Ich frage nicht: „Wie geht es der Erde?“ 1



Denn die Antwort kennt nicht einmal der Wind

Ich habe doch tatsächlich noch kein einziges Wort über den gerade stattfindenden Rio plus 20 Gipfel verloren. Nun, das hat natürlich mit meiner tiefliegenden Aversion gegen offensichtliche Umweltprobleme zu tun. Klar, Sie können dies auch mit Interesselosigkeit titulieren. Doch ich muss Sie warnen, dies allzu laut zu sagen, denn ich habe mächtige, sehr mächtige FreundInnen, welche diesem ebenso frönen wie ich es tue. Da hätte ich etwa die deutsche Klimakanzlerin Angela Merkel zu bieten. Also, von mir aus auch ehemalige Klima- und jetzige Nur noch-Kanzlerin. Irgendwie verständlich, dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel eine deutlich deutsche Abfuhr zu erteilen. Findet doch justamente zur gleichen Zeit die Fußball Europameisterschaft in der Ukraine statt. Sie wissen schon, dort wo Julia Timoschenko ihrem Team hoffentlich die Daumen drückt. Nein, nicht der ukrainischen Fußballelf, sondern eher dafür, dass das vom Gericht berufene Ärzteteam nicht zu ihrer Behandlung antritt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie eng die beiden Begriffe „Genesung“ und „Verwesung“ beieinanderliegen, was aber bei ferner Betrachtung doch ab und zu einen ganz erheblichen Unterschied ausmacht.

Stichwort ausmachen. Der letzte macht ja bekanntlich das Licht aus. Im Falle von Rio plus 20 fällt da die Wahl äußerst schwer, wer da am Schalter spielen darf und angesichts von so langweiligen Themen wie steigenden CO2-Emissionen, Welthunger, Armutsbekämpfung oder solch undurchsichtigen Begrifflichkeiten wie Green Economy nachhaltig das Lichtlein ausblasen darf. Einer wird es aber mit Sicherheit nicht sein. Mein mächtiger Freund Barack Obama. Neben der deutschen Klimakanzlerin ohne Klima, aber dafür umso mehr Fußballsachverstand, übrigens das zweite Ass in meiner interesselosen Hemdärmeligkeit, welches ich zu bieten habe. Das hat aber gute Gründe. Denn der (Noch)Präsident der Vereinigten Staaten dürfte nach Rücksprache mit Premier David Cameron aus Großbritannien, welcher ebenfalls zu meinen neuen besten brasilianisch boykottierenden Freunden zählt, zu dem Schluss gekommen sein, dass aufgrund der etwas ungünstigen Terminplanung, gleichzeitig findet in Mexiko der G20-Gipfel der führenden Volkswirtschaften dieses Planeten statt, ein Tanz auf zwei Hochzeiten schlicht ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Welchen Stellenwert besitzt also der „Gipfel der Völker“, wie Rio plus 20 so verlogen euphorisch allenthalben genannt wird, wenn die politische A-Kaste, bestehend aus jenen gewählten VolksvertreterInnen, welche in Volkes Namen sprechen oder vielleicht auch im Namen der Hungerleidenden, des Umweltschutzes oder des gigantischen Ressourcenverbrauchs handeln sollten, lieber in Mexiko der Frage aller Fragen nachgehen? Nämlich wie den Euro retten, um das langsame Auseinanderdriften der europäischen Euro-Länder zu verhindern und zugleich das griechische Damoklesschwert der Parlamentswahlen über den Häuptern auszubalancieren. Der Urnengang des griechischen Partners als Abgesang brasilianischer Hilflosigkeit. Die kränkelnde Euro-Zone überdeckt die tödliche Sahelzone. Der Hunger nach Wirtschaftswachstum gegen den Hunger der Welt kennt nur einen Sieger. Monetärer Aktionismus contra inflationären CO2-Ausstoß. Die Schlacht am kalten Buffet ist eröffnet. Und mitten drin die globale Führungselite.

Und was bleibt Brasilien? Keine Angst, auch dort wird das Interesse von Merkel, Obama und Cameron wieder aufflammen. Spätestens 2014. Denn dann findet im Land unter dem Zuckerhut die nächste Fußball-WM statt. Dann heißt es endlich wieder Daumen drücken. Denn wo der Ball rollt, rollt auch der Rubel. Und wo der Rubel, da ist der Dollar nicht weit. Und wo die Dollars regnen, lässt uns der Euro nicht im Trockenen stehen. Hartes Brot und aufgeweichte Spiele. Und zur Not können wir auf das Brot auch noch ein Weilchen verzichten. Zumindest am kalten Buffet, welches sich vor Scheinheiligkeiten bis zu den finanziell verstärkten Balken biegt.

Und was hat das Ganze nun mit meiner überschriftlichen Fragestellungsverweigerung „Wie geht es der Erde?“ zu tun. Dafür mache ich Kurt Palm verantwortlich. Der zählt zwar nicht zu meinen allerbesten Boykott-Freundschaften wie Angie, Barie und Davie (deshalb verweigere ich ihm auch hartnäckig das liebevolle Kurti), aber er hat in seinem gleichnamigen Artikel „Ich frage mich … Wie geht es der Erde?“ doch einige verbale Leckerbissen parat, welche ich Ihnen hier nicht vorenthalten möchte.

(…) Stolz bin ich auch auf mein 40-Jahr-McDonald’s-Boykott-Jubiläum, das ich demnächst feiern werde. Im August 1972, als der Begriff „sustainable development“ noch mit „kraftgebende Entfaltung“ übersetzt wurde, beschloss ich während eines Ferienaufenthalts in Los Angeles nach dem Besuch eines McDonald’s-Ladens nämlich, diese Art der Nahrungsaufnahme für den Rest meines Lebens zu verweigern. In mein Tagebuch schrieb ich damals: „In einem Land, in dem sich der Großteil der Bevölkerung von McDonald’s-Fraß ernährt, ist der geistige Verfall nicht aufzuhalten.“

(…) Für mich ist McDonald’s ein Synonym für den weltumspannenden Konsumterror des Großkapitals, den man verharmlosend „Globalisierung“ nennt, womit nichts anderes gemeint ist, als dass ein Hamburger in Wien genauso schmecken muss wie in Hongkong. Dass so eine Gleichschaltung der Massen erfolgt, versteht sich von selbst. Wie der Hamburger weltweit genormt ist, soll auch der Konsument genormt sein. Der „moderne“ Mensch muss in diesem System seine Individualität auf den Altären der Konsumtempel opfern, weil dieses System sonst zusammenbrechen würde. Damit der Konsument erst gar nicht auf die Idee kommen könnte, bei McDonald’s Teil eines zerstörerischen Systems (Regenwald, Sojaproduktion etc.) zu sein, wird so getan, als würde er als Individuum ernst genommen.

(…) Der Dramatiker, Whisky-Trinker und Zigarrenraucher Heiner Müller hat diesen neuen Typus von Konsumenten so beschrieben: „In den McDonald‘ s-Läden sitzt schon eine neue Menschenrasse, die begeistert Scheiße konsumiert. Da sitzen nur noch Zombies, und die an diese neue Welt gewöhnten Kinder brauchen weder Kunst noch Literatur oder Theater und werden nie im Leben auf die Idee kommen, dass das für sie interessant sein könnte. Oder dass irgendein Gedanke interessant ist, der sich nicht unmittelbar in Hamburger umsetzen lässt.“

Mit Verlaub, Herr Palm. Doch angesichts solcher Vorbilder ist es oftmals schwierig, sich auf andere Dinge als Scheiße zu konzentrieren. Dieser neue Typus Mensch bräuchte in erster Linie für ein Umdenken auch einen neuen Typus PolitikerIn, welcher dem globalisierten Konsumterror mutig entgegentritt anstatt dem Nachwuchs zu suggerieren, dass die harten Leitwährungen Dollar und Euro das Maß aller Dinge sind und weit über all den anderen Problemen stehen.



Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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