USA: Pommes und Pizza bleibt Gemüse – Basta!


Ernährungswissenschaftliche Erklärungsversuche made in USA

Manchmal bin auch ich versucht, laut schreiend und hilfesuchend zur Polizei zu rennen und zu bitten, entweder mich oder eben die anderen wegzusperren. Mit “die anderen” ist in diesem vollkommen hoffnungslosen Falle die amerikanische Legislative gemeint, welche von der Exekutive (welcher auch immer) möglichst schnell weg von der Strasse oder besser noch komplett aus dem US-Repräsentantenhaus geräumt werden sollte. Ich kann mich, um es heute wirklich kurz zu machen, erinnern, dass ich vor Pizza und Pommes werden in den USA per Gesetz zu Gemüse erklärt und bleiben in den Schulkantinen. Die Nahrungsmittellobby bekommt milliardenschwere Subventionen durch diesen Beschluss des US-Repräsentantenhauses.nicht allzu langer Zeit darüber berichtet hatte, dass Global 2000 ein verpflichtendes Bio-Angebot in Österreichs Schulen forderte, was aber angesichts des jetzt beschlossenen US-amerikanischen Gesetzeswerkes eigentlich völlig in den Schatten geworfen wird.

Denn die mächtigste Gesetzgebung der wohl mächtigsten Demokratie der Welt, sehe ich einmal vom mächtig demokratisch regierten China ab, hat sich für den mächtig übergewichtigen Demokratie-Nachwuchs im eigenen Lande etwas ganz besonders Leckeres ausgedacht und auch gleich in die Tat umgesetzt. Denn weil sich auf der allseits bei Beleibten so beliebten Pizza Tomatensauce befindet und Pommes aus Kartoffeln hergestellt werden, werden diese wertvollen Errungenschaften ernährungswissenschaftlicher Sonderklasse in den USA auch in Zukunft unter Gemüse eingestuft. Das Repräsentantenhaus hat allen Ernstes einen Gesetzesentwurf trotz massiver Widerstände durchgefressen oder durchgeboxt, welcher es möglich macht, Pommes frites und die italienische runde Scheibe mit allerlei Belag meist außerhalb veritabler “vegetables” (Gemüse) an den amerikanischen Schulen als gesunde Kost zu deklarieren und seltsamerweise auch zu subventionieren.

The final version of a spending bill released late Monday would unravel school lunch standards the Agriculture Department proposed earlier this year. These include limiting the use of potatoes on the lunch line, putting new restrictions on sodium and boosting the use of whole grains. The legislation would block or delay all of those efforts.

The bill also would allow tomato paste on pizzas to be counted as a vegetable, as it is now. USDA had wanted to only count a half-cup of tomato paste or more as a vegetable, and a serving of pizza has less than that.

Nutritionists say the whole effort is reminiscent of the Reagan administration’s much-ridiculed attempt 30 years ago to classify ketchup as a vegetable to cut costs. This time around, food companies that produce frozen pizzas for schools, the salt industry and potato growers requested the changes and lobbied Congress.

Dazu siehe etwa Huffington Post: “How Pizza Became A Vegetable Through The Magic Of Influence-Peddling” oder Washington Post: “Bill would label pizza a vegetable in school lunches“. Auf deutsch bedeutet dies also nichts anderes, als dass die Macht der Nahrungsmittelindustrie wieder einmal die fettigen Finger im Spiel hat und sich gegen die Ratschläge des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums und der ErnährungswissenschaflerInnen durchsetzen konnte. Denn weil die US-Regierung mit dieser Gesetzgebung bestimmt, welche Art von Mittagessen mit millionenschweren Subventionen bedacht wird, mussten die LobbyistInnen dieser Branchen eben handeln. Nur was eine gewisses Mindestmaß an Gemüse enthält, ist nach Meinung des Kongresses auch staatlich förderungswürdig. Also werden kurzerhand fetttriefende Pommes von höchster Stelle zur gesunden Kartoffel erklärt und die halbe Tasse Tomatensauce unter den Bergen von geschmolzenem Käse, reichlich Salz, Schinken, Salami und was der Fastfood-Teufel sonst noch auf die tiefgefrorenen Pizzen tagtäglich haut, bleibt als reinrassiges Gemüse aus der aufgetauten Hochleistungsstrecke übrig. Dass dabei die Gemüseproduzenten, welche sich auch ein großes Stück vom leckeren Subventionskuchen in den Schulen holen wollte, auf der Strecke bleiben, hat einen leicht zu erklärenden Grund: “School meals that are subsidized by the federal government must include a certain amount of vegetables,” the AP reports, “and USDA’s proposal could have pushed pizza-makers and potato growers out of the school lunch business.” It would have pushed vegetable growers into the business, but their lobbyists aren’t as powerful, it seems.

Ja, manchmal kommt es nicht nur auf die Kartoffelstärke an, sondern eben auch auf die Stärke und Schlagkraft der entsprechenden Lobby. Da bekommt der einstige Wahlslogan von Barack Obama “Yes, we can (eat what we can)!” doch gleich einen ganz anderen Beigeschmack. Dass “Die Presse” in ihrem Artikel “USA: Pizza und Pommes bleiben in den Schulkantinen” noch eine andere Rechnung aufmacht, gibt dem Ganzen nur die notwendige Würze. Denn in wirtschaftlich ungesunden Zeiten wie diesen, welche auch vor dem Land der unbegrenzten Kalorien nicht halt machen, heißt es, “die Abgeordneten und Senatoren seien von Lobbyverbänden überzeugt worden, dass das Vorhaben der Regierung den Schulen wegen hoher Gemüsepreise neue Milliardenkosten aufgebürdet hätte. Ein Schülergericht würde laut “New York Times” um 14 Cent mehr kosten, in fünf Jahren wären das Mehrkosten von 6,8 Milliarden Dollar.

Welche Mehrkosten allerdings durch solch eine verantwortungslose Politik auf die Regierung innerhalb der nächsten Jahrzehnte durch dieses jetzt beschlossene Gesetz in Form von Folgeerscheinungen wie Adipositas, Herz- und Atemwegserkrankungen, Diabetes und mehr zukommen werden, wollte wohl niemand über den fettigen Daumen schlagen. Und ich bin sicher, dass einige findige AnwältInnen dieses Entscheidung zum Anlass nehmen werden, im klagefreudigen Amerika viele zukünftige Patientinnen und Mandanten, welche jetzt noch tagtäglich Pizza und Pommes vor, während und nach dem Schulunterricht futtern, vor Gericht vertreten werden, um dann Millionenbeträge einzufordern.

Der von LobbyControl ausgelobte Negativpreis für undemokratische Lobbyarbeit in allen Ehren. Aber da kann sogar noch “good old Europe” in Sachen Lobbyismus noch einiges lernen. Natürlich auch nur dann, wenn die gierigen Mäuler hierzulande für einen kurzen Moment ihre Kaubewegungen einstellen, was natürlich nicht leicht sein dürfte.

5 comments for “USA: Pommes und Pizza bleibt Gemüse – Basta!

  1. 23.11.2011 at 16:32

    Tja, da sollten sich die Erzeuger von Bioprodukten und ähnlichem vielleicht einfach mal zusammen tun und ebenfalls eine Lobby bilden. Kann ja nicht so schwer sein, wenn das andere Industriezweige auch geschafft haben. Wer Einfluss nehmen will, muss eben auf die Politiker zugehen. Ist logisch, oder?

  2. 23.11.2011 at 17:00

    Das spricht wohl mehr der Pragmatiker aus Ihnen. Dies bedeutet also in Ihren Augen, dass jene, welche um die Nachteile von Dienstleistungen oder eben Produkten wissen, mit den Mitteln des Lobbyismus und des Geldes sich mit jenen, welche unter demokratischen Gesichtspunkten vom Volke gewählt wurden, zwecks Durchsetzung dieser Interessen vollkommen legitim zu Allianzen zusammenrotten dürfen. Wohlwissend, dass diese legislativen Vereinbarungen auf kurz und auf lange sowieso zum Schaden der Allgemeinheit sind, deren Folgekosten jedoch sicherlich nicht von denen getragen werden, welche dafür in die Verantwortung genommen werden müssten. Das Recht des finanziell Stärkeren also, der sich dann auf die Mehrheit berufen darf und dem Volk staatlich sanktioniertes Brot und subventionierte Spiele auftischt. Nun ja, ich wünsche Ihnen guten Appetit und viel Erfolg beim Erklimmen Ihrer höchstpersönlichen Ernährungspyramide.

  3. 25.11.2011 at 00:11

    Was ist das denn für eine negative Sichtweise? Ich finde das eine völlig natürliche Sache, dass gleichgesinnte Menschen sich zusammen tun. Ich finde es auch viel sinnvoller, wenn Unternehmen Allianzen gründen, anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen. Wir leben ja schliesslich nicht mehr im Mittelalter. Und woher wollen Sie wissen, dass Lobbyisten um die Nachteile ihrer Produkte wissen? Solange es da keine Beweise gibt würde ich den Ball mal ganz flach halten. Es soll auch Menschen geben, die von den weniger guten Dingen überzeugt sind. Ausserdem sind Pommes und Pizza meiner Ansicht nach nicht ungesund, wenn man es nicht gerade jeden Tag isst. Da gibt es weitaus schlimmeres.

  4. 25.11.2011 at 01:37

    Wie ich den Ball zu halten habe, sollte nicht Ihre Sorge sein. Sie haben natürlich vollkommen recht, wie Sie schreiben, dass es eine ganz natürliche Sache ist, wenn sich Gleichgesinnte zusammentun. Und genauso selbstverständlich ist es, wenn jene, welche mit diesen Gleichgesinnten nicht meinungskonform gehen, dies auch äußern dürfen. Dass ich dabei natürlich nicht mit Ihren positiven Visionen, welche Sie so lautmalerisch auf Ihrer Webseite propagieren, mithalten kann, ist sicherlich richtig. Und dass es weitaus Schlimmeres gibt als Pommes und Pizza, trifft selbstverständlich auch zu. Zum Beispiel die Tatsache, dass tagtäglich an die 25 000 Menschen an Unterernährung sterben, was jetzt zwar nichts mit dem Artikel zu tun hat, aber in überfresenen Industriestaaten gerne übersehen wird. Dass dabei vergessen wird, dass in Deutschland zwei Drittel der jährlichen Todesfälle in direkter und indirekter Linie mit ungesunder Ernährung einhergehen, soll nun Ihre Lust auf Pommes oder Pizza nicht schmälern. Dass in den USA pro Jahr mehr als 200 000 Menschen durch Diabetes aus dem Leben scheiden, macht das Kraut jetzt im wahrsten Sinne wohl auch nicht mehr fett. Dass die weltweiten Gesundheitssysteme mit insgesamt 37 Milliarden Euro, bedingt durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen (neben den Auswirkungen ungesunder Ernährung natürlich auch durch Rauchen oder zu wenig Bewegung) die Volkswirtschaften belasten, wird diese Lobbypolitik sicherlich ebenso weniger stören als die Aussicht auf subventionierte Dickmacher. Und Sie wollen mir allen Ernstes weismachen, dass diese Fakten, Zahlen und Daten denjenigen, welche dafür mit die Veranwortung tragen, nicht bekannt sind? Nicht böse sein, aber viel schlimmer geht es nun nimmer. Trotz alledem liebe Grüße aus Wien.
    Paul Boegle

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