Wien ist anders – Wien is(s)t anders: Kaleidoskop des guten Geschmacks


Fünfundneunzig Wiener Würstelstände – The Hot 95

Die Metropolen dieser Welt haben vielfach eines gemeinsam, was sie verbindet. Sie sind von rastloser Hektik geprägt, welche uns tagtäglich aus himmelwachsender Bürokomplexität und elfenbeinturmhoher Wolkenkratzbürstigkeit spiegelblankentsetzt aus spiegelbildverkehrter Konformität, welche sich himmelschreiend höllisch jauchzend in skylineverbrüderter stahlbetonierter Schwesterntracht als unser eigens für uns selbst geschaffenes gläsernes Fleisch und aluminiumpulverbeschichtetes Blut 95-Wiener-Wuerstelstaende-C-200x250entgegenwirft. Die Städte werden mehr und mehr in ein urbanes Korsett aus betonummantelter Einförmigkeit und eisenharter Uniformität gezwängt. Baustahlstrangulierte Luft, die kristallglasharte schmierenfreie Finger umschließt, mit jedem Atemzug den benzingeschwängerten Fötus im neuzeitlichen Homo Urbanus in seinem neu geschaffenen Lebensraum heranreifen lässt, bis letztendlich die flächennutzungsverplante Fruchtblase im vollelektrischen Untergrund mit riesengroßem Knall Richtung Zukunft rauscht und die innerstädtische achtspurige Nabelschnur unter einer fein säuberlich sozialstrukturierten Smogglocke aus feinstaubregulierter Atemnot zurücklässt. Eine Gauß’sche Glockensteilwandkurve aus morphologischer Verkehrsstaunerei und siedlungsstrukturbereinigter Agonie.

Nun, Sie fragen sich jetzt zurecht, was denn diese Eingangssätze mit einer Buchrezension zu tun haben? Vor allem mit einem Buch respektive einem Bildband, welcher unter dem Titel „Fünfundneunzig Würstelstände – The Hot 95“ jenen Hort scheinbarer und absonderlicher Wiener Gemütlichkeit unter die Lupe nimmt, von dem viele glauben, es handle sich hierbei um ein Konglomerat aus in Darm gepressten Fleischresten names Würstel welcher Couleur auch immer, welche zusammen mit einem fest/flüssigen Gemisch aus Senf, Kren, Brot, Semmerl, Scherzerl, Gurkerl, einem Achterl Wein, einem Vierterl G’spritzten oder einem Seidl Bier – selbst hier hat das Wienerische mit dem sogenannten „Pfiff“ noch eine Verkleinerungsform parat – zum Zwecke der Nahrungsaufnahme inmitten anderer hungriger Menschen um, neben oder in erster Linie vor einem Imbissstand, welcher in Wien selbstverständlich niemals als solcher zu titulieren ist, konsumiert werden. Und neben diesem gutturalen Kauen, Schlingen, Spritzen, Knuspern, Essen, Schlürfen, Schlucken wird aus den Tiefen vielen Speiseröhren zwischen zusammengebissenen Zähnen das vollkommen überflüssige Dativobjekt dank kafkaesker Akkusativverwandlung zum Prädikat grammatikalischer Perfektion seiner endgültigen Bestimmung zugeführt.  

Der Würstelstand: Das kleine Sacher

Bei soviel Diminutiv hat sich Sebastian Hackenschmidt (Autor/Herausgeber) auf den spannenden Weg gemacht, in dem vorliegenden herrlich unterhaltenden Bildband das kleine Sacher, wie der Wiener Würstelstand im vollen Volksmund auch genannt wird, im Großen und Ganzen zu beleuchten. Er lässt historischeHackenschmidt-Olah-The-Hot--250x167 Persönlichkeiten wie Bismarck zu Wort kommen, beleuchtet die bekanntesten Wurstkreationen und ihre Herstellung, spannt einen Bogen von Vergangenheit, als die Haltbarmachung im Vordergrund stand, über den aufkommenden Boom der 80er, als die Käsekrainer ihren Siegeszug antrat bis in die heutige Zeit, in der Design und Transparenz selbst an vor Würstelständen nicht Halt machen. Die Lebenden und Toten dürfen sich bei ihm zu Wort melden und manchmal überkommt einen das Gefühl, dass der Zentralfriedhof eigentlich doch nicht Wiens Kultstätte Nummer 1 ist, sondern ein typischer Wiener Würstelstand diesem Hort der Gemütlichkeit schon seit unbestimmter Zeit den Rang des morbiden Charmes abgelaufen hat. Kurzum: Am Zentralfriedhof feiern zwar die Toten, doch „a scheene Leich“ findet letztendlich nur vor dem Mausoleum Würstelstand statt. 

Begleitet wird er dabei von Stefan Oláh, der diese bildlastige Best of Vienna Fastfood-Architektur fotografisch richtig in Szene setzt und ins rechte Licht rückt. Wer sich allerdings bei Fünfundneunzig Wiener Würstelstände – The Hot 95 ein Kaleidoskop des guten Geschmacks erwartet, muss hier umdenken. Denn Oláh holt mit seinen Bildern nicht jene aus der Anonymität, welche den Würstelstand als Anlaufstelle für die rasche Befriedigung auf der untersten Maslow’schen Bedürfnispyramide sehen, als soziale Plattform nutzen oder eben nur als Möglichkeit, auf schnelle Art und Weise den Hunger zu stillen. Er stellt die auserkorenen 95 Wiener Imbissstände, die jedoch nur einen repräsentativen Ausschnitt des Wiener Würstelstand-Universums bilden, größtenteils genau in diesen Schatten des Anonymen, blendet bewusst mögliche Interaktionen der Beteiligten aus und lässt nicht die Menschen bildhaft zu Wort kommen, welche sich in diesem Umfeld aufhalten. Vielmehr schafft er eine Atmosphäre des Notwendigen, in der nicht Geselligkeit und Atmosphäre in den Vordergrund drängen. Wenn wir Individuen auf seinen Fotos sehen, dann nicht intim interagierend, wild gestikulierend und freundschaftlich kommunizierend. Der Würstelstand funktioniert hier als die Abbildung eines wenig verklärten Prozesses von Bestellen – Konsumieren – Zahlen – Gehen, wie wir ihn jeden Tag selbst im Supermarkt oder an der Tankstelle vollziehen. Oláh unterstreicht in seinen Bildern weniger den unterhaltenden Charakter dieses Fastfood-Brennpunktes als vielmehr die Intention, dass er diesen als Bindeglied zwischen Hungergefühl und Sattwerden sieht.                  

Wien. Wien ist anders?! Diesen Leitspruch hat sich die Stadt seit langer Zeit auf ihre Fahnen geheftet. Doch Wien ist nicht nur anders, sondern Wien isst auch anders. Und wo isst Wien? Zumindest die großen Denkerinnen und Visionäre dieser Stadt, zu denen sich die Hauptstädterin und der echte Wiener, der seit Jahrzehnten einfach nicht untergehen will, stillschweigend zählt. Also eigentlich alle! Natürlich dort, wo ein fundiertes Philosophiestudium innerhalb von 20 Minuten inklusive summa cum laude nebst anschließendem Doktor der Sportwissenschaften fast schon zur Selbstverständlichkeit wird respektive zur Pflicht wird. Dort, wo die echten Parteispitzen ihrer Tagespolitik nachhängen, wenngleich das Parlament nicht unbedingt dafür vonnöten ist. Dort, wo die Garderobendame als Frau Doktor bedient und selbst der Nachtportier als Hofrat angesprochen wird. Aber genau dieses Klischee hält den eingefangenen Stimmungen und Texten des Buches nicht stand. Hackenschmidt und Oláh decken vielmehr schonungslos auf, dass auch der vielgerühmte Wiener Würstelstand nichts anderes ist als ein funktionierender Marktplatz, welcher auf volks- und betriebswirtschaftlichen Füßen wankt. Der Austausch von Waren- und Geldstörmen ist auch hier primäres Ziel und von Romantik keine Spur. Oder vielleicht doch? 

Fastfood in Slow Motion 

Fast schon verschämt schmiegt sich der Würstelstand unter den Stadtbahnbögen an graffitibeschmierte Mauern. Oder er trotzt alsThe-Hot-95-Wiener-Wuerstels-250x249 letzte Bastion der frei kauenden Welt mit dem vielversprechenden Namen „Am Nordpol“ im zweiten Wiener Gemeindebezirk Wind und Wetter. Er ist in Fußgängerzonen zu finden, hat sich inmitten von Gemeindebauten niedergelassen und köchelt neben Straßenbahnschienen vor sich hin. Für die Besucherinnen und Touristen ein Mysterium, welches mittlerweile in vielen Wien-Reiseführern als Kult und Kitsch verkauft wird und ein Würstelstand-Besuch geradezu als Pflichtübung beim Wien-Besuch gilt. Ein Muss, welches es neben Schloss Schönbrunn, MAK Wien und Belverdere zu besuchen gilt.  

Er verköstigt Huren, er nährt Freier. Die Opernballbesucherin steht am Würstelstand neben dem gestrandeten Obdachlosen. Der neoliberale Geschäftsmann im makellosen Anzug unterhält sich angeregt mit einem Alt-Hippie und beide beißen zeitgleich und als Zeichen der Übereinstimmung in die spritzende Käsekrainer. Die Pensionistin von der 11er-Stiege kommt auf einen kurzen Tratsch vorbei. Ein Taxler hält an der Bushaltestelle, bestellt in Form von „Gib ma a Eitrige mid an Scherzerl und an Schoafn“ beim Würstlmann und, als zwei Spätheimkehrer die Gelegenheit nutzen und das Taxi ordern, ändert er kurzerhand seinen Wunsch in „Na, gib ma nur zwa Leberkassemmeln“, bevor er zusammen mit Leberkäse und satten Fahrgästen den Mikrokosmos aus unharmonischer Nicht-Örtlichkeit und unromantischer Nicht-Seßhaftigkeit verlässt.

Hackenschmidt verwendet deshalb auch ganz bewusst den von Rem Koolhaas geprägten Begriff von „Junk-Space“ (vgl. dazu Arch+ Medienarchitektur 149/150, 2000: Rem Koolhaas: Junk-Space) und räumt letzten Endes in weiten Teilen mit den vielbesungenen Klischees der Würstelstandkultur auf. Wer hier steht, isst, trinkt und kommuniziert, hält sich dementsprechend an einem Nicht-Ort auf. Und dieser wiederum wird von anderen und größeren Nicht-Orten wie den bekannten Modeketten, Fastfood-Filialen, Parfümerien, Massenhändlern oder Elektrogroßhändlern entlang der Einkaufsstraßen, die sich architektonisch nur marginal voneinander unterscheiden, umschlossen und in gleichem Maße durch sein meist schäbiges Erscheinungsbild doch wiederum von diesen konsumgeschwängerten Lichtgestalten ausgegrenzt. Eine spürbare und erkennbare Isolationsschicht, die, weil von den vordefinierten Normen und Definitionen des von der Allgemeinheit sanktionierten Stadtbildes so gravierend abweicht, sich paradoxerweise dadurch wieder bestens in das Umfeld dieser Nicht-Orte einfügt und letzten Endes zu einer groß und größer werdenden Nicht-Örtlichkeit anwächst.

Dazu passend entfalten die von Oláh gefertigten Aufnahmen eine Stimmung, welche wenig mit Alt-Wiener Institution oder Tradition gemein hat, wie sie etwa aus den (auch immer weniger werdenden) Wiener Kaffeehäusern bekannt ist. Spröde Futtertempel aus Glas, Aluminium, verwittertem Holz, abgeblättertem Lack und Metall mit wackligen Stehtischen und von der Sonne ausgebleichten Sonnenschirmen davor, die auf ihren eigentlichen Zweck der Bedürfnisbefriedigung reduziert sind und der erwarteten bzw. gewünschten Nostalgie nur spärlich Platz lassen. Die Bilder sprechen deshalb auch für sich, wenn sie die auf das Notwendigste minimierte Formlosigkeit dieser urbanen Kleinst-Randbezirke, welche die dahinter stehende Funktionalität nur noch umso mehr betont, in den Vordergrund stellen. Oláh seziert und schneidet dabei tief ins Fleisch respektive die Wursthaut. Zurück bleiben 95 Fotografien, die den Fokus der Betrachtenden auf ein Bauwerk richten, welches im Schatten von Prater, Burgtheater oder Happelstadion nicht wahrgenommen wird und trotzdem von zentraler Bedeutung ist.  

Ganz ohne Zweifel besitzt Wien, vom kulinarischen Standpunkt aus betrachtet, eine eigene, ausdifferenzierte Würstelstandkultur, die – bei allen Unterschieden – ihre offensichtlichste Parallele wohl im reichhaltigen Angebot der Kaffeespezialitäten in den noch um einiges sagenumwobeneren Wiener Kaffeehäusern besitzt: „Kaffee ja, aber welchen?“, wie es immer so schön heißt. Und wie Kaffee ist dies auch bei der Wurst keine einfache Frage: Mögen die Würste im Einzelnen auch nicht besser oder schlechter sein als diejenigen, die etwa an deutschen „Wurstbuden“ offeriert werden, so … 

Wiener Würstelstände sind doch anders

Original Berliner Currywurst WurststandSpätestens hier muss interveniert werden. Nicht besser ODER schlechter? Glauben Sie mir bitte eines: Ich hatte sie alle! Ich habe sie samt und sonders vernascht. Reihenweise! Ich bin quasi der Berlusconi der Grillplatte. Der Robbie Williams des Wasserkochers. Der Mick Jagger mit und ohne Essiggurkerl. Sehen Sie sich doch nur einmal das Bild links an und vergleichen Sie dieses mit dem rechter Hand, welches Sie so auch in „Fünfundneunzig Wiener Würstelstände“ wiederfinden werden. Ich glaube, dies bedarf einer näheren Betrachtung zusammen mit den Herren Oláh und Hackenschmidt. Wo? Das können Sie sich wohl denken. Bleibt schlussendlich nur noch die Wahl der Fastfood-Waffen. Ich plädiere hierbei eindeutig für ein Burenhäutl. Bin aber durchaus auch bereit, meinen Standpunkt bei diesem kommenden philosophischen Hauen und Stechen inmitten unzähliger anderer großartiger Denkerinnen derStefan-Olah-The-Hot-95-250x196 Straße und Denkern am Rande derselben mit einem handgeschmiedeten Paarl Frankfurter zu vertreten.

Und hier fängt er dann doch an. Der geheime Zauber, den ein Wiener Würstelstand besitzt. Mögen sich die Produkte oftmals vielleicht nur wenig von den an deutschen, spanischen oder französischen Imbissbuden unterscheiden. Durchs Reden kommen d’Leit zamm oder eben auf etwas mehr Deutsch: Beim Gespräch finden sich Gemeinsamkeiten der Beteiligten. Und so ist und wird er hoffentlich auch in Zukunft das bleiben, als das er oftmals so fälschlicherweise gesehen wird. Ein friedlicher Platz inmitten eines von Hektik bestimmten Planeten, in dem die heile Welt noch aus knusprigen Eitrigen und kaltem 16er-Blech besteht und weitreichende politische Entscheidungen nachts um 2:00 Uhr nach dem x-ten Achterl (sehr beliebter und die Wiener Konsequenz unterstreichender Ausspruch, den man immer wieder am Würstelstand hört: „Gib ma no aans, owa dann muss i ham zur Chefin!“) auch am nächsten Tag noch ihre Gültigkeit haben. Oder auch nicht! 

So, bevor ich nun endgültig den Mund allzu voll nehme, darf ich noch eines loswerden. Alle hier gezeigten Motive, mit Ausnahme des „Original Berliner Currywurst“-Fotos, sind auch als Vintage Prints in limitierter Auflage erhältlich. Sollten Sie also immer noch nicht den Hals voll genug haben, so lassen Sie sich unter stefan@olah.at (schließlich haben wir hier gleich den Urheber der Fotografien) doch Näheres zu Größen und Preisen servieren. Ich für meinen Teil darf den beiden Herren für ein paar vergnügliche Lesestunden und saftig-knackige Fotoaufnahmen rund um die Wurst danken. Sollten Sie jetzt den einen oder anderen Würstelstand in den abgelichteten Fünfundneunzig Wiener Würstelstände – The Hot 95 vermissen, so mag dies vielleicht daran liegen, dass diese nach städtebaulichen Maßstäben nahe den architektonischen Versagensängsten ge- und erbauten Lukullustempel vorsichtigen Schätzungen zufolge im 500er-Bereich oder möglicherweise auch im 800er über ganz Wien verstreut liegen.   


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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