Wien ist anders – die UNESCO noch viel mehr 1



Wenn immaterielles Weltkulturerbe zur schützenswerten Erbsünde erklärt wird

Heute noch einmal Anschauungsunterricht in Sachen Ethik. In Wien steht Anderssein im Vordergrund. Zumindest wirbt die heimische Touristenwerbung seit Jahren mit dem eingängigen Slogan „Wien ist anders“ dafür, dass sich BesucherInnen ais aller Welt schon einmal darauf einstellen können, sollen, müssen, dass hier bei unsUNESCO Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe erklärt den Burschenschafter-Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) in der Hofburg zum immateriellen Weltkulturerbe, im österreichischen Revier, die Uhren anders ticken und die der Tod auch nach dem letzten Tick noch einen ganz speziellen Touch erhält. Wer in Wien nicht den Zentralfriedhof zum lohnenswerten Ziel und überirdischen Muss für den wöchentlichen Sonntagsausflug erhebt und auf die Frage, was in Wien denn zuerst und unter allen Umständen als erstes touristisches Highlight zu besichtigen sei, nicht mit der unterschwellig nekrophilen Antwort „Der Zentralfriedhof natürlich!“ dienen kann, ist hier fehl am Platz. Hat auch schon Marius Müller-Westernhagen gesungen, ob im Hinblick auf Wien oder auch nicht, mag dahingestellt sein. Aber zuhause ist der echte Wiener, der einfach nicht untergehen will und pünktlich zu Silvester im öffentlich-recht politischen ORF-Programm seinen festen Platz hat, nur dort, wo die Lebendigen den Toten den gebührenden Respekt zollen und andererseits die Toten den Lebendigen jene Reminiszenz schon zu Lebzeiten entgegenbringen, welche allgemeingültig und in Stein gemauert als „es lebe der Zentralfriedhof“ eines Wolfgang Ambros in die Geschichte eingegangen ist.

Ich bin wieder hier,
in meinem Revier.
War nie wirklich weg,
hab mich nur versteckt.
Ich rieche Dreck,
ich atme tief ein.
Und dann bin ich mir sicher,
wieder zuhause zu sein.

Hat Marius Müller-Westernhagen also gesungen, damals in der guten alten Zeit, als das Singen noch in der guten alten deutschen Muttersprache geschah und Töne auf guten alten schwarzen Scheiben gepresst wurden.

Es lebe der Zentralfriedhof
und alle seine Tot’n,
da Eintritt is für Lebende
heut ausnahmslos verbot’n.
Weu da Tod a Fest heut gibt
Die ganze lange Nacht,
und von die Gäst ka anziger
a Eintrittskarten braucht.

Hat der Wolferl, also der Wolfgang Ambros gesungen, damals in der guten alten Zeit, als das Sterben noch für’s gute alte Vaterland zur freudigen Pflichterfüllung und zum guten Ton gehörte und Töne nicht nur auf schwarze Scheiben gepresst wurden, sondern auch unter der braunen Erde leise in tiefen braunen Rillen vor sich hin sickerten, bis sie wieder auferstanden aus Ruinen und auf längst schon vergessenen tiefbraunen Altlasten wieder zum kontaminierten Leben erweckt wurden. Oder, um Ihnen meine ganzen Ausführungen zu dieser bisher leicht unverständlichen touristischen Werbekampagne, welche im folgenden und aus ganz anderen Gründen noch leicht unverständlicher wird, etwas näherzubringen: Die UNESCO hatte bereits 2010 beschlossen, dass der Wiener Ball in den Stand des immateriellen Kulturerbes Österreichs erhoben wird, was jetzt auch auf der Webseite der Nationalagentur für das immaterielle Kulturerbe schwarz und grün auf weiss zu lesen ist, wie oben bei Klick auf den Screenshot zu sehen.

Und damit verbunden wird auch der sogenannte Ball der Wiener Kooperationsrings WKR, der wiederum Bestandteil der Wiener Ballsaison ist, in Zukunft immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe. Dazu vielleicht ganz interessant und aufschlussreich, dass dieser frackbewehrte Treffpunkt und ballbekleidete Sammelplatz deutschnationaler Burschenschaften im imperialen Gefilde am Wiener Heldenplatz selbst von Österreichs Verteidigungsminister Norbert Darabos unter „Die Presse: WKR-Ball unter Beobachtung des Verfassungsschutzes?“ bzw unter folgendermaßen beschrieben wurde: „Ein Ball, auf dem sich Jahr für Jahr international bekannte Rechtsextreme die Klinke in die Hand geben, hat aus meiner Sicht nichts mit österreichischem Kulturerbe zu tun. Die Wiener Ballsaison käme auch gut ohne dieses rechtsextreme Stelldichein aus.“ Darüberhinaus empfiehlt er dem für diese Entscheidung zuständigen UNESCO-Fachbeirat, doch einmal einen Blick auf die Gästeliste zu werfen:

Neben mehreren Vertretern der unbestritten rechtsextremen deutschen NPD war auch der Fraktionsvorsitzende des Vlaams Belang, Filip Dewinter, Gast der Veranstaltung. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) beurteilt die Studentenverbindungen, die im WKR zusammengeschlossen sind, als dem deutschnationalen bis rechtsextremen Milieu entstammend. Die Mitglieder rechtsextremer Burschenschafter seien dabei tonangebend. (Meine Abgeordneten: WKR-Ball – Darabos kritisiert UNESCO)

Und die UNESCO? Die stellt recht eindeutig zweideutig im Interview mit dem Standard (UNESCO führt WKR-Ball auf Liste für „immaterielles Kulturerbe“) fest.

Alle formellen Kriterien eines traditionellen Wiener Balls erfüllt

Maria Walcher, Leiterin der Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe der Österreichischen UNESCO-Kommission, erklärt im Gespräch mit derStandard.at, dass der WKR-Ball dezidiert von der Kommission als eines von 17 Beispielen für das immaterielle Kulturerbe „Wiener Ball“ akzeptiert wurde. Der WKR-Ball erfülle alle Kriterien eines „Wiener Balls“, der sich zum Beispiel durch die Eröffnung, eine Mitternachtseinlage und eine Ballspende auszeichne.

Na also, die deutsche Sprache ist doch eine recht verständliche und zeichnet sich durch präzise Fakten und leicht nachzuvollziehende Details aus. Eröffnung, Mittelteil und Schluss, Satz, Spiel und Endsieg inbegriffen. Semantisch und syntaktisch auf den Punkt gebracht und für alle zufriedenstellend formuliert. Es darf getanzt werden. Sozusagen „Alles Walzer“ im schönen anderen und schön abartigen Wien. Natürlich ein Zufall, dass der WKR-Ball ausgerechnet am 27. Jänner 2012 seine burschikosen Pforten öffnet und zum Tanz auf brauner Asche und verbrannter Erde bittet. Es ist der Tag der Befreiung der Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz. Dass das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau übrigens unter dem Namen „Auschwitz-Birkenau – deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager (1940–1945)“ zum Teil des Weltkulturerbes erklärt wurde, macht die Sache doch so richtig rund und schließt den Kreis zu neuen alten weltkulturellen gutgütigen Tänzen auf deutschnationalen Vulkanen, welche inmitten unescollabierender Landschaften fröhlich vor sich hin brodeln. Wer möchte dabei noch von einem Kulturschock sprechen? So ist sie also, die österreichische Seele, welche ihren ganz persönlichen Zentralfriedhof Tag für Tag vergöttert und verklärt. Oder um mit Wolfgang Ambors zu schließen:

Auf amoi is die Musi still
Und alle Aug’n glänzen,
weu dort drüb’n steht der Knochenmann
und winkt mit seiner Sens’n.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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