Grüne Gentechnik – Fakten und Mythen 1


Problematische Potentiale und potentielle Probleme von gentechnisch veränderten Organismen

Vorab eines, bevor wir uns auf die Felder der Manipulation und die Äcker des Eingreifens stürzen. Die nachfolgenden Gedanken zur Nutzung und Anwendung der sogenannten grünen Gentechnik (siehe z.B. auch „Eine schallende Ohrfeige für die Gentechnik„) spiegeln nicht unbedingt meine eigene Meinung wider. Dass ich dieser Form von Veränderung zweifellos mehr als zweifelnd gegenüber stehe, ist keine Neuigkeit. Doch gerade dies macht es unumgänglich, sich als kritischer Mensch eben immer und immer wieder mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, um einerseits den eigenen Standpunkt durch fundierte Informationssuche weiter zu festigen, andererseits aber auch Menschen zu Wort kommen zu lassen, welcher diese (ablehnende) Sicht der Dinge vielleicht nicht konträr zu der meinigen, sondern doch zumindest etwas aufgeschlossener und vielleicht allzu optimistisch betrachten. Ob diese andere und weitaus positivere Meinung über den Einsatz von GVO (gentechnisch veränderte Organismen) jetzt objektiver und emotionsloser ist, sei dahingestellt.

Die Friedrich-Naumann Stiftung hat mich also wieder einmal mit Informationsmaterial versorgt. Unter anderem war ein Positionspapier von Steffen Hentrich mit dem schönen Titel „Grüne Gentechnik – Fakten und Mythen“ (Download bei Klick auf den Link) darunter. Der Autor möchte dabei mit den Vorurteilen aufräumen, welche hinsichtlich der Verwendung gentechnisch veränderter Pflanzen, besonders als Substitute zu konventionellen landwirtschaftlichen Pflanzen (wie z.B. transgener Mais, Soja, Raps, Baumwolle) oder der Einsatz von gentechnischen Verfahren in der Pflanzenmedizin in vielen Teilen der Bevölkerung überwiegen.

Wie in anderen Fragen der Umweltschutz- und Nachhaltigkeitspolitik sind es vor allem Informationsdefizite, die zu der starken Polarisierung der Diskussion und der stark von Unsicherheit und Angst bestimmten öffentlichen Wahrnehmung führen. Dieses Argumentationspapier soll daher einen kurzen Überblick über Potenziale und Probleme der Grünen Gentechnik geben und damit zur Versachlichung der Debatte beitragen. (Seite 2)

Dass Hentrich seine Argumentationsketten mit den damit verbundenen inhärenten Merkmalen und Eigenschaften für ein „Ja“ zur Gentechnik fein säuberlich aneinanderreiht und mit den immer wieder gerne zitierten Vorteilen als grün schimmernde Perlen, welche Gutes tun, vor die kritischen Säue wirft, darf dabei natürlich nicht verwundern.

Wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte der Grünen Gentechnik

Die Grüne Gentechnik trägt in ihren Anbaugebieten schon heute zur preisgünstigen und sicheren Versorgung mit Lebens- und Futtermitteln bei. Steigende Hektarerträge und sinkende Produktionskosten versprechen spürbare wirtschaftliche Vorteile dieser neuen Verfahren. Aufgrund geringerer Flächeninanspruchnahme, weniger Aufwand für die Bodenbearbeitung und einem verminderten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln konnten in gut einem Jahrzehnt weltweit rund 51,9 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet werden, wobei jeweils rund die Hälfte der Gewinne durch eine Steigerung der Erträge und eine Reduzierung der Produktionskosten erzielt wurden. Allein für die vier wichtigsten gentechnisch modifizierten Anbaupflanzen Soja, Mais, Baumwolle und Raps belief sich der zusätzliche Ernteertrag auf 29,6 Millionen Tonnen, für die bei der Verwendung traditioneller Pflanzen ein Flächenmehrverbrauch von 10,5 Millionen Hektar nötig gewesen wäre. Angesichts der durchschnittlichen jährlichen Abholzungsrate der globalen Wälder von rund 7,3 Millionen bedeutet dies auch eine erhebliche ökologische Entlastung. Im Zeitraum von 1996 bis 2008 summierten sich die Ertragsgewinne auf 167 Millionen Tonnen, was bei den Erntemengen des Jahres 2008 einer Reduktion der Flächeninanspruchnahme gegenüber konventionellen Kulturen von 62,6 Millionen Hektar entspricht. Die ökologische Bedeutung einer derartigen Flächeneinsparung lässt sich bemessen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass diese Fläche etwa der Hälfte der gesamten europäischen Forstfläche oder 70 Prozent der Fläche der Waldbedeckung Indonesiens entspricht. (Seite 7)

Dass ich gerade der These des Einsparens von Anbaufläche nicht zustimmen kann und werde, da diese sogenannte Einsparung durch gentechnische Mehrerträge, wenn dem denn so ist, nur eine Verlagerung mit sich bringen wird und anstatt etwa den unbedingten Schutz der Wälder zu forcieren, werden sich findige Konzerne und politische Köpfe zuhauf finden lassen, welche aus eben diesen Argmenten der Welthungerproblematik, um politisch schlagkräftige Geschütze namens humanitäre Hilfe aufzufahren, auch diese Anbauflächen umwidmen werden. Dass das Wort „Ertragsgewinne“ dabei wohl zusätzliche bilanzielle Kräfte freisetzen wird und keinesfalls zum gentechnischen Stillstand vor den sich sanft wiegenden Baumwipfeln kommen wird, nur nebenbei bemerkt. Ebenfalls nebenbei bemerkt auch die Tatsache, dass es hinsichtlich der propagierten Anbauflächen und des suggerierten Zuwachses gentechnischer Anpflanzungen auch ganz andere Meinung gibt und die Jubelarien von gentechnikfreundlichen Instituten wie z.B. „International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Application (ISAAA)“ mehr als fragwürdig sind (Rückschritt: Vormarsch der Gentechnik).

Steffen Hentrich verschweigt allerdings auch nicht, dass der Einsatz von Gentechnik gewisse Probleme, wie z.B. auf dem Arbeitsmarkt, mit sich bringen kann. Ich schreibe hier bewusst im Konjunktiv, da Hentrich auf Seite 9 seines Papiers, beginnend mit „Die Einführung neuer Pflanzensorten in der Landwirtschaft bleibt wie jede andere neue Technologie nicht ohne Folgen für das Einsatzverhältnis der in der Landwirtschaft genutzten Produktionsfaktoren. Davon ist natürlich auch der Faktor Arbeit betroffen.“ gezählte vier Eventualitäten aufführt, welche seiner Meinung nach zwar durchaus im Bereich des Möglichen liegen könnten, aber scheinbar nicht von grundsätzlicher Muss-Tragweite sind. Nun, solch eine Abschwächung klingt für mich mehr nach Überzeugungsarbeit, um hier nicht vollkommen euphorische Stellungnahme pro grüne Gentechnik beziehen zu müssen.

Wenn sich dann noch auf Seite 10 f. Sätze wie

Horizontaler Gentransfer über Artengrenzen hinweg hat sich in der Evolution des Lebens als besonders vorteilhaft für die rasche Anpassung an veränderte Umweltbedingungen herausgebildet. Einige Viren und Bakterien besitzen die Fähigkeit, artfremde Erbinformationen aufzunehmen und zu übertragen, so dass sich die Befürchtung breit gemacht hat, dass Veränderungen am Genom einer Kulturpflanze auf Bakterien übertragen und damit zum Teil des bakteriellen Genpools werden. Bislang sind diese Überlegungen im Zusammenhang mit transgenen Kulturpflanzen und ihren praktischen Einsatzbedingungen rein hypothetischer Natur und konnten empirisch noch nicht nachgewiesen werden. Dennoch gehen sie in die Risikobewertung ein und werden damit zu einem ständig zu prüfenden Zulassungskriterium.

finden, kommen bei mir doch gewisse Zweifel auf. Sich den Darwin’schen Fatalismus vom Recht des Stärkeren in Sachen grüne Gentechnik zunutze zu machen, mag ja ganz nützlich für das Befürworten dieser wissenschaftlichen Errungenschaften sein. Doch nicht immer impliziert dieses evolutionsbedingte Muskelspiel auch, dass durch diese Überlebensstrategien neben diesem Recht auch andere Vorteile wie Unbedenklichkeit für den Organismus oder Mehrwert für die Gesundheit mit einhergehen. Wenn wir davon absehen, dass Versuche mit Pflanzen zwar schon vor Jahrtausenden stattfanden, dieses aber bis vor ca. 40 Jahren noch nicht unter kontrollierten und wissenschaftlichen Bedingungen stattfand, möchte ich weiterhin zu bedenken geben, dass solch ein verschwindend geringer Zeitraum auf einer Skala von 4,7 Milliarden Erdenjahren im Hinblick auf die Entwicklung von Flora, Fauna und selbstverständlich auch den modernen Menschen sehr wohl die berechtigte Forderung nach Transparenz und eingehender Prüfung solcher Verfahren, Techniken und Einsatzmöglichkeiten nach sich zieht. Ich möchte nicht wissen (doch, wahrscheinlich möchte ich schon), wie lange es gedauert hat, bis sich aus einigen Wasserstoffmolekülen der Zufall oder was auch immer endlich dazu bequemt hat, daraus ein zartes konventionionelles Maispflänzchen zu formen.

Resümee

Es wird immer wieder argumentiert, dass die sogenannte Anti-Gentechnik-Front mit übertriebener Panikmache und unbegründetem Populismus mobil macht und damit zur künstlichen Aufheizung dieses Themas beiträgt.

Wenn dann allerdings solche Initiativen wie „Genfrei gehen„, deren Grundtenor sicherlich löblich ist, eben über die zu Beginn meines Artikels gepflügten Felder der Manipulation und Äcker des Eingreifens marschieren, muss allerdings auch ich verzweifelt das Haupt schütteln. Wenn diese gentechnikkritischen Menschen wenigstens gentechnikfrei gehen würden, wäre es zumindest noch nachvollziehbar. Aber nur genfrei gehen und dabei womöglich die eigenen Gene im Keller oder wo auch immer zu verstecken, also genau jenen Aspekt außen vor zu lassen, für welchen zu marschieren eigentlich Sinn und Zweck ist, nämlich die damit verbundene Technik, ruft natürlich die Spötter auf den Plan Gottes. Dass Joseph Wilhelm, der Initiator der Aktion, selbstverständlich ganz genau weiß, für welchen Zweck er auf die Straße geht und in weiterer Folge auch von Gentechnik spricht und schreibt, ist schon klar. Zumindest mir.

Sie sehen, bezüglich der grünen Gentechnik scheiden sich die Geister oftmals schon am zu verwendenden Terminus. Doch dies ist auch schon anderen passiert. So schrieb selbst Greenpeace vor Jahr(zehnt)en in „Bald gentechfreies Brasilien„, dass das Ende aller Gene in Südamerika nicht mehr weit ist: „Mit der Zusage des Unternehmens Perdigao bekräftigt Brasilien seine Vorreiterstellung als einziger genfreier Sojaproduzent auf dem Weltmarkt.“ Und wenn sogar das angesehene Wirtschaftsblatt vor mehr als 15 Jahren erfreut feststellte, dass in Österreichs Sojamühlen die genfreien Produkte boomen, der Spiegel über die US-amerikanischen Gentechnikgrenzen hinweg diesbezüglich ebenfalls verbale Reduktion betreibt (McDonald’s: Burger ohne Genfrei-Garantie) oder „Welt online“ unter „Wie fairer Handel funktionieren kann„, sprachlichen Minimalismus pflegt, aber dafür inhaltlich überaus interessant ist

„Hoffnung schimmert auch in jenem genfreien Projekt, von dem Bauer Sory recht ordentlich leben kann: Dem fairen Handel mit afrikanischer Bio-Baumwolle. Gerade besuchte eine Delegation des deutschen Vereins Transfair die afrikanischen Bauern, um zu sehen, wie sich die Lebensbedingungen über diese Handelsstrategie verbessern.“

habe ich doch das Gefühl, dass die Befürworter der Gentechnik, welche solch verbalen Fauxpas als Begründung für die Ahnungslosigkeit der gentechnikkritischen Bevölkerung hernehmen, mit denselben Waffen kämpfen, welche sie eben dieser Schicht vorwerfen. Damit ich mir schlussendlich nichts vorzuwerfen habe, sei jetzt noch der Artikel „Genfrei – Probleme der Wissenschaftskommunikation“ erwähnt, welcher mir beim Erkunden dieser sprachlichen Eigenheiten und Diskrepanzen bezüglich Gen und Gentechnik hilfreich zur Seite stand. Dass diese sprachlichen Eigentümlichkeiten in Sachen grüner Gentechnik jedoch wohl die geringsten Unterschiede sind, welche derzeit zwischen GegnerInnen und BefürworterInnen dieser manipulativen Spielwiese herrschen, wird sicherlich noch für viel Gesprächsstoff sorgen. Welcher Graben letztendlich zugeschüttet wird, mag ich zwar nicht zu sagen. Doch manchmal sitzen leider diejenigen am längeren Hebel, welche eigentlich nicht dafür geschaffen wurden, diese auch zu bedienen. Und dass notwendiger Erklärungsbedarf nicht immer deckungsgleich mit geforderten gentechnikfreundlichen Handlungsspielräumen durch Politik und Wirtschaft ist, macht diese Schaltzentralen in meinen Augen nicht unbedingt freundlicher.  


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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