„Castor schottern“ kostet Geld 1



Dieser Artikel ist keine öffentliche Aufforderung zur Begehung einer Straftat!

Jetzt hatte ich mich doch tatsächlich in meinem letzten Artikel als süddeutschlandfeindlich geoutet. Heute muss ich dieses Urteil allerdings revidieren und darf feststellen, dass mir die Lüneburger Heide ebenfalls als ständiger Hauptwohnsitz auch nicht behagt. „Wie kommt dieses?“, werden Sie vielleicht leicht entsetzt stottern, bevor Sie mir auch sämtliche anderen Schotten dicht machen. Aber ich darf Ihnen dazu sagen: Verschließen Sie die Augen nicht vor der Wahrheit.

Man kann ja Justitia so allerhand vorwerfen, wenn man mit böser oder sogar gespaltener Zunge spricht. Doch eines ist die ehrenwerte Dame bei aller Strenge des Gesetzes nicht: Blind! Nun, sie sieht halt nicht mehr so gut. Oder so viel. Mag auch sein, sie sieht viel zu gut, weiß dies aber recht gut zu verstecken, um sich nicht in die Karten blicken zu lassen. Was aber weniger am fortgeschrittenen Alter liegt, sondern eher schon an der zweifelsfreien Tatsache, dass die holde jungfräuliche Maid mit einem blickdichten Tüchlein und nicht mit Blindheit vor den Augen geschlagen ist. Zumindest im ikonographischen Sinne. Was vielleicht für Olaf Meyer im vorliegenden oder nun nachfolgenden Falle zweitrangig ist, schließlich muss er sein Füllhorn um 16 Tagessätze à 30 Euro ausschütten.

Castor Schottern“ kostet Geld. Eben die schon angesprochenen 16 Tagessätze, was rein rechnerisch und ohne weiteres Bemühen göttlicher Rechenbeistände 480 Euro in Summe macht. Verurteilt wurde Herr Meyer wegen dieser Worte. Oder, um ganz genau zu sein, für folgende Sätze, welche der Antiatomaktivist während einer Versammlung („Hart Backbord – Castor stoppen! Energiekonzerne enteignen und vergesellschaften!„) vor dem Lüneburger Rathaus zu castorfeindlichem Plebs und atommüllgegnerischem Plebis gesprochen hat: „[…] zum Castor, zu Gorleben, zum ‘Atomausstieg’ ist alles gesagt. […] Aber jetzt ist es dran, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Wir müssen alle gemeinsam mit unterschiedlichsten Aktionen den Castor aufhalten. Atomausstieg ist Handarbeit! In diesem Sinne: Castor Schottern.“ Und dann ließ er seinen Worten straftatbeständige Taten folgen. Er hielt ein 50 mal 70 Zentimeter großes Plakat in die Lüneburger Heide, Verzeihung Höhe natürlich, welches seine gesetzesbrecherischen Worte mit dem weltverschwörersichen Imperativ Castor Schottern! unterstrich (siehe z.B. dazu Landgericht verurteilt Olaf M. von der Antifa Lüneburg/Uelzen – Geldstrafe für „Schottern“-Appell). Vor laufender Videokamera, welches seinen digitalen Inhalt natürlich per Internet verbreitet hat und auch irgendwann den Weg zum Amtsgericht Lüneburg gefunden hat.

Und was ist dann eine Straftat abseits der Schotterpiste?

Sie wissen nicht, was es mit diesem anrüchigen Begriff des Castor Schotterns auf sich hat? Also, laut Hamburger Abendblatt unter „Atomkraftgegner für Aufruf zum „Schottern“ verurteilt“ sind Sie damit wohl der allerletzte Depp, denn schließe ich aus seinem „Was in diesem Zusammenhang Schottern bedeutet, hat wohl selbst der letzte Depp begriffen“ von Richter Hobro-Klatte in Richtung Schotter-Olaf, so stehen Sie zumindest eine Stufe unterhalb auf der nach oben offenen Deppenhierarchie-Skala. Und das will was heißen! Auf dem strafrechtlich anrüchigen Plakat ist übrigens ein Kind zu sehen, welches Steine aus einem Gleisbett sammelt und dies, natürlich nach richterlichem Eins und Eins Zusammenzählen, lasse wohl nur eindeutig den Schluss zu, dass es sich dabei um eine „öffentliche Aufforderung zu einer Straftat in Verbindung mit Störung öffentlicher Betriebe“ handeln könne, welche der Gnade Justitias erst gar nicht unter die Augen treten darf. Was aber in Anbetracht der oben genannten Gründe ja sowieso unmöglich ist.

Und der um seinen Schotter erleichterte Freund atomaren Ausstiegs, welcher von Richter Hobro-Klatte justiz-freundlich „als ein Stück weit feige“ bezeichnet wurde? Unter „Verurteilung wegen „“Castor? Schottern!““ Justiz macht sich zum Handlanger der Atomindustrie“ findet er folgende Worte:

„Mir wird vorgeworfen, dass ich zu einer Straftat aufgerufen hätte. Doch es geht hier um mehr als nur um eine angeblich kriminelle Handlung. Es geht auch um die Fragen, was hier so alles erlaubt ist und was eben nicht, warum dies so ist und warum sich die Justiz zum Handlager des kriminellen Systems der Atomindustrie und deren Helfeshelfer_innen in den Regierungen macht. Um es gleich zu Beginn zu sagen, ich halte das was ich gesagt habe für legitim und in der damaligen Situation für angemessen. Auch halte ich Castor Schottern für ein legitimes und erfolgreiches Mittel der Anti-Atom-Bewegung. […] Für die Polizei, Staatsanwaltschaft und das Gericht stellt diese politische Aussage eine „öffentliche Aufforderung zu Straftaten in Verbindung mit Störung öffentlicher Betriebe“ dar. […] Wenn wir uns die Verhältnisse in diesem Land anschauen, dann verwundert dies nicht. Unter den noch herrschenden Verhältnissen ist es verboten, diese Worte zu sagen, während es gleichzeitig und trotz der Katastophen von Tschernobyl und Fukushima erlaubt ist, dass die Atomindustrie ihre Profite mit der menschenverachtenden und höchst gefährlichen Atomtechnologie macht.“

Bevor ich es nun vergesse. Wenn Sie immer noch nicht wissen, was es mit dem ominösen „Castor Schottern“ auf sich hat, möchte ich Sie abschließend auf die Schienen setzen und empfehle ich Ihnen das kurze Video „Castor schottern 2011 von Graswurzel.tv„, welche ich Ihnen auf diesem Blog doch ganz zufällig unter „Graswurzel.TV: In media res, in medial res“ schon wärmstens empfohlen habe bzw. den Artikel „Castor? Schottern„. Bitte beachten Sie (und natürlich auch der mitlesende Staatsschutz), dass ich NICHT das Castor Schottern wärmstens empfehle, sondern Graswurzel.TV. Ob dies jetzt ebenfalls eine „öffentliche Aufforderung zu einer Straftat in Verbindung mit Störung öffentlicher Betriebe“ ist oder möglicherweise sogar mit Kindesentführung bis hin zu mehrfachem Mord zu vergleichen ist, kann ich an dieser Stelle nicht so genau sagen. Da wäre möglicherweise Justitia gefragt. Sofern sie beim Schottern nicht ins Stottern kommt.

Ein Schlusswort in eigener Sache

Abschließend vielleicht noch eines. Dass es sich beim Schottern um eine Form des Protestes handelt, welcher sicherlich an der Grenze des Legalen wandelt, mag richtig sein. Dass solche Aktionen auch eine Spielwiese für gewaltbereite (linke) Gruppierungen ist, steht außer Frage. Ich bin Blogger und Freund der vielen Silben. Ich bin ein Mensch, dessen einzige Waffe das geschriebene und gesprochene Wort ist und sein darf. Aber ich bin auch ein Teil dieser Gesellschaft, der sich Gehör verschaffen möchte und seine Interessen durch die Politik glaubhaft vertreten sehen will. Atomkraft und Kernenergie gehören beileibe nicht zu diesen Dingen. Und solange sich diese politischen VertreterInnen nicht ernsthaft dazu bekennen, den mehrheitlichen Wünschen des Volkes nach einer atomenergiefreien Welt Rechnung zu tragen, solange wird Castor Schottern ein Teil dieser Ohnmacht gegenüber dem willenlosen und bewegungsunfähigen Staat bleiben. Die Castor-Transporte sind mittlerweile zu einem Synonym für das Abschalten sämtlicher Kernkraftwerke geworden und Ausdruck für einen laut und lauter werdenden Protest einer globalen Bevölkerung, dessen kollektives Gedächtnis mit den beiden atomaren Agonien Tschernobyl und Fukushima mit Angst und Schrecken kontaminiert wurde.

Ein Stück weit feige ist nicht die- oder derjenige, welche sich ihr Recht auf eine lebenswerte Umwelt und kinderfreundliche Zukunft erkämpfen möchten, sondern jene, welche trotz gegenteiliger innerer Überzeugung dort Recht sprechen, wo das Unrecht einer skrupellosen Minorität der Nährboden für dieses Handeln und Tun ist oder war. Die von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafe von 15 Tagessätzen dann auch noch auf 16 anzuheben, ist im Namen der Rechtssprechung geschehen. Doch gleiches Recht für alle? Ach ja, richtig, da gab es doch einmal jene Farm der Tiere und den Grundsatz „Aber manche sind gleicher“. Ob diese Gleichung aufgeht, muss Justitia entscheiden. Wäre da nur nicht dieses gottverdammte alles bedeckende Tüchlein über den Augen. Sozusagen der Keuschheitsgürtel des Judikativen.         


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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