Der grosse Bio-Schmäh – Mutter Natur zu Discountpreisen 1



Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen

So manch ein konsumkritischer Mensch könnte angesichts der gewählten Überschrift respektive der danach folgenden “Der große Bio-Schmäh: Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen” von Clemens G. ArvayFeststellung zu der Einsicht gelangen, dass hier nicht viel Neues erzählt wird bzw. altbekannte Tatsachen mit neuen Worten wiedergegeben werden. Das mag möglicherweise schon so sein, doch was das Buch „Der grosse Bio-Schmäh -Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen“ (erschienen im Ueberreuther-Verlag, gebundene Ausgabe, 207 Seiten, ISBN-10:3800075288, ISBN-13: 978-3800075287) des Agrarbiologen Clemens G. Arvay lesenswert macht, ist die leider nicht zu verleugende Tatsachen, dass ein riesiger Markt, welcher unter dem schönen grünen und besonders schön grüngefärbten Namen Biomarkt firmiert, oftmals auf einem schwer zu durchschauenden Konstrukt aus Lügen, Versprechen und vor allem auf der Vorspiegelung falscher Tatsachen aufgebaut ist, welche uns tagtäglich nicht nur in den Verkaufsregalen begegnen, sondern vor allem in den Massenmedien in unsere Gehirne transportiert werden und Assoziationen mit einer heilen Welt wecken, welche hinter den Fabrikmauern und in den auf Massenproduktion getrimmten Ställen leider ein anderes Gesicht zeigen. So uns dieses geschundene und mit Kälber-, Hühner- oder Rinderblut beschmierte Gesicht überhaupt durch die Verantwortlichen gezeigt werden soll.

Kennen Sie „Ankes Bioladen„? Nein, den können Sie nicht kennen, schließlich handelt es sich um ein sehr nachdenklich stimmendes Lied des Liedermachers Hannes Wader. So lauten einige Zeilen aus der ersten Strophe wie folgt:

(…) Ich liege irgendwie daneben, und ich störe hier.
der Aasgeruch des Fleischfressers haftet noch an mir.
Um weiter so zu leben wie bisher weißt Du zuviel,
doch um deinen eigenen Weg zu geh’n zu einem neuen Ziel
ohne Dich im Kreis zu dreh’n und ohne Selbstbetrug
dazu weißt Du wieder nicht genug.

In diesem Zusammenhang vielleicht noch ein kleiner kostenloser Tipp für einen kleinen kostenlosen Download: Der Essen ohne Gentechnik – Einkaufsratgeber für gentechnikfreien Genuss von Greenpeace ist für LeserInnen dieser Zeilen sicherlich einmal einen Blick wert. So, wenden wir uns nun aber jenen Strömen zu, welche von den Feldern und Ställen dorthin strömen, wo der Mensch als hungriges Wesen seinen Appetit stillt.

Green Goliaths: Wenige stopfen uns das Maul

Auch wenn Arvay in erster Linie den österreichischen Biomarkt ins Visier nimmt und dabei den Big Playern Hofer (Aldi) mit „Zurück zum Ursprung“, „Natur* pur“ von Spar sowie dem „Ja!Natürlich“-Sortiment der REWE-Gruppe (Billa, Merkur) seine Aufmerksamkeit schenkt, denke ich, dass die darin beschriebenen Abläufe, Verhältnisse, Bedingungen und Praktiken durchaus auf andere europäische Märkte 1:1 umgelegt werden können. Denn unter riesigen Plastikzelten herangereifte Bio-Tomaten aus Spanien oder im Akkord gemästete Hühner und Puten, deren Hauptunterschied einzig darin besteht, dass z.B., wie auf Seite 60 des Buches dargestellt, Bio-Schlachthühner nach acht bis neun Wochen ihr Ende finden, während konventionell „gefertigtem“ Geflügel schon nach fünf bis sechs Wochen der Hals umgedreht wird (enschuldigen Sie bitte die drastische Wortwahl, doch es soll hier die Sache nicht beschönigt werden), werden nicht nur in österreichischen Haushalten gekauft und verbraucht. Bio-Kartoffeln aus Ägypten, Öko-Karotten aus Israel und verbrauchter Bio-Kraftstoff, der uns woher auch immer all die schönen Bioprodukte aus allen Teilen dieser Welt ins heimische Supermarktregal liefert. Ein interessanter Artikel dazu etwa im Hamburger Abendblatt unter dem Titel „Biotomaten – Ochsenwerder gegen Spanien„.

Die Ökobewegung hat sich zu einer dicht vernetzten Globalisierungskampagne sondergleichen entwickelt. Und die darin vorkommenden Aktricen und Akteure haben die Zeichen der Zeit erkannt und rittern mit ihren todgeweihten Lämmern und den den Schussapparaten ausgelieferten Rindern um die letzten freien Nischen, welche das Überleben erst so richtig schmackhaft machen. Alles springt auf den Bio-Zug auf, die Märkte werden mit gesunden Produkten geradezu überrollt und unter luftdicht verpackten Folien zu Ikonen des guten Geschmacks hochstilisiert, die ökologischen Sattmacher haben unser Denken im wahrsten Sinne pulverisiert und den Ökolandbau vollständig umgepflügt. Googlen Sie ruhig einmal nach sogenannten „Super Sprouts“, welches sich platzsparend und mit Wasser angerührt in unseren Mägen zu wohlig breiigen Schauern verwandelt oder schauen Sie, was denn so alles bei Hofer’s „Zurück zum Ursprung“ zu finden ist. Lassen Sie mich dazu eine kurze Passage von Seite 91 aus Der grosse Bio-Schmäh -Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen“ zitieren:

Die Bio-Marke des Hofer-Konzerns schreibt auf der eigenen Homepage (Anm. d. Verf.: Fußnote 26 auf Seite 203 mit Quellenangabe Stand 21.10.2011):

Regionalität bei Zurück zum Ursprung bedeutet, dass alle für die Herstellung eines Lebensmittels wertgebenden Bio-Zutaten und Bio-Rohstoffe, wie zum Beispiel auch Futtermittel und Saatgut, nicht nur aus biologischer Landwirtschaft stammen, sondern auch österreichischer Herkunft sind.

Schon ein flüchtiger Blick ins Kühlregal bei Hofer offenbart, dass diese Behauptung nicht stimmen kann: Mango-Trinkmilch, Feigen-Joghurt und Mango-Orangen-Joghurt sind für aufmerksame Konsumentinnen und Konsumenten die ersten Hinweise auf den internationalen Rohstoffbezug bei Zurück zum Ursprung. „Aus EU-Landwirtschaft“ oder sogar „Aus nicht-EU-Landwirtschaft“, so offenbart das Kleingedruckte auch auf anderen Produktverpackungen. Allein im Milchsortiment von Zurück zum Ursprung ist unter den Herkunftsländern der Zutaten beinahe der gesamte Globus vertreten. Der „Bio-Bergbauern-Trinkgenuss“ und das „Bio-Bergbauern-Trinkjoghurt“, von denen Hofer achtzehn verschiedene Sorten führt, beinhalten unter anderem folgende Zutaten: Erdbeerpüree und Apfelstücke aus Polen; Heidelbeeren aus der Ukraine; Weichseln, Haselnüsse und Feigen aus der Türkei; Brombeeren aus Serbien; Preiselbeeren aus Schweden; Himbeerpüree und Heidelbeerpüree aus Polen; Mangos aus Indien; Limettensaft aus Brasilien; Zitronen aus Spanien; Vanilleextrakt aus Madagaskar; Neleknpulver aus Tansania, Indien und Indonesien; Zitronensaftkonzentrat aus Argentinien; Traubensaftkonzentrat aus Italien; (…)

Zurück zum Ursprung beginnt oftmals im fernen Ausland

Die Liste endet an dieser Stelle immer noch nicht, doch ich glaube, es reicht. Aber machen Sie sich doch einmal die Mühe und schauen sich ein Produkt wie den Bio-Bergbauern Trinkgenuss Mango von Hofer an. „Der Bio-Bergbauern Trinkgenuss Mango aus der Region Waldviertler Bergland ist gentechnikfrei und naturrein.“ lässt uns der Anbieter als Information zukommen. Und zur Sicherheit, sollten Sie beim Einkauf Ihren Laptop gerade nicht bei der Hand haben oder das Smartphone von Apple tatsächlich zum Telefonieren verwenden, steht auf der gar nicht so ökologisch wertvollen Verpackung: Mit Bergbauernmilch aus dem Mühlviertel. Und das alles implizierende Wort „Bio“ darf natürlich auch nicht fehlen. Und weil wir gesund schlucken wollen, haben wir mit 11,7% weniger CO2 im Vergleich zu einem herkömmlichen Produkt dieser Trinkgenussklasse aus dem mit aus Indien stammenden Mangos in Püreeform angehauchten Waldviertel mit zitronensaftigem italienischem Einschlag die Gewissheit, dass wir den Klimawandel mit jedem Schlückchen im Griff haben. Hauptsache, alles stammt aus kontrolliert biologischem Anbau. Dass der zwar ein paar tausend Kilometer seinen Ursprung hat, bevor er Zurück zum Ursprung kommt, darf dabei nicht stören. Auf welcher Grundlage diese 11,7% weniger CO2 beruhen? Bitte fragen Sie nicht mich, fragen Sie jene, welche Zurück zum Ursprung kehren.

Hofer dürfte seine vollmundigen Aussagen jetzt doch auf den neuesten Stand gebracht respektive noch ein- bis zweimal Hofer (Aldi) schreibt auf der eigenen Webseite “Zurück zum Ursprung” unter Regionalität: Regionalität bei Zurück zum Ursprung bedeutet, dass die Bio-Hauptzutaten und Bio-Rohstoffe ausschließlich aus definierten österreichischen Regionen stammen, oder die Lebensmittel von einem Verarbeiter mit regionalem, traditionellen Knowhow hergestellt werden. Die Zurück zum Ursprung-Produkte haben damit einen für die Region typischen unverwechselbaren Charakter. Zutaten, die in der Region nicht verfügbar sind, stammen aus Österreich, oder können bei mangelnder Verfügbarkeit aus dem Ausland beschafft werden.überdacht haben. Denn wenn wir uns auf dem bereits angesprochenen Webauftritt www.zurueckzumursprung.at des Unternehmens den Punkt Grundwerte/Regionalität anschauen, so lesen wir heute (Stand 18.01.2013, siehe nebenstehender Screenshot) folgende Sätze:

Regionalität bei Zurück zum Ursprung bedeutet, dass die Bio-Hauptzutaten und Bio-Rohstoffe ausschließlich aus definierten österreichischen Regionen stammen, oder die Lebensmittel von einem Verarbeiter mit regionalem, traditionellen Knowhow hergestellt werden. Die Zurück zum Ursprung-Produkte haben damit einen für die Region typischen unverwechselbaren Charakter. Zutaten, die in der Region nicht verfügbar sind, stammen aus Österreich, oder können bei mangelnder Verfügbarkeit aus dem Ausland beschafft werden.

Gegenüber der älteren Fassung vom Oktober 2011 ist nun das kleine Wörtchen „alle“ sang- und klanglos unter der ökologisch veranwortungsvoll umgegrabenen Muttererde mit Hang zum Ökolandraubbau verschwunden. Still und heimlich begraben im Dickicht von vermeintlich österreichischer Herkunft und tatsächlich ausländischer Beschaffungspolitik im Falle, dass die benötigten Produktionsmittel die österreichische Herkunft übersteigen und deshalb eben dort herkommen müssen, wo der österreichische Vorhang fällt, aber bei Weitem noch nicht genug Licht ins Dunkel der hell erleuchteten Kühlregale lässt. Von den anderen minimalistischen semantischen und syntaktischen Änderungen ganz abgesehen. Nur vielleicht eines. Wer schon einmal selbst frühmorgens einen einsamen Spaziergang in den Wäldern rund um Litschau, ganz im Norden an der tschechischen Grenze der Republik, unternommen hat, wird wohl noch eher dem sagenumwobenen Räuberhauptmann Grasl begenen als einem Mangobaum in freier Wildbahn. Und trotzdem handelt es sich um einen Trinkgenuss aus der Region Waldviertler Bergland. Wenn ich demnächst einen Berglöwen auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig erspähen sollte, hat sich die derzeitige Diskussion um Abschaffung oder Beibehaltung der Wehrpflicht in Österreich sowieso erledigt.

Eine persönliche Randnotiz

Lassen Sie mich zum Schluss dieses ersten Teils über das Buch Der grosse Bio-Schmäh -Wie uns die Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen“ von Clemens Arvay noch eine persönliche Anmerkung anfügen. Ich kann mich noch gut an einige Kommentare erinnern, welche sich unter einer Ankündigung des Standard (siehe Standard: „Bioschmäh“-Autor Clemens G. Arvay) fanden, dass der Autor an diesem Tage zu Gast sein und im Chat für Fragen zur Verfügung stehe. Von

ich halte das Bioschmäh

Buch für Geschäftemacherei auf Kosten verunsicherter Konsument/innen. Es ist immer das selbe – man nimmt sich eine breite Bewegung her und kritisiert sie massivst. (…)

bis zu

unerträglich

…ist es, dass ein augenscheinlich völlig inkompetenter sogenannter enthüller sich so selbstgerecht auf dem rücken und im namen von vielen vielen biobauern, bioverarbeitern und biohändlern in szene setzt. (…)

fanden sich doch einige recht seltsam anmutende Postings, welche ich persönlich so nicht nachvollziehen kann. Selbstverständlich ist die Hypothese gewagt, wenn ich behaupte, dass Hofer sein, drücken wir es vorsichtig aus, beschönigendes Versprechen erst nach Veröffentlichung des Buches zu Gunsten der VerbraucherInnen respektive der Wahrheit revidierte. Zugunsten soll hier bedeuten, dass offensichtlich falsche Tatsachen berichtigt wurden. Arvay kritisiert doch nicht die breite Ökobewegung bzw. jene Menschen, welche sich dazu entschlossen haben, auf glaubwürdige Bioprodukte zu setzen. Und natürlich enthüllt er. Genau dies sollte doch Sinn und Zweck sein, um über Missstände und wenig bekannte Praktiken eines Wirtschaftszweiges aufmerksam zu machen, welcher selbst tagtäglich mit den Konsumentenerwartungen spielt und verlockende Werbebotschaften durch sprechende Schweine oder in Ehren ergraute ältere Herren bzw. junge hübsche Frauen wie Mirjam Weichselbraun in die abendliche heile Fernsehwelt setzt.

Markus Groll, Mitautor des Buches Die 50 größten Bio-Lügen!: Die gängigsten Irrtümer rund um glückliche Kühe & gesunde Geschäfte„, kam während einer Podiumsdiskussion zu der recht einfachen Erkenntnis: „Der Konsument hat Erwartungshaltungen. Die bezahlt er auch. Werden diese Erwartungen aber nicht erfüllt, sehen wir den moralischen Tatbestand der Lüge erfüllt. Natürlich nicht den rechtlichen.“

Wenn Sie zu Ja!Natürlich, Natur* pur, Zurück zum Ursprung oder weniger bekannte Marken des hart umkämpften Biosektors greifen, müssen Sie sicherlich nicht befürchten, die falsche Wahl zu treffen. Allerdings bedeutet dies noch lange nicht, dass Sie damit auch die richtige Entscheidung treffen. Arvay zeigt auf seinen 200 Seiten auf, dass die Grenzen zwischen Öko/Bio und konventioneller Landwirtschaft gar nicht allzu weit voneinander gesteckt sind. Mehr dazu dann im zweiten Teil unter „Der grosse Bio-Schmäh: Was wollen wir (mehr)?“ (Verlinkung folgt), wo es auch um mögliche Alternativen sowie um echte bzw. selbsternannte Bioniere geht.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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Ein Gedanke zu “Der grosse Bio-Schmäh – Mutter Natur zu Discountpreisen

  • Ökoblogger.de

    Danke für diesen ausführlichen und informativen Artikel. Das Thema Bio und die vielen negativen Aspekte beim Betrug haben mich auch schon öfters beschäftigt. Das Thema ist einfach zu wichtig als dies als Lapalie abzutun. Deswegen habe ich auf meinem Blog auch schon zum Thema gebloggt: http://www.oekoblogger.de/?p=106