Ich möchte foodwatch-Chef Thilo Bode nicht zu nahe treten …


… doch was erwartet er sich von der Deutschen Bank?

Vorab eines. Ich habe “Die Essensretter” sowohl in meiner Blogroll als ständige BegleiterInnen als auch den Newsletter abonniert, was Sie in diesem Zusammenhang unter foodwatch-Newsletter eigentlich auch gleich machen könnten, so Sie denn wollen sollen. Ich berichte eigentlich in schöner jährlicher Regelmäßigkeit über den von foodwatch initiierten “Goldenen Windbeutel“, nutze die Organisation als Ideengeber und bin oftmals zu Gast auf deren Webseite, um mich einfach nur über Aktuelles zu informieren oder inspirieren zu lassen.

Nun lag er also wieder auf dem elektronischen Schreibtisch. Ein elektronischer Brief, andere würden vielleicht auch Email dazu sagen, von foodwatch-Chef Thilo Bode. Ich gebe ihn im Folgenden Wort für Wort wieder.

Hallo und guten Tag,

heute möchte ich mich ganz persönlich an Sie wenden – mit einem Problem, das mich bewegt und nicht loslässt: Eine Milliarde Menschen hungern! In einer Welt, die wie die unsere jedes Jahr reicher wird! Wer hungert, hat keine Chancen auf ein menschenwürdiges Leben. Eine Schande für die ganze Menschheit!

Ich weiß natürlich, dass die Möglichkeiten, diese Katastrophe zu beenden, begrenzt sind. Aber wenn ich sehe, dass wir, die reichen Menschen im Norden, die Not der Hungernden auch noch verschärfen, dann packt mich wirklich die kalte Wut!

Vor einiger Zeit begann ich zu vermuten, dass Wetten der Finanzanleger an den Rohstoffbörsen den drastischen Anstieg der Lebensmittelpreise in den Jahren 2008 und 2010 mitverursacht haben. Um herauszufinden, ob das stimmt, nahmen wir für sechs Monate den Journalisten und Finanzexperten Harald Schumann unter Vertrag. Ergebnis: der foodwatch-Report “Die Hungermacher – Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Nahrungsmitteln spekulieren“. Für uns liegt seitdem auf der Hand, dass die an den Rohstoffbörsen organisierten Wetten mit Mais, Weizen und Soja die Preise zeitweise in schwindelerregende Höhen treiben – und damit Leib und Leben von Menschen gefährden.

Für mich war klar: Wir mussten einen der führenden Banker mit unseren Erkenntnissen konfrontieren. Ich schickte also unseren Report an Josef Ackermann, den Vorstandvorsitzenden der Deutschen Bank, und schrieb: „Die Investmentbanken und damit auch Sie persönlich tragen Mitschuld daran, dass Menschen in den ärmsten Ländern der Welt Hunger leiden und am Hunger sterben.“ Nur einen Tag später antwortete mir Herr Ackermann persönlich: „Kein Geschäft der Welt ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen…“ und versprach eine „gründliche Prüfung des Berichts“ und „eine rasche und detaillierte Antwort“.

Ich war erst einmal platt. War da der führende Unternehmenslenker der Welt von Altersmilde und Erkenntnis geläutert und auf einmal – wenn auch aus Imagegründen – bereit, auf Profit zu verzichten? Oder war es wieder einmal ein PR-Trick, wie so oft, wenn Konzerne sich vermeintlich um die Weltrettung kümmern?

Ich wollte auf jeden Fall an das Gute glauben. Und so fuhren unser Autor Harald Schumann und ich zu einem Geheimtreffen mit der von Josef Ackermann eingesetzten Arbeitsgruppe nach London, also ins Zentrum des Investmentbankings.

Ich kann Ihnen versichern, es war ein eigenartiges Gefühl, als wir die Ehrfurcht einflößenden Hallen und die gedämpften Räume der Deutschen Bank in London betraten und dann zusammen in einem Raum mit Investmentbankern und Rohstoffhändlern saßen, vor uns eine riesige Video-Leinwand, von der uns die zugeschalteten Investmentprofis aus New York anblickten. Auch zwei Mitarbeiterinnen der Forschungsabteilung saßen mit am großen Tisch – ein gutes Zeichen? Wohl nicht, wie der Fortgang des Gesprächs zeigte. Was halten Sie von unserem Report?“ eröffneten wir die Diskussion. „Völlig daneben“, kam wie aus der Pistole geschossen die Replik einer der Leinwand-Banker aus New York. Das leise Seufzen meines Mitstreiters Harald Schumann – dem Autor des Reports – ignorierend, fragte ich verunsichert: „Haben Sie den Report gelesen?“ Als Antwort presste ein weiterer Teilnehmer der Runde ein unwirsches „Nein“ heraus. Wir waren wie vor den Kopf gestoßen. Was war da los? Die Atmosphäre wurde immer eisiger bis es aus einem unserer Gesprächspartner herausbrach: „Wieso greifen Sie uns an, Spekulation ist doch überhaupt nicht wichtig, es gibt schließlich viel gravierendere Probleme!“ Das hatten wir nun wirklich nicht erwartet: Statt fachlich fundierte Argumente auszutauschen, suhlten sich die Bankenvertreter in Befindlichkeiten.

Um eine Illusion ärmer traten wir nach dem nur einstündigen Gespräch unseren Heimweg nach Berlin an. Dort stellte sich heraus, dass der Ablauf des Geheimtreffens kein Ausrutscher war. Die Deutsche Bank rückte von ihrem Zeitplan, den foodwatch Report bis Ende Januar 2012 zu prüfen, ab und stellte eine umfassende Studie zu dem Thema in Aussicht – Fertigstellung Ende des Jahres 2012.

Lieber Thilo Bode, was erwarten Sie sich von einem Institut wie jenem der Deutschen Bank (siehe dazu z.B. auch meinen Artikel “Der Fonds Kompass Life 3 der Deutschen Bank: Rien ne va plus oder Alles auf Tod“)? Einen modernen Rütlischwur mit dem Gelöbnis auf Besserung. Die eidesstattliche Versicherung, sich vom bösen nahrungsmittelspekulierenden deutschen Vogt zum glorifizierten Finanzinstitut mit altruistischer Garantiebestätigung zu wandeln. Schauen Sie sich den Geschäftsbericht per 31.12.2011 an: “Die Zahl unserer Aktionäre erreichte 2011 einen neuen Höchststand. Sie wuchs im Jahres ultimovergleich um 19 766 auf 660 389 (2010: 640 623).” Eindeutige Fakten, eindeutige Direktiven, eindetuige Vorgaben. Mehr als 660 000 nimmersatte nimmermüde Menschen, deren Hunger nach Mehr befriedigt werden muss. Streubesitz, der durch Streubomben sein Auskommen finden muss. Globale Aktienpakete, die nur durch globale Hungerskatastrophen schmackhafte Renditen versprechen. Künstliche Verknappung auf der einen Seite schafft profitable Vergrößerung auf der anderen Seite. Kein Nullsummenspiel, keine Milchmädchenrechnung, kein Gefangenendilemma. Die Deutsche Bank ist nicht ein System Josef Ackermann oder in Zukunft Anshu Jain, sondern ein System aus mehr als 600 000 Josef Ackermännern oder Anshu Jains. Und täglich werden es mehr. Wie jene Milliarde Hungernden, welche Teil dieses Problems sind. Halt! Nein, natürlich nicht. Schließlich gibt es nach Auskunft eines am Gespräch Teilnehmenden wesentlich wichtigere Dinge und gravierendere Probleme als spekulative Geschäfte. Ende 2011 waren dies genau 660 389. Und tagtäglich werden es mehr.   

Die Hölle? Nein, nicht die Deutsche Bank ist die Hölle. Allenfalls ein alles verzehrendes Fegefeuer der finanziellen Eitelkeiten. Die Hölle sind wir, welche dazu beitragen, dass dieses Feuer lichterloh brennt. Satanische Verse? Nein, die Deutsche Bank schreibt solch aufregende Dinge nicht. Allenfalls teuflische Kritzeleien in endlos langen Zahlenkolonnen. Le Dialogue aux Enfers? Nein, auch solche Gespräche werden nicht in den guten Stuben der Deutschen Bank geführt. Allenfalls von Machiavelli und Montesquieu. Und die sind längst schon tot. Die Deutsche Bank berichtet höchstens über schwarze Zahlen. Bilanzielle Totengräberstimmung im Reich des Irdischen sozusagen. Ein rotes Tuch? Nein, die Deutsche Bank ist kein rotes Tuch. Sie verwendet allenfalls blutrote Tinte für schwarze Zahlen. Der Geschäftsbericht 2012? Allenfalls ein Stück Papier. Und das ist bekanntlich geduldig. Aber sicherlich früher fertig als die in Aussicht gestellte Studie.

Lieber Thilo Bode, was erwarte ICH mir von der Deutschen Bank. Ehrlich gesagt: Nichts!

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