Big brother is watching. You!? 1



Wer beobachtet hier eigentlich wen?

Es liegt ja in der Natur des Menschen, alles, was so seine Nächsten betrifft, wissen zu wollen. Geradezu manisch sind wir darauf konditioniert, all jene Dinge besonders interessant zu finden, welche uns eigentlich überhaupt nichts angehen, von denen wir aber glauben, diese fremden Angelegenheiten zu unseren eigenen machen zu müssen, um dann sagen zu können, dass diese uns eigentlich nichts angehen, wenn wir endlich herausgefunden haben, was uns denn eigentlich nichts angehen sollte. ACTA ist im Moment nicht nur in aller Munde, sondern vielmehr noch in aller Ohren und will durch tausend Augen in die geheimsten Ecken und Winkel blicken. Der Schnüffelstaat schnuppert permanent in unseren virtuellen Achselhöhlen und beim geringsten Anzeichen von fremden Duftmarken sprich eigenem Denken, welches sich nicht in das Schema F eingliedern lässt, schrillen die Alarmglocken und die große Maschinerie setzt sich in Bewegung. Nehme ich beim Telefongespräch Worte wie Bombenattentat, Brandbeschleuniger oder Al Qaida in den Mund, übertragen Funkwellen schleunigst diese gebrandmarkten Begriffe in den überwachten Äther und lassen Vater Staat und Mutter Land die Rädchen der Fürsorglichkeit ein Stückchen weiter drehen. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber die Mühlen des Staates umso gründlicher.

“Felsenauge” von Paul Boegle. Big brother is watching. You!? 1984 war gestern. 1984 ist heute. 1984 wird auch morgen sein.

Seltsame Blüten treiben im neuen Frühling aus. Wir lauern alle hinter unseren blickdichten Vorhängen und kaum sehen wir die geringste Bewegung hinter den vielleicht nicht ganz so blickdichten Vorhängen (ein schwerer Fehler, lieber Nachbar!) unserer Nächsten, ist unsere Aufmerksamkeit geweckt und wir verharren minutenlang bewegungslos im Dunkel der eigenen vier Wände, zischen scharf „Pssssssst!“, wenn die arglos ahnungslosen Kinder fragen, was wir denn so stumm und mit stierem Blick draußen vor der eigenen Türe sehen, wo sich der eigene Dreck, den wegzuräumen wir nicht willens sind, meterhoch türmt, weil er uns zusätzlich vor neugierigen Blicken schützt.

Wir sind mit George Orwell einer Meinung, weil 1984 seit 1949 jedes Jahr pünktlich zu Silvester das neue Jahr 1984 einläutet und Nine Eleven im Jahre 2001 nur ein besonderes 1984 war und seither in schöner Regelmäßigkeit ein weiteres besonders schönes 1984 nach sich bringt. Wir lassen uns auf Schritt und Tritt von Überwachungskameras filmen, weil schließlich haben wir nichts zu verbergen und wollen alle Teil dieser überdimensionalen schönen neuen Welt sein, welche sich dem Kampf gegen den Terrorismus verschrieben hat. Wir haben den Planeten fein säuberlich in Schwarz und Weiß untergliedert. Die Achse des Bösen messerscharf dort gezogen, wo jene schwarze Welt jenseits unseres eigenen meterhohen strahlenden Drecks vor der eigenen Haustüre beginnt, welcher uns vor den neugierigen Blicken jener beschützt, welche auf der sogenannten falschen Seite stehen und aus den tiefen Schützengräben heraus mit ungleichen Waffen gegen uns ankämpfen.

Wir echauffieren uns gegen jene, welche unserer Flucht nach vorne im Wege stehen, weil diese mit dem Rücken zur Wand stehen. Politische Flüchtlinge, Hungerflüchtlinge, Klimaflüchtlinge, aber bitteschön nicht mitten in unserem Sichtfeld. Schwarzafrikaner sind Drogendealer. Die Türkin mit dem Kopftuch, welche unseren angestammten Sitzplatz in der Schnellbahn besetzt hält, seit sie in unser Land gekommen ist, ist schon wieder schwanger und wartet mit feistem Grinsen auf das neue Kindergeld, welches wir braven BürgerInnen dank unserer Rechtschaffenheit ohne Murren bezahlen müssen. Wir beklagen uns, weil wir in den Nachrichten gestern Abend schon wieder mitbekommen haben, dass ein neues Flüchtlingslager vor unserer Haustüre gebaut werden soll, vor welcher sich der eigene Dreck meterhoch auftürmt und uns vor allzu neugierigen Blicken unserer Nachbarn und anderer in tiefen Graben Versteckter schützt, die auf der Schnittlinie der Achse des Bösen auf stehen, liegen und sitzen, gerade als wir uns zum gemeinsamen Essen hinter unseren blickdichten Vorhängen versammelt haben, welche wir trotz Hunger und gesundem Appetit, den wir durch mühsames Suchen eines neuen angestammten Sitzplatzes in der Schnellbahn, welcher von der schwangeren Türkin scheinbar immer dann besetzt wird, wenn wir uns müde von der täglichen Arbeit nach Hause schleppen, immer wachsam im Auge behalten, weil drüben beim Nachbarn vor wenigen Minuten die Lichter hinter nicht ganz so blickdichten Vorhängen (ein schwerer Fehler, Herr Nachbar, aber das brauchen Sie ja nicht zu wissen) angegangen sind.

Wir sind wir. Und die anderen sind böse. Glücklicherweise gibt es strenge Regeln für brave BürgerInnen. Aufgestellt von jenen, welche uns vor uns selbst beschützen. 1984 kann kommen. Aber die Flüchtlinge sollen bitte dort bleiben, wo der Pfeffer wächst. Der wurde früher schließlich mit Gold aufgewogen. Wer braucht denn schon Brot bei solchen Schätzen im eigenen Land? Schwarzafrikaner sind Drogendealer. Alle! Türkinnen sind schwanger. Alle! Und wir sind die Guten. Alle!

Die Achse des Bösen? Keine Ahnung, was das ist. Aber es klingt so beruhigend. Besonders dann, wenn man auf der richtigen Seite zu stehen glaubt. Aber das tun wir ja sowieso alle. Bis auf die Schwarzafrikaner, die Türkinnen, die Flüchtlinge und all die anderen, welche nicht in unser schönes Schema F passen.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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