Die Marktmacht Kirche im öko-sozialen Ungleichgewicht



Wenn der öko-faire Glaube zu Grabe getragen wird

Gerade im Moment heiliggeistern ja viele Meldungen über den 50. Jahrestag des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die Medien. Eigentlich wollte auch ich diesen Anlass zum selbigen nehmen, um mich (wieder) einmal kritisch über die Institution Heiliger Stuhl mit all ihren heutigen Erscheinungsformen und Auswirkungen dieser bis dahin wohl größten Bischofsversammlung der Christenheit äußern. Doch wie so oft kommt es wieder einmal anders und ich lasse das Episkopat (siehe dazu meine Ausführungen zu „Die Macht der Päpste“ von Rudolf Lill) unbeachtet an mir vorüber ziehen, möchte mich aber trotzdem mit der Institution Kirche beschäftigen. Willkommener Grund dazu lieferte mir ein Brief der Christlichen Initiative Romero CIR (auch hierzu gibt es auf meinem Blog schon einige Artikel wie z.B. „Wir sind doch nicht blöd! – Ökologisch und fair„), welchen ich Ihnen vorab in Auszügen wiedergeben möchte.

Öko-soziale Kriterien beim Einkauf bewusst einzufordern, ist ein wichtiges Mittel, um Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Umwelt zu schonen. In unseren Fokus rückt dabei – neben den PrivatkonsumentInnen und der öffentlichen Hand – nun auch die Kirche. Als zweitgrößte Konsumentin im Land verfügt sie über eine enorme Marktmacht. Doch nicht einmal zehn Prozent der in Kirchengemeinden und in kirchlichen Einrichtungen konsumierten Lebensmittel werden öko-fair eingekauft. Bei Produkten wie Bekleidung, Steinen, Blumen und Spielzeug fällt die Bilanz noch schlechter aus. Einzig fair gehandelter Kaffee und Energieeffizienz scheinen sich etabiliert zu haben. Doch reicht das aus, um als Kirche glaubwürdig Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Nächstenliebe in die Gesellschaft zu tragen? Wir finden, nein!

Nun, das finde ich eigentlich auch. Gut, ich selbst zahle seit langer Zeit schon keine Kirchensteuer mehr, da ich dem Heiligen Stuhl und all jenen, welche mit diesem auf kleinerenGlaubhaft fair: Die Kirchen in die Pflicht nehemen. Deswegen setzt sich die Christliche Initiative Romero (CIR) zusammen mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), Misereor und dem Projekt „Zukunft einkaufen – Glaubwürdig Wirtschaften in Kirchen“ für eine Sensibilisierung des Themas ein. Gemeinden, die sich schon auf dem Weg gemacht haben, ihre Beschaffung nach öko-sozialen Kriterien systematisch umzustellen, möchten wir weiter motivieren und ihnen eine Anleitung geben, wie sie ihren Einkauf noch fairer gestalten können. Heiligen Stühlchen an vollgepackten Tischen sitzen, den Rücken gekehrt habe. Doch Nächstenliebe von der abgehobenen Kanzel zu predigen, anstatt diese in den Niederungen der Praxis auszuüben, Solidarität mit den Schwachen am sonntäglichen Tag des Herrn zu propagieren, anstatt diese an allen anderen sechs Tagen zu forcieren oder Gerechtigkeit konziliar messerscharf zu analysieren, anstatt die geweihten Hemdsärmel der liturgischen Gewänder aufzukrempeln und selbst Hand anzulegen, dazu benötigt diese Institution mein Schärflein nicht. Was aber dann tun, um den eigenen Ansprüchen zumindest ein kleines bisschen gerecht zu werden? Klar, Dialogbereitschaft werden manche jetzt denken. Doch mit schönen Reden bleiben selbst die kleinsten Teller leer und Wein aus Wasser mag zwar die Sinne berauschen, doch das betörende Hungergefühl kommt spätestens nach dem Kater zurück und nistet sich schnurrend in den Magenwänden ein.

Es ist genau dieses Missverhältnis zwischen predigenden Christen (tut mir leid, aber angesichts des dauerzuständigen Patriarchats in der römisch-katholischen Kirche kann ich von predigenden Christinnen leider nicht schreiben oder kurzum: Frauen müssen draußen bleiben) und der aktiven Glaubensgemeinschaft (jetzt dürfen Frauen wieder eintreten), welches es fast unmöglich macht, den auf den angesägten Heiligen Stühlen Sitzenden noch Gehör zu schenken geschweige denn Dialogbereitschaft zu zeigen. Lassen wir aber (auch die evangelische) die Kirche im gallischen oder welchem Dorf auch immer und sehen zu, dass uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt und uns unter 2000 angestaubten Jahren unter sich begräbt. Oder anders ausgedrückt: Wo können wir selbst von A nach Ω spazieren, ohne den Weg öko-fairen Handelns zu verlassen.

Werden Sie aktiv und übernehmen Sie Fairantwortung!

So lautet das vorgegebene Motto der in diesem Zusammhang gedruckten Aktionszeitung „Wie fair kauft meine Aktiv gegen Kinderarbeit: Das Projekt „XertifiX“ macht sich stark für fair gehandelte Grabsteine.Gemeinde?„, welche sich wohl weniger an jene richtet, welche mit schwerem Petrusschlüssel mahnend im Sitzen winken, anstatt die knarrenden Türen der Nächstenliebe aufzusperren, sondern an Pragmatikerinnen und Himmelsstürmer, welchen Begriffe wie Verantwortung für Gerechtigkeit, öko-sozialer Frieden oder Fair Trade nicht erst in verständliches Kirchenlatein übersetzt werden müssen. Oder wie eine aktuelle Südwind-Studie mit dem Titel „Ökofaire Beschaffungspraxis
in Kirche und Diakonie
“ von Jiska Gojowczyk so (un)schön auf Seite 36 schreibt:

4.1 Analyse nach Einrichtungskategorien

4.1.1 Kirchengemeinden

In vielen Kirchengemeinden ist die Hürde zu einer ökofairen Beschaffung nicht nur der Preis, sondern vielmehr der Aufwand und die Zeit, die aufgebracht werden müssen und gegebenenfalls an anderer Stelle fehlen. Schon das Ausfüllen von Fragebögen zur Beschaffungspraxis kostet diese Zeit. Bei Befragungen ist deshalb auch zu erwarten, dass die kleinsten Gemeinden chronisch unterrepräsentiert sind, weil sie kaum die nötigen personellen Ressourcen zur Bearbeitung aufbringen können. Auch bei unserer Umfrage stießen wir auf Absagen von Theologinnen und Theologen im aktiven Dienst, die anmerkten: „Unsere Zeit möchten und müssen wir mit Menschen verbringen.“

Aktion fair spielt. Für faire Regeln in der Spielzeugproduktion. Gemeinsam mit Partnerorganisationen in Europa und in Asien setzt sich die Aktion fair spielt für die Beachtung der Menschenrechte und grundlegender Arbeitsnormen in der Spielzeugindustrie ein.„Unsere Zeit möchten und müssen wir mit Menschen verbringen.“ Ein einprägsamer Satz! Allerdings sollten die für den Einkauf und die Beschaffung Verantwortlichen nicht vergessen, dass auch Kaffeebauern in Nicaragua, Näherinnen in Bangladesh oder schulpflichtige Kinder in Indien, welche für unser Leben nach dem Diesseits schon einmal vorsorglich mit zarten Kinderhänden Rohmaterial für Grabsteine aus staubigen Steinbrüchen für unseren erhofften Weg ins lichtdurchflutete Jenseits klopfen respektive mit schweren Bohrhämmern schlagen, zu dieser Spezies zählen.

Klar, mit diesen Menschen lässt sich aufgrund der räumlichen Distanzen und anderer Diskrepanzen nur schwerlich solch wortreich dimensionierte Raum-Zeit-Verkrümmung auf dem Rücken dieser von Kreuzschmerzen Gekrümmten und zu Kreuze kriechenden Armen aus dem aus den Fugen geratenen Weltbild führen. Wer möchte schon auf Schokolade aus Die Krux mit der Nächstenliebe. Wie fair kauft meine Gemeinde? Die Kirche hat nach der Öffentlichen Hand das zweitgrößte Einkaufsvolumen in Deutschland. Sie beschafft jährlich Waren und Dienstleistungen von 40 bis 80 Mrd. Euro und verfügt damit über eine enorme Marktmacht. Doch nicht einmal zehn Prozent der in Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen konsumierten Lebensmittel werden öko-fair eingekauft. Einzig fair gehandelter Kaffee und Energieeffizienz scheinen sich etabliert zu haben.Ghana beim süßen Vaterunser verzichten? Wie den obligatorischen Beichttermin per Handy vereinbaren, wenn Gold, Silber und Coltan aus dem Kongo und Südafrika die bußgewandete Stimme verzagend versagen lassen? Womit die reichen Altäre schmücken, wenn Tulpen aus Amsterdam so viel ferner sind als pestizidverseuchte Weihnachtsterne aus Mittelamerika? 

Jährliche Dienstleistungen und Waren im Wert zwischen 40 und 80 Milliarden Euro. Die Macht der Päpste hat sich zu einer nicht zu unterschätzenden Marktmacht der Kirche(n) entwickelt. Die Entwicklungshilfe, die Bereitschaft zu Hilfe durch Selbsthilfe und die immer noch viel zu wenig genutzten Möglichkeiten, aktiv auf gerechte Arbeitsbedingungen und faire Entlohnung zu drängen, sollten gerade für die Institution Kirche eine Selbstverständlichkeit sein. Klar, durch solche Maßnahmen wachsen die vielerorts knapp bemessenen Zeitkontingente nicht in den Himmel, aber die Zukunftsperspektiven erfordern nicht immer nur schwungvolle Lippenbekenntnisse im Namen des Herrn, sondern lassen sich unter den richtigen öko-sozialen Gesichtspunkten zu lautlosen Schaffensprozessen dank gedankenvoller Beschaffungsprozesse formen. Ob dieser, also jener, dessen Namen so viele gedankenlos Tag für Tag in die hilfesuchende Weltgeschichte schmettern, eigentlich auch schon mit dem Laptop und per Email himmlische Botschaften nach Rom schickt? Wäre interessant zu wissen. Was Sie aber auf alle Fälle wissen sollten: Bei Klick auf das nebenstehende Schaubild finden Sie Inspirationen und Anregungen, um als himmelsstürmender Christ möglicherweise das eine oder andere himmelschreiende Unrecht durch eine durchdachte Einkaufspolitik ein kleines bisschen zu lindern. Und wenn schon nicht unter dem Dach der Kirche, so zumindest innerhalb Ihrer eigenen vier Wände. Besonders die Seiten acht und neun liefern dazu einige gute weiterführende Links und Webseiten.  


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Kommentar erstellen