Gottes Erdboden wird herbizid- und insektizidresistent 1


Die EU-Kommission genehmigt weitere Genmais-Sorten

Jetzt mag es für einige Bürgerinnen und Wähler möglicherweise ganz lobenswert erscheinen, dass sich die politische Verantwortlichkeit auf EU-Ebene so kurz vor Weihnachten noch um Entschlussfreudigkeit bemüht. Schließlich glaubt ja, Gott dabei eher weniger, die gottlose Welt umso mehr, dass PolitikerInnen nur auf eben diesem Gottes Erdboden wandeln und sitzen, um entscheidungsunfreudig von einer Legislaturperiode in die nächste zu wanken, ohne dabei dem Wandel der an Ehre und Ruhm so schnelllebig vergänglichen Welt zu huldigen.

Dies hat sich dementsprechend die EU-Kommission zu Herzen genommen und hat am 22. Dezember, also zwei Tage vor jenem Tage, welcher für die Menschheit so eminent wichtig in Sachen heilsversprechender Geburtsstunde durch Gottes Sohn ist, um noch fast unbemerkt von der Öffentlichkeit in Sachen Unheil versprechender Gentechnik den beiden Firmen Syngenta und Dow Agroscience ein seltsam anmutend anmutiges Geschenk unter den gentechnikveränderten Christbaum zu legen. Denn auf Empfehlung der European Food Safety Authority EFSA oder auf gut deutsch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit dürfen ab diesem Zeitpunkt drei neue Genmais-Sorten von ersterem in Gottes Erdboden wühlendem Unternehmen und eine gentechnisch veränderte Baumwollart, welche durch die menschlich göttlichen Hände von Dow Agroscience das Licht der Welt erblickt haben, in den EU-Raum sowohl eingeführt als auch zu Futter- und Nahrungsmittel verarbeitet werden. Mögen einige nun entgegnen, dass dieser neue Zustand noch weit von jenen gentechnischen Zuständen in den US-amerikanischen Verkaufsregalen entfernt ist, wo veränderter Süßmais dank Monsanto bereits lustvoll lüstern den VerbraucherInnen zur direkten Befriedigung des kleinen Hungers für Zwischendurch angeboten wird, mag dies richtig, aber trotzdem nicht korrekt sein.  

Natürlich und wohlwissend, dass sich an solch Genehmigungen erhitzte Gemüter wie das meinige daran stören könnten, wird dies mit der Versicherung getan, den Anbau selbst nicht zu gestatten. Was aber nach Zwiesprache mit meinem Gemüt nicht wesentlich zur kühlenden Beruhigung beiträgt. Denn wie so oft konnten sich die von der Entscheidung betroffenen EU-Staaten nur durch eine Entscheidung hervortun: Sie fanden nicht die notwendige qualifizierte Mehrheit, um die Verarbeitung und die Einfuhr der nun genehmigten Sorten mit den geheimnisvollen Bezeichnungen MIR604xGA21, Bt11xMIR604, Bt11xMIR604xGA21 und 281-24-236/3006-210-23 (Lebensmittelcluster: Brüssel genehmigt Genmais von Syngenta) zu stoppen resepktive zu verhindern. Und weil dieses europäische politische Krippenspiel auf Gottes europäischem Erdboden für solche Fälle glücklicherweise mit Gottes Finger namens EFSA ausgestattet wurde, welcher dann zu wackeln beginnt, wenn die Politik ins Wanken gerät, lag die Entscheidung eben letztendlich bei der EU-Kommission. Und die hat kurz vor Weihnachten mit dem gentechnischen Finger kräftig gedeutet.

Denn dass hierbei weder um die Ecke und eigentlich nicht einmal bis zu dieser gedacht wurde, macht Heidemarie Porstner von GLOBAL 2000 klar: „Die Auswirkungen dieser Entscheidung werden enorm sein – neben massiven Umweltbeeinträchtigungen von verseuchten Böden bis hin zum Bienensterben zeugt der Beschluss auch von wenig Weitsicht in sozialpolitischer Sicht: Die Verbreitung von Genmais und Genbaumwolle wird über kurz oder lang zu einer Marktverdrängung der Kleinbauern führen.“ (Genehmigung von Genmais: EU gefährdet Umwelt und Bauern). Und weshalb braucht sich Europa einen Dreck um diesen gentechnischen Dreck kümmern? Auch hierzu nimmt die Gentechnikexpertin klar Stellung: „Das bedeutet, dass die das Feld umgebende Pflanzen- und Insektenwelt stirbt, während der Mais munter gedeiht. Für das ökologische Gleichgewicht ist das eine Katastrophe: Insekten und Pflanzen leben in gegenseitiger Abhängigkeit. Es ist mir unerklärlich, warum einerseits das bereits sehr bedrohlich gewordene Bienensterben immer wieder thematisiert wird, aber dennoch weiterhin Saatgut genehmigt wird, das zu genau diesem Bienensterben beiträgt.

Da aber Europa nur die angebauten Produkte wie etwa Baumwolle aus Indien übernimmt und mit den primären Auswirkungen so gar nichts am Hut hat, sehen wir einmal von den fertigen und uns wie auf den Leib geschnittenen Baumwollprodukten ab, welche wir dann von der Stange kaufen, macht es dementsprechend auch nicht viel Sinn, wenn sich weder Europas Importeure, die verarbeitende Industrie noch die Europäische Kommission, denn Europas PolitikerInnen haben sich schließlich mit ihrer Entscheidungsunwilligkeit, um dem Kinde namens „Unfähigkeit“ einen etwas euphemistisch klingenden Namen zu verleihen, aus der Verantwortung genommen, dieser weitreichenden Folgen und Problematiken annehmen. Was macht es denn schon aus, wenn Indiens Kleinbauern aufgrund der Tatsache, dass sie durch Knebelverträge und fehlende Alternativen hinsichtlich von Saatgut an die Omnipotenz einiger weniger Hersteller auf Gedeih und Verderb an deren Erzeugnisse gefesselt sind, zu Zehntausenden den Freitod wählen, wie von Alternativ-Nobelpreisträgerin Vandana Shiva unter „taz: Die sind auf Lügen spezialisiert“ beschrieben.

Die Ursachen für die Selbstmordraten haben auch andere Gründe

Dass diese Suizide jedoch nicht nur in direktem Zusammenhang mit diesen Knebelungen gesehen werden sollten, sondern viel tiefer wurzelnden Ursachen und vielfach unbeachtete Gründe haben, darf hierbei auch nicht verschwiegen werden. Auf eine Misere soll jedoch explizit verwiesen werden, welche auf den ersten Blick eigentlich so gar nicht mit dem Elend dieser von der Baumwolle abhängigen Menschen in Verbindung gebracht wird. Malcolm Harper, welcher bereits 2007 im Auftrag der indischen Regierung als Experte für Mikrofinanzierung Vorschläge zur Verbesserung der Lage von Kleinbauern erarbeitet hat, bringt dabei sowohl die zunehmende Verschuldung der Bauern bei örtlichen Kredithaien als auch einen interessanterweise direkten Zusammenhang von Formen der finanziellen Unterstützung der Regierung und den beobachteten Selbstmordraten ins Spiel. Und noch etwas macht er für dieses Problem verantwortlich, wie in Welt-Sichten: Tödliche Mischung. Die zahlreichen Bauernselbstmorde in Indien haben vielfältige Ursachen“ anschaulich dargelegt und von Anna Latz aus dem Englischen übersetzt.

Minderwertiges Saatgut ist ein weiteres Problem. Im Jahr 2006 machte die Gen-Baumwolle bereits an die 40 Prozent des gesamten indischen Baumwollanbaus aus. Seit der Einführung der genmodifizierten Saaten hatten die Erträge sich beinahe verdoppelt; Indien hat die USA überholt und ist nach China der zweitstärkste Baumwollproduzent der Welt geworden. Angesichts der enormen Beliebtheit der neuen Sorten, des geringen Bildungsniveaus vieler indischer Bauern und unzureichender Schutz- und Urheberrechte ist es kein Wunder, dass massenhaft gefälschtes Saatgut auf den Markt gelangt. Nach Schätzungen ist etwa ein Drittel der modifizierten Baumwollsamen nicht echt, und davon ist wiederum etwa ein Drittel minderwertig. Die geringeren Erträge aus solchen Saaten stehen nicht im Verhältnis zu den erhöhten Kosten für das Saatgut selbst und die übrigen Investitionen. Bauern, die solches Saatgut kaufen, werden geschädigt und es gibt Hinweise, dass Händler Kredite anbieten, um für minderwertige Ware Käufer zu finden.           

Ein klares Zeichen für Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu machen, aber ein unterschiedliches Ergebnis zu erwarten.“ Sagte scheinbar, ohne dass ich selbst den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung nachprüfen kann, kein geringerer als Albert Einstein. Sollte ihm dieses Bonmot irrtümlich in den Mund gelegt worden sein, so passt es trotz alledem perfekt auf Europas Politik hinsichtlich Gentechnik. Auch wenn Staaten wie die USA, Argentinien, Brasilien und Kanada zu jenen gehören, welche ihre Felder am liebsten mit Gentechnik beackern und sich die EU hierbei im Rückzugsgefecht befindet. Solange die Gesetzgebung die Grundlagen schafft, dass die Absatzmärkte für solche genmanipulierten Güter vorhanden sind und die Wirtschaftsmacht von Konzernen wie Syngenta, Monsanto, BASF oder Pioneer durch leichtfertigen politischen Umgang weiterhin gestärkt wird, welche dann auf Grundlage einer allmächtigen Kommission die Interessen dieser Lobby vertritt und rigoros nach außen hin vertritt und umsetzt, werden wir weiterhin Kleider von der Stange kaufen. Die Gentechnik kaufen wir stillschweigend und billigend mit ein. Den gesetzlich sanktionierten Mord ebenfalls.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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