Energiewende in vielstimmiger Schieflage 3



Energiearmut: Der Öko-GAU nach dem atomaren GAU?

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sich mit diesem neuen partei- und in weiterer Folge auch sozialpolitischen Begriff „Energiearmut“ zwar in erster Linie kein Geld, dafür aber in naher Zukunft WählerInnenstimmen verdienen lassen. Das ewig verwendete Schlagwort, Ökostrom sei zu kostenintensiv und bedeute durch Neuinvestitionen im dreistelligen Milliardenbereich in den nächsten Jahrzehnten, ich nehme hier die stellvertretend die Bundesrepublik Deutschland, ein deutliches Mehr an Ausgaben für Erneuerbare Energien im Wandel der Zeit oer im Gezeitenwandel? Ökostrom in Schieflage. Ein paar Gedanken zu grüner Energie von Paul Boegle.Haushalte mit geringem Einkommen, ist irgendwie jetzt schon in die Jahre gekommen. Dass die Großen der Branche mit weiterer einseitiger Argumentation diese „Bildungspolitik“ anheizen, ist allzu leicht verständlich.

Wenn Eon, Vattenfall, RWE oder der unlängst wieder in die negativen Schlagzeilen geratene süddeutsche Energieversorger EnBW (siehe dazu: „He can kill Angela with his troops„) von bereits bestehenden Infrastrukturen sprechen, die kein zusätzliches Geld kosten, ist das selbstverständlich richtig. Energie in Form von Kohlekraft wird in vielen Fällen dort produziert, wo sie benötigt wird. Die Energienetze dafür stehen zur Verfügung. Im Gegensatz dazu haben die Naturkräfte wie Wind, Wasser oder Sonne den Nachteil, in vielen Fällen dort ihren Input bereitzustellen, wo kein Bedarf herrscht. Windkraft an der Küste, Wasserkraft in den skandinavischen Ländern oder Sonnenenergie in südlichen Gefilden bedeuten einen logistischen und finanziellen Aufwand sondergleichen. Leitungen von den Offshore-Zentren müssen in die Wirtschaftsmetropolen gelegt werden. Pumpspeicherkraftwerke benötigen eben jenen Wind, um zuerst einmal Wasser in riesige Becken zu pumpen, die wiederum später Turbinen antreiben. Alles eine Sache des Geldes. Und dass die dafür benötigten Energiespeicher ebenfalls nicht für einen warmen Händedruck zu bekommen sind, ist auch mir klar. Und auch in Sachen Solartechnik ist nicht alles eitel Sonnenschein. 

Ein aus allen Nähten platzender Ballon namens Erde

Doch andererseits wird auch gerne verschwiegen, dass die zunehmende Verknappung der fossilen Energieträger zu steigenden Rohstoffpreisen führt. Kohle, Öl und die derzeitige Diskussion um die Erdgasgewinnung durch das Fracking, wie in Nordamerika jetzt exzessiv ausgebaut, führen in Zukunft wohl ebenso zu einer Mehrbelastung durch steigende Stromkosten. Oder dürfen wir uns der Illusion hingeben, die Energieversorger wälzen die Preissteigerungen nicht auf die VerbraucherInnen ab? Einmal ganz abgesehen von der Entstehung der enormen CO2-Belastung durch die Kohelkraft. Carbon Capture and Storage (CCS) und andere Lösungsansätze des Geo-Engineerings als Allheilmittel für diese Folgekosten? Richtig! Wieder verfolgt uns das Thema Kosten. Allerdings wohl erst dann, wenn wir uns über die Langzeitfolgen von verpresstem Kohlendioxid in undurchlässige Gesteinsschichten im Klaren sind. Wobei wir uns darüberhinaus auch die schmerzlichen Folgen vor Augen führen sollten, wenn wir aus anderen Gesteinsschichten Erdgas mithilfte giftiger Chemikalien an die Oberfläche holen (eben jenes Fracking), welche dann dort bleiben sollen, wo sie ursprünglich hineingepumpt wurden. Wir füllen und füllen die unteren Erdschichten mit Dingen, welche wir hier oben nicht mehr brauchen können. Wie lange soll dies gutgehen?

Atomstrom ist sauberer Strom! Und billig ist er ebenfalls! Nun, solange wir die Kosten für die Endlagerung der gebrauchten Brennstäbe außen vor lassen, diese Rechnung mit Folgekosten nach atomaren Zwischenfällen für Entsorgung kontaminierter Bereiche, das Abtragen ganzer Städte in den verstrahlten Regionen oder die Beerdigung der zahlreichen Opfer hier nicht einfließen lassen, mag das durchaus seine Richtigkeit haben. Tun wir das aber nicht und rechnen noch die Maßnahmen für den Bau erbbeben- und terrorsicherer AKWs hinzu, überlegen uns weiterhin, wieviel Geld in die medizinische Versorgung der Strahlenopfer sowie deren Nachkommen fließt, wird aus dieser kostendeckenden Zahlenspielerei recht schnell eine monetäre Kernspalterei mit angereicherter Selbstverstümmelung.

Internationale Energiewende – was sonst?         

Spricht der CDU-Fraktionsvize Michael Fuchs bei Windrädern gar von Vogelschredderanlagen und nennt die Solarzellen Subventionsgräber (S.P.O.N.: Energiewendehälse) und fährt damit mit einer atomaren Parade riposte der von seiner Kanzlerin Merkel ausgelobten Energiewende im post-fukushiminimalistischen Zeitalter in die Energiewendepläne, möchte der linke Linksflügel das flügellahmende Projekt für die nächsten Wahlen durch eine Erhöhung der Grundsicherung flügge machen. So schlägt etwa Hilde Mattheis, die Sprecherin der Arbeitsgruppe Verteilungsgerechtigkeit, als Alternative „eine kostenlose Mindestversorgung“ mit Strom für Hartz-IV-Empfänger vor, um „Energiearmut zu verhindern„, wie die Wirtschaftswoche unter „SPD-Linke will bei Energiearmut Hartz IV erhöhen“ schreibt.

Ein Ökostrom Preisvergleich kann einkommensschwachen Haushalten, BezieherInnen von Renten oder Langzeitarbeitslosen sicherlich nicht als Wunderwaffe dienen, sollte jedoch auf alle Fälle durchgeführt werden. Energieschonende Politik, ebenso ein Teil einer vollzogenen Energiewende, bezieht sich immer auch auf wirksame Maßnahmen energetischer Gebäudesanierung wie etwa Fenster oder Fassadendämmung. Gas- und Ölheizungen durch die Vermieter auf den neuesten Stand der Technik zu bringen oder dem kurzfristigen Gewinnmaximierungsstreben der Finanzinvestoren entgegenzutreten, muss dabei ebenfalls in den Betrachungen der Politik seine Platz haben. Die steigenden Kosten durch höhere Ökostrompreise als potentielle Wahlkampfthemen herzunehmen, mag ja legitim sein. Doch vielleicht sollte sich die Politik endlich einmal dazu durchringen, die Novellierung der Energieeinsparverordnung noch einmal auf- und durchzuarbeiten. Eine Verschärfung der EU-Vorgaben und gleichzeitige Umsetzung in deutsches Recht, dazu etwa Gutachten zur Novellierung der Energieeinsparverordnung (EnEV), ist im Sinne des Umweltschutzes durchaus von Vorteil. Doch wenn sich dieser Vorteil auf Kosten der MieterInnen nachteilig durchschlägt, sind Solarsubventionen nur eine Ursache von Preissteigerungen und Energiearmut. Steuerschonende Befreiungsregelungen für stromintensive Unternehmen, welche Ökostrom nutzen, werden hier gerne verschwiegen. Was aber ebenfalls auf die Mehrwertsteuer, Konzessionsabgabe oder Stromsteuer zutrifft. Staatliche Einnahmen, welche jedoch für diese sozialen Abhängigkeiten in gleichem Maße verantwortlich sind, aber eben nur ungerne zur Sprache gebracht werden.             

Dass Deutschland den von Kanzlerin Merkel ausgelobten Weg der Energiewende nicht alleine gehen kann, sollten nicht nur die Regierungsverantwortlichen anderer Länder schön langsam begreifen. Dass weitere Anreizsysteme für den Ausbau, die Akzeptanz und den Umstieg auf erneuerbare Energieträger geschaffen werden müssen, steht ebenso außer Frage. Übrigens nicht nur innerhalb der Bevölkerung, sondern in gleichem Maße durch die Wirtschaft. Ein Problem resultiert derzeit aus diesem Fracking. Denn Kanada und die USA produzieren und nutzen billiges Erdgas und schicken die teure und umweltbelastende Kohle to good old Europe. Folge: Lohnintensive heimische Wirtschaftszweige wandern in den Osten, um dort billig produzieren zu lassen und energieintensive Unternehmen schlagen ihre Zelte in diesen neuen Billigländern der (un)begrenzten Energieressourcen auf.

Green against green

Wenn, so wie in Österreich, ein Festhalten an der Nabucco-Pipeline (auch hierzu habe ich mich bereits unter „Nabucco: Babylonische Gefangenschaft asiatischer Gaslieferungen“ geäußert) selbst nach dem Aus durch BP („BP erklärt Nabucco-Pipeline für erledigt„) immer noch nicht vom Tisch ist, sondern in einer abgespeckten Version namens Nabucco-West von der bulgarisch-türkischen Grenze nach Baumgarten nahe Wien auf Biegen und Brechen vorangetrieben wird, zeigt dies den Stellenwert in Sachen Energiepolitik und das fossile Denken rund um grünes Zukunftsstreben. Sich durch diesen südlichen Gaskorridor von den russischen Gaslieferanten unabhängig zu machen, bedeutet nichts anderes, als sich in die Abhängigkeit neuer Zulieferer zu begeben.

Ich möchte zuletzt auch nicht verschweigen, dass ein Forcieren grüner Energie immer auch mit anderen Interessenkonflikten untrennbar verbunden ist. Das sogenannte „Green against green„-Problem soll hierbei stellvertretend angeführt werden. Klimaschutz auf der einen Seite bedeutet auch immer einen Kompromiss mit z.B. Artenschutz. Manche politischen Verantwortlichen nennen dies dann eben populistisch „Vogelschredderanlage“. Die richtige Balance auf dem Weg zu finden, wird eine Herausforderung innerhalb der europäischen Gemeinschaft, aber auch der transkontinentalen Energievernetzung und des globalen Umweltschutzes in allen seinen Facetten werden.

Norwegen, Österreich und Schweden liefern Wasserkraft. Die Briten, die Deutschen, die Niederlande und Irland treiben den Motor Erde durch Windkraft an. Und unsere afrikanischen Nachbarn, die Spanierinnen, die Italiener und die portugiesische Bevölkerung beiderlei Geschlechts machen die Sonne zum strahlenden Ersatz atomarer Energieversorgung. Natürlich sollen auch die überseeischen Nachbarn nicht außen vor bleiben. Eine Grundversorgung mit Erdgas in Zeiten der Flaute ist sicherlich wichtig. Zumindest solange, bis der Planet nur noch von Sonne, Wasser und Wind leben kann. Ach ja, und Liebe natürlich. Aber das ist leider ein ganz ein anderes Thema.      


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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3 Gedanken zu “Energiewende in vielstimmiger Schieflage

  • Sabrina

    Sehr umfassender und gut geschriebener Beitrag. Hier wird nochmal aufgezeigt, dass jede Sache, die wir angehen – in diesem Fall natürlich die grüne Energie – immer auch eine Kerseite hat. Man kann eben nicht immer nur etwas vornehmen und auf Biegen und Brechen umsetzen. Man muss auch nach Link und Rechts schauen und guckn, dass alle Interessensgemeinschaften mit dem Handeln zufrieden sind. So eine Energiewende kann auch nicht von heute auf morgen passieren, aber mit reichlichen Überlegungen und auch der Ehrlichkeit die negativen Aspekte ausreichend zu betrachten, kann eine derartge Veränderung positiv ausgehen.

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Wobei ich anmerken darf (oder muss), dass sich natürlich noch weit mehr Konflikte ergeben. Gerade hinsichtlich dem Ausbau von Wasserkraft auf dem Balkan, also etwa Slowenien, Kroatien oder anderer Staaten aus dem ehemaligen Jugoslawien, werden in nächster Zeit sicherlich die Diskussionen über Für und Wider des Ausbaus von Wasserkraftwerken laut. Einerseits warnen Umweltschützer vor dem Ende dieser Naturparadiese, aber andererseits bietet diese Form eine gute Möglichkeit, Investoren ins Land zu locken und sich nebenbei von teuren und schmutzigen Energieimporten unabhängig zu machen. Wer möchte hier schon einen Konsens finden, wenn sich solche Interessen so konträr gegenüberstehen.