Facebook: Erneuerbare energiegeladene Abhörfalle 1


Neues Rechenzentrum des sozialen Netzwerkes in Schweden

Ich muss kurz eine retrospektive Position einnehmen, bevor ich dann gleich vorausblickend schreibe. Ich hatte in meinem letzten Beitrag „Die Johanniter. Aus Liebe zum (guten) Leben“ von guter und kostenloser Literatur der Heinrich Böll Stiftung geschrieben. Richtigerweise wäre es gewesen, dabei auf einen Artikel zur „Friedrich Naumann Stiftung: Für die Freiheit“ zu verweisen, welche ich bereits einmal zum Gegenstand dieses Blogs gemacht habe und was ich hiermit auch dementsprechend tue.

Es hört sich doch eigentlich alles bestens an. Nach 20 Monaten des Protestes lenkt nun Mark Zuckerberg und sein Facebook-Imperium ein und seine milliardenschwere virtuelle Luxuslimousine folgerichtig auf die grüne Überholspur. Grund für die freudigen Botschaften, welche im allgemeinen Tenor des kräftigen sozialen Schulterklopfens sogar vom Erreichen der von Greenpeace vorgegebenen Kampanienziele („Victory! Facebook ‚friends‘ renewable energy„) sprechen, ist der nun spruchreif gewordene Plan, für den hohen Energiebedarf seiner Rechenzentren eines dieser stromfressenden Ungetüme nun in Nähe des Polarkreises zu bauen. Mit erneuerbarer Energie in und aus Schweden, genauer gesagt im nordschwedischen Luleå, soll also zukünftig soziales Netzwerken umweltfreundlich werden und die bestens vernetzte Internetgemeinde nach der webbasierten Sozialrevolution nun guten Gewissens auch Teil dieser Energierevolution werden.

Facebook will grüner werden“ und ähnliche Meldungen schreiben dementsprechend auch die Klimaretter, viele andere und alle freuen sich zusammen mit 700000 an der jetzt erfolgreichen Kampagne (The Guardian: „Greenpeace targets Facebook employees in clean energy campaign„) teilnehmenden Menschen kontra Energie aus Kohlekraft, wie ursprünglich geplant, und pro zukünftigem Saft aus Wasserkraft, wie ab 2013 umgesetzt. Es hört sich also eigentlich alles bestens an.

Wäre ja noch schöner, wenn sich die ganze Welt, vielleicht abgesehen von den USA, den BASIC-Staaten Brasilien, Südafrika, Indien und China, den ab nun abseits des Kyoto-Protokolls luftverschmutzenden, aber beträchtliche Milliarden sparenden KanadierInnen und dem einen mehr oder weniger der Atom- und fossilen Brennkraft nicht abgeneigten Industrienationen nicht auf die inneren und äußeren grünen Werte besinnen würden. Rechnet man jetzt auch noch, rein auf den gesamten Stromverbrauch bezogen, Facebook als einen territorialen Staat ohne real existierendes Hoheitsgebiet hinzu, würde dies bedeuten, dass sich der Netzwerkriese im Moment mit Platz 5 auf dieser Skala ganz oben befindet. Grund genug also, sich Gedanken über nachhaltige Strategien im Sinne des Klimaschutzes zu machen.

Und aus diesem guten Grunde haben sich die Verantwortlichen unter Führung von Facebook-Manager Tom Furlong also daran gemacht, bis 2014 diese ökolgisch hochfliegenden Pläne in die Tat umzusetzen. Schließlich macht es durchaus Sinn, bei jährlichen Durchschnittstemperaturen von knapp über dem Gefrierpunkt die erhitzen Gemüter der vom permanenten Chatten glühenden Datenzentren dort abzukühlen, wo es wenig Energie braucht. Und sollte sich doch einmal wider Erwarten ein Tag mit 15 Grad über dem Nullpunkt in die beschauliche nordschwedische Landschaft verirren und zum Schwitzen einladen, stehen rund um den Fluss Lule Älv immerhin 14 umweltfreundliche Wasserkraftwerke zur Verfügung, um helfenderweise das nasse Händchen zu reichen. Dass dabei noch weit mehr entscheidende Vorteile auf der Hand liegen, hat Furlong zusammen mit seinem Kollegen und Facebooks Head of Corporate Communications EMEA Stefano Hesse mit vorzüglich schönen und wohl auch überzeugenden Worten in einem Interview mit netzwertig.com unter „Für Nutzer in Europa wird sich die Performance verbessern“ der um das klimawandelnde Wohl besorgten Öffentlichkeit dann auch nähergebracht.

Der Luleå-Standort soll anders als die US-Rechenzentren zu einem großen Teil mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Spielt das Thema Nachhaltigkeit für Facebook zukünftig eine größere Rolle?
Datenzentren müssen da errichten werden, wo es aus geschäftlichen und operativen Gesichtspunkten sinnvoll ist. Wir benötigen die Kapazitäten an der Ost- und Westküste der USA, wo aber ungefähr die Hälfte der Energie aus Kohlekraftwerken stammt und 20-25 Prozent aus Kernkraft. Insofern werden wir auch zukünftig in manchen Fällen die vorhandenen Ressourcen nutzen müssen, selbst wenn uns “grüner Strom” lieber wäre. Aber das ist eben einer der Gründe, der für die Etablierung in Nordschweden spricht. …

Nun, bis hierher hört sich doch alles immer noch verdammt gut an. Ein wahrgewordener Traum jedes umweltbewussten Menschen im Web 2.0 Paradies.

Das schwedische FRA-Gesetz: Vergleiche mit der Stasi

Nun bringt diese sicherlich sehr löbliche neue Energiepolitik von Facebook allerdings ein klitzekleines Detail am Rande des Polarkreises mit sich, welches die meisten euphorischen Berichte bei solch ambitioniertem Tun außer Acht lassen. Schweden, auf dessen Staatsgebiet dieses Rechenzentrum errichtet werden soll, hat neben seinem kühlen und deshalb für die giganischen Klimaanlagen günstigen Klima auch noch etwas anderes zu bieten. Ein sogenanntes FRA-Gesetz, welches im Jahre 2008 nicht unumstritten, aber eben doch mit der dafür notwendigen Mehrheit verabschiedet wurde und von dem das schwedische Online-Medium „The Local“ schreibt: Sweden’s new wiretapping law ‚much worse than the Stasi‘. Nun, wo das Wort „Stasi“ fällt, da muss ich natürlich etwas nachforschen.

All our phone calls, emails and surfing habits will be observed by Sweden’s National Defence Radio Establishment (Försvarets Radioanstalt – FRA), which is why the proposed legislation is known as the „FRA law“.

There are no courts involved, and the government and all its agencies – including the police and the security police – will be able to snoop around in the tapped phone and email correspondence of its citizens.

This is much, much worse than the East German Stasi, which was only capable of tapping a small sector of the population. This is also something that has been pointed out by German members of parliament with first-hand experience of the Stasi.

Oder, um es mit kurzen Worten ins Deutsche zu übertragen, wie von der Süddeutschen in „Facebook: Polarkreis-Rechenzentrum könnte zur Abhörfalle werden“ bestens für mich erledigt:

Das sogennante „FRA-Gesetz“ erlaubt es einer Behörde des Verteidigungsministeriums (Försvarets Radioanstalt, kurz „FRA“ genannt), den Internetverkehr, der die Landesgrenzen passiert, ohne gerichtliche Anordnung anzuzapfen. Auch Telefongespräche kann der Staat abhören.

De facto bedeutet dies also, dass es dieser schwedischen FRA (Radioanstalt der Verteidigung), welche nichts anderes als eine Sondereinheit des Geheimdienstes und damit der verlängerte Arm des schwedischen Verteidigungsministeriums darstellt, möglich ist, auch ohne begründete Verdachtsmomente die Massenüberwachung der gesamten Kommunikation der schwedischen BürgerInnen zu vollziehen. Welche Folgen sich daraus ergeben, verdeutlicht unwatched.org. unter „ENDitorial: Das FRA-Gesetz – wir schlafwandeln unaufhaltsam in eine Überwachungsgesellschaft„:

Das Schwedische Parlament hat letzten Juni eine umstrittene Gesetzgebung, das sogenannte FRA-Gesetz, verabschiedet. Man war sich offensichtlich nicht im Klaren darüber, worüber man da abgestimmt hat. Das FRA-Gesetz ist eines mehrer Gesetze, die die Massenüberwachung gewöhnlicher Bürger fordern. Es befugt den schwedischen technischen Geheimdienst (FRA), alle zivile Internet-, Telefon-, und Faxkommunikationen abzuhören und zu überwachen und Buch über die sozialen Netzwerke unschuldiger Bürger zu führen. Das wird durch den Zugriff auf verschiedene bestehende Datenbanken bewerkstelligt, in denen Informationen über Rassenzugehörigkeit, ethnische Herkunft, politische Einstellung, Gewerkschaftsmitgliedschaft, sexuelle Gewohnheiten etc. einer beliebigen Person geführt werden. Dazu kommt, dass die FRA-Behörde befugt ist, persönliche Daten an ausländische Staatsmächte weiterzugeben. Daraus folgt, dass die FRA dich womöglich besser kennst als du selbst. Eine Menge unschuldiger Privatpersonen zu überwachen ist inakzeptabel und widerspricht den Grundsätzen herrschender demokratischer Regierungen. Zu dem Schluss kommen die 13 Forscher und Fachleute aus verschiedenen Fachgebieten, die das FRA-Gesetz untersucht haben.

Auch futurezone.at hat erst unlängst unter „Facebook will Datenzentrum in Schweden bauenüber den Bau dieser ersten Server-Farm auf europäischen Boden berichtet. Unter anderem stand dort zu lesen:

Europäisches Recht
Interessant ist auch der rechtliche Aspekt: Denn mit der Inbetriebnahme eines Server-Zentrums in Europa würden Daten der Nutzer nicht mehr nur in den USA, sondern in Europa gespeichert werden – wodurch Datenschutz europäischen Richtlinien unterliegen würde.

Dies bedeutet also auf den ersten Blick, dass die gespeicherten Daten der Facebook-Gemeinde in Zukunft nicht mehr die Grenzen der paranoiden US-amerikanischen Datenschnüffler passieren und deshalb außerhalb Reichweite zum weiteren Auswerten liegen. Denn europäische Facebook-NutzerInnen steuern bisher (unwissentlich) jene Datenserver an der US-amerikanischen Ostküste an, um dann innerhalb der virtuellen und in weiterer Folge auch realen US-amerikanischen Grenzen am großen Datenaustausch-Kuchen ihr kleines Krümelchen beizusteueren. Denn, und das macht der bereits angesprochene Tom Furlong auch deutlich, die Facebook-UserInnen aus Europa hätten einen Vertrag mit Facebook Ireland (europäischer Hauptsitz) abgeschlossen. Was gleichfalls heißt, dass hier zwar laut Nutzungsbedingungen europäisches Datenschutzrecht zur Anwendung kommt, aber nicht ausschließt, dass durch die Umleitung des Datentransfers auf US-amerikanische Server genau diese nach europäischem Recht behandelten Privatdaten nicht auch jenseits des Atlantiks gespeichert und ausgewertet werden können. Was jedoch im Falle des kommenden schwedischen Datenzentrums in Luleå verschwiegen wird und was wir bereits oben gelesen haben: „Im Bezug auf das neue Datenzentrum von Facebook bedeutet das, dass es der FRA technisch möglich sein wird, den Datenverkehr von allen europäischen Facebook-Nutzern zu überwachen – und zwar durch eine Kopie, die spätestens dann gemacht werden muss, wenn die Daten Schweden verlassen. (futurezone.at: „Facebook: Datenverkehr wird künftig abgehört).

Vielfach immer noch unbeachtet ist auch, dass die Wiener Studentengruppe „Europe versus facebook“ mit ihrem Initiator Max Schrems bereits Klage gegen die Datenschutzrechtsverletzungen von Facebook bei der irischen Datenschutzbehörde eingereicht hat. Und was ebensowenig bekannt sein dürfte: Nicht einmal Datenkrake Google, welche auch schon mit einem Engagement in Schweden liebäugelte und wohl nicht gerade bekannt für übermäßigen Datenschutz ist, konnte sich aufgrund dieses schwedischen Überwachungsgesetzes, welches einem Offenbarungseid von geradezu Orwell’schen Dimensionen gleichkommt, dazu durchringen, ein Investment im skandinavischen Garten Eden bürgerlicher Überwachung zu tätigen. Siehe dazu z.B The Register: „Facebook’s Swedish data centre will be subject to Snoop Law“ oder den Blogbeitrag des darin angesprochenen Peter Fleischer unter „Sweden and government surveillance„.

Wenngleich Peter Fleischer mit den Worten „Sometimes, a government has to make difficult choices. It would be a sad day for Sweden, if it passes the most privacy-invasive legislation in Europe, and thereby puts itself outside of the mainstream of the global Internet economy. And don’t get me wrong, I love Sweden. That’s why I care.“ endet. Das Gesetz wurde durchgebracht. Und Facebook hat zum Wohle der Umwelt damit begonnen, erneuerbare Energien für völlig andere Zwecke zu missbrauchen, als Greenpeace sicherlich gerne hätte. Dass sich Karl Petersen, der Bürgermeister von Luleå, mit der Situation vollkommen zufriedengibt, passt da ins Bild. Er hofft, dass auch andere Konzerne „die klimatischen Qualitäten und die Vorteile der Region“ erkennen und Facebook folgen. (Europa-Server von Facebook: Nachrichten aus der grünen Datenhölle).

Dass die schwedische Bürgerrechtsstiftung Centrum för rättvisa (Zentrum für Gerechtigkeit) gegen den Beschluss des FRA-Gesetzes sogar Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht hat (Freiheitblog: FRA-Gesetz- die nächste Runde), um dahingeghend zu prüfen, ob eine Verletzung von Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention (Jede Peraon hat das Recht auf Achtung des Privatlebens) vorliegt, dürfte Facebook wahrscheinlich wenig interessieren. Hauptsache kühlen Kopf und schockgefrorene Anwenderdaten bewahren um jeden Preis bewahren. Und wenn dies dann von Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace noch als Sieg verkauft wird, erhält solch ein heißes Eisen doch gleich die Unbedenklichkeitserklärung frei Haus geliefert.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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