Lieber echte Karriere als falsche Ideale



Warum gerade KiK Sie NICHT braucht und wir KiK NICHT wollen!

Nachdem ich erst unlängst Sina Trinkwalder und ihrer auf Video festgehaltenen Begegnung mit Wiesenhof-Gründer Paul-Heinz Wesjohann einen, zugegebenermaßen, nicht immer wohlwollenden Artikel gewidmet habe, was aber nichts mit Sina selbst, sondern mit meiner eigenen Sicht der Dinge zu tun hat, habe ich ihren Blog natürlich trotzdem oder sogar deswegen in meine Blogroll aufgenommen. Wobei, wie ich jetzt noch zusätzlich anmerken darf, ich habe mich mit dem fast eine Stunde langen Mitschnitt ihres gemeinsamen Essens sehr intensiv beschäftigt und das Gespräch mit Interesse verfolgt, sonst hätte ich nicht so ausführlich darüber berichten können. Und, was aber Sina Trinkwalder vom manomama Blog. Werbeanzeige von KiK, gefunden im Stern: “Lieber echte Karriere als falsche Ideale”.(vorläufig) dieses Thema ad acta legen soll, dass Sina zwischen dem Menschen Wesjohann und seiner Firmenpolitik eine sehr differenzierte Meinung hat und diese am Schluss ihres Gespräches auch deutlich zum Ausdruck bringt, sei hier auch noch angemerkt.

So, jetzt aber zu ihrem verfassten Artikel  „Danke, kik!Sie beginnt mit den einleitenden Sätzen:

Dreimal fing ich den Blogeintrag mit dem Satz „wir leben in einer verkehrten Welt“ an. Das aber wissen wir ja. Wir fühlen, dass etwas nicht stimmt.

Nun, dieser Feststellung gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen außer vielleicht die Tatsache, dass ich in meiner eigenen Kategorie „Verkehrte Welt“ schon weit mehr als 100 Artikel gepostet habe und dieser Punkt meines Blogs deshalb auch einsam und leider mit Abstand an der Spitze der verschiedenen Themenbereiche einsam seine Runden dreht. Was aber nicht den Umkehrschluss zulässt, dass ich KiK unter verkehrte Welt führe (siehe z.B.: „Was Sie schon immer über Adbusting wissen wollten“ bzw. auf meinem anderen Blog voller völlig verkehrter und verquerer Welten: „Verona Pooth wegen KiK im Hungerstreik„). Da ich nun weder Stern noch andere Magazine dieses Formates lese geschweige denn bereit bin, dafür gutes Geld hinzulegen, mich mit viel Werbung zwischen wenig Artikeln auseinandersetzen (zu müssen), bin ich dementsprechend auf solche Fundstücke wie dem von Sina fotografierten und gezwitscherten nebenstehenden Bild, welches im Original unter dem oben verweisenden Link bzw. bei Klick auf das Bild zu finden ist, angewiesen.

Was macht solcherart Werbung aber nun so interessant, dass sich die Webgemeinde wie die Geier auf das tote Mode(Aas) stürzen und vor Entsetzen laut aufschreien? Sehen wir nicht jeden Tag in den Printmedien, online verfügbaren Artikeln und im Fernsehen, den verschiedensten Werbesammelpunkten wie Litfaßsäulen, Plakaten und natürlich auf Fußballdressen, Formel 1-Boliden und vollgeplasterten SpitzensportlerInnen wie SkifahrerInnen, welche zum Interview in der wohlig warmen Redaktion sogar noch Skier, Skistöcke und Skibrille mit den drei verschiedenen Sponsoren mitbringen und nach jedem vollendeten Halbsatz lächelnd und mühelos in die Kamera halten? So zynisch es nun klingen mag und so schmerzhaft es für die Angehörigen der erst kürzlich verstorbenen beiden Motorsportler Marco Simoncelli (Motorrad) und Dan Wheldon (Indy-Car) auch ist, aber wer immer davon spricht, dass in solchen Risikosportarten „der Tod immer mitfährt„, hat zweifelsohne recht. Auch ich wurde beim täglichen Lesen der verschiedensten Meldungen mit diesen Fotos konfrontiert und sicherlich steht immer im Vordergrund, ob dieses moderne Gladiatorentum zur Belustigung der Massen nicht lange schon eine Grenze des Moralischen und ethisch Vertretbaren überschritten hat und jenseits dieses sportlichen Rubicons jeglichen Bezug zur Realität verloren hat. Nein, hat es nicht. Denn neben dem Tod fährt auch immer ein Sponsor nach dem anderen mit diesen „HeldInnen“ des Alltags mit. Bunte Etiketten, einprägsame Aufkleber, hübsche Aufnäher finden sich sogar im Moment seines Todes an allen möglichen und unmöglichen Stellen wieder. In trauter Zwei- oder besser Vielsamkeit vereint mit dem am Boden dahinschlitternden Körper, welcher von nachfolgenden bunten, einprägsamen, hübschen Werbebannern in Form seiner Konkurrenten überrollt wird. Das herrenlose Motorrad? Fährt einfach weiter. Führerlos, aber von unsichtbarer Hand gelenkt, überholt es den leblosen Körper, zieht seine bunten, einprägsamen und hübschen Kreise voller Werbung auch ohne den Menschen.

Wir registrieren es, zeigen unser tiefes Bedauern und noch viel tiefere Anteilnahme und sind mit unseren Gedanken bei den Angehörigen. Wir sprechen von großen Verlusten für den Sport, vom „Wir werden Dich niemals vergessen!„, versuchen unsere Ratlosigkeit mit unglücklichen Umständen zu erklären und zeigen Tränen der Trauer, welche wir hinter der Maske der sozialen Erwartungshaltung, welche solche Fälle von uns fordern, nicht zurückhalten müssen. Es mag bitter klingen. Doch wer kannte Marco Simoncelli und Dan Wheldon? Nicht im wirklichen Leben, nicht von Angesicht zu Angesicht, nicht als Menschen, mit welchem wir kommunizierten? Wir kennen die beiden Toten jetzt. Aus den Medien, weil sie die Schlagzeilen mit ihrem Sterben füllen. Aus dem Fernsehen, weil Superzeitlupen den Unfallhergang in allen schonungslosen Details in die heimischen Wohnzimmer bringt. Und immer sehen wir bunte, einprägsame und hübsche Werbebanner, Schriftzüge und Firmenlogos der an diesem grausamen Spiel Beteilgten. Dan Wheldon? Ist tot! Marco Simoncelli? Ebenfall tot! Es werden andere folgen. Auch diese werden für kurze Zeit die Schlagzeilen beherrschen, so wenig, wie sie aus welchen Umständen auch immer ihre rasenden Werbebanner nicht mehr beherrschten. Unbeherrscht traten sie an, sich aus diesem Spiel unfreiwillig zurückzuziehen. Die Firmenlogos, die Sponsoren, die geldgebenden Unternehmen werden sich nicht zurückziehen. Sie haben Forderungen im Raum stehen, welche es schnellmöglich zu erfüllen gibt. Eine andere muss ins Auto steigen, ein anderer den Sattel der Rennmaschine ausfüllen.

Warum also nun dieses Entsetzen über die neueste KiK-Kampagne „Lieber echte Karriere als falsche Ideale„? Weshalb nicht über die ebenfalls verlogenen Waschmittel aufregen, wieso nicht den Unmut über „Actimel“ oder McDonalds äußern? Weil KiK entwaffnend offen die Grenzen zwischen subtiler und unterschwelliger Propaganda und der Diskrepanz zu den gemachten Versprechen aufzeigt. Nein, sogar kompromisslos überschreitet.Wir sind es nicht gewohnt, in der heilen Welt der Werbung voller lachender Gesichter und wohltönender Heilsversprechen mit solcherlei brachialer Ehrlichkeit konfrontiert zu werden. Wir stellen an die Werbeslogans die schweigende Forderung, sie möge uns das zeigen, was wir sehen möchten. Wir möchten auch während des Blockbusters aus Hollywood, wenn 90 Minuten Fiktion und eineinhalb Stunden Wunschdenken mittels unserer Superhelden und dank unserer Traumfrauen für einige Minuten von nichtssagenden schnell aufeinanderfolgenden Spots unterbrochen wird, nicht aus unserern Träumereien gerissen werden. Wir schwelgen selbst dann noch in jenen falschen Idealen und fühlen uns in den idealisierten und zu Reichtum, Glück und ewiger Schönheit hochstilisierten und zurechtgerückten Welten wohl, wenn Penelope Cruz und George Clooney schon lange den Bildschirm verlassen haben und hinter dem zweidimensionalen Vorhang unserer Wunschvorstellungen verschwunden sind.

KiK ist deshalb auch nur eine jener rasend schnell dahinfahrenden Erscheinungen moderner Ausbeutung und gesellschaftlicher Wegelagerei in einer immer länger werdenden Liste, welche sich durch bunte, hübsche und vor allem einprägsame Botschaften über unseren Köpfen erbricht und anhand halbverdauter Allgemeinplätze in unser reizüberflutetes Hirn sinkt, dort still und leise den Platz in der ersten Reihe einnimmt, um aber nur Sekunden später durch neue speicheltriefende Tiraden abgelöst zu werden. Dass sie nun ihr wahres Gesicht zeigen und nicht mehr mit „Besser als wie man denkt„-Phrasen ihre Produkte verbal und visuell in unsere Wohnzimmer kotzen, sollten wir deshalb als gemeinsame Chance sehen. Lasst sie doch ihr wahres Gesicht zeigen, denn dies ist meiner Meinung immer noch besser, als einen Feind, welcher mit heruntergelassenem Visier mit unfairen Mitteln kämpft, entscheidend treffen zu wollen. Sina hat es vorgemacht, indem sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ein Foto gemacht hat und in weiterer Folge auch durch geeignete Kanäle verbreitet hat. Wir lassen doch nur jenen Kampagnen unsere Aufmerksamkeit zuteil werden, welche sich durch besondere Skrupellosigkeit oder, wie jetzt im Falle KiK, durch einen Zynismus jenseits des bisher Denkbaren und scheinbar für den ethisch und moralisch verantwortungsbewussten Normalo nicht Möglichen auszeichnen. Die Marketingabteilung des Unternehmens hat zwar genau das erreicht, was sie von den Konsumentinnen und Verbrauchern wünscht: Aufmerksamkeit! Aber ich bin der Überzeugung, dass wir gerade durch diese Art von Attention unsere eigenen Ideale weit besser voranbringen als durch die zahllosen im Vergessen versickernden ähnlich und ähnlicher werdenden Werbeversprechen, wie sie tagtäglich über die verschiedensten Rennstrecken fahren oder in Form von hoch auflösenden Bildern über die Bildschirme flimmern.

Und möglicherweise hat die KiK-Kampagne noch etwas Gutes. Vielleicht lassen sich potentielle BewerberInnen, welche sich über ihren möglichen Arbeitgeber informieren und über das von Sina in Umlauf gebrachte Foto mitsamt einem der mehr und mehr werdenden kritischen Texte stolpern, davon abzuhalten, sich als Vasallinnen und Knechte für solch ein Unternehmen rekrutieren zu lassen. Denn, und hier habe ich die eigene Tochter, welche gerade den eigenen Rubicon zum Erwachsensein überquert, als bestes Beispiel vor Augen. Die heutige Jugend und die jungen Erwachsenen sind beileibe nicht mehr jene konsumverblendete Nachwuchshoffnung für firmen wie KiK, wie es immer wieder gerne dargestellt wird. Natürlich benötigt es dazu auch eines gewissen Hinführens, doch dieses Verantwortungsbewußtsein und diese Zeit sollten wir gerne aufbringen. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass die Besten ihre echte Karriere erfolgreich begonnen haben, ohne aber den Weg falscher Ideale beschritten zu haben, dann möge KiK mit jenen glücklich werden, welche wohl für Kampagnen dieser Machart verantwortlich sein dürften. Also führen wir doch auf unsere Weise das fort, was KiK für sich in Anspruch nimmt: Denn „Der Chancengeber!“ gibt uns die Möglichkeit, auf die Chancenlosigkeit in Diensten dieser Modekette mehr als nur hinzuweisen.   


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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