Foxconn und der saure Apfel von Apple


Wird jetzt alles anders, alles besser, alles neu?

So, nun bin ich endgültig zurück aus meiner Welt der Bild (Black Out In The Fields), welche Sie sich selbstverständlich auch auf Ihrem iPad oder Ihrem iPhone ansehen können. Warum erwähne ich gerade diese beiden Produkte? Weil es sich um Aplle-Produkte handelt? Richtig, genau so ist es!

Es ist eigentlich erstaunlich, dass dieses Thema nicht ähnlich hohe Wellen geschlagen hat wie etwa die diesjährige Grammy-Preisverleihung. Nun, vielleicht bedarf es dazu erst des Todes vom Format einer Whitney Houston, um entsprechende mediale Aufmerksamkeit zu erreichen. Wobei, auch im Falle von Foxconn, einer chinesischen Zuliefererfirma von Apple, welche selbst noch unter den Post-mortem-Folgen von Steve Jobs leiden dürften, wurde diese Bedingung sicherlich zur Genüge erfüllt. Eine Selbstmordwelle unter den Foxconn-Angestellten, welche selbst den unzähligen iPhone-Benutzerinnen und iPad-Besitzern nicht gänzlich verborgen blieb.

Dass dies jedoch nur die Spitze des Eisberges ist, zeigte Ende Jänner 2012 ein ellenlanger Artikel in der New York Times unter dem Titel „The iEconomy: In China, Human Costs Are Built Into an iPad“ über die Arbeitsbedingungen speziell bei Foxconn im Dienste des schaurig-sauren hochglanzpolierten Apfel-Imperiums. Denn die Taiwanesen, welche in China für die Amerikaner produzieren, lassen in puncto Arbeitsbedingungen wirklich keine noch so kleine Lücke aus, um mehr als eine Million (über 230 000 davon in Chinas Foxconn-Werken) MitarbeiterInnen auch wirklich zur vollsten Zufriedenheit zu belasten. Natürlich zur vollsten Zufriedenheit von Apple, aber auch anderer Elektronikkonzerne, welche in diesem Konzert der Ausbeutung keineswegs die zweite Geige spielen möchten.

Apple is not the only electronics company doing business within a troubling supply system. Bleak working conditions have been documented at factories manufacturing products for Dell, Hewlett-Packard, I.B.M., Lenovo, Motorola, Nokia, Sony, Toshiba and others.

Work hard on the job today or work hard to find a job tomorrow.

Doch Apple setzt in Form von Foxconn besondere Maßstäbe als Klassenprimus, welcher auf lauter ersten Geigen am lautesten und schönsten spielt. Nicht hinsichtlich der eigenen Qualitätsprodukte, sondern wie der Faktor Mensch nur eines von vielen Verschleißteilen in dieser Maschinerie gesehen wird. Was tat nun Foxconn, um weitere ArbeiterInnen vom willentlichen Sturz von den Fabriksdächern abzuhalten? Die Arbeitsbedingungen verbessern, psychologische Hilfestellung (abgesehen von Routineuntersuchungen) leisten, die Überstunden abbauen, die quälenden Arbeitsschichten verkürzen, das Sprechverbot aufheben? Nein, weit gefehlt! Riesige Fangnetze wurden aufgespannt, um den kostbar billigen Produktionsfaktor Mensch vor weiteren Selbstmorden abzuhalten und dem sauren Apfel zu noch mehr Bissfestigkeit zu verhelfen. Und Apple-Chef Tim Cook (damals Vize hinter Steve Jobs) lobte dieses Verhalten und freute sich, dass Foxconn damit definitv Leben gerettet hat (Apple lobt Foxconn für Maßnahmen gegen Suizide). Das weiter unten gezeigte Video zeigt diese Netze. Wen es jetzt schon interessiert, nach ziemlich genau sechs Minuten des Beitrags.

Ich stelle mir jetzt einmal folgende Situation vor. Ich schaue meiner gelangweilt Tochter zu, wie sie vor meinen Augen über die Autobahn marschiert und dabei natürlich überfahren wird. Weil ich ein kluger Mensch bin und mir so etwas nicht noch einmal passieren darf, binde ich meinen Sohn an einen Baum neben der Autobahn an, damit der Sprössling nicht auch überfahren wird. Meine Frau sieht diese Maßnahme, freut sich tierisch, nicht noch ein Kind zu verlieren und erzählt meiner Schwiegermutter voller Stolz, was für ein treusorgender Vater ich doch bin. Das bürgt doch für Qualität.

Apropos Qualität und Apple. Dazu empfehle ich unbedingt den ARTE-Dokumentarfilm „Kaufen für die Müllhalde„. Geplante Obsoleszenz, der geheime Motor unserer Konsumgesellschaft. Nicht auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet, sondern einzig und allein auf Wachstum programmiert. Die bewusste Verkürzung der Lebensdauer von Produkten, um zu konsumieren auf Teufel komm raus und. Minute 3:29 des Films: „Ich denke, Apple hat den iPod absichtlich mit geplanter Obsoleszenz entwickelt.“ Den Rest der 75 Minuten sehen Sie sich am besten selbst an. Sie werden staunen, was Sie alles kaufen, ohne vorher schon zu wissen, dass es genau dann kaputt geht, wenn Sie es am wenigsten, aber die Hersteller punktgenau erwarten. Warentermingeschäfte einmal anders.

Banners on the walls warned the 120,000 employees: “Work hard on the job today or work hard to find a job tomorrow.” Apple’s supplier code of conduct dictates that, except in unusual circumstances, employees are not supposed to work more than 60 hours a week. But at Foxconn, some worked more, according to interviews, workers’ pay stubs and surveys by outside groups. Mr. Lai was soon spending 12 hours a day, six days a week inside the factory, according to his paychecks. Employees who arrived late were sometimes required to write confession letters and copy quotations. There were “continuous shifts,” when workers were told to work two stretches in a row, according to interviews.

Der Artikel der New York Times schließt mit folgenden Worten eines Apple-Managers, welche angesichts der endlos langen Liste an Verfehlungen rund um den Zulieferer Foxconn mehr als bezeichnend für die Firmenpolitik des Konzerns sind: „You can either manufacture in comfortable, worker-friendly factories, or you can reinvent the product every year, and make it better and faster and cheaper, which requires factories that seem harsh by American standards.

Wir stehen also vor der Qual der Wahl. Entweder in Fabriken produzieren zu lassen, welche den Ansprüchen der arbeitenden Masse gerecht werden oder das Produkt Jahr für Jahr neu erfinden, um es noch besser, noch schneller und vor allem noch billiger zu machen. Dass die KonsumentInnen dabei Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen müssen, welche im Vergleich zu amerikanischen Maßstäben als brutal gelten müssen, darf dann dabei jedoch nicht stören. Doch wer sein iPhone und sein iPad nicht selbst herstellen muss, kann wohl ruhigen Gewissens etwas weniger Komfort für diejenigen, welche für unsere Statussymbole mit geschwollenen Beinen zwölf oder mehr Stunden sieben Tage die Woche unter Kunstlicht im Akkord vor sich hin vegetieren, in Kauf nehmen. Hauptsache, der Download funktioniert wie versprochen.

Hinter den Werkskulissen von Foxconn im Auftrag von Apple

Doch eigentlich wollte ich in Sachen iPhone und iPad anderes schreiben. Ich bekam unlängst eine Email von Christian Engeli von Solidar Suisse (George Clooney und Nespresso, Sie erinnern sich?). Im Wortlaut gebe ich diese nun in Auszügen wieder:

Guten Morgen Paul Boegle

Dieses E-Mail verschicke ich mit meinem Apple-Notebook. Zusammengebaut wurde dieses von Foxconn, einem chinesischen Unternehmen mit einer Million (!) Beschäftigten. Foxconn hat mit einer Selbstmordwelle von Angestellten Schlagzeilen gemacht: Menschen, die unter der unmenschlichen Belastung zusammengebrochen sind.

Die meisten Arbeiter verdienen zwei Dollar pro Stunde, abzüglich Kost und Logis – zu wenig, um eine Familie zu ernähren. Ausser man leistet zusätzlich zu den 60 regulären Arbeitsstunden noch Überzeit. Irritierend dabei: Foxconn ist als Arbeitgeberin sehr begehrt, die Bedingungen sind andernorts noch deutlich schlechter, es geht also nicht bloss um Apple.

Das darf nicht so weitergehen. Wir dürfen nicht einfach hinnehmen, dass Informatik, Textilien, Kinderspielzeug, Schmucksteine usw. unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden.

Und daneben noch der Hinweis auf einen 15-minütigen Videoausschnitt des amerikanischen Senders ABC, welcher jetzt mit Erlaubnis von Apple in den Foxconn-Werken drehen durfte. Dass Sie sich jedoch nicht nur auf das Video konzentrieren sollen, sondern ruhig einmal auf der Solidar Suisse Seite unter „Hinter den Kulissen von Apple & Co“ vorbeischauen dürfen, sollte durchaus drin sein.

Ich habe keine Ahnung, inwieweit der Bericht nun den tatsächlichen Bedingungen entspricht oder ob hier nicht im Vorhinein entsprechende Begradigungen vorgenommen wurden. Ich habe keinen blassen Schimmer, ob die Bäume vor den Wohnungen, welche mit ihrem dichten Blätterdach die Sonne verdecken und die hohen Essenspreise die einzigen störenden Elemente sind oder ob sich einige Angestellte möglicherweise abseits der laufenden Kameras zu anderen, weitaus massiveren Problemen geäußert hätten. Und ich kann nicht beurteilen, ob die Fair Labor Association Umfrage unter mehr als 35 000 Foxconn-Bediensteten auch wirklich jene Ergebnisse widerspiegelt, welche so in den Köpfen der Menschen gut versteckt vor dem Zugriff der Verantwortlichen hinter Mauern des Schweigens verborgen bleiben. Mir ist vieles unbekannt im Land des gequälten Foxconn-Lächelns und des bittersüßen Apfelduftes. 

Noch einmal zurück zu Steve Jobs. In einem Interview Anfang Juni 2010 wurde er bereits auf die Suizidvorfälle in den Foxconn-Werken angesprochen. Manche von Ihnen mögen nun denken, über Tote schlecht zu sprechen, mag nicht der hiesigen Sitte und den allgemeingültigen Vorstellungen von Anstand und Moral entsprechen. Da stimme ich Ihnen, wenngleich nur unter einigen Wenn und vielen Aber zu und lasse stattdessen eben Steve Jobs selbst noch einmal zu Wort kommen.

I actually think Apple does one of the best jobs of any companies in our industry, and maybe in any industry, of understanding the working conditions in our supply chain. I mean, you go to this place, and, it’s a factory, but, my gosh, I mean, they’ve got restaurants and movie theaters and hospitals and swimming pools, and I mean, for a factory, it’s a pretty nice factory.

Eine Fabrik, mein Gott, natürlich, aber was für eine herrliche Fabrik. Die haben dort Restaurants, Kino, Krankenhäuser und sogar Swimmingpools. Also, wenn das nicht reicht, um nach den Richtlinien von Apple zu einer wunderschönen Fabrik aufzusteigen, also dann weiß ich auch nicht. Weshalb bringen sich also Menschen aus völlig freien Stücken um, wenn doch alles eitel Sonnenschein im Land neben der aufgehenden Sonne und mitten drin im nahrhaften Apfel-Imperium ist? Sollte jetzt Herr Jobs die Möglichkeit besitzen, aus dem schönen Jenseits ins triste chinesische Diesseits zu blicken, möglicherweise sogar im Kreise der Dutzenden Selbstmörder im Dienste ihres ehemaligen Arbeitgebers Foxconn, wird er vielleicht zu der Einsicht gelangen, dass doch nicht alles glänzt, was Gold oder iPhone-Display war.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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