Die Luft wird dünn und dünner 3



Die gemäßigt diktatorischen Avancen des Felix B.

Er hat ja erst unlängst vermeintliche Geschichte geschrieben. Er hat die Massen vor den Fernsehgeräten in Atem gehalten. Er hat neue Rekorde für die sogenannte Ewigkeit aufgestellt. Er hat die sozialen Netzwerke auf Trab gebracht. Keine Frage: Der österreichische Extremsportler Felix Baumgartner ist ein (wage)mutiger Mann der Tat. Und selbstverständlich auch des Wortes. Entwaffnend ist seine Ehrlichkeit. Allerdings gibt mir dies angesichts eines Interviews, welches er der Felix Baumgartner im Interview mit der Kleinen Zeitung. Der Himmelsstürmer spricht sich für eine gemäßigte Diktatur aus.„Kleinen Zeitung“ gegeben hat, die Gelegenheit, selbst zu den Waffen des Wortes zu greifen. Der Grund ist vielleicht ein ganz banaler, doch die Intention dahinter sollte doch hinterfragt werden.

So steht also in besagtem Wortgefecht, nein, lassen wir die verbale Kriegsmaschinerie aus dem Spiel und streichen dieses „Wortgefecht“ durch das auf der Neutralitätsbonusstufe etwas höher stehende Anhängsel „-geflecht“ und machen also flugs, im Sinne des 50 Millionen Euro schwerelos schweren Stratos Projektes von Red Bull sicherlich das treffende Wort, ein Wortgeflecht daraus, so steht also unter Baumgartner: „Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen“ geschrieben:

Ist ein Wechsel in die Politik eine Option für Ihre Zukunft?

FELIX BAUMGARTNER: Nein, man hat das am Beispiel Schwarzenegger gesehen: Du kannst in einer Demokratie nichts bewegen. Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen, wo es ein paar Leute aus der Privatwirtschaft gibt, sie sich wirklich auskennen.

Lieber Felix B.! So etwas hatten wir doch schon einmal. Sie wissen schon. Da gab es einen Herrn namens Adolf H., welcher sich aufmachte, die Welt im Höhenflug zu erobern und im stechenden Sturmschritt zu beherrschen. Zwar recht erdgebunden (vielleicht deshalb auch die gewählte braune Farbe?!) und weit unterhalb der Stratosphäre, aber halt doch abseits demokratischer Prinzipien.

So, ich möchte jetzt für einen kleinen Moment innehalten, um Sie um einen Gefallen zu bitten. Ich hatte vor fast drei Jahren auf diesem Blog ein Gedicht vorgestellt, welches in seiner Eindringlichkeit wohl zu den schmerzvollsten Dokumenten und bedeutendsten lyrischen Aufarbeitungen des Holocaust gehört, welche jemals verfasst wurden und das seit sicherlich 30 Jahren mein ständiger Wegbegleiter ist: Die Todesfuge von Paul Celan. Doch glauben Sie mir eines. Haben Sie dieses Gedicht nur ein einziges Mal gehört, wird es Sie zu weiterem Hören und Lesen auffordern. Sollten Sie danach hier nicht mehr weiterlesen wollen, ich würde es verstehen.

Hätte Adolf Hitler den Mann im Mond für seine Zwecke eingespannt, wäre dieser greifbar gewesen? Ja, dessen bin ich mir sicher. Möglicherweise hätte er ihm sogar unter pragmatisch gemäßigt diktatorischen Gesichtspunkten eine Autobahn bauen lassen. Einen braun gebrannten Stairway to Heaven. Für 50 Millionen Reichsmark oder eben mehr oder auch weniger. Möglicherweise hätte er auch auf dem Mars mobil gemacht. Doch der hat schließlich nicht zurückgeschossen. Weder am 1. September 1939 noch heutzutage auf Curiosity. „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!“ Wir kennen diese Worte jenes großen Diktators namens Adolf H., der am 30. Jänner 1933 als augenscheinlich demokratischer Reichskanzler begann und den Tag der nationalen Erhebung einläutete. Und 12 Jahre später? Von Demokratie keine Spur mehr. Was als Koalitionsregierung begann, endete mit Millionen von Toten auf den Schlachtfeldern und in den Konzentrationslagern im Namen eines Dritten, eines Tausendjährigen Reiches.

Klar werden Sie entgegnen: „Nein, so war dieser Sager nicht gemeint!“ Das glaube ich Ihnen selbstverständlich auch. Wir brauchen keinen zweiten Hitler. Gut, möglicherweise einen ganz einen kleinen. Nein, diese erschreckende wunschbekennende Erkenntnis kommt nicht von mir. Höre ich immer wieder im kleinen Felix Austria selig Adolf (siehe z.B. meinen Artikel „Quo vadis: Wiederbetätigung im Umfeld der Occupy Bewegung?„). Und genau da schimmert sie durch, diese latente Wunschvorstellung nach einem kleinen bisschen Diktatur. Und wenn dann Volkshelden wie Felix Baumgartner sogar öffentlich davon sprechen, dann muss doch etwas dran sein an diesem Wunschdenken nach ein starken Hand abseits demokratischer Grundprinzipien. Alle zehn Finger schlecken sich manche schon wieder nach gemäßigtem Führer, gemaßregeltem Volk und massenweise Vaterland. Wenn der Felix das sagt, dann stimmt endlich die Richtung. Von oben nach unten oder andersrum, spielt dabei keine Rolle. 

Immer öfter, immer lauter, immer schneller, immer fordernder erschallen diese Rufe. In der Schnellbahn, auf der Straße, selbst in meinem näheren Umfeld. Keinen richtigen Hitler, nur halt so einen, der wieder mal zeigt, wo’s lang geht. Nur so einen, der mal wieder ordentlich aufräumt. „So was hätt’s unterm Hitler nicht gegeben!“ Ein Standardsatz, der immer öfter aus winzig kleinen Ritzen kriecht und sich breit macht. Wo auch immer. Eine Bettlerin mit ihrem Kind auf der Straße? So was hätt’s unterm Hitler nicht gegeben!“ Ein Asylant, der nur her kommt, weil er daheim keine Arbeit findet und bei uns die Arbeitslose kassiert? So was hätt’s unterm Hitler nicht gegeben!“ Die ganzen Kopftücher, die mit 17 Kindern im Gemeindebau sitzen und den ganzen Tag lärmen? So was hätt’s unterm Hitler nicht gegeben!“ Ein demokratisches Österreich mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung? So was HAT ES unterm Hitler nicht gegeben!

Deshalb muss ich Ihre Worte respektieren, sehr geehrter Herr Baumgartner. Allein, beim Verständnis fehlen mir dann doch mehr als jene 39 Kilometer, welche Sie im freien Fall Richtung Erde hinter sich gebracht haben und die uns bis heute trennen dürften. Klar, Sie haben es so nicht gemeint, Herr Baumgartner. Glaub ich Ihnen ja. Ist schließlich nichts Böses dabei, seine Meinung zu äußern. Mach ich jetzt auch. 

Das Diktat der Schweizer Steuerpolitik 

Ihr Vorhaben, deshalb nicht in die Politik zu wechseln, halte ich aus diesen guten Gründen übrigens für eine ausgezeichnete Idee. Machen Sie weiter! Mit anderen Dingen. Halten Sie die Welt weiterhin in Atem. Schreiben Sie Geschichte und Geschichten, wo immer Sie die Möglichkeit dazu finden. Beschäftigen Sie die zwitschernde Gemeinde in einer ohnehin schon vogelfreien Gesellschaft mit immer waghalsigeren Abenteuern. Stellen oder fliegen Sie uns neue Weltrekorde um die Ohren. Werden Sie Hubschrauberpilot und drehen Sie weiterhin am Rad der eigenen Geschichte. Wir stehen und staunen mit offenen Mündern ob Ihres Wagemutes. Doch tun Sie dies alles in einer Demokratie. Zwar wird auch hier die Luft immer dünner, doch alles in allem gibt diese mir die Gewissheit, dass ich ein in weiten Teilen (meinungs)freier Mensch bin.

Ich bin vogelfrei und darf gehen, wohin der demokratische Wind mich trägt. Ich dürfte vielleicht sogar aus einer Kapsel springen und mir die Welt von oben ansehen. O.k, mit 50 Millionen im Gepäck täte ich mir dabei leichter. Oder ich könnte mit diesem Geld eine riesige Werbekampagne egen den Welthunger starten. Gut, danach hätte ich zwar kein Geld mehr, um denselben zu bekämpfen, aber zumindest ich wäre in aller Munde. Ich benötige diese volksherrschaftlich herrliche Luft zum Atmen. Genau wie Sie. Glaube ich zumindest. Auch wenn die Luft in den Schweizer Bergen vielleicht steuerrechtlich nicht ganz so dünn ist wie jene in Österreichs Steueroasen auf Hochgebirgsniveau.

Warum haben Sie Wohnort in die Schweiz verlegt?

BAUMGARTNER: Das hat steuerliche Gründe. Weil es in Österreich schwierig ist. Man hat keine Sicherheit, was die Steuern betrifft. In der Schweiz hat man die Möglichkeit, sich mit dem Finanzminister zu einigen. Da muss man Unterlagen auf den Tisch legen und weiß, woran man ist. In Österreich ist es das nicht, da gibt es immer wieder Finanzbeamte, die meinen, das, was ich mache, ist kein Sport.

Naha, eigentlich doch ganz schön, wenn man sich im Nachbarland mit der obersten Finanzbehörde sozusagen auf dem kurzen Amtsweg über gewisse fiskalpolitische Dinge einigen kann und auf Verständnis bei der ungeheuerlich komplizierten Steuererklärung trifft. Wissen Sie, hier in Österreich gibt es doch tatsächlich auch Menschen, die glauben, in Liechtenstein, Luxemburg oder wo auch immer sonst sei das eigene Geld besser aufgehoben als im Heimatland. Steuerschonendes Verhalten nennt man so etwas, glaube ich. Unterlagen auf den Tisch, die eigenen Karten aber möglichst nicht dazu legen. Muss nicht nicht alles gleich publik werden, was Überflieger so im Fallschirm mit sich rumschleppen.

Scheiß Demokratie, kann ich da nur sagen. Muss ich Ihnen beipflichten. Da kommt doch einer wie der Stronach gerade recht. Starker Mann mit starkem Programm. Austrokanadischer Selfmade-Millionär. Wenn der sich nicht in der Privatwirtschaft auskennt, wer denn dann? Der richtige Mann für eine gemäßigte Diktatur. Noch so ein paar von deren Schrot und Korn und Österreich, ach was die ganze Welt, ist auf dem besten Weg, sich aus dem Jammertal der von Triple A Tränen gefluteten Pleitegeier-Demokratien in ungeahnte Höhen diktatorischer Schlaraffenländer zu erheben.

Die Schweiz als Vorbild direkter Demokratie   

Vielleicht noch eines zum Abschluss. „Die Schweiz sei denn auch jenes Land in der untersuchten Ländergruppe, das in diesem Zeitraum die markanteste positive Entwicklung in seiner Demokratiequalität zeigt.“ Dieser in Anbetracht der auch in der Schweiz aufkommenden Diskussion um Zuwanderung, rassistische Parolen und eine kaum mehr zu übersehende Ausländerfeindlichkeit ist sicherlich genauso zu hinterfragen wie in weiten Teilen eines sogenannten geeinten Europas (nicht EU!), steht so aber zumindest unter „Die Schweizer Demokratie mit Mängeln„. Dass bei den EidgenossInnen nicht alles in Butter ist und das Schweizer Demokratiesystem einige Löcher im landeseigenen Käse aufweist, macht auch Marc Bühlmann von der Universität Zürich deutlich (siehe Tagesanzeiger: Darum ist die Schweizer Demokratie nur Mittelmass).

Und trotzdem liebäugelt etwa das Nachbarland Österreich mit dem Ausbau der direkten Demokratie mit Anleihen an das eidgenössische System. Die zahlreichen negativen Eindrücke der heimischen Politik, die verminderte Bereitschaft, auch als „Normalsterbliche(r)“ politische Verantwortung zu übernehmen, eine mehr und mehr zur Schau getragene Politikverdrossenheit lassen viele in den direkten Mitbestimmungsformen wie etwa Volksabstimmungen mit Verbindlichkeitscharakter, so wie in der Schweiz praktiziert, eine Chance auf Besserung erwarten. Aber eigentlich doch gar nicht notwendig.

Scheiß Demokratie! Wer braucht die denn wirklich! Die Fliehkraft regiert nach eigenen Gesetzen. Hatte ich schon immer als gemäßigtes totalitäres System im Verdacht. Die Schwerkraft macht sowieso seit Jahrmilliarden, was sie will, ohne den Menschen um Erlaubnis zu fragen. Die Quantenfeldtheorie versteht sowieso keine Sau geschweige denn ich. Wahrscheinlich irgend so ein demokratisches Hirngespinst, also abschaffen und durch die Stronachfeldtheorie ersetzen. Einstein und seine Relativitätstheorie? Könnte doch genauso gut Stronach neu erfinden. Und wenn’s dann doch nicht mal so klappt, wie wir uns das so vorstellen und wir unsanft mit dem Kopf aus wieviel Kilometer Höhe auf den harten Boden der 1933er Realität knallen? Macht nichts: Red Bull verleiht Flügel!

Helden tragen keine Windeln

Und so wird der Steuerflüchtling aus Eigenantrieb also auf dem Zenit seines Schaffens auch noch UN-Sonderbotschafter für Kinder. Der Tagesspiegel hält diese Entscheidung allerdings nicht unbedingt für eine vom Himmel gefallene Weisheit der Verantwortlichen und äußert dementsprechend Bedenken nach seinem verbalen Schwenk hin zu gemäßigter Diktatur: Die Äußerung dürfte Zweifel streuen, ob Baumgartner der richtige Mann ist, um als Sonderbotschafter der Vereinten Nationen (UN) künftig ein Vorbild zu sein. Es gebe „viel zu viel Negatives“ vor allem in der Politik, hatte Baumgartner zuvor der Nachrichtenagentur dpa berichtet. Die Rolle eines Idols gefällt ihm demnach: „Die Jugend braucht Vorbilder, die Kinder müssen wieder nach draußen in die Natur.“ (Henning Onken: Überschall-Springer Baumgartner träumt von Diktatur)

Also zurück zur Natur? Hatten wir doch auch schon einmal in Form von „Kraft durch Freude“ und speziell der Abteilung „Amt für Reisen, Wandern und Urlaub“. KdF-Sonderzüge nach Oberbayern damals und heutzutage eben UN-Sonderflüge mit dem Heißluftballon bis hinter den Horizont der Stratosphäre und von dort per Überschall gleich wieder zurück. Vorbei an der Schwerkraft und am besten mitten hinein ins Team Stronach. Scheiß Erdanziehungskraft! 

Da passt dann wirklich eine jener Antworten zum Baumgartner-Sprung. So liest sich nämlich auf die Fragestellung: „Astronauten tragen üblicherweise eine Spezialwindel. Baumgartner auch?“ folgende Antwort, welche auch aus einer herrlich inszenierten Seifenoper entsprungen sein könnte: „Helden tragen keine Windeln.“ „I’ll be back“ sagte schon ein anderer Großer der Unterhaltungsbranche, bevor er sich aufmachte, die politischen Fallwinde Kaliforniens zu erobern. Glücklicherweise scheint uns solch ein Déjà-vu erspart zu bleiben.  

 


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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3 Gedanken zu “Die Luft wird dünn und dünner

  • Nachdenklich

    So kann man es sehen. Oder auch so: http://www.politisieren.at/felix_baumgartner_verhitlern_fuer_die_quote_ist_alles_recht.php

    Vielleicht sollte man immer wieder auch einmal die Motivation der Journalisten, die solche Interviews führen, hinterfragen. Und die Motivation einer Gesellschaft, die es kaum erwarten kann, Menschen, die es wagen, aus dem Mainstream herauszuragen, zu demontieren. Oder Menschen, die es wagen, nicht auf alle Fragen der Welt Anwtorten parat zu haben. Die sich vielleicht sogar einmal ungeschickt ausdrücken. Was nicht sein darf, darf einfach nicht sein.

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Herzlichen Dank für die Verlinkung zu diesem spannenden Artikel. Sie sagen es eigentlich ganz richtig: Was nicht sein darf, darf einfach nicht sein. Ein Mensch des Jahrganges 1969, also doch schon jenseits der 40, sollte zumindest die elementaren Unterschiede zwischen demokratischen Strukturen und „gemäßigter Diktatur“ soweit herausarbeiten und in verständlicher Form die damit verbundene Intention vermitteln können, dass die LeserInnen, und wir sprechen hier nicht nur von mir, diese Wortwahl nicht in den falschen Hals bekommen. Möglicherweise stellt ja in Ihren Augen die erstgestellte Frage an Herrn Baumgartner eine Suggestivfrage dar. Für mich jedoch handelt es sich hierbei um eine eindeutige Fragestellung.

    Aktiv in der Politik mitmischen, ja oder nein? Als Antwort darauf zu geben, dass so etwas nicht in Betracht gezogen werde, da die Form der Demokratie keine Chance auf Verbesserung welcher Zustände auch immer biete, sondern hier nur eine gemäßigte Diktatur (mit welchen Ausprägungen auch immer) diese Möglichkeiten biete, sollte sehrwohl Gegenstand einer Diskussion sein. Sie schreiben von der Motivation der Journalisten. Zu einem Interview gehören eigentlich immer zwei Partner. Wer nicht Rede und Antwort stehen möchte, kann sich diesem durch ein einfaches „Nein“ relativ leicht entziehen. Ich glaube nicht, dass Herr Baumgartner, auf welche Art und Weise auch immer, gezwungen wurde, sich für dieses Gespräch zur Verfügung zu stellen.

    „Aus dem Mainstream herauszuragen“. Nun, wenn es für Sie eine besondere Leistung ist, sich dank 50 Millionen von einer gigantischen Werbemaschinerie Flügel verleihen zu lassen, dann freue ich mich jetzt schon auf jene zukünftigen gottgleichen Wesen, welche durch noch absonderliche Leistungen in unserer Gesellschaft einen besonderen Stellenwert im Olymp des medialen Irrsinns erhalten, sofern es sich um eine Leistung handelt, drei Dutzend Handgriffe wie etwa Visierheizung anschalten, Helmkamera einschalten oder Türe öffnen in einer vorgegebenen Reihenfolge auszuführen, um dann mit einem heroischen „I’m coming home“ per Überschall dorthin zurückzukehren, wo er mit 50 Millionen im Heißluftballon vor wenigen Stunden herkam, ja dann gratuliere ich vor diesem Herausragen aus der grauen Masse.
    Da lesen sich natürlich die in Ihrem verlinkten Artikel ganz zum Schluss entworfenen fiktiven Fragestellungen wie die folgende wie von einem anderen Stern.

    … wie kam es dazu, dass ihr Interview mit einer Persönlichkeit, die erst vor kurzem vom UN-Generaldirektor als „mutigster Mensch der Welt“ geehrt wurde, aus nur vier Sätzen mit insgesamt 32 Wörtern bestand?“

    Ja, wenn sogar der UN-Generaldirketor höchstselbst sagt, bei Herrn Baumgartner handelt es sich um den mutigsten Menschen der Welt, bleibt nicht mehr viel Platz für solch ermüdende Diskussionen über Sinn und Unsinn von Demokratien geschweige denn, sich überhaupt Gedanken über die Gefahr realer, heimlicher oder eben nur zukünftig maßvoller Diktaturen zu machen.

    Denn wenn solch Meinung von solch hochgestellter Persönlichkeit im schwerkraftdurchfluteten Raum plaziert wird, sollten wir diese gefälligst auch unbesehen übernehmen und nicht weiter kritisch hinterfragen. Es ist schön, den mutigsten Mann zum Vorbild folgender Generationen küren zu wollen. Noch mutiger wäre es allerdings gewesen, zu diesem 39 Kilometer Spektakel einfach laut und deutlich „Nein!“ zu sagen und nur einen kleinen Bruchteil werbewirksam in Hilfsprojekte welcher Art auch immer zu stecken. Mutig wäre es genauso gewesen, auf die Frage der Kleinen Zeitung mit einem „Ich verstehe das nicht. Tut mir leid, vielleicht könnten Sie das Ganze für mich verständlicher ausdrücken!“ zu antworten. Mutig wäre es gewesen, sich als unpolitischer Mensch zu outen und zu entgegnen: „Ach, könnten wir nicht über etwas anderes reden, weil mit der Politik habe ich es nicht so!“ Mag die Aussage, die Wortwahl, das Statement von Herrn Baumgartner in Ihren Augen eine ungeschickte Handlung gewesen sein und die folgende Verbreitung dieser Meldung eine Demontage. Beim Jahrhundersprung oder wie auch immer die Medien diesen bezeichnen, konnte den Beteiligten die Aufmerksamkeit gar nicht hoch genug sein, um aus dem sogenannten Mainstream herauszuragen und die Gazetten zu füllen.

    Herr Baumgartner wurde zum (inter)nationalen Helden hochstilisiert. Dank jener, welche ihn nun aufgrund einer anderen Handlung wieder auf den Boden der Tatsachen holen. So funktioniert das Geschäft eben. Denn es handelt sich hierbei nur um ein solches. Gerade darüber sollte sich ein Mensch des öffentlichen Interesses im Klaren sein.
    „Es erscheint eine Frage der Kultur zu sein. Und von Respekt.“ Steht wortwörtlich in jenem Beitrag, welchen Sie mir zu lesen empfahlen. Respektvoll wäre es aber auch, sich mit jenen unzähligen Menschen zu beschäftigen, welche Opfer von Diktaturen wurden. Mit welchem Bildungshintergund sollte dabei keine Rolle spielen. Über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Egal, ob nun in 39 Kilometer Höhe oder mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen.

    Auch wenn ich nun sehr kritisch gegenüber Ihrem Kommentar war, lassen Sie mich schlussendlich trotzdem eines feststellen.

    Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, sich mit meinem Beitrag zu beschäftigen und vor allem, dass Sie mir Feedback gegeben haben. Dass wir hierbei nicht einer Meinung sind, soll nicht bedeuten, dass ich Ihre Sicht der Dinge nicht zu schätzen weiß und ich mich über konstruktive Rückmeldungen wie von Ihnen besonders freue. Wären wir alle einer Meinung, hätte das Leben vieles von jenenm Reiz verloren, welcher eine hitzige Diskussion bieten kann. Mit Worten
    selbstverständlich, nicht mit Waffen, geballten Fäusten oder ähnlichen unbrauchbaren Dingen des täglichen Lebens.
    Liebe Grüße aus Wien
    Paul Boegle