Klimaflüchtlinge: Fluchtlinie Klimawandel 1


1. Der Klimawandel unter „normalen“ Gesichtspunkten

Wenn wir, und da nehme ich mich nicht aus, über den Klimawandel und dessen Folgen viel reden und wenig handeln, haben wir fast immer bestimmte Auswirkungen und Probleme im Fokus, welche wir, und da nehme ich mich wiederum nicht aus, in schöner Regelmäßigkeit anprangern und wiederholen. Es wird von Gletscherschmelze gesprochen, deren fehlende Eisflächen das Sonnenlicht nicht mehr reflektieren werden. Wir machen uns Gedanken über den Raubbau an den Regenwäldern, welche als natürlicher CO2-Speicher die Schadstoffe der Luft nicht mehr auffangen werden. Wir propagieren die dringende Notwendigkeit, endlich von fossilen Energieträgern auf erneuerbare Energien umzusteigen und die damit verbundenen Technologien endlich zu forcieren, anstatt wie bisher mit neuen Schröder-Pipelines („Fragwürdige Ostsee-Pipeline-Eröffnung in Lubmin mit Merkel, Medwedew und Ex-Kanzler Schröder„) oder im Bau befindlichen Nabucco-Pipelines weiterhin auf die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen zu setzen. Dazu sicherlich auch sehr interessant: „Klima der Gerechtigkeit: Gaskraft hilft dem Klimaschutz“ und die dort erwähnte Kurzstudie „Die künftige Rolle von Gaskraftwerken in Deutschland“ der Klima-Allianz Deutschland. Das Argument, dass Gaskraft wesentlich umweltschonender als etwa Kohlekraft ist, braucht hierbei wohl nicht diskutiert zu werden. Dass Gaskraft auch nur als Übergang hin zu erneuerbaren Energieformen angesehen werden darf, sollte ebenso vorausgesetzt werden. Was mich bei der ganzen Geschichte stört. Unter Punkt „1.4 Alternativen zu Gaskraftwerken als Backup in der Stromerzeugung“ auf Seite 17 ff. wird nur auf drei alternative Szenarien zur vollständigen Versorgung aus erneuerbaren Energien des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) zurückgegriffen wird, was aber jetzt nicht Thema dieses Beitrages sein soll. Abschließend vielleicht nur noch der Hinweis auf das vielfach noch unbekannte und aus wohl kalkulierten Überlegungen nicht in die Öffentlichkeit getragene chemische Verfahren namens Hydraulic Fracing oder Fracking, eine Form der Erdgasförderung mithilfe chemischer Giftstoffe. 

Atomausstieg war nach Fukushima Brennpunkt Nummer 1, hat sich aber mittlerweile wieder mit dem sanften Abkühlen der Brennstäbe, welche zwar immer noch glühen und ihre tödliche Dosis verbreiten, aber eben nicht mehr in unserem Bewußtsein, wieder in den hintersten Winkel aktueller Rettungsfallschirme verzogen. Manchmal echauffieren wir uns noch einige Minuten über die Abzocke beim Emissionshandel, debattieren müßig und mäßig über die Überfischung der Meere und, natürlich immer wieder gerne aufgegriffen, wir machen uns selbstverständlich ohnmächtig Sorgen über die Allmacht von Banken. Eine endlose Litanei im Zeichen der Umwelt, aber natürlich auch über den maroden Ist-Zustand heutiger nationaler und länderübergreifender Handlungsunfähigkeit. Und die einzigen, welche wirklich handeln, agieren müssen, weil aufgrund all dieser genannten und noch unzählig anderer Gründe zum Handeln verdammt, sind eine bestimmte Gruppe von Menschen. Sogenannte Klimaflüchtlinge.    

2. Der Klimawandel unter „menschlichen“ Aspekten

Vorab ein kurzes Video von Ska Keller mit dem bezeichnenden Titel „Klima wandelt Migration„.

Klimaflüchtlinge. Oder streichen wir doch der Einfachheit halber das Klima und bleiben bei Flüchtlinge. Welch unschönes Wort. Da denken wir doch sofort an Krieg, Hunger, politische Agitation. Wir verbinden mit Flüchtlinge kleine apathisch blickende Kinder, welche mit dicken Bäuchen und unzähligen Fliegen unter der Sonne Afrikas in die Kameras der westlichen Berichterstattung stieren. Wir sehen vor unserem geistig deformierten Auge FreiheitskämpferInnen, welche inmitten langer an ihnen vorbeiziehender Autokolonnen nach möglichen SympathisantInnen ehemaliger und jetzt gestürzter Regierungen Ausschau halten. Wir assoziieren hoffnungslos überfüllte Boote, welche irgendwo im salzigen Nirgendwo der Meere treiben und auf „Land in Sicht!“ warten. Vielleicht denken wir aber auch noch an japanische Schulen, welche zu provisorischen Auffanglagern für die vor Fukushima Flüchtenden umfunktioniert wurden. Und so können wir noch endlos weiter in unseren Gedanken flüchten. Doch in den wenigsten Fällen denken wir an sogenannte Klimaflüchtlinge.

Was eigentlich verwundern sollte. Nein, darf es nicht, weil die Politik schließlich nicht alles im Visier haben kann. Jetzt ist aber seltsamerweise so, dass andere Organisationen abseits von eben jener Politik und natürlich noch viel abseitiger der Wirtschaft (NICHT vergessen: Zur LobbyControl-Wahlurne schreiten) sich dieser Problematik schon seit mehreren Jahren angenommen haben. So gibt es etwa eine Studie im Auftrag von Greenpeace aus dem Jahr 2007, welche von Cord Jakobeit und Chris Methmann erstellt wurde. Unter dem einfachen Titel „Klimaflüchtlinge“ legen die beiden dar, welche Konsequenzen der Völkergemeinschaft durch die menschgemachte Klimaerwärmung drohen. Die beiden sehen den dringend notwendigen Klimaschutz nicht als intentiertes Verhalten, um das Abkühlen des Planeten aus politischen, wirtschaftlichen und besonders als Verpflichtung der Industrienationen gegenüber unsere zukünftigen Generationen zu betreiben. Asylrecht aufgrund von Klimawandel findet bis heute noch fast überhaupt keinen Zugang in den internationalen Statuten sowohl von UN-Flüchtlingskommissariat als auch nationaler Bestimmungen über Migrationsrechte. Doch Jakobeit und Methmann entwickeln gerade aus dieser Ignoranz eine Zukunftspespektive, welche voraussagt, dass durch die veränderten Umweltbedingungen die Zeichen im wahrsten Sinne auf Sturm stehen.  

Besonders interessant dabei ist meines Erachtens die Unterscheidung zwischen „normalen“ Flüchtlingen und den expliziten Umweltflüchtlingen (Punkt 3.4.1. Seite 21 der Studie). Die beiden definieren den speziellen Fall dieses Fluchtverhaltens so, dass der entscheidende Faktor die Umweltveränderung sei. Dass hierbei jedoch die Grenzen fließend sind und oftmals schwierig zu beurteilen ist, ob letztendlich die veränderten kliamtischen Bedingungen für eine Flucht ausschlaggebend sind, soll hier nur nebenbei erwähnt werden. Wenn etwa Menschen, welche in Armut leben, durch ein Ansteigen des Meeresspiegels zum Verlassen der Heimat gezwungen werden, betrachten die beiden dies als Klimaflucht und nicht als Armutsflucht. Wenn aber andererseits fehlende Bewässerungsanlagen durch zu hohe Kosten und damit eben fehlender Gelder, welche wiederum eine Folgeerscheinung der Armut sind, zum Ausfall von Ernten führen und dies eine Flucht nach sich zieht, wird die Sache und damit auch die Definition per se schon schwieriger.

Das Ergebnis ihrer Forschung spiegelt sich wohl im Schlusssatz am besten wider: „Wer sich ernsthaft mit dem Phänomen der Klimaflüchtlinge auseinander setzt, wird in einigen Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr behaupten können, sie oder er habe von der Brisanz und dem Umfang des Problems nichts gewusst.

Schlussendlich vielleicht noch eines. Die von Jakobeit und Methmann entwickelte Studie geht davon aus, dass Menschen, welche direkt durch die klimatischen Veränderungen und die globale Erwärmung aus ihrer Heimat vertrieben wurden, sich in einer Größenordnung von 20 Millionen Flüchtlingen bewegt. Eine neuere Studie aus dem Jahr 2009 von CARE International mit dem Titel „In Search of Shelter: Mapping the Effects of Climate Change on Human Migration and Displacement“ relativiert das Ganze nun. Jedoch nicht nach unten, sondern mit der Erkenntnis, dass „the influence of environmental change on human mobility is discernible and growing. Current and projected estimates vary widely, with figures ranging from 25 to 50 million by the year 2010 to almost 700 million by 2050. The International Organisation for Migration (IOM) takes the middle road with an estimate of 200 million environmentally induced migrants by 2050.“ Deutschsprachig dazu: „Florian Rötzer. Telepolis: Hunderte Millionen Flüchtlinge bis 2050?


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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