Die grüne Insel – Irland im farblichen Standby-Modus


Ginstergelb, kleeblattgrün, ockerbraun – und menschenleer

Knüpfen wir also auf unserer Wanderung von den berühmten Steilklippen nach Doolin dort an, wo ich Sie unter „Im Abseits: Von den Cliffs of Moher nach Doolin“ so unvermutet stehenließ. Rekapitulieren wir. Wir haben die berühmten Cliffs of Moher besucht und wollen nun heroischerweise zu Fuß zurück nach Doolin. Zugegeben, es gibt schnellere und vor allem bequemere Möglichkeiten, doch selbst wenn die Autoscheiben auch noch so rein sind und die erhöhte Sitzposition im vollklimatisierten Reisebuss einen besseren Zeit steht still im Westen Irlands bei Doolin.Überblick verspricht, hat das Reisen auf Schusters Rappen einen entscheidenden Vorteil: Sie sehen einfach mehr! Ob mit dem Zweiten oder ohne soll in diesem Falle vollkommen ohne Belang sein, da öffentlich-rechtliches Fernsehen im äußersten Westen Irlands sowieso nur eine untergeordnete Bedeutung besitzt. Also zu Fuß, wie bereits gesagt. 

Dafür müssen wir die ersten paar hundert Meter entlang der R478 Richtung Norden gehen. Von den Klippen kommend wenden wir uns also nach den im Berg versteckten Shops links und haben diese, also die Klippen samt Souvenirhandelsplätzen, ab jetzt souverän im Rücken. 200 Meter jetzt die Straße entlang, bevor es bergab geht. Die beiden Haarnadelkurven, mit Serpentinen liegen Sie wohl genauso richtig, hinunter haben wir immer noch die Küste im Blick, die Blechlawinen im Genick und die letzten Ausläufer der Cliffs links von uns. Doch sobald wir den tiefsten Punkt namens Pollboy erreicht haben, trennen uns die Wege. Während die benzingetriebenen Getriebenen weiter Richtung Doolin streben, schleudern, schleichen bzw. auf dem entgegengesetzten Wege nach Liscannor oder Umgebung auf einem der zahlreichen Golfplätze ihr Glück versuchen oder bei Fanore an den westlichsten Ausläufern des Burren surfen, biegen die Zweifüßler im 90-Grad-Winkel scharf nach rechts ab. Und siehe da! Schon an der nächsten Weggabelung wird es deutlich ruhiger. Nein, eigentlich wird es Ginsterblüte und Naturhecken bei Doolinvollkommen still. Auf grünen Weiden grasen Kühe in sanften Senken, umgeben vom Ockerbraun der Moorwiesen. Über Trockenmauern, die die Weiden begrenzen, streicht der Wind. Zwischen stacheligen Naturhecken ebenso.

Neugierig blicken Pferde dem einsamen Wanderer nach und schaben nachdenklich ihr Fell an den aufgeschichteten Steinen. Kühe blicken nicht minder (un)interessiert hinter dornenbewehrten Naturmauern hervor. Landschaftsgärtner finden hier die schönsten Beispiele, wie sich ökologische Gestaltungselemente nahtlos in die Natur einfügen und Insekten, Vögeln oder Fledermäusen als natürlicher Unterschlupf dienen und wertvolle Biotope vor dem Menschen schützen. Grün schillernde, dunkelbraun gefärbte und grau schattierte Moor- bzw. Bergeidechsen nehmen ein Sonnenbad und huschen lautlos zwischen die Ritzen. Kein Beton, kein Mörtel hält diese sogenannten Lesesteine, die als auf den Feldern aufgesammelte Fundstücke aufeinandergeschichtet werden ebenso wie das aus Natursteinbrüchen gewonnene Material. Natürliche Funktionalität und funktionierende Natürlichkeit schafft architektonische Enthaltsamkeit und dient sowohl einerseits als Begrenzung als auch als der Eigentumsmarkierung. Das Schöne daran: Die Mauern grenzen nicht aus, beschränken nicht oder isolieren die geteilten Landschaftsräume voneinander, sondern schaffen neue Strukturen und Gestaltungselemente, die dank ihrer abstrakten Ornamente vereinen und ein Gefühl der Verbundenheit geben.   

Das blühende Farbspektrum zwischen Schwarzdorn und Weißdorn ist gar nicht so groß

Im Hintergrund, also dort, wo sich Doolin noch außer Sichtweite befindet, sehen wir einen Sendemast. Und der soll uns als Orientierungshilfe dienen. Zwar verlieren wir diesen immer wieder au unserem Blickfeld, doch spätestens nach der nächsten Kurve auf Trockenmauer Irland Doolin.den schmalen asphaltierten Wegen taucht er unvermittelt wieder auf. Wer Anfang/Mitte März (sofern der Klimawandel keinen Strich durch die Rechnung macht) Irlands Westen besucht, hat das Glück, die grüne Insel im keltischen Monat der Weide, insbesondere die Salweide (irisch Saileach) ist hier gemeint, zu sehen. Birken und Weiden beginnen zu grünen und eine weitere Besonderheit lässt sich bestaunen. Denn neben den Natursteinmauern dienen dornige Hecken aus Ginster und Schwarzdorn ebenfalls als Einfriedung der Weideflächen und verleihen dem Land einen spröden Charme. Und hier gilt es vielleicht noch einen Irrtum aufzuklären. Denn manch eine(r) hat den wenige Wochen später blühenden Weißdorn schon mit dem Schwarzdorn verwechselt.

Grünes Irland schwarz auf weiß

Wo hinter kargen Trockenmauern Irlands Kühe im Grünen lauern.

Grund dafür: Während der Weißdorn weiße Blüten austreibt, blüht der Schwarzdorn – ebenfalls weiß. Deshalb merken wir uns doch die einfache, aber nicht minder einprägsame Metapher irischer Dichtkunst: „My love is like the flower of the dark blackthorn.“ Sollte eine Frau dies jetzt widerspruchslos als Kompliment hinnehmen, so ist Vorsicht geboten. Denn mögen die weißen Blüten des Schwarzdorns auch als Sinnbild für Schönheit und Anmut herhalten, so verbirgt sich darunter auch immer ein stacheliges und dorniges Wesen.

Aber jetzt weiter auf den einsamen Wegen nach Doolin. Nein, lassen Sie mich noch eine Sache loswerden. Mit der „Erfindung“ des Stacheldrahts Mitte des 19. Jahrhunderts im Land der unbegrenzten, was im Hinblick auf Stacheldraht geradezu widersprüchlich Trockenmauer in Irland ohne Beton und Mörtel.klingt, also der unbegrenzten Möglichkeiten mit Namen USA verschwindet diese Form der natürlichen Ein- und Abgrenzung leider auch immer mehr aus Irlands Landschaftsbild. Wenn Sie also auf Ihrer Wanderung solch ein schmückendes Konglomerat aus Blättern, Blüten, Verästelungen und vor allem Dornen sehen, lassen Sie Ihrer Bewunderung ruhig freien Lauf und denken Sie daran, dass dies vielen kleinen Lebewesen als Behausung und Schutz dient. Und sie zeugen von einer Technik, wie sie schon den prähistorischen Menschen bei ihrer Besiedelung diente.

Ballycotteen North, Caherbarna, Cronagort

Diese Namen hört ich nie. Kein Wunder, schließlich haben wir es hier mit sehr, also wirklich sehr kleinen Ansiedlungen zu tun, welche Moorlandschaft bei Doolin im Westen Irlands.wir je nach eingeschlagener Richtung auf dem Weg nach Doolin streifen. Verstreute Häuser, welche sich meist nur als unscheinbare Randerscheinungen entlang des Weges ausmachen lassen und dem seßhaft Rast- und ruhesuchenden Ruhelosen zeigen, dass die friedlich auf den Wiesen grasenden Kühe, Schafe und Pferde trotz ihres Freiseins immer noch von Menschenhand domestiziert wurden und werden. Ein prüfender Blick und wir können den Sendemast wieder sehen. Also immer daraufzusteuern. Apropos steuern. Auch hier wieder ein kleiner Tipp zur Alternative Wandern. Mit dem Fahhrad unterwegs zu sein bietet sich in der Region Shannon bestens an. Gut ausgebaute Radwege und das gesamte Wegenetz für eine Tour auf zwei Rädern finden Sie unter dem Namen „North Clare Cycle Network“ respektive unter Cycle Hubs.

Aber wir sind nicht hier, um das Rad neu zu erfinden, sondern um den richtigen Weg nach Doolin zu suchen. Die größte Schwierigkeit dabei: Vor lauter Schauen, Fotografieren und Filmen wird die Zeit knapp. Ach ja, schon wieder ein kurzes Abschweifen vom Wege. Wie schon in meinem Bericht über die Cliffs of Moher finden Sie auch am Ende dieses Artikels wieder ein Kurzvideo mit ein paar Eindrücken dieser Landschaft. Dass dabei besonders Pferdenärrinnen und -liebhaber nicht zu kurz kommen, soll hier noch angemerkt werden. Nein, das Video finden Sie doch nicht. Das habe ich bereits in meinem oben genannten Reisebericht eingebaut, fällt mir gerade ein.

Auf den verschlungenen Pfaden haben wir meist die Bucht von Liscannor rechts von uns mitsamt dem bei SurferInnen beliebten kleinen Ort Lahinch im Hintergrund. An einsamen Gehöften geht es vorbei. Still, menschenleer und schweigsam verträumt präsentiert sich die raue Landschaft. Nicht einmal das Bellen eines Hundes unterbricht diese andächtig wirkende Monotonie. Eine riesengroße Kathedrale der Natur, erbaut auf einem grünen, erdfarbenen und weizengelben FundamentEinsames Gehöft bei Doolin Ireland.. Menschen? Nicht die Spur. Manchmal, also im „richtigen“ Leben, hat man ja das seltsame Gefühl, dass man von irgendwo heimlich beobachtet wird. Doch hier überkommt mich eher das Gefühl, dass wirklich niemand in den wenigen Häusern wohnt. Dies täuscht sicherlich, doch es macht die Sache umso angenehmer, dass ich meinen Gedanken vollkommen unbeschwert nachhängen kann.

Der Sendemast rückt übrigens näher und näher und plötzlich stehen wir neben ihm und blicken in die grüne Senke, in welcher sich die weit verstreuten Häuser Doolins zeigen. Rechts wiegen sich rostbraune, gelblich ausgebleichte und in spröden Braun- und Ockertönen Grashalme im Wind, während vor der schäumenden Atlantikküste im Hintergrund die Grüntöne eine bezaubernden Kontrast bilden. Und mitten in diesem Gemisch aus Blei und Blau lassen sich die Aran Islands vor der Küste erahnen. Fast zehn Kilometer liegen hinter mir. Was habe ich gesehen? Ein Auto mit zwei älteren Damen, eine Gruppe RadfahrerInnen und jede Menge Menschenleere inmitten von Pferden, Kühen, windgegerbten Mauern und gelben Farbtupfern aus Ginsterblüten. Eidechsen beim Sonne tanken, eine Weißzahnspitzmaus, wobei es auch eine Zwergspitzmaus gewesen sein könnte (doch wollen wir nicht allzu kleinlich sein) und eine Landschaft, welche durch ihr minimalistisches Farbenspiel ein Maximum an Farbenpracht hervorzaubert.

Spannung pur? – Nein, aber pure Entspannung

Irland-Fans, Irland-Reisende und Irland-Kundige werden mir jetzt zurecht vorhalten, dass es weitaus spannendere, interessantere und Naturschönheit im Westen Irlands bei Doolin.schönere Plätze auf der grünen Insel gibt, welche zu besuchen sich lohnen. Da kann und werde ich Ihnen nicht widersprechen. Doch wer mit sich ins Reine kommen möchte, den Kopf klar bekommen und seinen Gedanken nachhängen will, der sollte diese Art des Reisens durchaus einmal in Betracht ziehen. Es sind nicht immer die großen Naturwunder, die berühmtesten Sehenswürdigkeiten oder die atemberaubendsten Sensationen, die ein Land ausmachen. Es sind die kleinen, verborgenen und schwer zugänglichen Dinge inmitten einer unruhigen und brodelnden Welt, welche für Seelenfrieden und innere Ruhe sorgen. Kleinode, Schätze und Kostbarkeiten, die in den Augen vieler nicht einen Cent wert sind, bei näherer Betrachtung jedoch unbezahlbar sind.

Doch in meinem nächsten Artikel soll es dafür umso spannender, wenngleich nicht minder ruhig zugehen. Wir werden uns nicht auf der grünen Insel fortbewegen, sondern in die Tiefen des Landes vorstoßen. Dafür ist es allerdings notwendig, dass wir uns fast 30 Meter nach unten begeben müssen. In die Höhle von Doolin, in welcher uns ein Stalaktit erwartet. Doch nicht irgendein Tropfstein, der dort im Dunkel von der Decke hängt, sondern Europas größter Stalaktit. Aber dies ist eine andere Geschichte. Zu lesen unter: Der Stalaktit in der Doolin Cave – ein über 7 Meter langes Wunder der Natur (Verlinkung folgt). Und jetzt heißt es die Füße hochlegen und bei einer Tasse Kaffee, auch wenn Irland die Engländer beim Teetrinken um Längen schlägt, über den Unterschied zwischen Weißzahnspitzmaus und Zwergspitzmaus nachdenken.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Kommentar erstellen