In Mode: Der Prenzlauer Berg. Second Hand aus erster Hand


Ein Kessel Buntes auf der Castingallee

Kastanienallee oder Castingallee? Berliner Luft am Prenzlauer Berg

Nahezu unverfälschte Berliner Luft schnuppert man auf der Castingallee (Kastanienallee) im Kiez am Prenzlauer Berg.

Eigentlich heißt die vielbesungene Castingallee laut Berliner Stadtplan ja offiziell Kastanienallee. Und eigentlich wollte ich diesen kleinen Teil dieser großartigen Stadt bereits in meinem Artikel In Berlin – Berlin ist in! Szenerie Castingallee (Kastanienallee) etwas näher betrachten und vorstellen. Und eigentlich zieht sich die Kastanienallee – oder bleiben wir halt bei der Castingallee – schnurgerade mitten drin durchs Szeneviertel Prenzlauer Berg.

Allerdings bleibt es selten bei einem Besuch auf dieser Flaniermeile, die so gar nichts mit den Prachtboulevards Ku’Damm, Friedrichstraße oder Unter den Linden gemein hat, bei dieser streng linear geraden Linienführung. Denn es gibt immer etwas zu entdecken. Vorausgesetzt, man möchte nicht selbst entdeckt werden. Denn von diesen Ambitionen sind manche getrieben und genau deshalb treibt es eben diese auf die sogenannte Castingallee.

Kiez Prenzlauer Berg: Echte Berliner Luft schnuppern

Im Prenzlauer kommt noch echte Berliner Luft in die Tüte. Wo Berlin noch nicht schnuppe, sondern modisch hipp ist.

Und das mit diesem Abgesang auf ein Stückchen echtes Berlin (zumindest für jene, welche Berlin nur aus der Perspektive des Kurzzeiturlaubs kennen) hat schon seine Richtigkeit. Wer sich einmal fünf Minuten Zeit nimmt – auf der knapp einen Kilometer langen Achse zwischen U-Bahnhof Eberswalder Straße und dem südwestlichen Ende an der Zionskirche sind fünf Minuten Zeitverlust durchaus ein Raumgewinn, der sich lohnt – sollte ruhig einmal bei Rainald Grebe und seiner Kapelle der Versöhnung reinhören. Denn diese Kabarettband hat mit ihrem Song “Castingallee” eigentlich alles in komprimierter Form hineingepackt, was die gebürtige Leipziger Journalistin und Schriftstellerin Kerstin Decker in ihrem Beitrag “Kastanienallee – Berliner Pflasterschein” in ihrem zugegebenermaßen schon etwas älteren, aber nichtsdestotrotz immer noch amüsant-aktuellen Artikel in Der Tagesspiegel vielleicht nur am Rande gestreift hat.

Kastanienallee oder Castingallee: Der Prenzlberg ist in Mode

Kastanienallee oder Castingallee: Der Prenzlberg ist in Mode

Also streifen Sie nach Herzenslust in diesem touristischen Randbezirk, der so nahe bei der Stadtmitte liegt und sich trotzdem seine Eigenständigkeit bewahrt hat.

Prenzlberg – Berliner Luft mit frischem Wind

Kastanienallee Berlin: Die offizielle Castingallee am Prenzlauer Berg

Castingallee oder Kastanienallee. Am Berliner Prenzlauer Berg zwischen Secondhand und Currywurst geht sogar manch Fahrrad die Berliner Luft aus.

Vor allem zwei Dinge hat der Kiez zu bieten. Essen und Mode. Und Ersteres besteht in den seltensten Fällen aus Currywurst rot-weiß, während Letztere glücklicherweise vollkommen ohne H&M, Primark und anderen Flagstores der bekannten Edelmarken – die seltsamerweise bei Kindern höchst beliebt sind – auskommt. Denn dafür gibt es schließlich den Ku’Damm oder die Friedrichstraße. Wer also die Schnauze voll hat von abgehalfterten Berliner Bären und lieber einmal echten Berliner Schnauzen aufs Maul schauen möchte, nimmt statt des Touristenbusses die öffentlichen Verkehrsmittel und macht sich auf den Weg Richtung Helmholtzplatz oder eben Kastanienallee und Oderberger Straße. Ja, und vielleicht wartet ja irgendwo irgendjemand, der Sie von dort direkt auf den Catwalk nach Paris, Mailand oder Paris mitnimmt.

Der Prenzlberg platzt aus allen Nähten

Berliner Institution am Prenzlauer Berg: Konnopke's Imbiss

Berliner Institution: Currywurst und das Donnern der U2 gehören seit Jahrzehnten bei Konnopke’s Imbiss zum guten Ton im Prenzlauer Berg.

Äh, und wenn nicht? Dann setzen Sie sich doch für eine Stunde zum Libanesen. Denn im Selbstbedienungsrestaurant Babel auf der Casting- Verzeihung Kastanienallee werden Sie libanesische Köstlichkeiten vom Feinsten finden. Zwar nicht unbedingt erste Wahl für magersüchtige Models, aber wer Falafel, Halloumikäse, Schawarma, Kafta oder die vegetarische Platte für Zwei (die reicht auch für Zwei) einer Currywurst vorzieht, sollte sich dort ein Plätzchen suchen. Ist sicherlich mitunter nicht einfach, da der Laden ziemlich bekannt ist, aber es lohnt sich auf alle Fälle. Apropos Currywurst. Wenn es denn unbedingt eine sein muss, gehen Sie zu Konnopke’s Imbiss direkt bei der U-Bahn-Station Eberswalder Straße. Die Berliner Institution legt sicherlich eine der besten Currywürste auf den Tisch. Zusammen mit der Soße und den Pommes vielleicht nicht straight ahead auf der schlanken Linie, aber gemeinsam mit dem Flair der darüber hinwegdonnernden U-Bahn ein unvergessliches Erlebnis.

Filmreife Kulisse in Berlin: Großes Kino im Prenzlauer Berg.

Filmreife Kulisse in Berlin: Großes Kino im Prenzlauer Berg.

Ja, der Prenzlauer Berg ist halt doch noch ganz großes Kino. Irgendwie halt. Zwischen Friseurläden, die “Vokuhila” heißen, gebrauchten Schallplatten, Graffitis an den Wänden und netten Berlinerinnen, die einen in ein Gespräch verwickeln, um dann kurzerhand nach einer Zigarette zu fragen. Und als Abschied dann mit einem entwaffneten Lächeln und verschmitztem Blick sagen: “Alle Berliner schnorren!” Mag manchmal schon seine Richtigkeit haben. Doch alleine wegen dieses herrlichen Augenaufschlages eine absolut lohnende Investition. Diese Zigarette danach. Nach all dem Trubel rund um Ku’Damm, Brandenburger Tor, Charlie’s Checkpoint und jenen anderen touristischen Brennpunkten, die abseits von Second Hand an erster Stelle auf der langen Checkliste stehen.

Berliner Luft am Prenzlberg: Café Nothaft + Seidel

Frisch gebackene Berliner Luft am Prenzlberg. Das Café Nothaft + Seidel nur wenige Schritte von der U-Bahnstation Eberswalder Straße entfernt. Der rosarote Schirm weist den Weg.

Und wenn Sie dann immer noch nicht genug haben und immer noch nicht aus allen Nähten platzen? Lassen Sie die Castingallee einen kurzen Moment hinter sich und legen Sie auf der Schönhauser Allee 43A, nur ein paar Schritte von Konnopke entfernt, einen Zwischenstopp im Nothaft & Seidel ein. Das kleine Kiez-Café kann zwar nicht mit seiner Lage punkten, doch dafür mit einer liebenswerten Atmosphäre, noch liebenswerterer hausgemachter Apfeltorte oder allerliebst liebenswerten Wraps und Fladenbrotsandwiches. Alles selbstverständlich handmade. Und bei der Qualität der Kaffeebohnen wird definitiv nicht gespart. Einfach dem rosaroten Sonnenschirm auf der Straße nachgehen. Doch selbst an der halbwegs frischen Berliner Luft ist nicht alles rosarot, was auf der Spree glänzt. Und dass da ab und zu neben den bereits erwähnten Nähten manch Zeitgenössischen wie mir der Kragen platzen kann, sollen noch ein paar kritische Anmerkungen zum Schluss unterstreichen.

East Side Gallery – Fallweiser Fall der Berliner Mauer

Berlin Prater: Ältester Biergarten (PraterGarten) in Berlin

Der Schein trügt. Hinter der Fassade im Berliner Prater, dem ältesten Biergarten Berlins, geht es im Restaurant PraterGarten bei Prater Schwarzbier und Königsberger Klopsen gemütlich zu.

Gut, also irgendwann platzt dann wohl jede(r) einmal aus allen Nähten. Aber bei den vielen Designläden und einigen Secondhand-Shops (die muss man schon selber suchen) findet sich vielleicht auch das eine oder andere Stück, welches die antrainierte Leibesfülle einigermaßen kaschiert. Ja, Berlin hat wirklich einiges mehr zu bieten als nur die touristischen Honeypots. Wenngleich z.B. der älteste Biergarten der Stadt, der PraterGarten, der sich ebenfalls auf der Kastanienallee befindet, mittlerweile auch durstige Besucherinnen und Touristen anlockt, steht einem Prater Schwarzbier zusammen mit ein paar Königsberger Klopsen eigentlich nichts im Wege. Außer die geplatzten Nähte vielleicht. Und die Berliner Mauer selbstverständlich. Jener Frei-Raumteiler, der für Dutzende Menschen bei ihrer Flucht aus diesem steinernen Gefängnis – genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt und schwanken je nach Grundlage der herangezogenen Zahlen – den Tod bedeuteten.

Einige fundierte Quellen hierzu wären beispielweise:

1.) Hans-Hermann Hertle/Maria Nooke: Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF Potsdam). Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ergebnisse eines Forschungsprojektes des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer.

2.) Hans-Hermann Hertle, Potsdam/Gerhard Sälter, Berlin: Die Todesopfer an Mauer und Grenze. Probleme einer Bilanz des DDR-Grenzregimes

Weshalb es so schwierig ist, eine einheitliche Berechnung der Maueropfer zu erstellen, machen folgende Sätze deutlich (ebenda S.668):

Versuche einer Bilanz sind in den zurückliegenden Jahren durchaus unternommen worden. (…) Seit den ersten, nach dem Ende der DDR publizierten Darstellungen liegen Zahlenangaben über die Todesfälle an Mauer und Grenze vor, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein auf den seit 1989/90 deutlich verbesserten Kenntnisstand zurückführen. Je nach Zweck der Erhebungen unterschieden sich vielmehr auch Materialgrundlagen und Ermittlungsmethoden sowie Standards der Quellenkritik erheblich. Darüber hinaus wurden auch sehr unterschiedliche Vorstellungen davon zugrundegelegt, wer als Opfer des Grenzregimes zu betrachten sei.

East Side Gallery Berlin: Verfall nach dem Mauerfall

Der Verfall nach dem Mauerfall. Die berühmte 1,3 km lange East Side Gallery leidet unter Abgasen, Umweltverschmutzung, neuen Bauprojekten, kaltblütigen Investoren und nicht zuletzt unbedachten Menschen, die sich auf dem letzten Rest Berliner Mauer verewigen wollen.

Zu diesem Thema bzw. der Kontroverse über die Opferzahlen siehe auch Sandra Stalinski für tagesschau.de: Studien uneins über Opfer. Zahl der Mauertoten bis heute nicht geklärt. Und schließlich noch die sogenannte Arbeitsgemeinschaft 13. August e.V., der als Trägerverein auch für die Leitung des Museum Haus am Checkpoint Charlie (Mauermuseum) verantwortlich ist. In der Pressekonferenz am 13.08.2004 starben nach Erkenntnissen der Arbeitsgemeinschaft insgesamt 1065 Menschen auf der Flucht bzw. aufgrund des DDR-Grenzregimes (siehe dazu z.B. Mitteldeutsche Zeitung v. 13.08.2004: Arbeitsgemeinschaft 13. August. An der innerdeutschen Grenze starben 1065 Menschen). Besonders interessant dabei, dass es um diesen Verein immer wieder Diskussionen in den Medien gibt. Weniger um seine Arbeit und die Aufarbeitung der DDR-Geschichte, sondern vielmehr geht es dabei meist finanzielle Dinge. Ebenfalls dazu interessant ein sehr kritischer Artikel von Spreeblick, der unter dem Titel “Cashpoint Charlie – Das Mauermuseum Berlin” einige missliche Töne anstimmt.

Flucht nach “drüben” – Informative Gedenkstätten

Diesbezüglich vielleicht noch ein paar eigene Worte. Es ist jetzt auch schon wieder einige Jährchen her, seit ich diesen, naja Museum wäre jetzt doch etwas zu euphemistisch gesagt, Hort reger touristischer Betriebsamkeit besucht habe. Für Berlin-Reisende, die nur mal eben auf die Schnelle einen oberflächlichen Blick auf ein Stück deutsch-deutsche (Grenz)Geschichte werfen wollen, bietet sich das Mauermuseum sicherlich an. Doch wer tiefer blicken möchte, sollte sich die Mühe machen und vor allem die Zeit nehmen, die Erinnerungsstätte Notaufnahme Marienfelde zu besuchen. Zusammen mit der bereits erwähnten Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße (gehören beide Stiftung Berliner Mauer) steht hier die Geschichte der Mauer sowie die damit verbundenen Fluchtbewegungen wirklich im Vordergrund und vermitteln ein authentisches Bild jener Menschen, die jede noch so kleine Lücke nutzten, um das DDR-Regime zu Land, Luft oder Wasser unerlaubt zu verlassen.

Gedenkstätte Berliner Mauer Bernauer Strasse

Ab 13. August 1961 war nichts mehr, wie war. Die Mauer durchschneidet Berlin. Ein letztes verbliebenes Relikt aus alten Zeiten findet sich noch an der Bernauer Straße.

Ebenfalls mehr als interessant, wenngleich aus anderer Perspektive, ist die sogenannte Gedenkstätte Hohenschönhausen. Auf diesem früheren zentralen Untersuchungshaftanstalt des berüchtigten Ministeriums für Staatssicherheit bekommen Sie einen mehr als nachdrücklichen und bedrückenden Einblick sowohl über den Haftalltag, die Haftbedingungen und nicht zuletzt über die Verhörmethoden der Stasi. Auch wenn jene Menschen, die zu damaliger Zeit in die Fänge des Staatssicherheitsdienstes geraten sind, immer weniger werden, führen in der Regel immer noch jene durch die Räume und Verliese, welche das Regime ungewollt hautnah miterleben mussten. Sollten Sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, erkundigen Sie sich allerdings vorher, ob eine der beiden dorthin führenden Straßenbahnlinien (M5, M6) gerade nicht wegen Umbauarbeiten außer Betrieb ist.

Doch die Mauer gibt es glücklicherweise nicht mehr. Außer eben noch einen kleinen Rest an der Bernauer Straße. Und ein etwas längeres Stückchen von ca. 1,3 Kilometer Länge. Sie haben es erraten! Die bekannte East Side Gallery, die ein Jahr nach dem Mauerfall gegründet wurde und am Spreeufer entlang der Mühlenstraße steht und dank Umweltverschmutzung, Abgasen und unbedachter Touristen, die sich selbst per Filzstift auf diesem Mahnmal verewigen, immer mehr zu einem bröckelnden  Mahnmal verkommt, dass wohl über kurz oder lang seinen Schrecken verlieren wird. Und wenn nicht durch diese Faktoren, dann durch die Investoren, die die hervorragende Lage mit modernen und vor allem lukrativen Bauprojekten neu “schmücken” möchten und dies bereits tun. Dass hierbei ein wichtiges Stück Zeitgeschichte dem Verfall preisgegeben wird, stört die wenigsten.

Und so fällt jetzt letzten Endes wohl in den nächsten Jahren auch das letzte Stück Mauer, welches den Osten und den Westen der Stadt für beinahe 30 Jahre voneinander trennte und trotzdem untrennbar miteinander verband. Aber schließlich wissen nur noch annähernd 50 Prozent der deutschen Bevölkerung, was mit dem 13. August verbunden ist. Und tagtäglich werden es mehr.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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