Nachhaltiger Einkehrschwung im WM-Ort Schladming 1



Weshalb Goethe seinen Osterspaziergang so nicht geschrieben hätte

Nie im Traum dachte ich daran, nach so kurzer Zeit erneut im steirischen Schladming Station zu machen. Manch LeserIn wird sich möglicherweise noch daran erinnern, dass ich vor nicht einmal einer Woche im gallisch-österreichischen Dorf und WM-Gastgeber 2013, wo anstatt des Klimawandels maximal entwaldete Skipisten, welche bis kurz Nachhaltiger Einkehrschwung im Ski WM-Ort Schladming 2013 von Paul Boegle während eines fiktiven Osterspaziergangs mit Johann Wolfgang von Goethe.unter den kunstschneebeflockten Horizont reichen, ohne den Himmel nach unten fallen. Oder eben rutschen. Oder was auch sonst die Erosion mitsamt der Schwerkraft im Sturmgepäck so vor hat. Nun, zumindest fällt aber in der schönen grünen Steiermark nicht das ganze fundamentale Firmament aus den himmlischen Angeln, was mich zu der Vermutung veranlasst, dass Gallien eben doch nicht in Frankreich liegt, sondern Gott in Frankreich seinen Wohnsitz in die bald nachhaltige Steiermark verlegt oder schon hat.

Hätte der große Goethe im Steirischen so wortreich wie andernorts gewütet, müsste er seinen Osterspaziergang ordentlich auf die lange Bank schieben, weil halt der Klimawandel hier im kleinen Paradies nicht so will, wie wir alle glauben. Zumindest möchten uns dies einige glauben machen, von denen aber unter obigem Link die Rede ist. Aber zurück im meines Wissens nicht mit der Steiermark auf Du und Du stehenden deutschen Dichterfürsten, welcher mindestens ebenso hervorragend mit Worten umzugehen wusste wie Fritz „The Cat“ Strobl auf jenen Brettern, die die Welt bedeuten. Vielleicht nicht den gesamten wedelnden Globus, aber zumindest jenen Teil, welcher als Austragungsort für Skirennen dient. Also doch eine ganze Menge Bretter. 

Vom Eise befreit sind Nord-, Südpol und Bäche
Durch des reinen CO2-vernebelten Blick.

Im Tale grünet der Hoffnungslauf.

Der letzte Eisbär, in seiner Schwäche
Zog sich als Bettvorleger still zurück.

Selbst von des Berges abgefahr’nen Pfaden
Blinken uns farbige Skihelme an.
Ich höre Pistenraupen Gebimmel,
Hier ist der steirisch wahre Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein;
Hier bin ich Mensch, hier kehr ich ein!

Oder so ähnlich eben. „Die Botschaft einer umweltfreundlichen Ski-WM“ hörte oder besser las ich gestern. Schau an, dachte ich mir so beim morgendlichen Einkehrschwung in den vertrauten frühstücksbereiten Hafen der Ehe. Goethe meint es aber heute ganz besonders gut mit mir. „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube„. Schoss es mir weiland, also eigentlich erst gestern durch den Kopf so wie einst Fritz „The Cat“ Strobl mit 100, 200 oder wieviel Stundenkilometern auch immer von oberhalb der Zielflagge bis unterhalb der Zielflagge, wenn ich noch korrekterweise den Abschwung, welche bekanntermaßen ein Stückchen weiter unterhalb als Auslauf für den fahrenden Läufer auf zwei Brettern, sollte denn eines nicht unterwegs zwischen Start und Ziel verlorengegangen sein, dem finalen Abkehrschwung dienlich sein soll, wenngleich nicht ganz so weit unten wie Start zu Ziel, natürlich in Relation gesehen, was meist in gefahrenen Höhenmetern der zu Tale schießenden Läufer messbar ist.

Das sportliche Zugpferd inmitten einer Herde Methangas betriebener Angus-Rinder

Doch ich habe schließlich gelernt, den Tag nicht vor dem Abend zu loben respektive den Après-Ski nicht vor dem Abend zu heben und so las ich, was eine umweltfreundliche Großveranstaltung denn so alles bieten sollte, um als solche Vorbildfunktion für zukünftige sportliche Ereignisse zu haben.

„Wenn wir die Ski-WM umweltfreundlich gestalten, dann hat das für die Welt keine Bedeutung“, sagt Peter Schröcksnadel, der Präsident des Österreichischen Skiverbands (ÖSV). „Aber die Botschaft, die wir damit schicken, kann etwas bewirken.“ Die Botschaft, quasi eine saubere Großveranstaltung abzuliefern, wird freilich nicht zum ersten Mal versandt. Schon die alpine WM 2009 in Val d’Isère und die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver waren mit diesem Anspruch angetreten, wobei es Olympia deutlich schwieriger hat mit beispielsweise einer Bobbahn, deren Nachhaltigkeit durchaus zu bezweifeln ist.

Aha, so lautet also die vielversprechende Botschaft. Das mit der Bobbahn war mir zwar neu, doch zwischen den Zeilen las ich eigentlich seltsam Altbekanntes. Zum Beispiel fühlte ich mich an meinen Artikel vom November 2010 erinnert, als ich im depressivsten Herbst, aber glücklicherweise noch vor dem schwächelnden Winteranfang unter „Bioplastik und Biokunststoff: Schierlingsbecher der Werbewirtschaft“ retrospektiv über die relativ deprimierende (auch aus österreichischer sportlicher Sicht) Vorstellung des damals zum Einsatz gekommenen Getränkebechers aus Maisplastik machte. Andererseits, was soll er denn sonst von sich geben, den Herrn Schröcksnadel meine ich in diesem Falle, wenn nicht positive Dinge. Warum eine umweltfreundliche Ski-WM jedoch keine Vorbildwirkung für die Welt haben soll, sondern nur die darin enthaltenen Botschaft, entzieht sich meinem wollmützenbehaubten Verstand schon. Aber egal.

„Skifest mit Herz – für unsere Natur“, lautet der Titel einer Charta, die von Umweltminister Niki Berlakovich, dem steirischen Nachhaltigkeitslandesrat Johann Seitinger, Schladmings Bürgermeister Jürgen Winter, Schröcksnadel und Fritz Strobl unterzeichnet wurde. Strobl, Bauernsohn und Abfahrtsolympiasieger 2002, der daheim in Oberkärnten Angus-Rinder züchtet, gibt den Umweltbotschafter der WM.

Ein steirischer Nachhaltigkeitslandesrat? Also Sachen gibt es. Beim Après-Googlen durfte ich sogar erfahren, dass es neben diesem hochwichtigen Posten sogar eine Nachhaltigkeitskoordinatorin in der grünen Steiermark gibt. Quasi nachhaltige Nachhaltigkeit oder eben so. Verdammt gut! Also runter mit dem Skihelm und ein kräftiges „Chapeau!“ in die nachhaltige Nachhaltigkeitsrunde geschmettert. Ehre, wo Ehre gefriert oder so ähnlich halt eben. Eigentlich wollte ich den verbalen Gefrierbrand in Sachen umweltfreundliches Skifahren auf Weltklasseniveau schon beiseite legen, da fiel mein schneeblindes Auge noch einmal auf den zuletzt gelesenen Satz. „Strobl, Bauernsohn und Abfahrtsolympiasieger 2002, der daheim in Oberkärnten Angus-Rinder züchtet, gibt den Umweltbotschafter der WM.“

Keine Frage, das hat er sich verdient, der Friedl, wie er von seinen Vertrauten genannt wird. Und dies meine ich jetzt tatsächlich ernst. Das mit dem „The Cat“ ist ein sprachlicher Balanceakt eines ORF-Kommetators namens Robert Seeger gewesen, welchen der schleichende Fahrstil von Fritz Strobl an das Schleichen eines Katze erinnerte. Das können Sie sich aber selbst im Internet erschleichen. Auf was möchte ich denn hinaus, wenn doch alles so bestens ist? Nun ja, Fritz Strobl wurde also zum Umweltbotschafter für Schladming ernannt. Noch einmal, er hat es sich aufgrund seiner ruhigen und freundlichen Art und in allererster Linie wegen seiner herausragenden Erfolge absolut verdient. Doch hinter dieser Umweltbotschaft versteckt sich eine etwas Anrüchiges. Im wahrsten Sinne. Der Fritz Strobl züchtet also Angus-Rinder. Sein gutes Recht, schließlich züchte ich keine Angus-rinder, was selbstverständlich auch mein gutes Recht ist. Weshalb eigentlich?

Nun, solch Rindvieh hat eine doch äußerst unangenehme Eigenschaft, welche da lautet: Methangas. Aber auch zu diesem Thema habe ich mir schon meine Gedanken (FleischfreiTag: Politische Einladung an besserungswillige FleischtigerInnen) gemacht. In einem Bericht mit dem etwas irreführenden Titel „Die Wahnsinnsrinder“ über die Hintergründe argentinischer Viehzucht und dem Einsatz von (in Europa verbotener) Antibiotika zur Verminderung des Methangasausstosses steht dann auch das, was mir im Falle von Umweltbotschafter und Rinderzüchter Fritz Strobl einen kräftigen verbalen Rülpser entlockt.

Auf den schier endlosen Pampaweiden produziert Argentinien zwar das beste Fleisch der Welt, aber auch eine gewaltige Menge des Klimagases Methan. Das Gas entsteht bei der Vergärung im Pansen von Wiederkäuern; es heizt die Erdatmosphäre 23-mal stärker auf als Kohlendioxid. Die Kühe der Welt gelten als gewichtige Mitverursacher des Klimawandels, Südamerikas Vieh stösst ein Viertel der Gesamtmenge aus.

Schon klar, dass der Friedl und seine Rinder nicht für solch rauhe Mengen veranwortlich sind. Doch zu einem kleinen Teil halt schon. Wenn der Peter Schröcksnadel also davon spricht, dass es für die Welt keinerlei Bedeutung hat, ob die Ski-WM 2013 unter umweltfreundlichen Aspekten gestaltet wird oder nicht, dann mag dies für den größten Teil dieser Welt schon stimmen. Aber für einen kleinen Teil halt nicht.

Nachhaltigkeit kostet leider Geld

Zum Abschluss noch ein Wort zu jener Studie, welche sowohl im Artikel des Standard als z.B. auch unter „Ski WM 2013 in Schladming will mit Umwelt und Nachhaltigkeit punkten“ Erwähnung findet und als Aufbau der Region als sogenannte Energiemodellregion von Umweltminister Berlakovich wortgewaltig Unterstützung erfahren soll, wie im Folgenden zu lesen.

Berlakovich: Nachhaltige Großevents können als Vorbilder dienen
Volle Unterstützung für das Nachhaltigkeitskonzept für Schladming kommt von Umweltminister Niki Berlakovich: „Nachhaltige Großevents können für andere Veranstaltungen als Vorbild dienen. Die Organisatoren der WM in Schladming haben sich viel einfallen lassen. Wichtige Initiativen des Lebensministeriums werden eingebaut, wie die Genuss Regionen oder klima:aktiv, außerdem ist Schladming eine Klima- und Energiemodellregion.“ Für Berlakovich ist es besonders wichtig, dass bei der WM Abfallvermeidung und Klimaschutz im Fokus stehen. Das Lebensministerium hat sich deshalb auch im Vorfeld in unterschiedlichen Projekten zu Schladming engagiert, wie z.B. bei der Errichtung der neuen Kläranlage oder dem Aufbau der Energiemodellregion.

Wunderbar gesagt, Herr Minister. Schaue ich mir dann die doch sehr umfangreiche Studie an, wie von Mag. Thomas Guggenberger unter dem doch sehr sperrigen Namen „Vollanalyse des Energiebedarfs und der erneuerbaren Energiepotentiale der land- und forstwirtschaftlich geprägten Kulturlandschaft im oberen Ennstal“ ausgeführt und klammere bis auf die Zusammenfassung auf Seite 80 alles aus, bliebe in komprimierter Form stehen:

Insgesamt: In der Modellregion Schladming bestehen günstige Voraussetzungen, um die Wohnbevölkerung und die bestehenden Wirtschaftsstrukturen auch nachhaltig mit klimaschonender, regionaler Energie zu versorgen. Der Großteil der Aufgaben ist aber durch Einsparungen zu erledigen. Kann die Dynamik um die WM 2013 in das Themengebiet weitergetragen werden, ist diese Aufgabe zu lösen! In einem Zeitraum von 15 Jahren sind für die Zielerreichung jährlich 29 Millionen Euro zu investieren.

Macht also in Summe mehr als 400 Milionen Euro im Zeichen der Nachhaltigkeit. Wohlgemerkt, nur für diese kleine Region. Wir dürfen gespannt sein, wieviel Minister Berlakovich, über eine etwaige nachhaltige Nachfolge darf selbstverständlich über einen solchen politischen Zeitraum schon heute ganz nachhaltig für morgen spekuliert werden, wieviel er also denn bereit ist, an Geldern beizusteuern, damit der Fokus nach Ende der Ski-WM nicht gleich wieder zur Randerscheinung verkommt.

Doch die Ski-WM liegt erst einmal vor der Türe. Und wen interessieren danach noch jene vollmundigen Worte über Dynamik, Engagement, Klimaschutz oder Abfallvermeidung. Alles Schnee von gestern, wird es dann heißen. Und Goethe muss seinen Osterspaziergang neuerlich umschreiben.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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