Warum ich nicht in Süddeutschland wohnen möchte 1


Das Kontaminationsrisiko durch einen GAU ist höher als angenommen

Strenge Rechnung, gute Freunde. Fürwahr ein schönes Sprichwort in Zeiten von globalen Finanzkrisen und sonstigen monetären Desastern, welche unserer aller hochverschuldeter Wege pflastern. Mea culpa. Strenge Rechnung, keine Freunde. Viele gesprochene Worte auf zahllosen eilig einberufenen EU-Sondergipfeln angesichts griechischer Staatshaushalts-Agonie, italienischer post Berlusconi Schuldenkrise und dicht unter löchrigen EU-Retttungsschirmen gedrängter portugiesischer und spanischer Bevölkerung, welche tagtäglich zähflüssig aus nicht vorhandenen Geldströmen rinnen und auf unsere schuldenbeladenen Häupter perlen. Mea maxima culpa. Oder vielleicht doch eher „Vare, Vare, reddi mihi eurones meas!“ Varus, Varus, gib mir meine Euronen zurück! Bleiben wir aber lieber beim eingangs gewählten „Strenge Rechnung, gute Freunde“ und überlassen die nicht (mehr) vorhandenen Geldmittel jenen, welche clownesk jonglierend hinter defizitär verzerrten Masken das Weltwirtschaftswunder trotz alledem zum Maß aller Dinge erklären.

Nun, nach Lesen des Artikels Neue Berechnungen: Atomarer Super-GAU droht alle zehn bis 20 Jahre bin ich ich für meinen Teil mir nicht so sicher, ob ich mich zukünftig an dieses altruistische Motto halten soll, welches durch Ziehen eines kräftigen Schlussstriches meine saldierte Freundschaft erhalten will. Nebenbei soll hier noch angemerkt werden, dass ich hinsichtlich des Augmentativs „Super„-GAU, der Größte Anzunehmende Unfall wird auch durch die Voranstellung von „Super“ einfach nicht mehr größer, mir unter „Majak – das Tschernobyl vor Tschernobyl“ diesen und auch andere Umstände schon einmal abgehandelt habe.

Die globale Gefahr einer Reaktorkatastrophe ist 200-mal höher als angenommen. Das haben Mainzer Forscher jetzt berechnet. Das höchste Risiko für eine radioaktive Verseuchung trägt Süddeutschland.
Das weltweite Risiko für einen katastrophalen Reaktorunfall ist Mainzer Forschern zufolge größer als angenommen.
Mit dem momentanen Bestand an Atomkraftwerken könne es etwa einmal in 10 bis 20 Jahren einen GAU geben, also den größten anzunehmenden Unfall, wie der Atmosphärenchemiker Jos Lelieveld ausrechnete.
Dies sei deutlich häufiger als in der Vergangenheit geschätzt, teilte das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz mit.

Hört sich bisher doch eigentlich ganz prophetisch an. Wer allerdings weiter liest, wird zu der fatalen Einsicht kommen, dass in diesem Falle die Wissenschaft leider irrt. Was leider nicht zum Vorteil der Bevölkerung gereicht.

(…) „Daraus ergibt sich, dass es in 3625 Reaktorjahren zu einem GAU kommt“, erklärte Lelieveld. Selbst wenn dieses Ergebnis auf 5000 Reaktorjahre aufrundet wird, liege das Risiko 200-mal höher als Schätzungen der US-amerikanischen Zulassungskommission für Kernreaktoren im Jahr 1990 ergaben. Bei der Studie blieb außen vor, wie alt ein Reaktor ist, von welcher Bauart und in welchem Gebiet er liegt.
„Wenn wir Fukushima nur als einen GAU betrachten, verringert sich das Risiko um die Hälfte“, sagte Lelieveld. Mit einem Modell berechneten die Atmosphärenchemiker zudem, wie sich die radioaktive Belastung nach einem GAU verteilt.

Was ist daran nun so falsch? Das angesprochene Max-Planck-Institut schreibt hinsichtlich der Studie unter „Der nukleare GAU ist wahrscheinlicher als gedacht„:

(…) Zudem ermittelten die Forscher, dass die Hälfte des radioaktiven Cäsium-137 bei einem solchen größten anzunehmenden Unfall mehr als 1.000 Kilometer weit transportiert würde. Die Ergebnisse zeigen, dass Westeuropa – inklusive Deutschland – wahrscheinlich einmal in etwa 50 Jahren mit mehr als 40 Kilobecquerel radioaktivem Cäsium-137 pro Quadratmeter belastet wird. Ab dieser Menge gilt ein Gebiet laut der Internationalen Atomenergie Behörde IAEA als radioaktiv kontaminiert. Die Forscher fordern aufgrund ihrer Erkenntnisse eine tiefgehende Analyse und Neubetrachtung der Risiken, die von Kernkraftwerken ausgehen.

Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse

Bildquelle: IAEA. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA definiert auf ihrer International Nuclear Event Scale (INES) oder zu deutsch Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse einen Reaktorunfall bereits ab Stufe 4 (siehe dazu IAEA: INES - The International Nuclear and Radiological Event Scala).

Bildquelle: IAEA. INES – The International Nuclear and Radiological Event Scale

Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA definiert auf ihrer International Nuclear Event Scale (INES) oder zu deutsch Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse einen Reaktorunfall bereits ab Stufe 4 (siehe dazu IAEA: INES – The International Nuclear and Radiological Event Scala). Lassen wir aber diese Stufe außer Acht und nehmen die nächsthöhere Stufe, welche als ernster Unfall mit schweren Schäden am Reaktorkern bezeichnet wird. Wenn also in die Berechnungen nur die beiden Katastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 einfließen, so erachte ich dies als euphemistische Einschätzung der tatsächlichen Bedrohung durch Kernkraftwerke. Wo bleiben die Reaktorunfälle der Stufen 5 und 6? Der bereits angesprochene Kyschtym-Unfall im russischen Majak aus dem Jahre 1957 oder der Reaktorbrand im britischen Windscale-Sellafield im selben Jahr. Was ist mit dem 21.01.1969, als es im schweizerischen Lucens zu einer Kernschmelze kam? Wo bleiben die bewerteten Risiken von Three Mile Island im amerikanischen Harrisburg (1979) und Block 1 von Tschernobyl 1982? Was ist mit den japanischen Unfällen von Tokaimura (1997, 1999), dem Reaktorunfall 1981 in Tsuruga oder dem Dezember 1995, als der Schnelle Brüter von Monju durch einen schweren Störfall lahmgelegt wurde?

Die Menschheit hatte in all diesen und zahlreichen anderen (verschwiegenen) Fällen Glück gehabt. Glück lässt sich nur schwerlich bewerten. Glück hält jeder Risikobewertung stand. Glück lässt sich weder minimieren noch auf die Spitze treiben. Glück hat frau eben oder man nicht. Die Menschen in Süddeutschland hatten bisher Glück, wir in Wien haben es auch. Noch! Anderswo war diese Göttin bereits weniger gnädig.      

Die Berliner Morgenpost schrieb pünktlich zum ersten Jahrestag am 11. März 2012 unter „Fukushima – ein Jahr nach der Katastrophe“ folgende einprägsame Sätze:

Vor einem Jahr bebte in Japan die Erde, 19.000 Menschen starben – und die Reaktoren von Fukushima barsten. Es war die größte atomare Katastrophe seit Tschernobyl. Für viele Menschen in Japan gibt es noch immer keine Normalität. Die Opfer leiden unter Diskriminierung, und die gesundheitlichen Folgen der Verstrahlung sind noch ungewiss.

„Wir nannten uns Meerschweinchen“

Da wusste Ishizuka, dass sie wegmusste aus Fukushima. Ja, sie hatte ein neues Haus bekommen, und schon einen Monat nach dem Erdbeben konnte sie ihr eigenes Restaurant, das sie 17 Jahre lang geführt hatte, wieder öffnen. Nach der Demütigung in Niigata wurde Ishizuka jedoch hellhöriger. Sie erfuhr von gefährlich hohen Strahlungswerten und sorgte sich um ihre Tochter.
Aber keine andere Präfektur wollte sie aufnehmen, sie hatte ja schon eine neue Unterkunft akzeptiert. Damit galt Ishizuka als „freiwillig Evakuierte“, und für die gibt es wenig Mitgefühl und noch weniger Chancen.
Nach verzweifelter Suche das ganze Frühjahr und den ganzen Sommer über hatte sie noch immer keine Lösung gefunden. „Wir nannten uns Meerschweinchen, weil wir wie Versuchstiere mit all dieser Strahlung um uns herum weiterleben mussten“, sagt Ishizuka.

„Es ist hart, ganz von vorn anzufangen“

In Takarazuka können sie bis zu zwei Jahre lang mietfrei wohnen, dank der Großzügigkeit der Stadt und der Takarazuka Hilfsorganisation. Sie wurde 1995 nach dem Großen Hanshin-Beben gegründet, das das nahe liegende Kobe erschüttert hatte.
Die Organisation half den Menschen, denen die Regierung nicht mehr helfen wollte oder konnte. Direktorin Mitsuko Nakayama sagt, nach dem „3/11“-Beben sei es nur logisch gewesen, diese Mission fortzuführen. „Ich möchte den Evakuierten, die hier leben, die Möglichkeit geben, sich zu treffen, zu vernetzen und neue Freunde kennenzulernen. Es ist sehr schwierig und hart, ganz von vorn anzufangen.“

Es ist hart, ganz von vorne anfangen zu müssen. Doch noch schlimmer ist es, nicht die geringste Chance auf einen Neubeginn zu bekommen. Dass uns dabei die verstrahlend schöne Glücksgöttin Fortuna mit ihrem radioaktiv dahinschmelzenden Lächeln unablässig unter die kontaminierten Arme greifen wird, darauf sollten wir uns nicht verlassen.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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