Operation Blitzkrieg oder Shoppen zur rechten Zeit 1


Wo der Kunde noch König ist und rechte Einkaufsgesinnung herrscht

Sie kennen das sicherlich. Gerade nach den Festtagen, Weihnachten soll mir hier als gänzlich verräterisches gänsebräterisches exemplarisches Paradebeispiel dienen, hat die eine oder der andere doch verdächtig um die Hüften oder rund um das oftmals letzte noch nachzuvollziehende Relikt unseres beginnenden Dasein, also der Bauchnabel sei hierbei gemeint, verdächtig prächtig zugelegt. Da bleiben dann im Regelfall nur derer Möglichkeiten zwei, um wieder tadellos gekleidet unter den Mitmenschen zu wandeln: Abspecken oder neue Kleidergröße. Nun, um des lieben Friedens willen lassen wir Alternative Nummer 1 einmal außen vor und widmen uns doch lieber dem weitaus Operation Blitzkrieg von Anonymous auf der Plattform nazi-leaks.net. Kundenlisten von rechtsextremen und neonazistischen Versandshops.bequemeren Zulegen neuer Kleider. Ein weiterer Grund, sich neue Kleidungstücke zuzulegen, wäre selbstverständlich auch, dass hier modische Apekte die federführende Rolle spielen und die Leibesfülle mitnichten für diese Kaufentscheidungen eine Rolle spielt. Sei es, wie es will, des Kaisers neue Kleider (zum folgenden Thema auch mein Artikel „Ökologisch ungesund am rechten Rand: Grünes Handeln – braunes Denken„) verlangen aus welchen Gründen auch immer nach Befriedigung dieser schlummernden Gelüste.  

Jetzt ist es natürlich so, dass es nicht jederfraus, jederkinds und jedermanns Sache ist, inmitten vieler anderer liebenswürdiger Zeitgenossen auf den ausgetretenen konsumatorisch olfaktorischen, also nach Geld stinkenden, Einkaufspfaden shoppen zu gehen. Auch mag für einige andere Modebewusste Textilketten wie Zara, KiK und Konsorten ein rotes Tuch sein, deren ausgerollte rote Teppiche für König Kunde zwecks Erwerb von Kaisers Kleidern tunlichst zu betreten vermieden wird. Also bliebe noch der Internethandel. Gibt schließlich eine unüberschaubare Anzahl an Firmen, welche bequem per Nachnahme, vorauskasse und was weiß ich nicht alles ins eigene Haus liefern. Unter anderem auch eine Firma mit dem recht schönen und griffigen Namen „Thor Steinar„. Ganz klar, wer den Donnergott im Namen trägt und zusätzlich, sicher ist sicher, doch fatal an Felix Steiner, einen SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS erinnert, hat schon den Namen im Programm oder eben im Sortiment (FP-Abgeordneter und Polizisten finden sich auf Nazi-Leaks).

Dass das Modelabel neben einigen Läden in Deutschland auch einen im österreichischen Braunau am schönen blauen Inn betreibt, macht die Sache umso schöner. Hat doch schon der wohl auch dem einen oder anderen Thor Steinar Klientel bekannte Adolf Hitler zufälligerweise das Licht in dieser oberösterreichischen Stadt erblickt und wer möchte da nicht die geheimnisvolle „88“ statt für bare lieber gleich in klingende Münze verwenden. Was aber für einige Menschen das donnernde Einkaufsvergnügen zum wahrlich krachenden Shoppingerlebnis werden lässt, ist folgende und für mich doch etwas irritierende Tatsache. Wer beim Googlen nach „Thor Steinar“ bei Wikipedia vorbeischaut, wird dort unter der Überschrift „Logo“ lesen:

Das ursprüngliche Logo von Thor Steinar war eine Binderune aus einer Kombination der Tiwaz- und der Siegrune. Die Tiwaz-Rune steht in der nordischen Mythologie für Kampf und Aktion. Der mit dem Runenlogo hergestellte Bezug auf heidnische Mythologie wird durch Aufdrucke auf der Kleidung unterstützt.

Das Logo wirkte optisch wie eine horizontale Wolfsangel mit aufgesetztem Pfeil. Mehrere Staatsanwaltschaften und Gerichte sahen darin den Straftatbestand des Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (§ 86a StGB) (siehe Abschnitt juristische Auseinandersetzung).

Nachdem das Amtsgericht Königs Wusterhausen die bundesweite Beschlagnahmung der Kleidung mit dem Logo angeordnet hatte, entwarf Thor Steinar ein neues, bis heute genutztes Logo. Dieses besteht aus einer Gebo-Rune mit zwei Punkten. Diese Rune symbolisiert Gabe, Gastfreiheit und Ehe. Die Staatsanwaltschaft bezeichnet das Logo als „Andreaskreuz mit zwei Punkten“ und erklärte es für unbedenklich.

Jetzt ist es aber seltsamerweise so, dass das auf der „Thor Steinar“-Webseite verwendete Logo nicht jenes neue, sondern das alte ist, welches ja scheinbar den oben genannten Straftatbestand erfüllte. Was eigentlich doch äußerst seltsam ist. Unter „Braune Ware? – Die unendliche Geschichte Thor Steinar“ von Olaf Meyer kam ich dann auf des Rätsels Lösung Spur.

„Thor Steinar“ wird vom Verfassungsschutz Brandenburg als „identitätsstiftendes Erkennungszeichen“ für Rechtsextremisten eingeschätzt. Nach mehreren – teilweise gegensätzlichen – Gerichtsentscheiden über die strafrechtlich relevante Deutung des „Thor-Steinar“-Logos aus Tyr- und Sig-Rune änderte die damalige Firma Media Tex Anfang des Jahres 2005 das ursprüngliche Logo in eine – nach Eigenwerbung – lediglich „dem Andreaskreuz ähnelnde“ Darstellung. …

Der 3. Strafsenat des OLG führte in seinen Urteilen vom 12. Februar (Az.: 3 Ss 89/06 und 3 Ss 375/06) an, „die verwendeten Runenzeichen wiesen zwar einen relevanten Bezug zu verfassungswidrigen Organisationen auf“ – zumal seien „die vorhandenen Farbabweichungen zwischen den verwendeten Runenzeichen und den Originalrunen nicht erheblich“ – hob aber gleichzeitig hervor, „dass hier die Verbindung mehrerer Runen zu einem Zeichen den Straftatbestand des § 86a StGB nicht erfülle, weil kein verbotenes Kennzeichen besonders hervorsteche oder dominiere“. Somit sei „nach geltender Rechtslage das verwendete (zusammengesetzte) Kennzeichen straffrei, weil die Verbindung der Runen hier so gestaltet wurde, dass ein Phantasiekennzeichen entstanden sei, weshalb eine Verwechslungsgefahr im Sinne des § 86 a Abs. 2 Satz 2 StGB ausscheide“.

Aha, so ist das also! Eigentlich ist das Logo zwar verfassungsrechtlich verboten, andererseits aber bedeutet ein Sammelsurium an einem (oder mehreren) verbotenen Symbolen mit eindeutigen Anleihen an die NS-Zeit, die nicht einmal besonders getarnt oder geschickt versteckt vor dem shoppenden Auge des Betrachtenden vor sich hin dümpeln, und deshalb zum Aushebeln dieser Gesetzeslücke mit rechtlich unbedenklichen anderen und unverfänglichen Symbolen verwebt werden, dass damit plötzlich kein Straftatbestand mehr vorliegt. Bis hierher macht die Aktion Anonymous: Operation „Blitzkrieg“ gegen Nazis absolut Sinn und vor allem ist sie dringend notwendig, um hier Aufklärung und Transparenz bezüglich solcher Anbieter zu schaffen. Und trotzdem bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack.

Verantwortung durch Aufklärung

Denn gerade solch sensible Daten müssen in Zeiten des Internets, welches alles und wirklich auch jedes noch so geringste Detail über Menschen in einem kollektiven Gedächtnis ungeahnten Ausmaßes speichert, einer Überprüfung standhalten. Dass in Österreich einige Namen von FPÖ-Politiker und sogar Polizisten auf der Enthüllungsplattform wiederfinden, dürfte nicht wirklich erstaunlich sein. Dass der FPÖ-Abgeordneter Venier den Einkauf bei „Thor Steinar“ bestreitet (FPÖ-Abgeordneter Venier bestreitet Einkauf bei „Thor Steinar“), ist in Zeiten politischer und moralischer Zer- und Verfallserscheinungen ebenfalls nicht weiter verwunderlich. Dass die Hacker nicht genug dieser braunen Sumpflandschaften mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und technischen Möglichkeiten austrocknen, ist wohl angesichts solcher Aussagen wie im Folgenden keine Frage:

Die Hacker, die sich nach eigenen Angaben zum „Anonymous“-Netzwerk zählen, nahmen noch zahlreiche weitere rechtsextreme Seiten ins Visier und attackierten unter anderem rechtsextreme Online-Versandhändler. Sie erbeuteten dabei Kundendaten, die sie auf der Seite Nazi-Leaks.net veröffentlichten. Auch der NPD-Versandhandel „Deutsche Stimme“ war betroffen. Die Hacker verbreiteten zudem Adressdaten von Autoren der nationalkonservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, darunter mehrere bekannte CSU-Politiker, aber auch Personen aus dem Umfeld der NPD.

Die „Operation Blitzkrieg“ sorgt somit zunehmend für Unruhe und Ärger in der extremen Rechten. Auf „Altermedia“, das seit dem Haftantritt des Neonazis Axel Möller aus Stralsund ohnehin auf dem absteigenden Ast ist, reagierte man höchst aggressiv nach den ersten Attacken. So heißt es in einer Meldung, „daß Hinweise auf die Identität der Pseudo-Anonymus-Zecken dankend entgegen genommen werden und gerne mit Prämien wie z.B. abgeschnittenen Fingern belohnt werden…“ (Antifaschistische Hackerangriffe „Operation Blitzkrieg“ lässt das „Weltnetz“ wackeln)

Gerade deshalb müssen sich auch die Verantwortlichen und solche Menschen wie ich, welche über diese Aktionen berichten, ihrer damit verbundenen Tragweite bewusst sein. Andreas Peham, Der Rechtsextremismus-Experte Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands DÖW bringt dabeidie damit verbundene Problematik auf den Punkt, wenn er sagt: „Nicht jeder, der Thor Steinar trägt, ist ein Neonazi. Aber wer hier damit herumläuft, zeigt, dass er politisch sehr weit rechts steht.“ Ich bin mir sicher, dass nicht alle, welche sich bisher bei solchen im wahrsten Sinne untragbaren Shops mit Kleidung oder auch anderen Produkten eingedeckt haben, der tatsächlich damit verbundenen Symbolik ihres Handelns im Klaren sind oder waren. Und deshalb müssen wir aufklären, aufklären und nochmals aufklären, um diese Missstände einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen und letztendlich dazu beizutragen, dass das Tragen solcher Produkte schnellmöglich aus der Mode kommt.

Dass dabei der rechte Rand diesen Marken treu bleiben wird, steht außer Frage. Doch wir müssen genau jene ansprechen, welche durch ihre Käufe unbewusst und unwissentlich ihren Teil zur Stärkung dieser Marken beisteuern. Und wir müssen durch Information unseren Teil dazu leisten, dass es zu einer Ächtung dieser Produkte kommt. Denn nur wer weiß, welches Denken und auch Handeln mit dem Kauf und Tragen von Marken wie „Thor Steinar“ in den Köpfen dieser Klientel verbunden ist, kann wiederum auch selbst Teil dieser Aufklärungsarbeit und des Widerstandes gegen Rechts werden.  


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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