Was ich nicht weiß, macht mich heiß
Kostenlose Literatur von der “Friedrich Naumann Stiftung”
Heute strafe ich mich selbst Lügen. Denn gestern verweise ich noch voller missionarischem Eifer auf das Medium Internet, lobpreise einen 45-Sekunden-Takter gegen die prähistorische Energiegewinnung in Videoformat und heute verkehre ich all dies und verdamme all diese Errungenschaften und fordere zu mehr Handgreiflichkeiten auf. Nein, keine Angst, nicht mit Waffengewalt, sondern auf die gute alte gewaltfreie Art. Wie das? Sie werden sehen. Nein, Sie werden lesen.
Denn ich habe mir sagen lassen, dass es wirklich noch Menschen auf diesem seltsamen Planeten geben soll, welche des Lesens mächtig sind. Nicht lesen im modernen Sinne. Also sich per Knopfdruck anhand von E-Book, Smartphone oder Download auf den Bazillus Computer literarisches Wissen anzueignen bzw. virtuelle Bibliotheken oder, wenn Sie möchten, diesen meinen und natürlich Millionen andere elektronische Tagebücher, zu nutzen. Nein, ich spreche oder besser ich schreibe von dieser fast schon vergessenen
Form, raschelndes und bedrucktes Papier in Händen zu halten, bedächtig und per handgreiflicher Art und Weise darin zu schmökern, umzublättern, wieder zurückzublättern, bei Bedarf nachzuschlagen, Wissenslücken mechanisch zu füllen, fremde Gedanken und Ideen zwischen Daumen und Zeigefinger festzuhalten und von dort mittels elektrischer Signale, welche an irgendwelchen geheimnisvollen Synapsen in chemische Prozesse, welche für mich noch viel undurchschaubarer sind, in die entsprechenden dunklen Kanäle namens Gehirn zu leiten.
Oder kurzum: Ich spreche oder besser gesagt, aber hier wiederhole ich mich, ich schreibe von jener Erfindung Buch, welche eigentich dem guten alten Gutenberg zugeschrieben wird, aber schon bei den guten und noch älteren ChinesInnen bekannt war und von Herrn Gutenberg nur im Sinne der Vervielfältigung perfektioniert wurde.
Nun, so ein Buch oder deren zwei oder noch mehr von dieser Sorte syntaktischer und semantischer Regulierungsmechanismen mittels Druckerschwärze von mehr oder weniger hohem Inhalt hat einige Vorteile gegenüber dem elektronischen Gedankenexperiment. Sie können, sollte Ihnen beim Essen permanent die Suppe über den Tellerrand schwappen und dieses störende Element das Auslöffeln empfindlich behindern, durchaus ein solches Ding nehmen und unter den wackelnden Tisch legen, um der Nahrung zu mehr Stillstand zu verhelfen. Oder, was viele ZeitgenossInnen auch bevorzugen: Bücher eignen sich hervorragend als Lückenbüßer von allerhöchstem Bildungsniveau. Was tun mit dem neuen IKEA-Regal, wenn Plastikblumen, die DVD-Sammlung und die Bilder von den eigenen Kindern, welche das Haus schon verlassen haben und nur noch dank zweidimensionaler Farbfotografien die stille Wohnung füllen, die Leere des stapelbaren Raumes partout nicht füllen wollen und vor lauter Überschätzung des angesammelten Hausrates das schmucke Bücherregal den vorhandenen Platz zwischen frisch gestrichener Whonzimmerwand und davorstehendem Vakuum in Eigenmontage, welches dank der beiliegenden Bauanleitung nach drei Stunden kryptischer Suche nach dem (Inbus)Schlüssel der weisen HeimwerkerInnen im strahlenden Glanze des Selbstgeschaffenen vor einem steht, aber immer noch triste Lücken aufweist? Richtig! Im Keller war doch noch diese wunderbare 28-teilige Enzyklopädie von Tante Gertrude und Onkel Sigismund. Also rein damit in die gähnende Leere und das gesammelte Wissen hält triumphalen Einzug im Hause Boegle. Dass dabei der Platz zwischen der auf Länge mal Breite reduzierten Tochter und der leicht angestaubten PVC-Sonnenblume um vier Zentimeter zu schmal ist, macht dabei überhaupt nichts. Bleibt eben Band G-H im Keller liegen. Zuviel Wissen ist sowieso nicht gesund.
Was jetzt aber manche vor lauter Suppe löffeln und anschließendem Auffüllen der real existierenden Lebenslücken der heimischen vier Wände, sozusagen eine Völlerei im doppelten Sinne, vergessen haben. Bücher können durchaus zum Lesen verwendet werden. Doch weil dieses Vergnügen auch mit Kosten verbunden ist und in Zeiten von finanziellen Hilfspaketen für solcherlei geistige Hilfslieferungen nicht immer der Euro leicht von der Hand über den Verkaufstisch wandert, gibt es glücklicherweise solche kostensparenden Dinge auf höchstem Level wie die Publikationen der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Ich selbst habe erst heute wieder drei Bücher gratis bekommen. Und aus diesem Grunde werde ich mich jetzt erst einmal für einige wenige Tage, was ich aber morgen noch mit einem letzten Artikel in gebührender Form machen werde, von Ihnen verabschieden, um mich endlich ausführlich wieder dem Lesen zu widmen. Bis dahin soll Ihnen der Klick auf das nebenstehende Schaubild dienen, um sich selbst Ihr eigenes IKEA-Regal zu füllen.



