Vom äthiopischen Teufelskreis zum vollmundigen Coffee Circle 1



Brühwarm aufbereitet und schwarz-weiß serviert

Ich selbst habe mich ihr mit Haut und Haaren verschrieben. Habe ich sie nicht vorrätig, werfe ich im günstigsten Falle nur meine Geschmacksnerven weg. Ich pulversiere ihren makellosen, braungebrannten Körper mit der Lust des Genusssüchtigen. Gerate in Ekstase, wenn ich das extessiv ausstrahlende Aroma ihrer weichen Rundungen in mich hineinströmen lasse. Schon beim geräuschvollen Mahlen male ich mir in den schillernsten schwarz-braunen Farben aus, was danach kommen wird. Nein, liebe LeserInnen, ich denke jetzt nicht an „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich“ von Heino. Ich schreibe brühwarm über die Kaffeebohne. Aber trotzdem weiter im Text.

Ich kann sie schon riechen, bevor ich sie sehe. Ich liebe sie heiß und innig, fühle mich jeden Morgen zu ihr hingezogen, bin ihr auf Gedeih und Verderb geschmackssinnlos verfallen. Wobei wir jetzt erstaunlicherweise schnell beim heutigen Thema wären. Denn der Kaffeebohne bin nicht nur ich verfallen. Gerade diejenigen, welche mir diese Coffee Circle: Wir möchten die besten Kaffees dieser Welt für alle Menschen erlebbar machen und dabei das Leben der Kaffeebauern ernsthaft und nachhaltig verbessern. Coffee Circle steht für eine neue Art des Handels. Wir möchten Produzenten und Konsumenten in einer direkten und transparenten Art verbinden, wie es sie bisher nicht gibt.Köstlichkeit tagtäglich zur Verfügung stellen, sind ihr ebenfalls verfallen. Ziemlich nachhaltig sogar. Oder in fast allen Fällen eben nicht nachhaltig. Ich möchte heute nicht näher auf dieses Missverhältnis zwischen (minderjährigen) KaffeeerzeugerInnen und (volljährigen) Kaffeeanbietern und letztendlich KonsumentInnen eingehen. Nicht, weil ich diesem Thema keine Beachtung schenke, denn ich habe mich schon desöfteren (siehe z.B. Email von Solidar Suisse: Kinderarbeit im Nespresso? oder auch Sorry George: UNO-Botschafter Clooney vs. fairer Kaffee) intensiv damit auseinandergesetzt.

Nun haben sich auch andere damit beschäftigt, um diesem Problem der Divergenzen zwischen Arm und Reich auf den Kaffeeplantagen zu begegnen. Beim Coffee Circle stehen die drei ehemaligen Unternehmensberater und Gründer Robert Rudnick, Martin Elwert und Moritz Waldstein-Wartenberg dahinter. Was ist aber nun Zweck solch seltsamen Treibens auf einem Markt, welcher von Namen und Marken wie Tchibo, Eduscho, Jacobs, Dallmayr und eben auch Nestlé röstfrisch dominiert wird? Die Idee an sich klingt recht simpel und vor allem sehr gut.

Kaffee direkt beim Anbauer in Äthiopien einkaufen, übers Internet verkaufen und damit Entwicklungsprojekte direkt finanzieren. So schließt sich für die Gründer der Plattform Coffee Circle der Kaffee-Kreislauf.

Drei Beobachtungen ließen die Roland-Berger-Berater Martin Elwert, Moritz Waldstein-Warten und Robert Rudnik vor ein paar Jahren ihren Job hinwerfen: dass in Äthiopien einer der besten Kaffees angebaut wird; dass die Zahl der Kaffeekenner unter den Konsumenten wächst; dass Kaffeebauern oft keinen Zugang zu Strom, Wasser oder Bildung haben.

„Diese Faktoren wollten wir unter einen guten Hut bringen“, erzählt der in Berlin lebende gebürtige Salzburger Waldstein. Herausgekommen ist coffeecircle. com, eine Online-Plattform für handverlesenen Spitzenkaffee aus Äthiopien. Ein Euro pro verkauftes Kilo fließt in Entwicklungsprojekte, die mit Herstellerkooperativen in dem afrikanischen Binnenstaat umgesetzt werden. (Der Standard: Online-Kaffeeverkauf: Der kurze Draht vom Pflücker zum Kenner)

Nun, eigentlich wäre nun doch alles gesagt. Ein guter Ansatz mit altruistischen Zielsetzungen und dem Bedürfnis, dort zu helfen, wo die großen Anbieter versagen respektive ihre Intention zu fairem Handeln versagen. Doch so einfach möchte ich es mir, Ihnen und vor allem auch den Gründern nicht machen. Auch wenn die folgenden 90 Sekunden mehr als nur ansprechend klingen, bleibt im daran folgenden zweiten Teil meines Beitrags doch ein kleiner Rest Kaffeesatz übrig, welcher aber erst beim letzten Schluck sichtbar wird. Nun gut, etwas recherchieren musste ich natürlich schon, um diesen Bodensatz an die Oberfläche zu befördern. Denn nicht alles, was auf den ersten Blick als tiefschwarz erscheint, hat nicht irgendwo noch weiße Spurenelemente, welche außer aufgeschäumter Milch die ganze Sache ein bisschen verwässern.

Der schlechte Nachgeschmack an Coffee Circle

Zugegeben, ich halte die Idee der drei Firmengründer für gut. Eigentlich sogar für sehr gut. Doch bei aller Sympathie für das Projekt hat die ganze Sache einen unschönen Beigeschmack: Die Geldgeber, welche bei Coffee Circle nachhaltig und leider gar nicht transparent im Hintergrund mitmischen. Denn 30 Prozent der Investitionen des Startups kommen von Tengelmann, wie unter Gründerszene: Coffee Circle im Interview nach dem Tengelmann-Invest „Deutschland ist Kaffee-Entwicklungsland“ nachzulesen ist. Dort lesen sich dann Sätze wie

In solch einen schweren Markt dürften sich also nur echte Kaffeeenthusiasten wagen. Im Interview mit Moritz Waldstein und Martin Elwert von Coffee Circle stellt sich allerdings heraus, dass Kaffeepassion alleine nicht den Grundstein für Coffee Circle legte. Vielmehr veranlasste die hautnah miterlebte miserable Lebenssituation der Kaffeebauern im besten Kaffee-Anbaugebiet der Welt Äthiopien die Berliner, hier etwas tun zu wollen. Deshalb geht von jedem verkauften Kilo Coffee Circle-Kaffee ein Euro ohne Umwege in Hilfsprojekte wie Brunnen oder Schulmaterial direkt nach Äthiopien. Löblich. 

Die profunden KennerInnen des schlechten Geschmacks werden spätestens jetzt laut aufheulen oder im Duett mit den gemahlenen Bohnen zumindest leise mit den Zähnen knirschen. Denn Tengelmann steht für vieles. Allerdings sicherlich nicht für die nachhaltige Verbesserung miserabler Lebenssituationen in allen modischen Lebenslagen. So zählt zum Reich des riesigen Handelsreisenden nämlich auch eine 82-prozentige Beteiligung an KiK (Wirtschaftswoche: Das Markenreich des Handelsriesen Tengelmann). Spätestens jetzt werden jene, welche geschmacksneutral blieben, die Geschichte schon kritischer sehen. Auch hier verweise ich wiederum auf zwei Artikel, welchen Ihnen meine Einstellung zu solch Unternehmen wie KiK näherbringen soll (siehe z.B. „Lieber echte Karriere als falsche Ideale“ und „Was Sie schon immer über Adbusting wissen wollten – Am und zum Beispiel KiK). Oder wie Laura unter „Entrepreneur Creativity: Coffee Circle – Was steckt hinter Kaffee gegen Wasser?“ so schön schreibt:

Schönheitsfehler

Rund 30% der Anteile des Start-up Coffe Circle gehören dem Unternehmen Tengelmann. Tengelmann dürfte euch bekannt sein, da auch KiK zu dieser Unternehmensgruppe gehört. Was es mit KiK und unschönen Arbeitsbedingungen, sowie vielen weiteren abschreckenden Verhältnissen auf sich hat, könnt ihr aus dem spannenden Artikel von Sofia entnehmen. Wir würden uns auch riesig darüber freuen, wenn Ihr zu diesem Thema uns Eure Meinung mitteilt. Meint ihr dies hat auch auf das Image von Coffe Circle einen negativen Einfluss?

Weshalb mache ich immer noch nicht Schluss? Die Spreu vom Weizen wäre doch jetzt endgültig getrennt. Auch das Coffee Circle impliziert immer wieder, dass es bei ausgiebigem Schlürfen immer das eine oder andere Haar im Kaffee zu entdecken gibt. Was mich aber wirklich mehr an dem Projekt stört als die Investitionssumme von Tengelmann, sind die Sätze von Mitgründer Martin Elwert, welche sich unter Werben & Verkaufen: Coffee Circle: „Wir sind nicht irgendwelche verrückten Spinner“ nachlesen lassen.

Wer sind ihre Kunden?

Unsere Kunden sind überwiegend wertegetrieben. Das reicht von den klassischen Lohas mit hohem Einkommen bis zu Menschen, denen der Kaffee einfach gut schmeckt und für die der soziale Aspekt erstmal nebensächlich ist. Die sind für uns sehr wichtig, denn wir wollen in erster Linie guten Kaffee verkaufen, dann kommen die Kunden auch wieder.

Ködern mit dem guten Gewissen klappt also nicht?

Es reicht nicht aus als Geschäftsbasis in Deutschland an das schlechte Gewissen zu appellieren, sondern das Produkt muss stimmen. Wenn der gute Zweck im Vordergrund steht, funktioniert das langfristig nicht. Dann kaufen die Kunden vielleicht zweimal, aber kein drittes Mal. Deshalb ist unser Ansatz, ein Euro pro Kilogramm für soziale Projekte in Äthiopien auszugeben, eher der nachgeordnete Aspekt.

Und warum zahlen sie nicht einfach mehr für den Kaffee?

Es ist eine Frage von ökonomischen Prinzipien, vor Ort auf die hohe Qualität zu achten, anstatt einfach nur mehr Geld zu bezahlen für den Kaffee. Andere, wie Fair Trade, geben grundsätzlich 20 US-Cent für das Pfund mehr. Das ist auch gut, aber das Incentive ist nicht so klar mit Qualität assoziiert wie bei uns. Denn wenn die nicht stimmt, gehen wir woanders hin. Das ist nicht unfair, sondern das Prinzip einer ökonomischen Marktwirtschaft, wo gute Qualität auch entlohnt wird zu sehr hohen Preisen. Bei Fair Trade gibt es automatisch immer mehr. Da haben wir etwas Neues geschaffen und das finden die Kaffeebauern auch gut.

Da ist es also wieder, das Prinzip ökonomischen Handelns, wirtschaftlichen Denkens und gewinnabsichtlichen Tuns. Wieder einmal bewahrheitet sich, dass mit Geld so ziemlich alles zu kaufen ist. Selbst das gute Gewissen der VerbraucherInnen macht davor nicht halt. Doch vielleicht sind gerade solch innovative Ideen notwendig, um exemplarisch in diesem Fall die Zukunft von äthiopischen Kaffeebauern zu sichern und der dörflichen Gemeinschaft die Umsetzung lebenswichtiger Projekte zu sichern. Ob die involvierten Menschen Äthiopiens dieses marktwirtschaftliche Gefelcht nun gut oder schlecht finden, ließe sich sicherlich weiter diskutieren.

Fazit: Mehr schwarz als weiß! Und das ist gut so

Dass ich Coffee Circle durch diesen doch äußerst umfangreichen Artikel sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt habe, mag den Gründern als Zeichen gelten, dass ich diesem Projekt mehr als positiv gegenüberstehe, aber andererseits trotzdem nicht potentiellen KäuferInnen jene Kritikpunkte verschwiegen habe, welche meines Erachtens diesen so von mir bezeichneten Bodensatz ausmachen. Und abschließend bieten solche Plattformen auch die Chancel, dass Nachahmungstäter aus ihrer intransparenten Lethargie geweckt werden und endlich ihre weißen Westen ablegen, um richtig nachhaltig schwarzen Kaffee einzuschenken. Sozusagen reinen Wein, aber eben heiß und röstfrisch.

Glauben Sie, das wird passieren?

Wir können uns sicherlich davon freimachen, dass die originäre Motivation für so eine Kampagne aus dem sozialen Zweck heraus entsteht. Das ist auch nicht tragisch, Hauptsache, es wird überhaupt etwas getan. Ob es weitergeht, hängt stark davon ab, wie gut sich solche Produkte verkaufen und ob sie innerhalb der Unternehmen vom Sales als Erfolg bewertet werden. Wünschenswerter wäre es natürlich, wenn Tchibo und Dallmayr solche Konzepte aus sozialen Überlegungen heraus am Markt durchdrücken. Wir reden immerhin von zwei der größten Kaffeeröster. Wenn die sich ein Herz nehmen und langfristig und aus Überzeugung heraus andere dazu anstiften, es ihnen gleichzutun, dann kann es sein, dass hier im Markt ein gewisses Bewusstsein geschaffen wird. Die haben eine wahnsinnige Marktmacht.

Das sogenannte „Tchibo Mount Kenya Project“ ist zumindest ein erste vielversprechene Reaktion eines Großen der Branche, diesem Bedürfnis einer Virlzahl von VerbaucherInnen nachzukommen. So, ich glaube, jetzt habe ich mir aber ein Tässchen Kaffee verdient.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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