Bio Natur - Der Weblog

13.9.2010

Lasst wohlbeleibte Pflanzen um mich sein!

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 19:04


Shakespeare für eine grüne Arbeitswelt

Keine Angst, ich werde mich heute nicht dem grossen Shakespeare ergeben. Also packen Sie Ihren ergebenen Kapitulationsblick wieder hinter die Netzhaut (aber diesen Artikel trotz alledem bis zum (bitter)süssen Ende durchlesen, denn dann gibt es noch ein paar wertvolle Tipps). Obwohl, bei näherer Betrachtung hätte ich schon grosse Lust, in die Rolle von Julius Cäsar hineinzuschlüpfen und der intriganten (Arbeits)Welt lauthals entgegenschleudern:

“Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen.”

Ich vertrete zwar die Meinung, dass fliegende und pollensammelnde Bienen, welche tagsüber fleissig ihren Dienst verrichten, fetten glatzköpfigen faulen Männern vorzuziehen sind, aber auch Julius Cäsar war nicht unfehlbar.

Eine Biene bei der Arbeit. Eine Rose als Arbeitgeber

Paul Bögle und seine fleissigen Mitbewohner

Was wäre unsere planungssichere Welt ohne diese lethargischen trägen Menschen, welche sich im Status Quo ihrer Genügsamkeit und Selbstgefälligkeit nicht suhlen können und dürfen und genügsam gleich Lemmingen von den Klippen der Unveränderbarkeit in die Abgründe des Unabänderlichen springen? Nichts natürlich, schließlich kann diese Welt nicht nur aus dem Typus Gaius Cassius bestehen, jenem hohläugigen Menschen, welcher zuviel denkt und demzufolge gefährlich ist.

Aber, um bei der Wahrheit zu bleiben, und in diesem Falle muss ich dies leider, kam mir die Idee zu diesem Artikel aufgrund eines Kommentares von Julia zu meinem Artikel Stimmungsaufheller Natur und meiner darauf gegebenen Antwort. Sie werden sich jetzt stirnrunzelnd fragen, warum dieses “leider bei der Wahrheit bleiben.” Nun ja, schauen Sie doch auf die Uhr. Es ist bereits spät am Abend und ich habe mein gesamtes Lügenkontingent von ca. 150 bis 200 Lügen, glaubt man statistischen Erhebungen und ich bin ein Mensch, welcher so ziemlich alles glaubt, für den heutigen Tag bereits aufgebraucht. Auf eine Lüge mehr oder weniger soll es mir dabei nicht ankommen, keine Frage, aber als angepasster Durchschnittsmensch inmitten einer angepassten Durchschnittsgesellschaft möchte ich mich schon der Mehrheit unserer Gesellschafts-Herdentiere anpassen, sozusagen im gemeinsamen Strom von Lug und Trug mitschwimmen.

Wo wollte ich eigentlich hin, bevor ich Sie schamlos angelogen habe bzw. eben nicht, weil ich mich entschlossen hatte, Sie ausnahmsweise nach einem harten hundertfach verlogenen Arbeitstag mit der Wahrheit zu konfrontieren. Übrigens, es gibt ein schönes kaukasisches Sprichwort: “Wer die Wahrheit sagt, sollte sein Pferd gesattelt lassen!” Sie wissen, welch wunderbaren geistvollen Gehalt dieses Sprichwort beinhaltet? Menschen, welche einen lasziven Hang zur Wahrheit haben und diesen auch gegenüber den Nächsten in allen passenden oder unpassenden Augenblicken und Situationen wollüstig ausleben, stossen dementsprechend öfter auf eine Mauer der Ablehnung und des Widerstandes. Ein schöner Artikel von Uli Kulke findet sich übrigens unter Hundertfünfzig Lügen pro Tag, nicht nur lesenswert für alle notorischen Lügner und Notlügen-Lügner.  

Ich sehe schon, ich habe die Zügel wieder einmal schleifen lassen und bin im Dickicht meines eigenen Lügengeflechts verloren gegangen. Also zurück auf den Weg der Wahrheit. Was also tun, wenn, wie in meinem oben erwähnten Artikel, der nächste Park durch die abgasgeschwängerte Luft eines 378 Meter breiten Betongrabens getrennt wird und ich mich partout den Freudensinnen natürlichen Grüns hingeben möchte. Nun, die wohlverdiente Mittagspause ist nur von kurzer Dauer und so verhallt der Ruf “Hinaus in die Natur!” ungehört in den hohlen Gemäuern des Bürogebäudes. Also bleibe ich gleich im Büro und erfreue mich an meiner selbstgezogenen Natur innerhalb der vier Wände.

Welche Pflanzen kommen aber überhaupt in Frage, um mich in meiner Arbeitsplatzumgebung etwas heimisch zu fühlen. Antworten auf diese Frage gibt etwa die Seite Plants for People. Lassen Sie sich nicht vom englischen Titel abschrecken, denn Pflanzen für Menschen ist in schönstem Deutsch gehalten. Die Plattform gibt viele Informationen und hilfreiche Tipps, wie sich die positive Wirkung von Pflanzen auf die Arbeitsumgebung übertragen lässt. Auch Heidi Fülle bietet mit ihrem Artikel “Die besten Pflanzen fürs Büro” Anregungen für die Arbeitstiere unter uns, wie sich der Hektik des Arbeitstages erträglich begegnen lässt. Und auf Lebende Luftreiniger - Pflanzen im Büro finden sich unter dem Artikel (es ist immer von Vorteil, wenn man etwas zu Ende liest) bestimmte typische Problemstellungen der Arbeitswelt (Formaldehyd, Elektrosmog, Lacke und Reinigunsmittel) und die dafür geeigneten grünen natürlichen Helferlein. Oder wussten Sie, dass in einer Welt voller Computer, Telefone und sonstiger Elektrosmog verbreitender Geräte der Säulenkaktus in nächster Umgebung wahre Wunder wirkt? (Siehe dazu z.B. Der DHA Garten-Tipp: SOS für Büropflanzen)

Auch Katzen haben ihre grünen Seiten, natürlich in freier Natur.

Paul Bögle: “Lasst dicke faule Katzen um mich sein!”

In diesem Sinne grüsst Paulus Gaius Cassius die arbeitende Bevölkerung innerhalb einer begrünten Arbeitswelt. Grüner Daumen hoch!    

24.8.2010

Lange Nacht der Naturparke 2010

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 22:00

Österreich abseits der Skipisten

Dass unser schönes kleines Land Österreich weit mehr als nur ein Paradies für Skifahrer und Wiener Schnitzel ist, propagiere ich immer wieder wieder (siehe z.B. Gartenhotel Theresia in Saalbach-Hinterglemm). Aber wussten Sie, dass das Land Niederösterreich am 18. September 2010 die 3. Lange Nacht der Naturparke bzw. Naturparks veranstaltet? Stören Sie sich bitte nicht am Plural von Naturpark, welcher da lautet: Naturparke. Es sind beide Schreibweisen möglich, sowohl Naturparke als auch Naturparks.

Die Naturparke Niederösterreichs laden grosse und vor allem kleine Besucher zum dritten Mal ein, die Nacht vom 18. auf den 19. September 2010 einmal anders zu erkunden. Wandern Sie, nur mit einer Stirnlampe “bewaffnet”, durch das Hochmoor Schrems. Reagieren unsere Sinne bei Dunkelheit anders als unsere Wahrnehmung bei Tageslicht? Mehr Informationen zur Langen Nacht der Naturparke im Hochmoor Schrems.

Bleiben wir im Waldviertel. Das Motto der Langen Nacht im Naturpark Geras lautet: “Nur für Mutige!” Wer sich allerdings nicht für ganz so mutig hält, der schlägt sich eben die Lange Nacht bzw. den Langen Nachmittag ab 14:00 Uhr in Dobersberg um die Ohren. Wandern Sie mit einem Vertreter der Österreichischen Mykologischen Gesellschaft durch die Wälder und entdecken Sie die Welt der Pilze (bei uns heissen diese natürlich Schwammerl). Sie halten die Lange Nacht der Naturparke für “unter aller Sau?” Dann nichts wie hin in den Naturpark Leiser Berge. Eine Kinderwildschweinjagd und eine Sternenbeobachtung für Gross und Klein steht dort auf dem Programm.

Sie ziehen das idyllische Mostviertel dem herben Charme des Waldviertels vor? Auch die Naturparke Ötscher-Tormäuer und Eisenwurzen laden ihre Besucher zur Langen Nacht der Naturparke 2010 ein.

Wer sich dagegen im Grossraum Wien befindet und den Grossstadtdschungel einmal mit der grünen Natur tauschen möchte, kann sich im Wiener Wald in Purkersdorf oder Sparbach nach Herzenslust austoben. Aber auch die Hohe Wand als Teil der Wiener Alpen lockt am 18. September alle Interessierten zur 3. Langen Nacht der Naturparke Niederösterreich. Einen Übersichtsplan zu den verschiedenen Veranstaltungen finden Sie unter folgendem Link auf der Webseite der Naturparke Niederösterreich.  

Karte der Naturparke Niederösterreich



20.8.2010

Schwarze Oliven - schwarze Schafe

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 01:44


Die industrielle Schwarzmalerei der Oliven

Ich liebe sie, jene kleine Steinfrucht mit dem Namen Olive. Es gibt sie mittlerweile in den verschiedensten Varationen, besonders die mit Knoblauch, Mandeln oder scharfen Piri-Piri gefüllten Oliven haben es mir dabei angetan. Aber die Königin der Oliven ist für mich immer noch die schwarze Olive. Und deshalb auch dieser Artikel.

Ich saß also beim Essen. Und wie so oft naschte ich dabei und nebenbei jene kleinen Früchte. So auch dieses Mal. Ein kleines Schüsselchen schwarze Oliven wurde weniger, die kleinen Steinchen daneben mehr. Und plötzlich begann ich nachzudenken. Weshalb gibt es eigentlich grüne und schwarze Oliven? Und vor allem: Wo liegt der Unterschied? Bevor ich es als Blogger vergesse: Ein herzliches Dankeschön dem Gourmet-Blog für die Inspiration durch den Artikel Vorsicht vor schwarzen Oliven.

Den Unterschied macht der Reifegrad. Während die grünen, oder besser gesagt die olivgrünen, Oliven eben die reifen Früchtchen des Olivenbaumes sind, sind die schwarzen Oliven dementsprechend schon einen Schritt weiter, sozusagen vollreif. Der einzige Unterschied zwischen grünen und schwarzen Oliven ist also der Reifeprozess. Kaufen Sie grüne Oliven, kaufen Sie reife Oliven. Kaufen Sie schwarze Oliven, kaufen sie überreife grüne Oliven. So einfach ist das. Zumindest dachte ich bis zu diesem Moment, dass es so einfach sein könnte.

Dieser Prozess des Farbwechsels von grün nach schwarz dauert natürlich seine Zeit. Aber da die Natur schliesslich nicht auf der Flucht ist, allerhöchstens vor dem Menschen, wäre dies auch nicht weiter tragisch. Seltsam wird es erst dann, wenn diejenigen, vor denen die Natur naturgemäß permanent flüchtet, also besagter Homo sapiens, in den Reifeprozess eingreifen. Warum tun sie dieses?

Nun, Zeit ist Geld. Und wenig Zeit bedeutet viel Geld. Ich weiss, diese reziproke oder umgekehrt proportionale Sichtweise der Wirtschaft ist immer wieder erstaunlich. Also muss die Menschin und der Mensch in ihrer/seiner Eigenschaft als Schwarze-Oliven-Hersteller in diesen Prozess eingreifen. Ich habe vor rund einem Jahr einen Artikel mit dem viel- und doch nichtssagenden Titel Beschleunigte Entschleunigung verfasst. Vergessen Sie´s einfach! Wer sich erfolgreich als Schwarze-Oliven-MassenproduzentIn behaupten will, braucht eigentlich nur grüne Oliven. Und dann natürlich noch entsprechende Eisensalze.

Stopp, stopp, stopp! Nicht einfach losrennen und die grosse Feile suchen. Die wirklich erfolgreichen Aus-grünen-Oliven-mach-schwarze-Oliven-Produzenten nehmen dafür Eisenlaktat oder Eisenglukonat, welches auf den Etiketten meist als Eisen-II-Lactat oder Eisen-II-Gluconat, E 579 und E 585 kürzt das Ganze dementsprechend ab, vermerkt ist. Hat eigentlich überhaupt nichts mit Eisen zu tun, sondern wird aus Milchsäure gewonnen, aber die Wirkung ist umso erstaunlicher. Und das Beste an der ganzen Schwarzbrennerei oder besser Schwarzseherei oder natürlich Schwarzfärberei der grünen Oliven ist: Es handelt sich dabei nicht einmal um Farbstoffe, sondern lediglich um die Zusatzstoffe E 579 und E 585.

Es wurden bisher noch keine Nebenwirkungen durch die beiden Zusatzstoffe E 579 und E 585 festgestellt. Ebenfalls soll hier nicht verschwiegen werden, dass E 579 sogar zur Eisenanreicherung in bestimmten Diätprodukten zugelassen ist. Doch ein Zuviel an Eisen im menschlichen Verdauungstrakt kann die Vermehrung von Krankheitserregern zur Folge haben.

Gegen E 585 oder Eisen-II-Lactat kann ich deshalb nicht einmal Bedenken haben. Bedenklich stimmt mich allerdings die Tatsache, dass E 579 oder Eisen-II-Gluconat bereits gentechnisch hergestellt werden kann.

Sie werden sich jetzt die berechtigte Frage stellen, weshalb, ausser selbstverständlich aus geldgierigen Gründen, wartet frau und man(n) nicht einfach darauf, dass die grünen Oliven von selbst schwarz werden. Da spielt Mutter Natur nicht mit. Wer schon einmal schwarze Oliven gegessen hat, wird den Unterschied in der Bissfestigkeit festgestellt haben. Schwarze Oliven sind, bedingt durch den längeren Reifeprozess, wesentlich weicher. Und da die Menschin und der Mensch nun zu den bequem bequemlichen Wesen gehören, wollen sie möglichst alles mundgerecht serviert bekommen. Dazu gehört unter anderem auch: Die Oliven sollten entkernt, oder sage ich in diesem Fall “entsteint”, sein. Maschinelle Oliven-Entkernungsmaschinen für die harten grünen Oliven, kein Problem! Maschinelle Oliven-Entkernungsmaschinen für die weichen schwarzen Oliven, schöne Sch..sse! Also bedienen wir uns lieber der Einfärberei.

Achten Sie dementsprechend bei Ihrem nächsten Kauf, sofern Sie schwarze Oliven überhaupt mögen, auf das Etikett. Steht E 579 oder E 585 drauf, wissen Sie, dass Sie zumindest kein reines Naturprodukt vor sich haben. Ich werde es mir in Zukunft zur Gewohnheit machen, schwarze Oliven nicht mehr entkernt zu kaufen. Dies ist sicherlich kein Garant für die Nicht-Verwendung von Zusatzstoffen, aber den Rest erledigen hoffentlich meine beiden Augen beim Lesen des Etiketts.

So, zum Abschluss ist mir noch ein Gedanke gekommen. Sollten Sie irgendwann den Plan hegen, Ihre Seele dem Teufel zu verkaufen und der Fürst der Finsternis bemängelt die fehlende Schwärze, dann wenden Sie sich an mich. Ich habe mittlerweile immer eine Familienpackung E 585 vorrätig, garantiert ohne Gentechnik veredelt, aber höchst wirksam.

Bis dahin grüsse ich Sie als schwarzbeseelter, schwarzsehender, schwarzmalender, schwarzbrennender und schwarze Olivenkerne spuckender grüner Fürst der Hölle namens Erde. 


3.8.2010

The Group of Seven

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 16:15

Vorab eines: Ich hätte diesen Artikel auch ohne weiteres in die Kategorie Reisen einstellen können, nachdem ich aber noch nicht dieses Land besucht habe, kommt aber hoffentlich noch irgendwann, habe ich mich dazu entschlossen, eben die Kategorie Garten zu wählen. Sie werden mir (hoffentlich) nach Lesen des Artikels zustimmen, daß die Wahl auch nicht einer gewissen Logik entbehrt.Wer ist diese Group of Seven, dass ich mich dazu entschlossen habe, auf meinem Bio und Natur Weblog darüber zu berichten? Nun, die Idee kam mir eigentlich nach meinem Besuch im Gartenhotel Theresia. Die sogenannte Siebenergruppe ist ein Zusammenschluss von sieben kanadischen Landschaftsmalern, welche sich rund um den Landschaftsmaler Franklin Carmichael formierten, um ihre Impressionen und Eindrücke der kanadischen Natur und der (ehemals) grenzenlosen Weite Kanadas wiederzugeben.

Der seit 1919 gebräuchliche Name der 1913 gegründeten Gruppe nahm dabei das Thema kanadischer Unverfälschheit in geradezu idealisierter und schwärmerischer Form auf, fernab der Realität. Vielleicht geriet die Group of Seven gerade aufgrund dieser Tatsache in Vergessenheit und löste sich bereits im Jahr 1931 wieder auf bzw. ging in die Canadian Group Of Painters über.

Für Kunstinteressierte, welche das Thema Natur auf farbenprächtige Art und Weise in Form von Kunst einmal näher betrachten möchten, bietet die Seite Group Of Seven Art eine schöne Möglichkeit, sich dieser Sichtweise zu nähern, d.h. bereits verblichenen Malern des beginnenden 20. Jahrhunderts, deren Kunstwerke nun schon ein ganzes Jahrhundert überdauerten, über die Schulter zu sehen.


25.7.2010

Toscanella - Tomaten aus der Toscana?

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 22:16

Auch wenn es der Namensgeber, die Schweizer Firma Syngenta, vielleicht darauf angelegt hat, beim Konsumenten dementsprechende Assoziationen zu wecken, muss ich Sie, wie bereits so viele Male, auch heute wieder enttäuschen. Der Basler Agrochemiekonzern Syngenta hat sich dem löblichen Ziel Pflanzenschutz verschrieben. “Sehr gut” werden Sie nun denken. “Sehr schlecht!” kann ich Ihnen darauf nur antworten.

Neben den US-amerikanischen Konzernen Monsanto und DuPont, welche sich bedingungslos der Gewinnmaximierung durch genveränderte Feldfrüchte, Herbizide und sogenanntem kommerziellen Saatgut, kurzum der Biotechnologie, widmen, hat sich Syngenta ebenfalls darauf spezialisiert, den Verbraucher in Form der Syngenta Seeds GmbH mit hervorragenden Produkten auf diesem Sektor zu beglücken. Alleine die Produktnamen machen Lust auf mehr: Ein Grünkohl mit dem vielversprechenden Namen “Winnetou F1″, der Kopfsalat “Tizian”, Zwiebelsorten mit den Zungenschnalzern “Vision F1″, “Mission F1″ und “Solution F1″ oder Porree (Lauch), für den der griechische Gott Dionysos Pate steht. Genmanipuliertes Herz, was willst Du mehr!

Ich sehe schon, Ihnen wird ganz warm um das eben angesprochene lebenswichtigste Organ. Diesen ganzen neuen Züchtungen, nicht nur Syngenta hat hier seine genveränderten Finger im Spiel, auch Firmen wie Seminis, Rijk Zwaan oder Sakata sollte auf dieselben kritisch geschaut werden, liegt ein Verfahren mit dem unaussprechlichen Namen Protoplastenfusion zugrunde. Für den Laien wie mich bedeutet dies in einem Satz die Verschmelzung zweier Zellen durch die Auflösung der Enzyme und Zellwände z.B. mit elektronischem Strom. Wer es genauer wissen möchte, die Uni Hamburg bietet unter Protoplasten weiterführende Informationen und Lektüre. Natürlich soll es noch Menschen geben, und zu diesen zähle ich alle Leser meines Bio und Natur Weblogs, welche dankend auf kommerzielles Saatgut verzichten möchten und sich dem guten, alten konventionellen Saatgut hingezogen fühlen. Die Seite Ökoring bietet eine gute Zusammenfassung für all jene, welche Alternativen zu CMS-Sorten oder eben Sorten aus Protoplastenfusion suchen und sich dementsprechend den gentechnischen Züchtungsmethoden verweigern möchten.

Was hat aber nun die in der Überschrift angeführte Tomate mit dem südländischen Namen Toscanella mit uns zu tun? Sie wurde 2002 im Auftrag der Kunden erschaffen, kreiert, förmlich aus dem Genmanipulations-Hut gezaubert. Zumindest wird dies dem geschmacksorientierten und auf lange Haltbarkeit konditionierten Verbraucher in der Geschichte über die Entstehung der Toscanella suggeriert. Die Geschichte ist einfach zu köstlich, in all ihrer Doppeldeutigkeit selbstverständlich, als dass ich Sie Ihnen vorenthalten möchte. Wobei dies jetzt nicht der eigentliche Tomaten-Stein des Anstosses ist.

Aber anstössig ist die Firmenpolitik des weltweit führenden Pestizidherstellers Syngenta. Ob nun jede siebte Tomate weltweit von Syngenta stammt oder nicht, sei hierbei nur von untergeordneter Bedeutung, da wir uns sowieso in permanenten Abhängigkeitsverhältnissen gegenüber Großkonzernen befinden. Aber Syngenta produziert und vertreibt das Unkrautvertilgungsmittel Paraquat, oftmals auch unter dem Markennamen Gramoxone bekannt. In der Schweiz ist dieses Herbizid bereits seit Jahrzehnten verboten, in Deutschland ist seit dem 11.07.2007 durch Entscheidung der ersten Instanz der Europäischen Gemeinschaften ein Inverkehrbringen und die Anwendung des Präparates “Gramoxone Extra” mit sofortiger Wirkung untersagt (siehe z.B. Zulassung für das Herbizid „Gramoxone Extra“ annulliert - 19. Juli 2007).

Wohin also mit dem hochtoxischen Mittelchen, wenn Europa “Nein!” sagt? Einfach die Hemmschwelle herabsetzen und hemmungslos ab damit in Schwellen- und Entwicklungsländer. Die können alles brauchen, angefangen vom Atommüll bis hin zum Elektroschrott, warum also nicht auch das lebensgefährliche Paraquat? Lungenschäden und Atembeschwerden, Nasenbluten und Kopfschmerzen, möglicherweise sogar eine Kausalität zwischen Paraquat und der Parkinsonschen Krankheit, wen stört´s. Hauptsache, die Bauern wenden es an. Hunderte Todesfälle und tausende Vergiftungsfälle inkludiert. Ich zitiere im folgenden einen auf der Internetseite ignoranz.ch unter dem Artikel Syngenta: Giftkonzern ohne Skrupel? gefundenen Kommentar eines Menschen namens Rico, welcher zeigt, wie wir, die westliche Welt, diesen Problemen oftmals gegenüberstehen.

“Ich kann nicht erkennen, warum hier Syngenta schuldig sein soll. Effektiv ist es doch der Anwender, der sich nicht an die Gebrauchsanweisung hält. – Im Übrigen haben es Gifte halt so an sich, giftig zu sein. Darum gibt es ja Anwendungsbestimmungen, an die man sich halten muss.

Man schaut doch auch nicht mit dem brennenden Feuerzeug nach, wieviel Benzin noch im Tank ist. Oder ist dann auch ESSO schuld..?”

Es freut mich immer wieder, wie sich ein des Schreibens und Lesens fähiger Mensch derart stupide gegenüber Menschen verhält, welche in Ländern leben, in denen Analphabetismus und das tägliche Leben vom Kampf gegen Hunger und Krankheiten 24 Stunden lang bestimmt ist. Denn genau diese Ricos dieser Welt sind es, welche sich anmaßen, weit über jenen zu stehen, abgehoben über ihnen und vor allem sehr weit weg von deren Problemen.

Lassen wir also unserem Freund Rico seine Freude an den Toscanella-Tomaten, möge er sie ohne Nasenbluten, Kopfschmerzen, Beschwerden seiner Atemwege und einer voll funktionsfähigen Lunge genießen. Wir anderen könnten uns vielleicht darauf verständigen, Toscanella-Tomaten nicht zu genießen, schließlich gibt es noch andere Hersteller von Paradiesäpfeln, welche in ihrer Verantwortlichkeit gegenüber Menschen etwas andere Zielsetzungen haben und sich in der Firmenpolitik von Syngenta nicht grundlegend, aber zumindest ein bisschen unterscheiden. Die EvB (Erklärung von Bern) fordert deshalb den sofortigen Produktionsstopp und das generelle Verbot von Paraquat. Erkären Sie sich solidarisch mit Stop Paraquat und lassen Sie dem Imperativ “Hände weg von Toscanella-Tomaten” Taten folgen.             

16.5.2010

Stimmungsaufheller Natur…

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 02:07

…und das Stimmungsbarometer steigt! 

Na, wer sagt´s denn. Jetzt haben wir es amtlich oder besser gesagt wissenschaftlich! Zumindest haben zwei Wissenschaftler der University of Essex, genauer gesagt Joe Barton und Jules Pretty, in einer Studie (siehe z.B. bild der wissenschaft: Grün macht vergnügt) herausgefunden, daß der Aufenthalt des Menschen im Grünen in kausalem Zusammenhang zur menschlichen Psyche stehen. Egal ob nun ein gemütlicher Spaziergang auf dem Programm steht, die grüne Umwelt mit dem Fahrrad erkundet wird oder die löbliche und vor allem nützliche Gartenarbeit: Die ersten Minuten in freier Natur sind wahre Stimmungsaufheller für den gestressten Menschen unserer Gesellschaft, also wohl für fast alle Wesen der Gattung sprechender und denkender Homo sapiens. Wer nun sagt: “Garten hab´ich keinen, Radfahren kann ich nicht und vor lauter Wald seh´ ich sowieso keine Bäume!”, dem sei erwidert, daß der nächste großstädtische Park sicherlich gleich um die Ecke lauert.

Besonders förderlich ist hierbei, sozusagen das Non plus ultra natürlicher Stimmungsaufheller ein Lustwandeln im Walde. Nicht alleine die frische Luft macht´s, sondern vor allem das grüne Blätterdach mächtiger Bäume, blühende Sträucher und Büsche, die wartende Wegwarte am Wegesrand und das liebliche Plätschern eines kristallklaren Baches, sofern es diesen nach Deepwater Horizon noch gibt, wirken wahre Wunder, wenn es um unser Selbstwertgefühl geht.

Die Extradosis Natur also als Medikamentenersatz für unser fehlendes inneres Gleichgewicht? Die beiden Forscher haben mehr als 1200 Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts analysiert und untersuchten dabei die Korrelation zwischen der Dauer des Aufenthaltes bzw. der Aktivität im Freien und der daraus resultierenden Wirkung auf die Psyche der Testpersonen. Und wen wundert´s: Bereits mit den ersten Minuten nach Beginn der Freizeitaktivität stieg das Wohlbefinden der Probanden signifikant an!

Auch diplomierte Psychologen hauen in dieselbe grüne Bresche. Gespräche in der freien Natur zeigen eine wesentlich intensivere Verarbeitungstiefe, verlaufen entspannter und steigern das Selbstwertgefühl. Also, liebes gestresstes arbeitendes Volk, links auf die Überholspur, beschleunigen und dann aber gaaaaanz tief Luft holen und entschleunigen.

Heinrich Maiworm, seines Zeichens Wanderphilosoph, bringt es auf einen einfachen Nenner, wenn er leicht deprimiert feststellt: “Wir Philosophen haben immer gedacht, wir müssten dafür sorgen, dass es den Menschen besser geht.” Und nun sind es plötzlich die singenden Vögel, das Rauschen des Waldes und das Klingen des Baches, welche für unser Glück zuständig sind. Wobei ich sagen muß, daß natürlich ein entspannt geführtes philosophisches Gespräch unter der schattenspendenen, weit ausladenden Krone eines Kastanienbaumes, während Blaumeise oder die leider viel zu seltene Zwergammer spöttisch ihr Liedchen singen, auch nicht zu verachten ist. So kann ich nur sagen: “Raus in die Natur, denn schon fünf Minuten genügen, um sich viele Sorgen aus dem verstaubten Pelz unserer selbstgebauten Betongefängnisse zu schütteln!

8.5.2010

Guerilla Gardening - grüne Piraterie

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 00:38

Auf Kaperfahrt für die Umwelt

Guerilla Gardening oder auf gut deutsch Guerillagärtnerei bzw. Guerillagärtnern ist eigentlich eine schöne Sache. Guerilla Gardening ist streng genommen nicht so ganz legal, aber insgeheim doch aufgrund unseres sensibleren Umweltbewußtseins ein geduldetes Vergehen, nun gut zumindest bei mir, aber auch viele Städte betrachten die Guerillagärtner in unserer heutigen Zeit mit einem wohlwollenden Auge. Obwohl, bei genauerer Betrachtung ist es sogar sehr gerne gesehen, Sie wissen schon, bei mir, also bitte ich auch Sie, beide Augen zuzdrücken, wenn Sie GuerillakämpferInnen im Namen der Natur kämpfen sehen. Nein, besser noch, machen Sie zumindest bitte ein Auge auf, vielleicht gefällt Ihnen möglicherweise, was sich diese grünen PartisanInnen auf ihre grünen Piratenflagge geheftet haben. Begonnen hat eigentlich alles so richtig im Jahre 2000, ob es nun der 1. Mai war, sei dahingestellt, schließlich gab es schon davor Menschen, welche sich mit dem Guerilla Gardening beschäftigten.

Fest steht jedoch: Was einst als subtiler und wohlgemerkt unblutiger Kampf gegen grauen Beton und urbane Kahlstellen begann, hat sich mittlerweile zu einer regelrechten urbanen Gärtnerei und städtischen Form der Landwirtschaft entwickelt. Entstanden ist das Guerilla Gardening einerseits als Form des Protestes von Umweltaktivisten, aber ebenfalls aus Ausdrucksform von Großstadtmenschen, welche sich gegen die zunehmende Verbauung ehemaliger Grünflächen, die sich zu hässlichen Betonwüsten entwickelten, zur Wehr setzen wollten. Dienten ursprünglich sogenannte “Samenbomben (seedbombs)” als Waffen des friedlichen Protestes, hierbei von biologischen Waffen zu sprechen ist doch eigentlich eine schöne und gleichzeitig die einzig authentische und in meinen Augen legitime Art des “bewaffneten” Widerstandes und dementsprechend auch die einzige ethisch und moralisch zu vertretende B-Waffe, wird heutzutage durch dieses wilde Gärtnern die Verschönerung brach liegender Flächen oder sogar die Ernte landwirtschaftlicher Produkte angestrebt.

Arbeiteten die Urmütter und Urväter des Guerilla Gardenings noch mit jenen Samenbomben, einem Gemisch aus Erde, Ton und eben der eigentlichen Munition, den Samen, welche zu Kugeln geformt unauffällig und vor allem schnell von Fahrrädern oder aus der Hüfte heraus geschossen auf die zu erobernden Flächen geworfen wurden, bedient sich die heutige Generation der grünen Guerilleras und Guerilleros wesentlich ausgefeilterer Methoden. Egal ob die österreichischen Erdäpfel und Paradeiser (zu deutsch Kartoffeln und Tomaten) zwischen alten Autoreifen, kleine Feuchtbiotope neben Hochhäusern oder bunt gemischte und gemeinschaftlich genutzte Kleingärten auf Dächern, das Guerilla Gardening hat sich zu einer neuen Art der Selbstversorgung und der kreativen Gestaltung des eintönigen Großstadtdschungels entwickelt.

Was benötigen moderne Guerilla GärtnerInnen?

1. Grundvoraussetzung ist natürlich zuerst einmal der Wunsch, zur Verschönerung einer verwahrlosten Fläche beitragen zu wollen. Verspüren Sie diesen Drang, aus Grau Grün machen zu wollen, folgt alles andere im Normalfall von selbst.

2. Segeln Sie unter grüner Flagge, sollten Sie zumindest wissen, wohin Sie der Fahrtwind treiben soll, schließlich soll das Kapern für Sie als FreibeuterIn auch von Erfolg gekrönt sein. Sprich, halten Sie Ausschau nach einem kleinen Stückchen Land, welches es zu bepflanzen gilt.

3. Umsichtige Guerilla Gardener planen nachhaltig und langfristig. Wer sich an seinem Eroberungsfeldzug auf lange Sicht gesehen erfreuen will und wer möchte dies nicht, prüft die Bodenbeschaffenheit und sonstige Gegebenheiten, z.B. wird Regenwasser durch eine Überdachung abgehalten oder wie ist die Sonneneinstrahlung beschaffen. Eine Funkie ist zwar ein wunderschönes Gewächs aus der Familie der Agaven, aber steht der zu bepflanzende Brachraum in der prallen Sonne, dann wäre es doch besser, sich für einen herrlich duftenden Lavendel zu entscheiden. Und wer damit spekuliert, sein selbst gezogenes Gemüse an einer vielbefahrenen Strasse aufzuziehen, wird zwar sicherlich die Aufmerksamkeit der Autofahrer auf sich und seine Vitaminkost lenken, alleine er wird auch die Auspuffabgase jener Autos auf Basilikum, Zucchini und Petersilie dorthin lenken. Da wäre es vielleicht zu überdenken, bei Nacht und Nebel ein paar schöne Tulpenzwiebeln im Erdreich zu versenken, aus welchen sich wunderschöne violette Tulpen entwickeln (so gesehen gleich bei mir ums Eck, wobei ich mich natürlich frage, wer dafür verantwortlich zeichnete).

4. In Gemeinschaft pflanzen macht besonders Spaß. Dazu gehört nicht nur, Gleichgesinnte zu finden, welche sich an der Pflanzaktion beteiligen, sondern auch das Gespräch mit Anwohnern suchen. Machen Sie die Nachbarn zu Verbündeten und Mitwissern, oftmals werfen diese dann auch einen hilfreichen Blick auf das Gepflanzte und helfen mit, Zerstörung vorzubeugen.

5. Guerilla Gardening in Höchstvollendung, sozusagen 5-Sterne-Guerilla Gardening liegt dann vor, wenn Sie sich entscheiden, neue Nahrungsquellen für unsere kleinen Stadtbewohner namens Bienen, Schmetterlinge, Hummeln etc. zu schaffen. Nektarreiche Pflanzenkost wie Salbei, Astern oder Schafgarbe sehen nicht nur gut aus und duften herrlich, sondern dienen auch als wichtige Nahrungsquellen für unsere brummenden, summenden und flatternden Nachbarn.

6. Bei all der Freude und den guten Vorsätzen aber bitte eines nicht vergessen: Der vorgefundene Platz soll nachher schöner sein als vorher! Also Mist und Müll wieder wegräumen, aber das nur der Vollständigkeit halber.

So, ich sehe schon, ich habe Sie auf die dunkel(grüne) Seite der Macht gezogen. Das freut mich natürlich, schließlich ist Guerilla Gardening kein Verbrechen, sondern macht irrsinnig viel Freude. Und um Ihnen den Einstieg zu erleichtern, hier noch ein paar ganz nützliche Quellen für Ihre erfolgreiche Laufbahn als Untergrund-Gärtner. Da wären zum einen für alle Österreicher die Guerilla Gärtner ganz interessant, für Deutschland stehen mit Rat und Tat die Garten Piraten auf Grüne Welle zur Verfügung und wer es englischsprachig liebt, sollte sich auf dem Blog guerillagardening.org von Richard Reynolds einfach einmal umschauen.

In diesem Sinne kann ich Ihnen nur noch viel Erfolg wünschen beim Umgraben eines tristen Stückchens Erde für eine grünere Welt. Bleiben Sie mir gewogen.

Ihr grüner Guerillero oder, wie die allerbeste Ehefrau der Welt zu sagen pflegt, der grüne Gorilla Paul Bögle      

26.4.2010

Wider den Voyeurismus

Abgelegt unter: Garten — Paul Boegle @ 01:58

Grün raubt einem die Sicht

auf die wirklich interessanten Dinge des Lebens. Es ist leider so! Kaum kommt der Frühling, das Frühjahr oder poetisch ausgedrückt, kaum ist der Lenz da, habe ich keine Freude mehr am Leben. Sie werden mich jetzt zurecht für einen Misanthropen halten, einen verbitterten alten unzufriedenen immer grantelnden ewig nörgelnden Menschen, dessen Freude am und im Leben nur darin besteht, den anderen jauchzenden Mitmenschen mit seinem Pessimismus, seiner tiefsten Schwarzseherei, seiner noch schwärzeren Schwarzmalerei und was weiß ich mit welch sonstigen dem seelischen Okkultismus vertrauten Dingen gehörig auf die Nerven zu gehen.

Recht haben Sie! Ich bin genau so, wie ich mich gerade beschrieben habe. Und was fast noch schlimmer ist: Ich bin auch noch stolz darauf! Und da ich ein freizügiger Mensch bin, lasse ich Sie sogleich an meinem Seelenleben teilhaben und werde Ihnen dezidiert erklären, warum der Frühling die allerschlimmste Jahreszeit überhaupt ist. Ich öffne Ihnen mein Herz, denn mit dieser Mördergrube kann und will ich nicht alleine leben. Ergo mache ich Sie zu Mitwissern und ich garantiere Ihnen, in spätestens zwei Minuten werde Sie sich nichts sehnlicher herbeiwünschen als einen ordentlichen Herbststurm, welcher sich gewaschen hat. Und für die ganz labilen Mitbürger sei jetzt angemerkt: Sollten Sie über die folgenden Zeilen hinauslesen, ziehen Sie sich warm an, denn Sie werden sich stante pede, also stehenden Fusses, selbst wenn Sie im Moment sitzen, den tiefsten Winter zurückwünschen. Ich werde Ihnen jetzt so einheizen, daß Sie unweigerlich Ihre Heizung auf die allerhöchste Stufe stellen, selbst wenn Ihnen der Schweiß in Sturzbächen vom lenzumnebelten Hirn rinnt.

Also, holen Sie sich Ihre Thermounterwäsche, vergessen Sie nicht drei Paar handgestrickte Socken, die Wollhaube legen Sie ebenfalls griffbereit neben Ihren Computer oder noch besser, ziehen Sie alles am besten sofort an! So, Sie sind soweit? Dann los!

Sie wollen wissen, warum der Frühling für jeden halbwegs vernünftigen Menschen das größte Übel ist? Dazu muß ich eines voranschicken: Ich bin ein leidenschaftlicher Voyeur. Ja, ich bin von solch voyeuristischer Natur, daß ich mich sogar selbst beobachte, wenn gerade niemand anderer zur Hand ist, welcher sich von mir beobachten ließe. Möglicherweise kennt die eine Leserin oder der andere Leser die wunderbare Geschichte Narziß und Goldmund von einem meiner Lieblinge schriftstellerischen Schaffens, dem großen Hermann Hesse. Wobei ich nun nicht meine Lebensgeschichte mit der jenes Protagonisten vergleichen möchte, nichts liegt mir ferner außer möglicherweise die Tatsache, daß ich mich ebenfalls auf solch gottlosen Wanderspfaden befinde. Aber sei´s drum, das ist wieder ein anderes Kapitel und bedarf deswegen auch einer Erörterung an anderer Stelle. Weiterhin darf ich anmerken, daß ich auch mit Goldmund, jenem frommen Klosterjüngling, in etwa so viel gemein habe wie ein Radrennfahrer ohne Doping. Aber bitte nicht alles auf die Goldwaage legen, es gibt auch ehrliche Menschen, schauen Sie mein Spiegelbild an!

Alleine diese Verbindung von Voyeurismus und Narziß läßt mich frohlocken. Wie dieses, wird sich der Skeptiker unter Ihnen fragen? Es ist respektive war doch so, damals in der wunderbaren Zeit griechisch grauer perfider Vorzeit. Zugetragen hat sich die Geschichte in der Stadt Thespiai, idyllisch gelegen am Fuße des Berges Helikon, besser bekannt und berühmt als Wohnstätte der griechischen Musen. Und in besagte Stadt mit dem komplizierten Namen Thespiai lebte der noch kompliziertere Flußgott Kephisos, lüstern wie so viele Götter der griechischen Mythologie. Und wie es sich nun einmal für einen mächtigen Flußgott geziemt, war er mit allerlei mächtigen Werkzeugen bestückt, nicht was Ihnen nun schon wieder in den Sinn kommt, wobei das Ihnen gerade gedanklich nach vorne Drängende für alles weitere noch eine wesentliche Rolle spielt. Kephisos hatte, wie es vieler großer Flüsse Sitte ist, eine Unzahl an Mäandern, also Schlingen, Windungen und Wendungen, manch LeserIn wird dies wohl, zugegebenermaßen berechtigterweise, auch meinen Artikeln anlasten. Und infolge seiner unstillbaren potenzierten Gier oder andersherum gierigen Potenz stand ihm der wässrige Sinn nach Fleischlichem. Er vergewaltigte die Wassernymphe Leiriope oder auch Liriope und aus dieser Untat wurde Narkissos, andere sprechen von Narcissus, geboren.

Wie es weitergeht, wissen wohl die meisten. In den Metarmophosen von Ovid geht die Geschichte folgendermaßen weiter, Abwandlungen seien hierbei außer Betracht gelassen und werden explizit vernachlässigt, wobei hier vor allem auf die beiden Narziß-Deutungen von Pausanias sowie der Epitome von Photios verwiesen sei (siehe dazu z.B. Wurzeln und Entwicklung des Mythos des Narziß). Narziss war ein selbstverliebter junger Mann, zumindest wird diese Interpretation auch in unserer Gegenwart der tragischen Gestalt des Narziss oftmals vertreten. Doch war Narziss dies wirklich oder müssen wir tiefer graben? Nein, liebe LeserInnen, dies möchte ich Ihnen für heute ersparen, aber zumindest muß ich mir diesen Langweiler gleich einmal für spätere Zeiten notieren, denn nur wer schreibt, der bleibt. Machen wir es also kurz und geben wir die Worte seiner Mutter Leiriope wieder, welche sie an den Seher Teiresias (Tiresias) richtete, um zu erfahren, ob ihrem Sohn ein langes Leben vorausbestimmt sei.

Teiresias bejahte diese Frage, allerdings mit der im weiteren Verlauf fatalen Einschränkung: “…, si se non noverit” (“Wird sich selbst er nicht schauen!”). Also Narziss sei nur unter der Voraussetzung ein langes Leben bestimmt, solange er sich selbst fremd bleibt. Diese auf den ersten Blick enigmatische Erklärung des Teiresias gewinnt allerdings bald an Schärfe. Die Liebe sowohl der Bergnymphe Echo als auch seines Verehrers Ameinios zurückweisend straft ihn Nemesis mit nicht zu zähmender Selbstverliebheit, Narziss verliebt sich in sich selbst, in sein eigenes Spiegelbild, welches ihm aus dem Wasser entgegenblickt. Diese Unmöglichkeit einer unerfüllbaren Liebe erkennend bringt sich Narziss um, das Blut des Narziss wiederum bringt eine Narzisse an dieser Stelle zum Blühen.

So, ich sehe schon, die ersten meiner LeserInnen sind wieder einmal sanft entschlafen. Es scheint, ich habe wie so oft die Kurve wieder nicht gekriegt! Aber selbst ich muß nun erst nach oben scrollen, um den Ausgangspunkt meiner Erzählung wieder zu finden und muß ernsthaft überlegen, diesen nun in einen sinnvollen Kontext zu bekommen. Dann rollen wir, nachdem wir das Scrollen erfolgreich beendet haben, natürlich meine ich dabei in erster Linie mich selbst, schließlich habe ich in meiner Selbstverliebtheit, um nicht sogar von Selbstvergessenheit zu sprechen, den Stein ins Rollen gebracht. Wussten Sie eigentlich, wenn wir uns schon einmal mitten in der griechischen Sagenwelt befinden, daß Sisyphos dieses Problem mit dem rollenden Stein jeden Tag hatte? Nein, vergessen Sie es, auch meine Verschlagenheit hat ihre Grenzen, ganz im Gegensatz zu jener des schon erwähnten Sisyphos.

Nun, also die Verbindung, ja diese Verbindung von Narziss und meinem Voyeurismus, wie soll ich jetzt sagen, wo soll ich denn beginnen? Also, irgendwie fehlt mir im Moment der rote Faden. Apropos roter Faden, wer weiß eigentlich, woher dieser sprichwörtliche rote Faden zum ersten Male Verwendung fand? Ein kleiner Tipp von meinem selbstverliebten Alter Ego, jenem unverzichtbaren Bestandteil meines zwei-, drei- und vielfach gespaltenen Charakters, es hat etwas mit, ob Sie es nun glauben oder nicht, der griechischen Mythologie zu tun. Und zwar hatte sich Theseus so im Labyrinth von Knossos verirrt, die näheren Umstände lassen wir außen vor, daß er vor lauter Verzweiflung schon den Minotaurus um Rat fragen wollte. Dieser jedoch war dem Theseus, auch hier beleuchten wir nicht die näheren Umstände, so feindlich gesinnt, daß er ihn umbringen wollte. Nun gut, kurze Rede, langer Sinn: Theseus tötete den Minotaurus und mit Hilfe eines Garnknäuels, dem roten Faden, welchen ich anscheinend  verloren habe, übrigens ein Geschenk von Ariadne, deshalb auch als Ariadnefaden bezeichnet, nicht an mich, sondern an Theseus, fand er den Ausgang aus dem Labyrinth, im Gegensatz zu mir.

Also fange ich jetzt noch einmal von vorne an. Ausgangspunkt meiner Irrfahrt war, soweit ich mich erinnern kann, aber berichtigen Sie mich bitte, mein Voyeurismus und warum der Frühling dem entgegenwirkt. Apropos Irrfahrt, wussten Sie eigentlich, daß es für dieses Wort auch das Synonym Odyssee gibt. Ja, und Sie werden es nicht für möglich halten, geprägt hat diesen Begriff wahrscheinlich der Dichter Homer. Und jetzt halten Sie sich bitte fest, denn unglaublicherweise kommt dieser aus Griechenland und es wird, besonderes Augenmerk sei hierbei auf die Gesänge neun bis zwölf dieses Epos gerichtet, die Geschichte des in der griechischen Mythologie so wohl bekannten Helden Odysseus erzählt, die bereits erwähnten Gesänge berichten hierbei insbesondere von seinen Irrfahrten und Abenteuern, welche er nach Ende des Trojanischen Krieges bestehen musste. Wer nun langsam am Verzweifeln ist, wann meine Irrfahrt eine Ende findet, der irrt, wenn er glaubt, dieser Zeitpunkt sei nun erreicht.

Wissen Sie was? Ich lasse es jetzt bleiben. Ich komme einfach auf keinen grünen Zweig. Denn genau diese sind es, welche mir jedes Jahr pünktlich dann, wenn alles sprießt, mein voyeuristisches Leben so unendlich schwer machen. Stellen Sie sich doch bitte folgende Situation vor. Ich warte also wie so oft auf die Schnellbahn, welche meinen von der kommenden Arbeit bereits im Vorhinein schon ausgemergelten und vollkommen geschwächten Körper in die vorgegebene Richtung bringen soll. Der Puls jetzt schon schwach, die auf mich zukommenden Aufgaben drücken schwer wie das Himmelszelt auf die Schultern des Titanen Atlas, übrigens kommt Atlas in der griechischen Mythologie vor, aber dies sei nur am Rande erwähnt, so harre ich der Dinge, die da kommen. Ich sitze also auf einer kleinen Bank, die im Gegenlicht der frühlingshaften Sonne verführerisch glitzernden Gleise der Bahn unsichtbar ins Nirgendwo führend, und warte.

Gegenüber, vielleicht 100, mögen es 150 Meter sein, befindet sich ein angrenzender Sportplatz. Und auf dem wird dem runden Leder nachgejagt, besonders am Wochenende kämpfen dort 44 Beine mit unbändigem Siegeswillen um Ruhm, Ehre und möglicherweise auch ein paar Euro Siegesprämie. Und da ich weiß, daß solch ein Zuschauen meist die unangenehmen Folgen eines Eintrittgeldes nach sich zieht, freue ich mich jedes Mal, ob meines hervorragenden Sitzplatzes sozusagen schwarz zu schauen. Ich freue mich also immer schon diebisch, gratis, kostenlos und völlig umsonst am Spiele zweier Mannschaften teilzuhaben, von denen ich allerdings nicht einmal weiß, wer sich hier mit sportlichen Mitteln misst. Aber dies stellt für mich kein Problem dar, alleine die Gewissheit, um das Eintrittgeld herumzukommen, beflügelt mich, mich schon Stunden vorher auf meinem angestammten Platz niederzulassen, perfiderweise die allerbeste Ehefrau im Glauben lassend, ich sei unabkömmlich in meinem Arbeitsbereich.

So sitze ich also bereits am frühen Morgen an der Schnellbahn, Züge rauschen im Minutentakt an mir vorüber, Schulkinder begrüßen mich und geben mir ihr Pausenbrot, selbstverständlich gegen Bares, alte Frauen beschimpfen mich als sittenlosen Lüstling, die zwanglos vorbeischauenden Polizisten schauen sich meinen Personalausweis nur noch gelangweilt an, die Welt ist vollkommen im Lot, sie dreht sich, sie dreht sich um mich. Doch mit jedem Tag wird es schwieriger, mit jedem Tag lassen die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne Blatt für Blatt an den vom Winter so entzückend kahlen Ästen sprießen. Die Natur sabotiert mich, wo es geht. Anfangs lassen noch ausreichend große Löcher die Sicht auf den Fußballplatz zu, doch das Drama nimmt seinen Lauf. Was bitte ist die griechische Tragödie gegen die erbarmungslose Bestie Natur? Nichts, rein gar nichts!

Gestern war es dann soweit. Ich wusste, die Zeit drängt. So verließ ich bereits um 4:39 Uhr mein trautes Heim, Dienstbeginn ist üblicherweise um 18:00 Uhr, meiner Frau erzählte ich etwas von dringend, besonders eilig und von unglücklichem Unglück und katastrophaler Katastrophe, quasi die Welt ist ohne mich verloren und ich bin unabkömmlich und so weiter. Schuldbewußt nahm ich meine Habseligkeiten, senkte meinen Blick und schlich aus dem Haus. Einzig die allerbeste Tochter war sich der Tragweite meiner Verantwortung bewußt, denn sie sagte im Vorbeigehen: “Das Leben ist kein Spiel!” ”Weise Worte”, dachte ich bei mir und tastete mich durch die finstere Nacht.

So saß ich auf meiner Bank, der erste Frühzug im fortgeschrittenen Frühling spuckte verschlafene Gestalten aus, mürrisch und mißmutig, keine Spur von spielerischer Leichtigkeit. Ich saß und saß, die Sonne tauchte den Morgen in ein zartes Licht, die Silhouetten der Bäume erwuchsen aus dem Dunkel, Blatt für Blatt zeichnete sich gegen den pastellfarbenen Himmel ab. Und dann sah ich: Nichts! Die letzte Bastion war gefallen, hinter einem dichten grünen Blätterwald, einem undurchdringlichen Vorhang aus grausamen ekelhaft grünen Blättern. Mein heiß geliebter Sportplatz war nun endgültig meinen Blicken entschwunden, kein noch so kleiner Grashalm lustwandelte vor meinem sportbegeisterten Auge, die weißen Kreidemarkierungen der heiligen Strafräume ließen sich nur noch erahnen, die formvollendeten Elfmeterpunkte schimmerten verschwommen im Nirwana aus grüner Bestialität, nicht einmal mehr die tapfer gegen den Frühling ankämpfenden Torstangen boten mir ihren täglichen Gruß. Alles war weg, verschwunden hinter diesem ekelhaften frischen Frühlingsgrün, praktisch zubetoniert von Mutter Natur. Ich kramte in sämtlichen Taschen, von Kleingeld, ganz zu schweigen von Großgeld, keine Spur, alles verflüchtigt im Tausch gegen Vollkornbrot mit Nutella. 

Ich hasse den Frühling! Wie liebe ich den Winter! Da habe ich freie Sicht auf meinen heißgeliebten Sportplatz. Jetzt müsste ich nur noch die ganzen Fußballspieler dazu bringen, daß sie im Winter Fußball spielen. Wer braucht schon eine Winterpause? Die sollen lieber eine ordentliche Frühlingspause einführen. Dann wäre allen gedient, besonders mir. Ich könnte mich wieder einmal ordentlich ausschlafen. Gerade im Frühjahr überkommt mich immer so eine Müdigkeit, geradezu eine Frühjahrsmüdigkeit. Ich habe es bis dato noch nicht durchschaut, dieses Phänomen Frühjahrsmüdigkeit, phänomenal, dieses Phänomen. Pünktlich am 01.01. beginnt diese Frühjahrmüdigkeit, begleitet mich wie ein roter Faden, Sie wissen schon, Ariadne läßt grüßen, und punktgenau am 31.12. beendet sie ihren Dienst, um aber sogleich am 01.01. wieder ihr Stelldichein zu geben. Es ist zum Verzweifeln, zum Heulen, leider bin ich dazu zu müde.   

So sitze ich also wieder auf unserer Terrasse, vereint mit Frau und Kind. Und wissen Sie was? Ich sehe nicht einmal mehr in Nachbar´s Garten vor lauter Blumen und Büschen. Aber nächstes Jahr wird alles anders, da pflanze ich überhaupt nichts mehr in unserem Garten, nun gut, möglicherweise ein paar Blumen, vielleicht noch den einen oder anderen Strauch, abgesehen von den Kletterrosen, aber die wollte ich sowieso schon lange. Ach ja, und eine weitere Clematis würde sich beim wilden Wein ganz gut machen, allerdings nur mit dem Geißblatt, welches ich bereits vor zwei Jahren gesetzt habe. Schade, daß die Forsythie ihre gelben Blätter schon verliert, aber dafür werden die Pfingsrosen heuer besonders schön, ganz abgesehen von den türkischen Lilien, die scheinen ziemlich üppig werden, ich muß aufpassen, daß ich den Überblick nicht verliere. Das mit dem Duftrasen war übrigens auch eine gute Idee, wer kann schon römische Laufkamille sein eigen nennen?

So hat sich also wieder ein neuer Frühling in unser Land geschlichen, hat sich unmerklich breit gemacht und schwingt mit leisen grünen herrlich duftenden summenden bunten flatternden schwingenden wohlig warmen Lebensgeistern über uns. Und unter uns, so nebenbei bemerkt. Winston Churchill hat wahrscheinlich niemals sein legendäres “No Sports!” gesagt, aber sollte er es gesagt haben, kann ich ihn nur dazu beglückwünschen. Bin ich vollkommen einer Meinung. Und sollten diesen kryptischen Spruch bereits die alten Griechen geprägt haben, ja dann liebe ich die griechische Mythologie noch ein kleines bißchen mehr als ich es ohnehin schon tue. Aber das wissen Sie bereits.         

« Vorherige SeiteNächste Seite »

läuft stressfrei mit WordPress ( WordPress.de )