Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte


Eine Buchrezension von Paul Boegle

1. Inhalt des Romans von Hermann Stefánsson

Guðjón Ólafssons Zeitreise als LaborratteWas ist richtig und was falsch? Wo endet die Realität menschlichen Erfassens und verstandesmäßigen Begreifens und wo verschwimmen diese Grenzen zu wissenschaftlicher Fiktion und menschlichen Traumlandschaften? Der Isländer Hermann Stefánsson beschreitet mit seinem Werk „Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte“ einen sehr gewagten und ambivalenten Weg, um die Auseinandersetzung des Geistes auf bewusster Ebene mit jenen Schichten unbewussten Denkens in Einklang zu bringen, welche bereits Sigmund Freud zum Ziel seiner Forschungen machte und welche wohl der Wunschtraum der meisten Menschen ist: Die Reise in die Zukunft und im vorliegenden Roman der unverschleierte Blick in die Vergangenheit.

Die beiden ProtagonistInnen des Romans, der Schriftsteller Guðjón Ólafsson und seine Freundin Helena, durchwandern in dem 250 Seiten Werk im wahrsten Sinne Raum und Zeit. Stefánsson entblättert parallel zwei verschiedene und gegenläufige Erzählstränge, welche sich mit Fortdauer der Geschichte auf verschiedenen Ebenen in einem Gewirr aus Möglichkeiten, Denkbarem und hypothetischen Konstrukten kreuzen, Erlebtes mit Visionen verknüpfen, nebenher verlaufen, auseinandertriften, um sich dann wieder in einer gemeinsamen Geschichte zu vereinen. Während Guðjón nach einem rätselhaften Unfall im Krankenhaus erwacht, bedingt dadurch unter Amnesie leidet und in einem langwierigen und mühsamen Selbstfindungsprozess wieder die vorhandenen Gedächtnislücken zu schließen versucht, besitzt Helena zu Anfang der Erzählung ihre geistigen Fähigkeiten zur Gänze, welche sich in einem Umkehrprozess jedoch mehr und mehr verlieren.

Ein Strudel beginnt, welcher die beiden mit sich fortreißt und deren Kontrolle über die eigene Handlungsfähigkeit ihnen aus den eigenen Händen genommen wird. Der Roman beschreibt die Odyssee zweier Menschen zwischen Wahn und Wirklichkeit, Vergessen und Erinnerungen, welche durch Fremdsteuerung eines am Schweizer Kernforschungszentrum CERN tätigen Wissenschaftlers in Bahnen außerhalb des eigenen Verantwortungsbereiches gelenkt wird.

Ich sitze am Schreibtisch in meiner Zuflucht, in der ich mit Depressionen darniederlag, und schreibe Brandes einen Brief und gestehe alles ein.

„Die wenigsten Menschenleben sind viel wert“, schreibe ich an Edvard Brandes. „Sie kräuseln das Wasser nur gerade eben, aber die wenigsten schlagen Wellen, und noch weniger schaffen es, sich aus dem Meer zu erheben und das Fundament für eine Insel zu legen.“

Der gewöhnliche ungebildete Pöbel ist alles in allem gedankenlos und zum Machen und Management unfähig. Der Wille ist es, der das menschliche Leben aus dem Flachwasser herausragen lässt, der Wille ist es, der nicht zur Verherrlichung der visionslosen Mediocritas untergeht. Während der Ausfahrt fällt Mondlicht auf das Boot, an Bord ist ein Dichter, alle Dichter sind Mörder.

Daran denke ich und ziehe mir den Vorhang der Besinnungslosigkeit vor die Augen; gefroren in mildem Meertod stehen die Untergegangenen mir vor dem inneren Auge, der Tod hat ihrem Leben Bedeutung verliehen und mir Beileid gebracht; nur der Dumme fordert, sich weiß zu malen – reinem, frisch gefallenem Schnee gleich. Der große, der grobe Fels akzeptiert, was ist. Diese Männer mordete ich, diesen Ton schlug ich an.

2. Wie sieht Paul Boegle das Buch?

Hermann Stefánssons Werk weckt sicherlich bei jenen LeserInnen, welche wie ich „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ von Umberto Eco kennen, gewisse Assoziationen. Ein Mann erwacht nach einem Unfall und sucht mithilfe seines Umfeldes, seiner Familie, seinen Bekannten nach jenen Fragmenten früheren Lebens, welche sich in den Nebeln des Nicht-erinnern-könnens aufgelöst haben. Die Idee ist also sicherlich nicht neu, denn auch Stefánsson nutzt, ähnlich wie Eco, die Möglichkeiten der Literatur, um Guðjón Ólafsson die Rückkehr in die Normalität zu erleichtern bzw. die Brücke zwischen gesichtsloser Vergangenheit und zertrümmerter Gegenwart zu schlagen. Doch was sich beim italienischen Meister der Semiotik als literarischer Amoklauf par excellence entwickelt, wird bei Hermann Stefánsson zu einem Spagat zwischen Unentschlossenheit und manches Mal nicht nachzuvollziehenden (un)logischen Erklärungsversuchen. Die grenzenlose Neugier des modernen Menschen, sämtliche naturwissenschaftlichen Phänomene und ungeklärten Rätsel unserer langen Menschheitsgeschichte immer zu hinterfragen und anhand von Fakten, wissenschaftlichen Annahmen, unausgereiften Forschungsmethoden und dem Drang nach grenzenloser und nicht mehr zu bändigender Forschungswut, bietet sicherlich interessante Ansätze, um sich dem Thema individuellen oder sogar kollektiven Vergessens zu nähern. Doch der Autor vergisst bei allem Enthusiasmus, aus diesen Einzelteilen eine wirklich funktionsfähige Erzählung zu konstruieren.

Was zu Anfang als spannendes Frage-Antwort-Spiel zwischen der real existierenden Welt des Guðjón Ólafsson beginnt, welcher seine Vergangenheit wiedererlangen möchte und der konträren Entwicklung seiner Freundin Helena, driftet leider im Verlauf des Erzählens zu einer Geschichte ab, welche zumindest bei mir mehr Fragen offenließ und schlussendlich durch den gewählten dualen Lösungsweg von Hermann Stefánsson keineswegs zu einem für mich befriedigten Abschluss geführt hat. Auch hier zeigt sich für mich wieder die Unentschlossenheit des Autors. Anstatt sich auf eine einzige präsente Möglichkeit zu konzentrieren und diese zu einem durchdachten Ende zu führen, wählt er den Weg zweier Eventualitäten, welchen jedoch der Biss fehlt und die verloren nebeneinander vor sich hin welken. Ich fühlte mich teilweise an sogenannte Adventure-Spiele meiner Jugend erinnert, welche einen vorgegebenen Lösungsweg vorgeben, aber bedingt durch den Spielenden in mehr oder weniger kniffligen Sackgassen enden, welche einen jedoch nach einer Reihe von Try and Error und dem Suchen von für den weiteren Verlauf der Geschichte wichtigen Gegenständen letztendlich immer wieder auf den (richtigen) roten Handlungsfaden zurückführen. Doch entscheidend bleibt bei solchen Dingen immer, ob der Spannungsbogen gehalten werden kann und nicht unter der Last dieses Drucks in sich zusammenfällt.

Der Autor verliert sich für meinen Geschmack leider nicht in der für dieses brisante Thema notwendigen Detaillandschaft, welche für solch ein kompliziertes Thema notwendig wäre, sondern umreißt mit wenigen groben Pinselstrichen leider nur sein syntaktisches Gemälde namens Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte. Hermann Stefánsson kratzt an der Oberfläche eines sicherlich brisanten Bereichs, er deutet die wissenschaftlichen Problemstellungen an, streift sowohl ethische als auch moralische Grundsatzfragen, welche Laien wie ich an verantwortungsvolle Wissenschaftszweige stellen würden und sicherlich auch tun, aber es bleibt leider bei diesem unvollendeten Streifzug. Der Geschichte dadurch mehr Tiefgang verleihen zu wollen, indem Namen wie Stephen Hawking oder das aus der Quantenphysik bekannte Problem von Schrödingers Katze beiläufig fallen, weckt eigentlich die Neugier auf fundierte Erklärungsversuche, welche mit dem begonnenen Gedächtnisverlust der menschlichen Laborratte schlüssig und nachvollziehbar zu einem befriedigenden Höhepunkt hinsteuern. Doch auch hier schießt der Roman leider etwas ins Leere und wird in eine gestaltlose Form gegossen, welche nicht wirklich überzeugen noch gefallen kann. Gerade bei solchen Versuchen, den nach Erkenntnis strebenden Menschen als Symbol des Bösen darzustellen, welcher seinesgleichen als Spielball für wissenschaftliche Experimente hernimmt, hätte ich mir wesentlich mehr verbales Spiel mit diesen subjektiven Ängsten vor eigenem Kontrollverlust und damit einhergehender Fremdbestimmung gewünscht

Vielleicht wäre es zweckmäßiger gewesen, durch ein entsprechendes Ende jene Fragen, welche sowieso, egal ob in der Fiktion der Geschichte oder in jener Realität des tatsächlich Existierenden, offen bleiben, auch offen zu lassen, anstatt sich durch ein sichtlich konstruiertes Finale diesem Dilemma zu entziehen.

Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte. Bewertung des Romans von Hermann Stefánsson durch Paul Boegle.

3. Daten zu Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte

Als Rezensent für das vom Litteraturverlag kostenlos zur Verfügung gestellte Buch möchte ich natürlich anfügen, dass die oben angeführten Zeilen selbstverständlich nur meine ganz persönliche Meinung und subjektive Sichtweise wiedergeben. Als Mensch, welcher selbst viel und gerne schreibt und lGuðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratteiest, möchte ich deshalb betonen, dass ich (fast) sämtliche literarischen Werke achte und respektiere. Was ich in meiner Eigenschaft als lesender Mensch nun als schlecht bzw. gut erachte oder welche Bewertung auch immer hier als Maßstab dienen kann und soll, mag sich aus der Perspektive eines anderen Menschen wiederum vollkommen anders darstellen. Deshalb stelle ich auch gerne den Link (Klick auf das Buch) zur Verfügung, unter welchem sich „Guðjón Ólafssons Zeitreise als Laborratte“ bestellen lässt. Was aber nicht bedeuten soll, dass Sie nur dieses Buch beim Litteraturverlag bestellen können. Denn wenn ich etwas im Laufe meines doch schon angegrauten Lebens gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass man sich niemals eine eigene Meinung nur auf der Grundlage anderer Meinungen bilden kann und soll. Dazu ist unser eigenes Denken viel zu wertvoll.

Und wer nun, aber dann soll es wirklich genug für heute sein, der Meinung ist, selbst einmal eine Buchrezension verfassen zu wollen, was natürlich auch mit dem unschätzbaren Vorteil von kostenlosen Leseexemplaren verbunden ist, sollte sich vielleicht einmal meinen Beitrag „Schreibblockade bei der Blogparade“ durchlesen. Für alle, welche auch ohne weiteres Lesen und auf direktem Wege zu kostenlosen Büchern gelangen möchten: Blogg Dein Buch bietet möglicherweise das, was Sie suchen.     


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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