Alles läuft wie geschmiert bei Shell! Noch bohrende Fragen? 1


Shell schippert auf der Straße der Ölsardinen

„That‘S hell!“ schrieb ich vor ungefähr 18 Monaten. „Strasse der Ölsardinen“ verfasste ich etwa sechs Monate vor jenen 18 Monaten. Da war die berühmt gewordene Deepwater Horizon schon mit elf Mann und Mäusen unbekannter Anzahl im Golf von Mexiko versunken. Dafür kamen 780 Millionen Liter Rohöl auf gar wundersame Weise von dort her, wohin die BP-Plattform abschmierte.

Jetzt hat Shell ein Problem. Warum auch nicht? Houston hatte schon eines und andere haben tagtäglich welche. Also Probleme eben. Aber es kann halt nicht alles immer wie geschmiert laufen. Nicht einmal beim Bohren vor Alaskas schöner eisiger Küste. Ergo gibt es manches Mal Probleme. Wie gesagt, haben wir ja alle. Vielleicht nicht gerade mit einem Durchmesser von 80 Metern und einer halben Million Liter Diesel im 18000 Tonnen Bauch. Und der hat aufgrund eines gerissenen Schleppseils mitsamt der am Bauch hängenden mobilen Ölplattform Kulluk nun Land in Sicht. Aber dieses Land hatten schon andere in Sicht. Zum Beispiel die Exxon Valdez am 24. März 1989. Vielleicht nicht das gleiche Stückchen Land in Sicht, sondern ein paar hundert Kilometer anderes Land in Sicht, aber Land in Sicht bleibt halt doch Land in Sicht.

Shell hat mit der auf Grund gelaufenen mobilen Ölplattform Kulluk ein Problem. Auch Houston hatte schon ein Problem. Also wieder einmal alles nur halb so schlimm bei BP, Shell und Co. Alles läuft wie geschmiert.

Gut, zugegeben, die Probleme von ExxonMobil waren um einiges größer als diejenigen von Shell zum heutigen Zeitpunkt. Aber was noch nicht ist, kann schließlich immer noch werden. Nein, eigentlich kann es nicht, denn Shell betont, dass es sich hierbei um einen Schifffahrtsunfall handle und nicht um eine Ölkatastrophe. Gottseidank, das beruhigt doch. Alles läuft also wie geschmiert im Reich der Eisbären vor Alaskas eisig schöner Küste. 

Chancen und Risiken in der Arktis der Zukunft

Eigentlich ist die altehrwürdige britische Versicherungsbörse Lloyd’s nicht unbedingt das, was man mit den Adjektiven zimperlich oder risikoscheu bezeichnen könnte. Und fremd ist dort schon gar nichts, wenn es darum geht, nach dem Willen der Versicherten zu handeln. Lesen Sie sich ruhig einmal die ersten Abschnitte „Verrückte Versicherungen – Die Policenstricker“ durch. Da stellt es einem Glatzkopf wie mir buchstäblich die Haare auf, wenn es etwa um den Wunsch des amerikanischen Footballstars Troy Polamalu geht.„Arctic Opening: Opportunity and Risk in the High North“. Studie von Lloyd’s und dem Forschungsinstitut Chatham House zum zukünftigen Investitionsvolumen in der Arktis.

Doch bei Öl und Gas hört sich auf der Spaß. Zumindest wenn es darum geht, für eventuelle Unfälle mit jenem Material bereitzustehen, bei dem sich bekanntlich die Freundschaft aufhört. Ein schöner und nicht allzu langer Artikel dazu findet sich z.B. auf der Seite der AG Friedensforschung mit dem Titel „Arktisches Risiko ist nicht versicherbar – Studie von Lloyd’s: Folgen von Öl- und Gasbohrungen sind für Investoren nicht absehbar„.

Klarerweise sehen die Versicherer, interessanterweise und nur so nebenbei spricht sogar selbst Lloyd’s im Gegensatz zu einigen unverbesserlichen Skeptikern (z.B. auf Seite 16 der Studie) vom möglichen Anstieg extremer Wetterereignisse durch den Klimawandel, Lloyd’s also sieht in den Öl- und Erdgasförderern die zukünftigen Gewinner rund um die Arktis. Doch das Gebiet nahe des Nordpols bietet daneben auch dem Tourismus (neben Schifffahrt, Bergbau und Fischfang) gute Chancen, um am riesigen Kuchen im dreistelligen Milliardenbereich zu mitzunaschen. Vielleicht sollten sich Unternehmen wie Shell, Gazprom oder Exxon zusammen mit der russischen Rosneft überlegen, nicht einmal die Sparte Ökotourismus in Betrach zu ziehen. Möglicherweise wird es dann auch wieder etwas einfacher in Sachen Versicherung von Folgeschäden durch das schwarze Gold.

Lloyd’s-Chef Richard Ward brachte die Thematik zwischen möglichen wirtschaftlichen Vorteilen (dabei besonders der hohe Ölpreis der Zukunft) und den unübersehbaren ökologischen Risikofaktoren denn auch auf einen einfachen Nenner, denn er verneinte folgende Fragestellung kurzerhand: „Und da ist die Frage, ob unsere Fähigkeiten zur Risikobeherrschung in der Arktisregion ausreichend sind.“ (siehe z.B. taz: Öl- und Gasbohrungen im hohen Norden – Arktis unversicherbar). Alle Achtung. Da überlege doch sogar ich noch einmal, mir eine üppige Haarpracht wachsen zu lassen. Dauert wahrscheinlich länger als die Ölbohrungen von Shell, aber wie bereits geschrieben: Nicht nur Houston hatte ein Problem zu bewältigen.

Eine Tatsache soll mit der Aufbruchsstimmung der Konzerne in den hohen Norden selbstverständlich nicht verschwiegen werden. Die in Kalifornien ansässige und auf Umweltrecht und-politik spezialisierte Elisabeth Tedsen fasste dies während der „Visionary Arctic“ Konferenz im norwegischen Kirkenes (zu den nachfolgenden Aussagen siehe ecologic: Arktis Offshore Öl- und Gasförderung: Ökologische und soziale Auswirkungen) so zusammen:

Vom sozialen Standpunkt her betrachtet, kann die Entwicklung von Öl- und Gasförderung lokale Vorteile mit sich bringen, so z. B. die Schaffung von Arbeitsplätzen, größere Gewinne und mehr Dienstleistungen auf Gemeindeebene.

Allerdings relativierte sie diese Vorteile schon in den nächsten Sätzen:

Diese Vorteile begegnen jedoch auch Risiken für traditionelle Lebensweisen und Bräuche.

Und sie begründete weiterhin, warum Offshore-Bohrungen keine Perspektive für die arktische Zukunft sind.

Elizabeth Tedsen gab einen Überblick über die steigende Entwicklung von Öl- und Gasförderung in der Arktis sowie die damit verbundenen Auswirkungen auf Umwelt und Sozialgefüge. Hauptgründe zur Sorge sind der Austritt und die Freisetzung von Öl, wobei die Risiken in der Arktis noch zunehmen, hervorgerufen durch (jahreszeitlich bedingte) frühe Dunkelheit, wechselnde Eisbedeckung, extreme Wetterbedingungen, beschränkten Kapazitäten Unglücken zu begegnen, sowie die langsame Verwitterung und Abbau durch Bakterien. Bohrungen führen zudem auch zu anderen Umwelteinflüssen, z. B. durch Förderabfälle, die Einleitung von Wasser und Luftemissionen, sowie Störungen der Biodiversität der Arktis und ihrer Lebensräume.

Shell – ein paar Pannen

Die Arktis bietet sicherlich noch einige unentdeckte Schönheiten. Dass sich die Energiekonzerne dabei einzig und allein von der Tatsache leiten lassen, dass unentdecktes Neuland nur dann schön ist, wenn es entweder schwarz sprudelt oder in Gasform aus der Erde kommt, hat sich längst rumgesprochen. Bei Shell dagegen wurden in den letzten Jahren im Gegensatz zur Norpolarregion schon einige unschöne Entdeckungen gemacht. Und diese haben sich ebenfalls rumgesprochen. Da Sie für heute aber schon genug gelesen haben, habe ich noch die unschönsten Altlasten des britisch-niederländischen Ölkonzerns aus den sprudelnden Bohrlöchern des Internets aus der Tiefe geholt. Bei Klick auf die jeweiligen Screenshots kommen Sie zu den entsprechenden Quellen. Wie zuvor schon Shell.

1. In Ogoniland in Nigeria war Shell (zusammen mit Chevron, ExxonMobil und Total) für zwei massive Ölunfällen durch Öllecks verantwortlich. Das Umweltprogramm UNEP der Vereinten Nationen beziffert den Schaden mit einer Milliarde Dollar und geht von jahrzehntelangen Aufräumarbeiten aus. Dass diese Ölkatastrophe über mehr als 50 Jahre nicht gestoppt wurde und an die zwei Millionen Tonnen Rohöl in das Ökosystem gelangten, macht die Sache so richtig schmackhaft.

Environmental contamination of Ogoniland by Shell.

Und zum selben Thema möchte ich Ihnen noch den knapp zweieinhalb Minuten langen Film „Shell Oil – The Awful Truth“ ans benzingetriebene Herz legen. Wobei Sie unter den Suchbegriffen „Shell oil spill“ auch selbst noch genug Anschauungsunterricht in Sachen Umweltverschmutzung in Nigeria und dem Niger-Delta finden werden.

Shell Oil - The Awful Truth

2. Die Ölplattform Gannet Alpha verursacht 2011 den schwersten Ölunfall an der schottischen Küste des vergangenen Jahrzehnts. Keine Offenlegung der Notfallpläne, mangelnde Informationspolitik und fehlende Transparenz. Schön, dass die deutsche Shell-Webseite im Moment mit „Volle Leistung bis -30°*“ wirbt. Ob das kleine Sternchen dabei einen möglichen Notfallplan in Aussicht stellt, wenn die Temperaturen darunter sinken, vermag ich jedoch nicht zu sagen.

Richtig rührend vielleicht noch die Tatsache, dass der Name „gannet“ im Englischen für den Basstölpel steht. Ein Meeresvogel also, der hier beim Ölbohren hilft. Besser kann ich mir praktizierten Artenschutz einfach nicht mehr vorstellen.

Öl läuft weiter in die Nordsee. Aus einer beschädigten Plattform des Konzerns Shell in der Nordsee tritt weiterhin Öl aus.

3. Noch nicht allzu lange her, am 20.12.2011 war ebenfalls Nigeria Schaupunkt der „Shell-Aktivitäten“. Vor der nigerianischen Küste im Bonga-Ölfeld (55% Shell, Esso 20%, Nigeria Agip 12,5%, Elf Petroleum Nigeria Limited 12,5%)wurden bei dem Versuch, Öl auf einen wartenden Tanker umzupumpen, mehrere tausend Liter freigesetzt und vor der Südküste durfte sich die Bevölkerung an einem wunderbaren Ölteppich von 180 Kilometern erfreuen.

Pollution protests in Nigeria against Royal Dutch Shell.

Aber was sind schon jene 500000 Liter Diesel der auf Grund gelaufenen Kulluk gegen die vermuteten 20 Prozent der weltweit verfügbaren Reserven an Öl in Höhe von 90 Milliarden Barrel zu je 159 Liter und einem geschätzten Gasvolumen von 50 Billionen Kubikmeter (Handelsblatt: Rosneft und Gazprom planen Großinvestition). Sicher nicht viel. Für die einzigartige Arktis jedoch ein Problem zuviel. Da wird es selbst Houston schwer haben, auf die Schnelle eine Lösung zu finden. Und außerdem haben wir es hier ja nicht mit einem Ölunfall, sondern mit einem ganz ordinären Schiffsunfall zu tun. Sagt Shell. Und wie tönt des Basstölpels Stimme, wenn er zum Flug ansetzt. Richtig: „Oo-ah!“


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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