Outlawed by Amazon


Digitale Vertikalen in Zeiten virtueller Horizontalen

Vielleicht vermag sich die eine oder der andere meiner LeserInnen noch daran erinnern, dass ich mein Amazon-Konto gelöscht hatte respektive löschen ließ. Fast ein Jahr ist es nun schon wieder her, dass ich mich der Dienste dieses Anbieters entledigte, wie Sie bei Interesse unter blubbernde Blasen und andere unangenehme Blähungen aber selbst nachlesen können. Nun, scheinbar dürfte sich auch der Online-Anbieter ohne entsprechendes aktives Verhalten der Kundschaft auf solche Dinge verstehen. Ich bin in den virtuellen Weiten dieser vernetzten Welt auf den norwegischen Blogger Martin Bekkelund gestoßen, welcher unter der Überschrift „Outlawed by Amazon“ über genau solch eine Aktion berichtet und wo sich auch der gesamte Email-Austausch zwischen Amazon und der Nutzerin nachlesen lässt, welcher mittlerweile in den Medien für Aufmerksamkeit gesorgt hat. 

Die Norwegerin Linn liest viel. Und weil heutzutage eben Bücher nicht mehr nur aus guter alter Druckerschwärze, raschelnden guten alten Seiten und hellhörigen guten alten Eselsohren bestehen, macht sich auch Linn die Welt der guten neuen Kindles zunutze. Dutzende von Büchern auf Reisen dabei zu haben, ohne zentnerschwere Lasten mit sich herumschleppen zu müssen, ist eine feine Sache. Problematisch wird es allerdings, wenn plötzlich der Zugang zu diesen elektronischen Derivaten verwehrt wird und, so wie im Falle von Linn geschehen, aus für sie nicht nachvollziehbaren Gründen, der Account vom Anbieter auf Eis gelegt wird. Klare Sache, denkt sich der moderne Mensch von heute: Der Kundenservice von Amazon wird schon helfen und Licht ins Dunkel der digitalen Vollsperrung bringen. Unschön wird es allerdings, wenn sich auch nach mehreren erfolglosen Versuchen, den Fall aufzuklären, solch schöne verständnisvoll süße Sätze im eigenen Email-Postfach finden:

(…) We wish you luck in locating a retailer better able to meet your needs and will not be able to offer any additional insight or action on these matters.

Thank you for your attention to this email.

Regards

Michael Murphy
Executive Customer Relations
Amazon.co.uk

Naja, immerhin wünscht Amazon also viel Glück bei der Suche nach einem neuen Anbieter, welcher die Bedürfnisse von Die Rechtelosigkeit beim Erwerb digitaler Güter am Beispiel der Norwegerin Linn, deren Amazon-Konto aus mehr als schwammigen Gründen von einem Moment auf den anderen gesperrt wurde.Linn besser erfüllen kann. Punkt, Aus, Komma, Strich, Vollbremsung! Der Fall macht schnell im Internet die Runde und ein Sturm der Entrüstung zieht durch die virtuelle Landschaft. Und siehe da und dort per Screenshot. Amazon öffnet wie durch Wunderhand wieder die digitalen Pforten für Linn und alles ist gut! Doch ist es das? 

Welche Rechte erwerben wir mit dem Kauf?

Und was schreiben die anderen über diesen Vorfall? Einen sehr informativen Artikel zu dieser Causa fand ich auf „netzwertig.com“. Martin Weigert lässt unter „Verbraucherrechte im Cloud-Zeitalter: Amazon-Vorfall offenbart Missstände“ seinen Gedanken freien Lauf und kommt etwa zu der interessanten Erkenntnis, dass „der Vorfall zeigt, wie bisher selbstverständliche Verbraucherrechte im Cloudzeitalter unter Druck geraten.“ Lassen wir einmal die näheren Umstände der Löschung des Accounts außen vor, stellt sich eine weitere Frage nach der rechtlichen Handhabe dieser Maßnahme, welche Weigert damit anstößt:

Schaut man sich auf den Hilfe-Seiten von Amazon um, ist eindeutig überall vom “Kauf” der Kindle-Bücher die Rede, nicht vom Mieten. Doch wenn ein gesperrtes Amazon-Konto zur Folge hat, dass sämtliche für bares Geld erworbenen E-Books nicht mehr zugänglich sind, dann entspricht dies eigentlich nicht der gängigen Definition eines Kaufs. Besonders brisant ist die mit einer Account-Sperrung verbundene Fernlöschung des Kindles. Deutlicher kann Anwendern nicht vor Augen geführt werden, wie im Cloudzeitalter die großen IT-Firmen die Kontrolle über ihre Mediennutzung ausüben.

Wer sich einmal die bei Amazon angebotenen digitalen Gütern ansieht, wird zu der (vor)schnellen Erkenntnis kommen, er erwerbe mit dem Klick auf den Kaufen-Button und selbstverständlich nach Bezahlung sämtliche Rechte an diesen digitalen Werken. Doch eben diese Meinung teilt Amazon mitnichten. Denn Digital Rights Management oder kurz DRM stellt vollkommen neue Anforderungen an unser Denken und den Umgang der Nutzung von vermeintlich erworbenen Rechten (und Pflichten) an Gütern. Manche sprechen deshalb auch von Digital Restriction Managment oder Digitaler Rechteminderung.

Oder, um mit den Worten der in den Nutzungsbedingungen für den Amazon.de Kindle-Shop in der Fassung vom 24.Oktober 2012 zu schreiben, welche sich unter dem Punkt „1. Kindle-Inhalte: Nutzung von Kindle-Inhalten.“ für besonders Lesefreudige finden:

Nach dem Download Kindle-Inhalte durch Sie und der Zahlung der dafür zu leistenden Entgelte (einschließlich der jeweils anfallenden Steuern) gewährt Ihnen der Anbieter von Inhalten ein nicht-ausschließliches Recht, diese digitalen Inhalte ausschließlich für die persönliche, nicht-gewerbliche und nicht-unternehmerische Nutzung durch Sie unbegrenzt viele Male anzusehen, zu nutzen und anzuzeigen, und zwar ausschließlich auf dem Kindle, einer Lese-App oder wie dies im Rahmen des Service anderweitig zulässig ist und nur auf so vielen Kindle-Geräten oder Unterstützten Geräten, wie dies im Kindle Store angegeben wurde. Ihre Kindle-Inhalte werden durch den Anbieter von Inhalten lizensiert, nicht aber verkauft. Der Anbieter von Inhalten kann weitere Nutzungsbedingungen in den Kindle-Inhalten mit aufnehmen.

Sie verstehen? Sie kaufen trotz Kaufen-Button nicht und besitzen in weiterer Folge auch nicht, was Sie gekauft haben, sondern nutzen nur ganz besessen, was Sie nicht besitzen, aber trotzdem gekauft haben. Und, nur einmal angenommen, wenn Sie vor lauter Besessenheit einmal auf die Nutzungsbedingungen vergessen oder ein regelkonformes Verhalten im Sinne von Amazon vermissen lassen? Lesen Sie doch einfach weiter, bis zu unter „2. Allgemeines“ auf Folgendes stoßen:

Beendigung. Halten Sie eine Bedingung dieser Vereinbarung nicht ein, so enden Ihre Rechte aus dieser Vereinbarung automatisch. Bei einer solchen Beendigung haben Sie jede Nutzung des Kindle-Shops und der Kindle-Inhalte einzustellen und Amazon kann Ihnen den Zugang zum Kindle-Shop oder zu Kinlde-Inhalten [sic] ohne Erstattung von Entgelten sofort sperren.

Noch Fragen? Nein! Das dachte ich mir.

Schöne neue DRM-Welt 

Zurück zu Linn. Bei ihr dürften sich vor der unsäglichen Accountlöschung Probleme mit ihrem Kindle eingestellt haben. So lässt sich unter BoingBoing: „Kindle user claims Amazon deleted whole library without explanation“ nachlesen, dass der Kindle nicht zum ersten Mal seine Dienste verweigert. Nun, welche Probleme letztendlich für die digitale Vollbremsung verantwortlich waren und ob Amazon aus der Ferne gelöscht hat, was vermeintlich mit dem Kaufen-Button erworben wurde, lassen wir einmal dahingestellt. Doch es zeigt, dass die UserInnen schlussendlich dem Willen der Anbieter unterworfen sind und sich auf Gedeih und Verderb in die Hände jener begeben, welche diese digitalen Güter zur Verfügung stellen. Und wenn es dann doch einmal Probleme gibt? Nun, Simon Phipps gibt den finalen Email-Wortlaut von Amazon an Linn unter „Rights? You have no right to your eBooks“ wider:

(…) Amazon PR just wrote to say: „We would like to clarify our policy on this topic. Account status should not affect any customer’s ability to access their library. If any customer has trouble accessing their content, he or she should contact customer service for help. Thank you for your interest in Kindle.“

Bei Problemen gibt Amazon also den höchst hilfreichen Tipp, sich mit dem Kundenservice in Verbindung zu setzen. Genau dies hat Linn getan. Sie können sich sicherlich noch erinnern, welche Antwort sie daraufhin bekam: Wir wünschen Ihnen viel Glück bei der Suche nach einem neuen Anbieter etc. und so weiter und so fort. Mein Interesse an Amazon-Kindles ist jetzt natürlich geweckt. Nein, eigentlich schon gedeckt. Ach richtig, geht ja gar nicht. Habe schließlich meinen Account löschen lassen. Aus der Ferne.

Und so aus der Nähe betrachtet liest sich George Orwell’s „1984“ Seite für Seite und im DRM-freien Tageslicht eigentlich sowieso viel besser. Ja, es raschelt ganz gewaltig im digitalen Gebälk. Apropos 1984! Da war doch noch schon einmal etwas! Und wie es der Zufall so will, war doch seltsamerweise Amazon dabei beteiligt. Zu lesen unter „Schöne neue DRM-Welt„. Aber damit lasse ich Sie jetzt wieder alleine, mit dieser schönen neuen Digital Restriction Mangement World.  


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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