Bio Natur - Der Weblog

29.11.2011

This Human World: Filmfestival der Menschenrechte

Abgelegt unter: Plattformen und Projekte — Paul Boegle @ 00:20


Die Rechte der Menschen im visuellen Mittelpunkt

Da ich mich gestern selbst mit “Über-Fluss” mehr über- als unterschwellig in den Mittelpunkt des Interesses stellte und Werbung in eigenem Namen machte, machen wir heute gleich weiter. Doch ich denke, dass dieses Rühren der Werbetrommel heute eine lässliche oder sogar unerlässliche Sünde darstellt.

Bereits zum vierten Mal sind die Menschenrechte zu Gast in Wien. Böse Zungen werden jetzt nicht zu Unrecht behaupten, dass dies sogar wortwörtlich zu verstehen sei. Nun, lassen wir in diesem speziellen Fall die schöne blaue Donau einmal links und vor allem ganz rechts liegen, stimmt diese Hypothese natürlich nicht zur Gänze. Denn vom 30. November bis zum 10. Dezember 2011 zeigt sich Wien zumindest visuell von seiner besten menschenrechtlichen Seite. Denn im Rahmen des Filmfestivals für Menschenrechte Bereits zum vierten Mal findet dieses Jahr vom 30. November bis 10. Dezember das Internationale Filmfestival der Menschenrechte this human world statt. In insgesamt fünf Wiener Kinos werden an den elf Festivaltagen die Rechte des Menschen in den Mittelpunkt gestellt, visuell als auch in Form von Publikumsdiskussionen & Vorträgen. Auf dem Programm stehen auch dieses Jahr wieder über 80 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, zum größten Teil Österreich-Premieren,  die ein klares Ziel haben: die Augen zu öffnen - auch außerhalb des Kinosaals.This Human World” (bei Klick auf das Schaubild) erwarten die BesucherInnen nicht nur über 80 Spiel-, Kurz-, und Dokumentarfilme zum Thema Menschenrechte, sondern begleitend dazu auch Diskussionsrunden und Gespräche mit den Regisseurinnen und Filmschaffenden hinter der Kamera sowie natürlich auch ProtagonistInnen vor derselben.

Um vielleicht schon einmal ein bisschen Lust für das Festival aufkommen zu lassen, hier als Vorgeschmack für den schlechten Geschmack der Trailer von “War On Terror” von Sebastian J.F. (Kamera Doris Kittler) über die Bush-Regierung und deren Krieg gegen den Terror nach 09/11. Oder was eben der ehemalige US-Präident unter Terrorbekämpfung verstand.

Ungeschönt wird hier gezeigt, wie während der Bush-Regierung tausende unschuldige Verdächtige als „illegale Feindkämpfer“ verschleppt und gefoltert wurden. Ohne rechtliche Grundlage und ohne einen richterlichen Prozess werden wahllos Menschen auf der ganzen Welt beschuldigt, Mitglied einer Terrorzelle zu sein und von der CIA in Geheimgefängnisse, wie das in Guantánamo Bay gebracht.

Manfred Nowak, Professor für Völkerrecht und Menschenrechtschutz, Amy Goodman, US-Journalistin der Nachrichtensendung „Democracy Now!“ und Buchautorin, US-Historiker Alfred W. McCoy, sowie die beiden ehemaligen Guantánamo-Häftlinge Murat Kurnaz und Mustafa Ait Idr berichten detailgenau über die „erweiterten Verhörmethoden“ in den Gefängnissen und als Zuschauer bleibt einem nicht viel anderes übrig, als sich kopfschüttelnd die Frage zu stellen: Wie konnte das passieren?

Natürlich kann man an dieser Dokumentation immer kritisieren, dass sie leicht einseitig Sachverhalte schildert und die Gegnerseite kaum bis gar nicht zu Wort kommen lässt. Man kann es aber nicht besser begründen als Prof.Nowak: „Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten zugibt, Waterboarding angeordnet zu haben, selbst wenn es nur für die 15 Top Gefangenen war und dann noch sagt: ‚Ich würde es wieder so machen.’ Welche Beweise braucht es noch?(Quelle: Biorama “Mensch sein! Frei sein? – This Human World-Festival in Wien”).

Oder, um noch die offizielle Ankündigung zu “War Of Terror” aus dem Filmprogramm von “This Human World” zu zitieren, welcher am 05. Dezember 2011 im Gartenbaukino Weltpremiere feiert, sofern man in solch einem Fall überhaupt von Feiern reden sollte:

Wir sind jetzt ein Imperium. Wenn wir handeln, schaffen wir unsere eigene Realität. Und während ihr diese Realität studiert , so umsichtig und klug, wie ihr wollt, handeln wir wieder, schaffen neue Realitäten. Wir sind die Spieler … und ihr, ihr alle, euch bleibt nur zu untersuchen, was wir tun.“ (Führendes Mitglied der Bush-Administration). War on Terror zeigt, wie radikal diese Maxime von der Bush-Administration umgesetzt wurde. Das Außerkraftsetzen rechtsstaatlicher Prinzipien beim Umgang mit Gefangenen, die Unterwanderung des Propagandaverbots im eigenen Land, aber auch orwellsche Begriffskreationen wie „illegale Feindkämpfer“ oder „erweiterte Verhörmethoden“ bilden die Grundlage für die Dokumentation, welche 10 Jahre nach 9/11 mit den menschlichen Abgründen und dunklen Seiten der westlichen Sicherheitspolitik abrechnet.

Dass hier die erst kürzlich von mir kritisierte Schul-Realität über Pizza und Pasta, welches vom US-Repräsentantenhaus zu subventionswürdigem Gemüse umfunktioniert wurde, in den Hintergrund tritt und der vielfach beschworene Orwell’schen Verschwörungsgeist perfekt weichgekocht und butterzart inszeniert auf demokratischen Silbertabletts serviert wird und zusätzlich ein erstklassiger 1984er Jahrgang gut gelagert wieder aus den amerikanischen Kellergewölben für unbestimmte Zeit als bis an den Rand gefüllter Schierlingsbecher seine Runden in Form menschenleerer Drohnen über den Köpfen dieser kriegsverherrlichenden Menschheitsmaschinerie dreht, muss vielleicht angesichts solcher und ähnlicher Dokumentationen mit vollkommen anderen Augen gesehen werden. Denn scheinbar hielt Präsident Bush und seine Treuen dies doch nur alles für ein großes Spiel, welches hart an der Realität vorbei für einige Lacher gesorgt haben dürfte. Nun ja, diese Art von amerikanischem Humor ist natürlich nicht jederfraus und jedermanns Sache. Meiner sicherlich schon gar nicht. Da hat nicht einmal mehr das Lachen seinen angestammten Platz, um im Halse stecken zu bleiben.

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