Peak Oil – How Will You Ride the Slide?


Wie werden Sie die Rutschpartie meistern?

Wir sind also endlich über den Berg! “Gottseidank“, werden manche nun freudig denken, ohne zu wissen, über welchen Berg eigentlich. Egal, wichtig ist doch in erster Linie, dass wir drüber sind und endlich geht es wieder bergab. Oder bergauf. Oder einfach nur so dahin. Was auch immer, Hauptsache vorwärts und die Richtung stimmt. Wer bremst, verliert! Augen zu und durch. Wir haben hinter uns, was noch vor uns liegt. Erst unlängst hatte ich mir so meine eigenen Gedanken unter “Teersand, noch dreckiger als konventionelles Rohöl” über diese neue Form fossiler Energiegewinnung gemacht. Jene neue Möglichkeit der erdölverarbeitenden Industrie, aus einem schier unergründlich tiefen Reservoir an naturverbundenen oder besser natürlichen Ressourcen Gold zu schöpfen. Zeit wird’s, höchste Zeit! Denn wir haben den Zenit unserer erdölschöpferischen Kraft endlich vor uns in Augenhöhe. Endlich stehen wir an den zähflüssigen Ufer unseres industrierevolutionären Rubikon voller Kohlenwasserstoffketten und blicken voller Stolz auf das, was hinter uns liegt. Die globale petrochemische Wanne ist randvoll, doch irgendein Sonderling hat plötzlich und unbemerkt den Stöpsel gezogen, ohne uns darauf aufmerksam zu machen, dass der Nachschub schön langsam zur Neige geht.

Wir haben ihn also jetzt erreicht. Unseren sogenannten gemeinschaftlichen fossilen Höhepunkt bohrerischer Schaffenskraft und bohrender Erdölförderung. Endlich müssen wir uns nicht andauernd jene bohrende aller Fragen stellen: Wie lange reichen die Ölreserven noch, welche auf Schritt und Tritt unser Denken, Handeln, Produzieren und Konsumieren bestimmen (dazu auch meinen Artikel: “Das Öl-Zeitalter: Denken und Handeln der MenschheitWas mit Rockefeller begann und mit dem letzten Öl-Barrel einmal endet“) und mit jedem Schritt und Tritt unter unseren Füßen weniger werden und uns schrittweise außer Tritt bringen? Peak Oil haben wir diesen kaum für möglich gehaltenen Zeitpunkt genannt, welcher uns anzeigt, dass es ab nun mit den Fördermengen jenes Schmiermittels der Wirtschaft, nein des globalen Mit-, Neben- und vor allem Gegeneinanders, steil abwärts geht. Diese zähflüssige Triebfeder ist nun bis zum Anschlag gespannt, der Bogen stetig steigender Fördermengen überspannt. Die Luft ist nicht raus, noch nicht, denn auch auf der anderen Seite des Gipfels warten noch Unmengen an Bruttoregistertonnen, welche wir auch zwei Jahre nach Deepwater Horizon in die Weltmeere ergießen können. Milliarden Barrel Öl im Bauch der Erde vor sich hin schwappend und träge unter den Ozeanen auf ihr Erscheinen an der Oberfläche wartend, welche uns suggerieren, dass der kommende Ölschock erträglich moderat ausfallen wird und wohl gar nicht so schlimm sein kann, wie uns die Hobbywarnerinnen und Berufspessimisten und jene, welche darauf drängen, endlich den erneuerbaren Energieformen unbedingten Vorrang einzuräumen, andauernd erzählen. Wir schlittern in die Verknappung, aber zumindest mit Anstand.

Ein- bzw. weiterführend zum Thema Peak Oil ist die Seite Peak-Oil.com – Das Ende des Erdöl Zeitalters mit dem “Peak-Oil-Barometer” und vielleicht das deutschsprachige Peak-Oil-Forum sowie als englischsprachige Referenz The Oil Drum – Discussions about energy and our future sicherlich einmal einen Blick wert.

Und was, wenn wir die Talsohle erreicht haben? 

Doch Vorsicht! Denn auch diese Alternativenergieträger sind kein Wunderwerk der Technik, wenn auch die wohl einzige Chance, aus dem Würgegriff erdölverschmierter Peak Oil – How Will You Ride the Slide? Das Öl-Zeitalter hat seinen Höhepunkt überschritten. Die Erdöl Fördermengen sind rückläufig.Finger zu kommen und uns dem Diktat von BP, Esso und anderen Tigern im Tank zu entziehen. Denn genau hier liegen noch die größten Probleme vor uns, wenn auf lange Sicht gesehen Wind, Wasser, Solar oder biogene Stoffe unseren Energiebedarf vollständig decken sollen. Denn die Erdölförderung ist innerhalb der letzten etwa 100 Jahre ein gewachsener Prozess, welcher im Grunde genommen auf einfachen physikalischen und technischen Gegebenheiten basiert und deshalb keine großen An- und Herausforderungen an die Menschheit mehr stellt. Und nun soll innerhalb eines verdammt kurzen Zeitraums dieser fossile Brennstoff durch den Einsatz von technischen Möglichkeiten kompensiert werden, welche sich aus den Laboratorien, Versuchsanstalten und Feldversuchen heraus in der rauhen und konsumgierigen Wirklichkeit erst noch bewahrheiten müssen. Sicherlich kein leichtes Unterfangen, denn die Zeit drängt.

Das Beschwören technischer Lösungen ist aber viel einfacher, als die Probleme anzugehen. Man kann sich mediengerecht vor futuristischen Biodieselautos, glitzernden Solarzellen und turmhohen Windkraftanlagen ablichten lassen, und immer wieder die Sonne als metaphernreiches Symbol heranziehen. Man kann Elite-Unis wählen, in denen für das Neue Zeitalter geforscht wird. Welcher Politiker oder Wirtschaftsführer würde diese Werbung eintauschen gegen arbeitsaufwendige philosophische Betrachtungsweisen über den Sinn von „Mehr“? Grübler braucht kein Land, Macher hingegen sind in der medialen Glitzerwelt gefragt, wo jeden Tag eine story her muss. Der Technikfix-Ansatz löst nicht die Probleme eines zutiefst destruktiven Gesellschaftsmodells, dass auf ständig Neues hofft, wodurch sämtliche Traditionen erodieren und ersetzt werden durch eine ständige Erwartungshaltung neuer Produkte aus den Fabriken. Alltägliche Gewalt- und Drogenexzesse, vor allem junger Menschen sind Folgen übermäßigen Energiekonsums und dem Austausch kultureller Werte gegen kalte Technik. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist es nicht einmal wünschenswert, weiterhin mehr Energie zu erzeugen sondern im Gegenteil die zur Verfügung stehende Energie zu drosseln. (Peak-Oil-Forum: Erneuerbare Energieträger – falsche Religion)

Was also tun, um die Rutschpartie einigermaßen erträglich zu gestalten und solange auf dem Hosenboden gen Tal zu schlittern, bis der blanke Arsch vor lauter Geschwindigkeitsrausch Brandblasen in den abgefackelten Himmel wirft, welchen wir kühlende Linderung aus ölverpesteten Gewässern verschaffen möchten? Vielleicht sollten wir uns wieder darauf besinnen, dass Äpfel aus der Region eine wesentliche bessere Klimabilanz aufweisen als jene aus Neuseeland oder Argentinien, welche über 13000 Kilometer über stürmische oder ruhige See in heimische Gefilde befördert werden. Oder ist sogar das nicht unbedingt ganz richtig? Der Apfel vom nächsten Bauern – das ist Öko-Romantik pur! Professor Schlich erklärt, warum Import-Äpfel keine Klimakiller sind. Dann rutschen wir halt weiter auf unserem langen Weg nach unten, den wir über die letzten Jahrzehnte so mühelos und bequem mit unseren Benzinkutschen nach oben gebrettert sind. Schließlich wollen wir ja wieder alle back to the roots oder eben zurück zu den Wurzeln. Und über allen Gipfeln ist Ruh.

Nun gut, Goethe hatte es um einiges leichter. Schließlich schrieb er Ende des 18. Jahrhunderts noch im Licht der beginnenden industriellen Revolution, als die ersten Dampfmaschinen gerade ihre Kolben in den heißen Dampf von Sturm und Drang rammten und “Die Stimme des Herzens ist ausschlaggebend für die vernünftige Entscheidung” für kurze Zeit die Oberhand über geltende Moralvorstellungen behielt. Zumindest waren dies die Wunschvorstellungen von Johann Gottfried Herder. Aber sowohl Goethe als auch Herder haben ihren Zenit längst überschritten und haben die Ufer des Rubikon gegen jene des Styx eingetauscht.    

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