Wild graben, illegal zupfen, heimlich jäten und stürmisch säen 1



Kultivierter Landraub inmitten urbaner Kultur

Noch nicht lange ist es her, dass ich unter „Detroit – Stadt der unbegrenzten Anbaumöglichkeiten“ jenem US-amerikanischen städtischen Symbol für die heilige Blechlawine in Schrottes Namen schlechthin meine Aufmerksamkeit geschenkt habe. „Gemüse statt Autos“ lautet der neo-mobile Leitspruch im Namen des Spatens, der Bohne und des eiligen Grases. Auf grünem Rasen statt auf Asphalt rasen, Anbau statt Autobahnstau, Bio statt Sprit. Und nun muss oder vielleicht darf ich lesen: „Besetzer dürfen vorerst auf BOKU-Feldern bleiben„.

Nein, keine Occupy-Aktion und auch ansonsten keinerlei Krawall für die AnwohnerInnen. Keine kriegerische Aktion, nicht einmal ein Hauch von Widerstand. Sieht man vielleicht davon ab, dass sich im Erdreich vergrabene Wurzeln querlegen könnten und große Schollen kurz und klein gehauen werden, haben sich ein paar Dutzend Menschen in Wiens Norden ein Stückchen Land, ein Fleckchen Erde untertan gemacht, um darauf das u tun, was in der Überschrift bereits festgehalten wurde. Oder, wie es eben im Artikel des Standard schwarz auf weiß geschrieben steht:

Da wird gegraben, gezupft, gejätet und gesät: Rund 30 Menschen waren auch am Donnerstag damit beschäftigt, ein Stück Land in Wien Jedlersdorf zu kultivieren. Seit Dienstag besetzen sie dort einen Bereich, der von der Universität für Bodenkultur (Boku) als Versuchsfläche gepachtet wird. Nun aber braucht die Boku einen Teil der Flächen nicht mehr und plant, sie an den Eigentümer, die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), zurückzugeben.

Die Besetzer, eine gemischte Gruppe aus Studierenden und Aktivisten, wollen den Platz als Gemeinschaftsplatz nach dem Modell „Community Supported Agriculture“ gewinnen. Anrainer sollen hier selbst ihr Gemüse anbauen können und mit der benachbarten Schule ist ein Projekt geplant.

Die BOKU also, Universität für Bodenkultur oder ganz neu-deutsch nicht-deutsch University of Natural Resources and Life Sciences, hat ein Platzproblem. Oder besser gesagt eben keines, denn sie möchte diese nicht genutzten verwaisten Flächen wieder jenen zurückgeben, welchen sie von Rechts wegen natürlich auch zustehen. Jetzt fragt sich ein Mensch wie ich natürlich, was denn diese BIG für große Dinge mit diesem smarten kleinen Stückchen Erde vorhätte. Um knappe vier Hektar Land geht es im vorliegenden Hausbesetzerstreit ohne Haus und doppelten Boden. Ein Fußballfeld hat, was ich allerdings so über den grünen Daumen gepeilt habe, aufgerundet runde 0,5 Hektar, welche dem hinterher Hetzen nach rundem Leder dienlich sind. Und weiter stellte ich mir dann im olympisch ausgehauchten Geiste vor, wenn ich so dienstbeflissen auf meine Schnellbahn warte und vis-à-vis eben jenen bis zum Eintreffen derselben mehr oder weniger oder eher weniger als mehr beim vergnüglichen Treiben zuschaue, was dies doch für eine große Fläche ist, welche hier widerechtlich beharkt wird. „Verdammt„, dachte ich sportentgeisterter vegetarischer Wadlbeißer, „schon eine Menge Holz ohne Bäume, was die sich da aneignen!

Karte Fußballvereine Wien. Quelle: Google Map.

Quelle: Google Map – Karte für Fußballvereine Wien

Nun dachte ich als mordlüsterner pazifistischer Fußballkriegsverbrecher, bereits in der Schnellbahn sitzend und weiter am Artikel kauend, über eine weitere Sache nach. Acht Fußballfelder hören sich auf den ersten Spatenstich ja furchtbar viel an. Doch wieviele Fußballvereine gibt es eigentlich in Wien? Nun, Google hilft hir selbstverständlich gerne weiter. Also, gezählt habe ich sie jetzt nicht, aber auf den ersten Blick scheinen sich hier doch eine ganze Menge im Wiener Stadtgebiet zu tummeln. Ob jetzt alle einen oder mehrere Plätze ihr eigen nennen, weiß ich nicht. Doch andererseits müssen sie irgendwo spielen. Jetzt relativiert sich das mit diesen acht Fußballfeldern natürlich schon wieder. Die Schnellbahn fuhr, ich mit ihr und meine Gedanken mit mir.

Wieviel Hektar umfasst eigentlich das Stadtgebiet Wiens?“ Nächste Frage, nächste Google-Suche.

Auf einer Fläche von 415 Quadratkilometern erstreckt sich die Stadt Wien von den Ausläufern des Wienerwalds im Westen und dem Donaudurchbruch im Norden bis zum Rand des ebenen Marchfelds, der Donau-Auen und des Wiener Beckens im Osten und Süden. Die Grünflächen (unter anderem Parkanlagen, landwirtschaftlich genutzte Flächen oder Wälder) machen rund die Hälfte der Stadtfläche aus. Der Grünanteil innerhalb der Bezirke schwankt von drei bis 13 Prozent in den innerstädtischen Regionen und beträgt bis zu 70 Prozent in den westlichen Bezirken.

Lässt mir Google unter „Stadtgebiet – Statistiken“ ausrichten. Jetzt wird es allerdings schwierig. 415 Quadratkilometer sind wieviel Hektar? 100 Hektar sind genau ein Quadratkilometer, wird mir von meinem allwissenden Partner mitgeteilt, während mein grüner Daumen vor lauter Rechnen schon ganz blau wird. Das würde also bedeuten, und hier mache ich ohne die Suchmaschine weiter, die Wienerinnen und Wiener leben auf rund 41 500 Hektar. 3,8 Hektar weniger, ich muss mich berichtigen, denn die Aktivistinnen und Besetzer haben sich ja diese Fläche unerlaubterweise unter den dreckigen Nagel gerissen. Das macht also summa summarum und in Prozent ausgedrückt 3,8 geteilt durch 41500 mal 100 ist gleich 0,00915%. Da hat mein Maulwurf, welcher bei mir unerlaubterweise als U-Boot im Garten haust, schon morgens mehr Alkohol im Blut.

Keine Frage, es handelt sich hierbei um ein Grundstück, welches nicht in Eigentum oder rechtmäßigem Besitz derjenigen steht, welche sich durch diese 0,009% Wiener Erde wühlen. Der Standard schließt seinen Artikel mit den folgenden Zeilen:

Ob sich diese Idee umsetzen lässt, ist noch offen. Eine dauerhafte Duldung durch das Boku-Rektorat wurde nicht ausgesprochen, die Abzugsfrist von Donnerstagmittag wurde jedenfalls ausgesetzt. „Vorerst dürfen sie bleiben, wir haben keine Räumung geplant“, bestätigt eine Sprecherin des Rektorats. Eine Entscheidung soll in den nächsten Tagen fallen.

Mit der Landbesetzung wollen die Aktivisten auch auf die zunehmende Verbauung von Grünflächen aufmerksam machen. Über eine solidarische Nutzung des Grundstücks (etwa 3,8 Hektar) kann nicht die Boku als Pächter, sondern nur die BIG entscheiden. Was diese wiederum schlussendlich mit den Flächen vorhat, ist noch ungewiss.

Liebe Bundesimmobiliengesellschaft, liebe Gemeinde Wien, liebe Veranwortliche und auch liebe BOKU. Klar, bei den heutigen Grundstückspreisen ist solch ein Stückchen Land eine Investition für die Zukunft. Doch gerade solche Projekte wie jenes nun in die Schlagzeilen geratene sind nicht nur ebenfalls eine solche, sondern bieten schon in der Gegenwart einige unschätzbare Vorteile: Sie verbinden die Menschen, sie verbessern das Klima, sie fördern die Gemeinschaft, sie bieten Platz für frisches Gemüse, sie bieten Raum für seelisches Gleichgewicht und sie sorgen in Zeiten wirtschaftlicher Engpässe für ein kleines bisschen Freiraum.

Wenn das keine guten Gründe sind, die Sache noch einmal gründlich zu überdenken. 0,009% machen doch den Kohl oder vielleicht besser das Kraut nicht fett. Aber es könnte zumindest zukünftig fett auf diesen Feldern wachsen. Ganz legal und dank Menschen, welche an Visionen glauben und sich im wahrsten Sinne des Wortes auch einmal die Finger schmutzig machen wollen. Dazu gehört meines Erachtens auch die (grüne) Politik.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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