durch ein zukünftiges Europa

Die Umwelthauptstadt Hamburg schickt den Train of Ideas mit Visionen und Ideen für die Städte der Zukunft auf Reisen.Ich weiss, für diese Meldung ist es fast schon ein bisschen zu spät. Aber eben nicht zu spät. Auch wenn es mittlerweile bereits nach 2:00 Uhr in der Früh ist, opfere ich mich, natürlich nicht, da ich sowieso am besten des nächtens schreiben kann, um Ihnen noch den “Train of Ideas” ans Herz zu legen, welcher vom 20. bis zum 22. Juni 2011 im Bahnhof Heiligenstadt in Wien Halt macht und der im Auftrag der Umwelthauptstadt 2011 Hamburg seit April dieses Jahres auf grüne Reisen durch das unvereinbar vereinte uneinige Europa auf Schiene ist.

Machen wir es also so kurz wie möglich. Eintritt kostenlos, keine Voranmeldung notwendig, grüne Visionen, Begeisterung für Umweltschutz, interaktive Ausstellung,Train of Ideas der Umwelthauptstadt Hamburg zu Gast in Wien. ökologische Zukunftsideen. So, jetzt wissen Sie Bescheid. Richtig, die Öffnungszeiten. Montag, 20.06.2011 von 13:00 - 19:00 Uhr, Dienstag, den 21.06. und Mittwoch, den 22.06. jeweils von 10:00 - 19:00 Uhr. Wie bereits geschrieben, im Bahnhof Heiligenstadt in Wien.

Sie wohnen nicht in Wien oder sind selbst irgendwo unterwegs. Womöglich sitzen Sie gerade in einem Kinosessel in Salzburg und denken über den (ganz normalen) atomaren Wahnsinn unseres Planeten nach. Oder ich darf Ihnen ganz einfach einen schönen Urlaub wünschen. Sei es, wie es ist. Der “Train of Ideas” besucht nach Wien auch noch andere europäische Städte. Bei Klick auf das nebenstehende Bilder erfahren Sie natürlich, wo sich die nachhaltigen Visionen und umweltfreundlichen Ideen für lebenswerte Städte der Zukunft in den insgesamt sieben Containern (sechs für die Hightech-Ideen, einer als Kommunikationsplattform) des Zugs noch besichtigen lassen.

Und wer schon immer einmal nach Hamburg wollte, könnte sich am “Train of Ideas“-Gewinnspiel beteiligen. Kreative Lösungen sind gefragt, wenn es darum geht, die bestehenden Probleme der urbanen Trabanten zu einem rühmlichen und erfolgreichen Ende zu bringen. Drei Viertel der ausgestoßenen Treibhausgase entstehen in jenen Ballungszentren, welche wir Leben oder Lebensmittelpunkt nennen. Wenn wir schon nicht jenen Mittelpunkt der Erde, wie ihn Jules Verne so schön in seiner gleichnamigen literarischen Reise beschrieben hat, erreichen können, so kann jede gute Idee zumindest dazu beitragen, unseren persönlichen Mittelpunkt um eine winzige Facette grüner zu gestalten.

So, nun ist es Punkt 3:00 Uhr im nächtlichen und friedlich schlafenden Wien. Und wenn Sie sich diesen Artikel durchlesen, träume ich hoffentlich gerade von literarischen Werken. Es muss nicht unbedingt Jules Verne sein. Meine eigenen finde ich auch ganz o.k.

In diesem Sinne grüsst der grüne Lokomotivführer Paul Bögle aus dem herrlich grünen Lummerland und Schlummerland Wien.     

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