Bio Natur - Der Weblog

21.9.2011

ökoRAUSCH: Messe für Design mit Bewusstsein

Abgelegt unter: Plattformen und Projekte — Paul Boegle @ 09:56

ökoRAUSCH: Messe für Design mit Bewusstsein in Köln.Köln: Deutschlands erste Messe für nachhaltiges Design

Schnellschuss vor Sendeschluss für alle Schnellentschlossenen, welchen der Oktober in Hamburg noch in allzu weiter Ferne am grünen Horizont erscheint und deshalb noch vorher dem Rheinland einen Kurzbesuch abstatten möchten.

Und dann gäbe es ja noch die Wear Fair. Aber nicht im Rheinland, sondern in der Tabakfabrik Linz im schönen Oberösterreich. So, für heute gibt es ansonsten nichts mehr zu schreiben. Gäbe es schon, aber die allerbeste Ehefrau der Welt sagt: “Heute ist Ruhetag!” Und da sich für mich der 20. September als “Tu’s Day” oder Tag des Respekts auch noch am 21. und sicherlich noch 363 weitere Tage, sehe ich von möglichen Schaltjahren einmal ab, in die Länge zieht, komme ich dieser Aufforderung natürlich gerne nach.

20.9.2011

Rainbow Warrior III: Naturschutz mit Tiefgang

Abgelegt unter: Wasserwelten — Paul Boegle @ 16:49


Open-Boat-Veranstaltung von Greenpeace

Open-Boat-Veranstaltung von Greenpeace am 22. und 23. Oktober im Hamburger Hafen. Der Regenbogen-Krieger, die Rainbow Warrior III. öffnet ihre Decks für BesucherInnen.

Gestern noch hoch in den Lüften und heute fahren wir alle gemeinsam zur See. So schnell ändern sich die Zeiten und mit ihnen die Gezeiten. Sozusagen vom Regen in die Traufe, aber mit gesetzen Segeln Richtung Regenbogen am grünen Horizont.

Ich hatte Anfang Juli schon einmal darauf hingewiesen, dass das neue Greenpeace Flaggschiff, die Rainbow Warrior III, demnächst vom Stapel läuft und im Zeichen des Regenbogens wieder die grünen Klingen mit den blutigen Klingen der Walfangjäger kreuzen wird. Natürlich hoffe ich, dass dieses martialische Treiben nicht Realität wird und sich solche Hochseegefechte auf verbale Scharmützel beschränken werden, da die jährlichen Walfangquoten im fadenscheinigen Zeichen der Wissenschaft wohl für genügend echtes Blutvegießen sorgen.

Ich hatte dabei die Ankündigung von Greenpeace übernommen, dass dieser schwimmende bunte Krieger am 14. Oktober für alle Landrättinnen und Seebären zum 40. Geburtstag der Umweltschutzorganisation seine Segel symbolisch im Hamburger Hafen setzt, um all jenen die Möglichkeit zu geben, den Fuß (oder auch beide) auf die Planken zu setzen, um sich ein eigenes Bild über die Arbeit an Deck zu machen. Und natürlich die anwesenden Crew-Mitglieder, Meereskampaigner und altgediente (Meeres)Hasen mit jenen Fragen zu löchern, welche hoffentlich und zukünftig die einzigen Löcher bleiben werden, mit welchen die Rainbow Warrior III konfrontiert wird.

Nun, es bleibt selbstverständlich dabei. Die einzige Änderung: Der Termin hat sich etwas verschoben und wissbegierige Rättinnen und neugierige Bären zu Land und zu Wasser kommen jetzt erst am 22. und 23. Oktober in den Genuss, sich auf den grünen Planken des Regenbogens zu bewegen. Alle weiteren Informationen dazu gibt es aber auch unter “Fragen und Antworten zum Besuch der Rainbow Warrior III“. Wie Ihr am besten dorthin kommt (natürlich mit den Öffis oder dem Fahrad) und dass der Besuch selbstverständlich kostenlos ist. Und für weitere Fragen steht Euch Cordula Gartmann zur Verfügung.

So, Thema Nummer 1 für heute hätte ich erledigt. Aber in Hamburg ist bereits am 01. Oktober der alte Seebär los. Und zwar mit Namen Captain Paul Watson. Wird einigen sicherlich kein Begriff sein, aber möglicherweise ist der Name “Sea Shepherd” eher geläufig. Wem auch dieser Name nichts sagt, möge sich den folgenden Trailer zu Gemüte führen. Allerdings sei gleich darauf hingewiesen, dass für zartbesaitete Gemüter die blutrote See der abgeschlachteten Wale kein sehr angenehmer Anblick sein dürfte. Doch die Realität stellt sich leider nicht in cineastischen Hochglanzproduktionen aus dem Reiche Hollywood dar.

Am 01. Oktober feiert im Rahmen des Hamburger Filmfestes der 90-minütige Film “Confessions Of An Eco-Terrorist” (mehr dazu bei Klick auf das Filmplakat) desIm Rahmen des Hamburger Filmfestes feiert dieses Jahr Confessions of an Eco-Terrorist seine Deutschland-Premiere. In diesem Film wird die Geschichte von Captain Paul Watson und Sea Shepherd in 1 1/2 Stunden in atemberaubenden Bildern zusammengefasst. Confessions of an Eco-Terrorist ist anders, als alle anderen bisher dagewesenen Filme & Dokus über Sea Shepherd! Mannschaftsmitglieds und Filmemacher Peter Jay Brown seine deutsche Premiere. Unveröffentlichtes Filmmaterial aus 30 Jahren Geschichte der Sea Shepherd Conservation Society mit ihren abtrünnigen Umweltschützern und Guerilla-Taktiken” lassen jetzt schon vermuten, dass der Film für viel Zündstoff und Diskussionen sorgen wird.

Und weil bis zum 01. Oktober noch ein paar Tage Zeit sind, vielleicht nochmal zum Aufwärmen eine kurze Animation von Uli Henrik Streckenbach zum Thema “Überfischung der Meere“. Und sollte dann immer noch nicht der Appetit auf Meeressäuger vergangen sein, wäre vielleicht noch ein Artikel zu empfehlen, welcher sich mit dem leider völlig unbekannten Problem des maritimen Bushmeat auseinandersetzt. Ich hoffe, spätestens dann vergeht uns allen der Hunger nach mehr Meer.

19.9.2011

CO2-Abgabe für Menschen mit und ohne Flugangst

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 07:03


Im Vergleich: CO2-Rechner für Emissionen bei Flugreisen

Paul Boegle und der mathematische Glühfinger von E.T.: Das seltsame Einmaleins der CO2-Rechner. Im Vergleich: CO2-Rechner für Emissionen bei Flugreisen.Da ich selbst kein unbeschriebenes Blatt im Wind bin, wenn es darum geht, das Flugzeug zu verwenden, habe ich trotzdem das Bedürfnis, mein schlechtes Gewissen etwas zu beruhigen. Und weil dies eben noch, sehe ich von der richtigsten und plausibelsten Variante des Nichtfliegens und der nicht schlechten Option des Bahnfahrens ab, am besten durch eine CO2-Abgabe möglich ist, war es für mich wieder einmal interessant, welche CO2-Rechner denn aktuell auf dem virtuellen Markt Internet welche Ergebnisse liefern. Und vor allem interessierte mich eines: Liefern diese mathematischen Berechnungen auch dieselben Ergebnisse? Denn angesichts der Tatsache, dass das Polareis den zweitniedrigsten Stand seit der Auswertung von Satellitenbildern im Jahre 1979 erreicht hat, bedeutet Fliegen für mich mittlerweile nicht mehr das ultimative Symbol grenzenloser Freiheit. 

Dass im Moment bei den Eidgenossen eine neuerliche Diskussion über Sinn und Unsinn, Zweck und Nichtzweck, Ja oder Nein und was sonst noch im Laufe solcher konträrer Standpunkte auf den fliegenden Teppich kommt und mit laufenden verbalen Turbinen einmal abhebt, um dann im nächsten Moment wieder auf dem harten Boden der Realität zu landen, sei nur nebenbei und im Vorbeisegeln erwähnt. Dass es im konkreten Fall nicht um Flugbenzin, sondern um die Einführung einer CO2-Abgabe auf Benzin und Diesel in der Schweiz geht, mag zwar marginale Unterschiede besitzen, doch wie stellte die Schweizer Umweltministerin Doris Leuthard so treffend nüchtern fest: “Aber ich bin ja auch nicht naiv, und wir stehen in einem Wahljahr …” (Basler Zeitung: “CO2-Abgabe fällt im Nationalrat durch“)

Ebenfalls nicht unerwähnt möchte ich einen sehr schönen und aktuellen Artikel von Björn Lohmann lassen, welcher auf SciLogs unter “CO2-Abgabe für Flugzeuge - Scheindebatte ums Kohlendioxid” zu dem nicht unbedingt falschen Schluss kommt, dass Gegner der CO2-Abgabe oftmals mehr mit der eigenen Hirnkapazität und den dort beheimateten unterkühlten Hirnströmungen zu kämpfen haben als vielleicht mit Fallwinden oder warmen Höhenströmungen, welche umgangssprachlich auch als Föhn bezeichnet werden. Wobei ich anmerken darf, dass Björn Lohmann diese Wortwahl nicht verwendete, sondern diese lose Aneinanderreihung von Buchstaben einzig und allein meiner Hirnrinde entsprungen ist.

Doch eigentlich wollte ich ein praktisches Beispiel anführen. Also habe ich mich auf die Suche nach Informationen über diese sogenannten CO2-Rechner gemacht, welche mir einerseits das schöne Fliegen weiterhin schmackhaft machen sollen, aber andererseits nicht mein schlechtes Gewissen ob dieser modernen und post-ikarus’schen Errungenschaft geistiger und technischer Höhenflüge unter den Unmengen an Kohlendioxid begraben, welche mein Drang nach Freiheit über den Wolken mit sich bringt. Unter “CO2-Abgabe fürs Fliegen: Nur drei Anbieter gut” wurde ich dann zumindest einmal fündig. Also habe ich mich einmal auf solch einen mathematischen Ablasshandel eingelassen, mich für Atmosfair entschieden und noch ein eigenes Suchergebnisse für CO2-Rechner (ARKTIK) hinzugefügt. Um dabei möglichst aufschlussreiche Ergebnisse zu bekommen, habe ich zwei Varianten gewählt. Als erstes einen Kurzstreckenflug Wien - Berlin ohne Umsteigen und als Mensch ohne Angst vor Thrombose den Langstreckenflug Frankfurt -Saigon mit Umsteigen in Kuala Lumpur. Und ich oder besser meine kleinen Helfer sind zu folgenden Ergebnissen gekommen.

1. Emissionsrechnung von Atmosfair (siehe auch “Atmosfair: Fluglinien im CO2-Vergleich“)

Vorschaubilder zum Vergrößern anklicken

Emissionsrechner von Atmosfair für die Flugstrecke Wien nach Berlin.Flug Wien - Berlin Die Berechnung des CO2-Austosses auf der Flugstrecke Wien - Saigon mit Umsteigen in Kuala Lumpur mit dem Emissionsrechner von Atmosfair. Flug Frankfurt - Saigon

2. ARKTIK CO2 Ausgleich für Flugreisen

Emissionsrechner von ARKTIK: CO2 Ausgleich für eine Flugreise von Wien nach Berlin. Flug Wien - Berlin Emissionsrechner von ARKTIK. Berechung des CO2-Ausstosses für einen Flug von Frankfurt nach Saigon über Kuala Lumpur. Flug Frankfurt Saigon

Schauen wir uns das Resultat an. Würde ich mit Atmosfair mein Gewissen beruhigen wollen, müsste ich im Vergleich zu ARKTIS ganz schön tief in die Tasche greifen. Auf der Kurzstrecke Wien - Berlin ist der Unterschied nicht gravierend und doch für mich völlig unverständlich. So fordert Atmosfair für die Kompensation von insgesamt 340 kg CO2 9,- Euro von mir, während der Konkurrent gerade einmal auf einen Kohlendioxid-Ausstoß von 184 kg kommt und, zahlen wir bereitwillig den Mindermengenzuschlag, von mir 6,88 Euro verlangt. Wohlgemerkt, es handelt sich hier um dieselbe Strecke.

Mache ich allerdings Urlaub in Südost-Asien, sieht die Sache mit der CO2-Berechnung gleich einmal ganz anders aus. 7,8 Tonnen CO2 werden bei Atmosfair fällig und diese Belastung hat natürlich ihren Preis. Satte 181,- Euro müsste ich in geeignete Klimaschutzprojekte investieren, um ruhigen Gewissens zu Ho Chi Minhs Nachfahren zu fliegen. Da lasse ich doch lieber von ARKTIS mein Gewissen beruhigen. Nicht nur, dass mir hier mehr als zwei Tonnen weniger CO2 (5624 kg) berechnet werden, komme oder besser fliege ich auch dementsprechend um 63,- Euro billiger weg.

Ich lasse diese Ergebnisse nun unkommentiert. Aber nicht aus dem einfachen Grund, weil ich eine faule “Sie wissen schon was” bin, sondern um Sie aktiv zum Mitmachen zu bewegen. In diesem Falle bedeutet dies jedoch nicht nur, sich als Fluggast durch einen finanziellen Beitrag von den eigenen Flugsünden loszukaufen, sondern auch, sich anhand des Artikels “Gutes Gewissen zum Schnäppchenpreis” im Greenpeace-Magazin 4.08, welcher auch online verfügbar ist, die mit einer vernünftigen Berechnung verbundenen Probleme und verschiedenen Sichtweisen vor Augen zu führen. Welcher CO2-Rechner letztendlich der einzig wahre oder endgültig richtige ist, wird sich für einen Laien wie mich wohl kaum wirklich erschließen. Doch dieses Problem hatte ich bereits mit meiner Auseinandersetzung zwischen den Unterschieden von konventionellem Erdgas und sogenanntem Ökogas.

Einzig über eine Tatsache kann ich nicht kommentarlos und schweigend hinwegsehen. Der in Mode gekommene Aufruf bzw. das verlockend klingende Versprechen, für irgendwelche Vorhaben und eben aus Gründen der Kompensation werden so und soviele Bäume gepflanzt, weil dies schließlich eine besonders effektive Methode ist, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, mag auf den ersten Blick ein unschlagbares Allheilmittel sein. Denn wir wissen alle: Regenwälder werden abgeholzt, Monokulturen breiten sich aus und vom Waldsterben hat mittlerweile auch schon jeder etwas gehört. Haben Sie aber schon einmal bedacht, wie lange es eigentlich dauert, bis ein eben eingepflanzter junger Baumtrieb jene Größe erreicht hat, um als CO2-Schlucker seine Dienste zu verrichten? Dass die Menschheit in die Zukunft blickt, ist sicherlich ein schöner Zug, welcher von Optimismus zeugt. Aber leider läuft uns die Zeit jetzt im Moment davon. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang auch vom Problem der “tipping points”, Kippprozessen des Klimasystems (tipping elements) oder Klimaspiralen. Aber all diesen Begriffen liegt zugrunde, dass es sich um eine geringfügige Änderung eines Faktors handelt, welcher aber drastische Auswirkungen nach sich zieht (sehr gut dazu: Anders Levermann: Sicherheitsrisiko Klimaspiralen - Are we “tumbling down the rabbit hole”?).

Ob dieser “point of no return” bereits erreicht ist oder ob sich der Klimawandel noch aufhalten lässt, vermag die Forschung nicht zu beantworten. Doch dass das Pflanzen von Bäumen eine mehr oder eher sehr viel weniger erfolgsversprechende Maßnahme ist, zu dieser Überzeugung und Einsicht bin ich leider gekommen. Langfristiges Denken in allen Ehren, doch hinsichtlich der aktuellen Lage bedarf es kurzfristiger Entscheidungsprozesse.

Und morgen? Sie wissen schon! Am 20. September ist der Tag des Respekts.

17.9.2011

Polare Plusgrade sorgen für polaren Minusrekord

Abgelegt unter: Wasserwelten — Paul Boegle @ 21:15


MinimalistInnen und Wasserratten werden ihre Freude haben

Wer schon immer einmal vor hatte, den Planeten Erde aus der Vogelperspektive zu betrachten, sei auf die erstklassige Schausammlung “Home” verwiesen, eine farbenprächtige Leistungsschau von Yann-Arthus Bertrand über jenen Planeten, welchen die Gattung Homo sapiens so leichtfertig als Heimatplaneten bezeichnet und trotzdem tagtäglich das Wasser abgräbt. Wobei! “Das Wasser abgraben” ist in diesem Zusammenhang wohl eher der falsche Ausdruck. Denn mit jedem QuadratmeterNational Snow And Ice Datacenter (NSIDC): “September 15, 2011  Arctic sea ice at minimum extent.” geschmolzenes Polareis fügen wir eigentlich um so mehr von jenem köstlichen Nass hinzu, welches einerseits wohl in den Kriegsplänen der Zukunft eine führende Rolle spielen wird, aber andererseits in den gegenwärtigen und ebenfalls zukünftigen Forschungsergebnissen und Analysen der KlimaforscherInnen DIE führende Rolle spielt und bereits übernommen hat.

Natürlich werden sich auch andere über die schwindenden Eismassen an den polaren Kältepolen möglicherweise freuen  und jetzt schon erste kalkulatorische Hoch- und Kostenrechnungen ins wohlüberlegte und gut durchdachte gentechnisch manipulierte Kalkül ziehen. Denken wir doch nur daran, welche neuen Abgründe in Form von eisfreien Gründen sich für Firmen wie Monsanto auftun, welche es mit gentechnisch verändertem Saatgut zu bewerfen gilt. Der Nordpol als neue Aufzuchtstation für GVO. Eine horrorvisionäre Vorstellung wohl nicht nur für den kanadischen Bauern Percy Schmeiser, sondern sicherlich für all jene, welche der grünen Gentechnik nicht viel Gutes abgewinnen können. Aber lassen wir solch fortschrittliches und fortschreitendes Denken und Treiben jenen vorbehalten, welche auf Teufel komm raus mit dem Fortschritt Schritt halten möchten und eilen wir dorthin zurück, woher so manches Schiff gerade herkommt.

Denn oh welch freudige Botschaft für alle Frachtschiff- und Freizeitkapitäne. Eine noch niemals dagewesene Konstellation haben uns jene künstlichen Erdtrabanten anhand hochauflösender Bilder geliefert, welche als sogenannte Satelliten mitten durch Ozonloch und andere Hemisphären geschossen über unseren Köpfen schwebend ihren zuverlässigen Dienst verrichten. Denn: “Zwei legendäre polare Schifffahrtsrouten sind gleichzeitig offen - der Nördliche Seeweg vor Russlands Küste und die Nordwestpassage im kanadischen Inselarchipel. Kapitäne wagen sich nun in die schmelzende Arktis vor.” (Eisschmelze öffnet Arktis für die Schifffahrt)

Warum dies so ist, könnte möglicherweise mit dem Kliamwandel zusammenhängen. Ist selbstverständlich nur eine vage Vermutung und steht sicherlich auch nur in losem Zusammenhang mit jenem vitruvianischen Menschen von John Quigley in der Nähe des Nordpols, welcher langsam an Form und Gestalt verliert und langsam in seiner Zweidimensionalität unter der wärmenden Sonne dahinschmilzt und im Zuge dessen gleich die Dreidimensionalität des Polareises mit sich nimmt. Dass jedoch diese Mehrfachdimension an polarer Kälte von Jahr zu Jahr weniger wird, sollte außer jenen, welche diese eisfreien Seewege als Möglichkeit, noch schneller von A nach B zu kommen und noch billiger Rohstoffe, Menschen und selbstverständlich Konsumgüter von ebenfalls A nach B oder, weil schließlich diese maritimen Straßen von Tag zu Tag breiter werden, auch mühelos und gleichzeitig von B nach A zu liefern, keine große Freude bereiten. Das einzig Erfreuliche für alle AnhängerInnen minimalistischer Minusgrade: Nur im Jahr 2007 war die gemessene Eisfläche seit der 1979 begonnene Auswertung der Bilder jener durch das Ozonloch lüstern spähenden Satelliten (siehe dazu: Media Advisory: Arctic sea ice reaches lowest extent for 2011) auf National Snow And Ice Data Center (NSIDC).

Dass das Abschmelzen des arktischen Meereises nicht zwangsläufig zu einer Erhöhung des Wasserspiegels führen muss, möchte ich der Form halber noch klarstellen. Denn aufgrund der Tatsache, dass diese polaren Eismassen direkt auf dem Wasser schwimmen und nicht, so wie im Falle der schmelzenden Gletscher von Grönland oder der Antarktis, auf darunterliegenden Landmassen liegend zu einer Erhöhung des Meeresspiegels führen, ändert sich sozusagen “nur” der Aggregatzustand. Was sich aber leider auch mit dieser Tatsache ändert, ist die Fläche an gefrorenem Wasser. Und dies bedeutet eben, dass wesentlich weniger Sonnenlicht reflektiert wird. Denn offenes Wasser nimmt leider viel mehr Sonnenstrahlung auf. Und genau dieser Effekt ist es, welcher zu großen Teilen jene Regionen erwärmt.

Aber die Aussicht, sich in wenigen Jahren in Bikini und Bermuda-Shorts auf der eigenen Hochseejacht in Nähe der geografischen Koordinaten 90° 00′ 00″ N oder auch Nordpol genannt, lassen wir dabei der Einfachheit halber den Nordpol der Unzulänglichkeiten einmal außen vor, lasziv zu räkeln und warmen Meer zu plantschen, hat für viele sonnenanbetende Sonnenhungrige auch einen gewissen Reiz. Wenn da nur nicht diese großen Frachter wären, welche unsere Wege kreuzen. Doch wie sagte schon Archimedes: “Störe meine geschmolzenen Polarkreise nicht“. Oder so ähnlich.

16.9.2011

Percy Schmeiser: Kanadischer Bauer vs. Monsanto

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 09:05


Wenn die Ohnmacht eines Einzelnen auf die Macht der Gentechnik trifft

“Dieser Film macht Mut. Mut all denjenigen, die fürchten, man hätte als Einzelner keine Macht gegen die Politik, die Großkonzerne oder die Wirtschaft.”  „David gegen Monsanto“ beweist das Gegenteil. Percy Schmeiser – David gegen Monsanto. Ein Film von Bertram Verhaag.Dieser Film macht Mut. Mut all denjenigen, die fürchten, man hätte als Einzelner keine Macht gegen die Politik, die Großkonzerne oder die Wirtschaft.

Percy und seine Ehefrau Louise Schmeiser haben viel getan. Das kanadische Ehepaar hat fünf Kinder in die Welt gesetzt, Percy war Bürgermeister und Abgeordneter in der Provinz Saskatchewan und die beiden betreiben seit Jahrzehnten in Kanada ihre eigene Farm. Und das Ehepaar Schmeiser hat noch etwas getan. Sie haben sich gegen Monsanto zur Wehr gesetzt. (Dazu vielleicht auch interessant der Kampf von Imker Bablok gegen den Freistaat Bayern im Falle von genverseuchtem Honig mit MON 810 Saatgut ebenfalls von Monsanto).

Die Dokumentation von Bertram Verhaag zeigt auf geradezu erschreckende Weise, mit welchen Geschäftspraktiken der Gentechnik-Konzern Monsanto sich das holt, was nach Meinung dieser weltumspannenden Krake von Agent Orange, Roundup und gentechnisch verändertem Saatgut rechtens ist. Mit allen Mitteln werden die aus den Lizenzverträgen mit Kleinbauern entstandenen Schuldverschreibungen herausgepresst. Auch Schmeiser bekam dies zu spüren.

Denn im Jahr 1998 verklagte der Konzern den Bauern. Auf seinen eigenen Feldern wuchs Raps. Gentechnisch veänderter Raps aus dem Hause Monsanto (dazu auch: 3-fach genmanipulierter Süßmais aus dem Hause Monsanto für amerikanische VerbraucherInnen jetzt in den Supermarktregalen), wie anhand von Proben zweifelsfrei festgestellt wurde. Doch Schmeiser hatte weder Saatgut von Monsanto bestellt, gekauft und schon gar nicht auf den eigenen Feldern ausgesäht. Pollenflug von einem benachbarten Feld, ein vorbeifahrender LKW mit dem kontaminierten Monsanto-Raps, Vögel, welchen den Samen im Gefieder mit sich trugen. Woher das Saatgut kam und plötzlich auf seinen Feldern wuchs, wusste der Bauer nicht. Und er wollte den verseuchten Raps auch nicht. Denn durch seine eigenen Feldversuche und die konventionelle Zuchtarbeit hatte Schmeiser Sorten auf seinen Feldern, welche ohne Roundup und vor allem ohne Monsanto gediehen.

Percy Schmeiser erkannte zeitig, dass die Versprechungen von Monsanto genauso inhaltsleer waren wie das Saatgut voll mit Gentechnik. Höhere Erträge sollten erzielt werden, ein sinkender Bedarf an Pestiziden und Herbiziden (Der saubere Wegbegleiter Prefix C von BASF) damit verbunden sein und die angeblich höhere Nachfrage der VerbraucherInnen nach solch köstlichen Produkten aus den Laborküchen der Gentechnikkonzerne die Zukunft der Bauern sichern. Dass heutzutage die Erträge durch den inflationären Einsatz wesentlich niedriger sind, ein Vielfaches der Herbizide auf den Feldern gespritzt werden muss, um auf dieselben Ertragsmengen zu kommen und bestehende Importverbote von gentechnisch veränderten Landwirtschaftsprodukten diese Heilsverkündungen in ihr Gegenteil aufstrebender Absatzmärkte verkehrt haben, diese Weitsicht hatte der Landwirt schon damals.

Doch Monsanto hatte andere Interessen. Entweder Schmeiser verpflichtet sich zur Unterzeichnung einer jener Lizenzverträge, welchen schon Tausende andererThe Right Livelihood Award for outstanding vision and work on behalf of our planet and its people. Percy and Louise Schmeiser (Canada) for their courage in defending biodiversity and farmers’ rights, and challenging the environmental and moral perversity of current interpretations of patent laws. unterschreiben mussten oder Monsanto würde durch einen Prozess die Forderungen einklagen. Durch den auf seinen Feldern wachsenden Monsanto-Samen profitiere der Bauer nach Meinung des Unternehmens nämlich ungemein und dies müsse schließlich mit entsprechenden Lizenzzahlungen abgegolten werden. So dachte Monsanto. Und der Gentechnik-Konzern dachte noch weiter. Die Unterzeichnung solch eines Kontraktes beinhaltet ebenso, dass keinerlei öffentliche Kritik und Stellungnahme zu den vereinbarten Klauseln möglich sei. Ansonsten: Klage und Schadensersatzansprüche. So kalkulierte Monsanto.

Doch Percy Schmeiser hatte andere Interessen, dachte anders und kalkulierte nicht im Sinne von Monsanto. Er erhob sich und zog ins genmanipulierte Feld. Er verklagte Monsanto seinerseits wegen Zerstörung seiner Zuchtarbeit. Er ließ seine Felder von den kontaminierten Feldern freiräumen, schickte die Rechnung über 600 kanadische Dollar an den Konzern und bat höflich um Begleichung der entstandenen Kosten. Und Monsanto? Einem kleinen Bauern ein paar hundert Dollar zahlen kommt sicherlich nicht in Frage. Wir werden dem Aufmüpfigen in einem langwierigen und teuren Prozess schon zeigen, wo der genmanipulierte Hammer hängt. Nun, das Pendel schlug zurück. Kurz vor Beginn der Verhandlung akzeptierte das Unternehmen sämtliche Forderungen des Landwirts, übernahm die Verantwortung für die Kontamination seiner Felder und gestattete Schmeiser, über die genauen Abläufe die Öffentlichkeit zu informieren.

Paul Boegle: Der kanadische Bauer Percy Schmeiser gegen den Gentechnik-Konzern Monsanto. Perseus Percy gegen die Medusa Monsanto.Doch die Öffentlichkeit ist immer noch nicht genügend über die Praktiken von Monsanto und Co im Bilde. Wir alle haben die Möglichkeit, uns gegen solche Konzerne zur Wehr zu setzen. Doch dazu bedarf es einer weitreichenden Aufklärung. Dass das Ehepaar Lousie und Percy Schmeiser 2007 für ihr bedingungsloses Engagement gegen die Willkür und die Einschüchterungsversuche von Politik und Wirtschaft mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, zeigt, dass der richtige Weg nicht in ohnmächtigen Sackgassen enden muss. Doch wer sich den Film bis zum Ende ansieht, wird leider auch mit der Erkenntnis von Percy Schmeiser konfrontiert, dass er selbst es wohl nicht mehr erleben wird, irgendwann in seinem Leben noch gentechnikfreie Landwirtschaftsprodukte auf den Tisch zu bekommen. Die Krake Gentechnik hat ihre Tentakeln schon viel zu weit im Erdreich ausgestreckt, als dass die nahe Zukunft noch ein gentechnikfreies Leben möglich mache.

Doch selbst Medusa war eine sterbliche Gorgone. Und Perseus hatte jenen verspiegelten Schild, mit welchem es ihm gelang, das Monster zu enthaupten. Ohne geflügelte Schuhe und ohne Tarnkappe gelang dies nun einem kleinen Bauern namens Percy Schmeiser. Er hat nicht das komplette Ungeheuer Gentechnik vernichtet, doch er erstarrte nicht zu Stein, sondern zeigte Flagge und machte das Unmögliche wahr.

Ich hatte das “Vergnügen”, in einer Fernsehkritik zu lesen, die Dokumentation “David gegen Monsanto” sei einseitig und lasse die andere Seite nicht zu Wort kommen. Das mag völlig richtig sein, doch ich denke, dass diese andere Seite Monsanto keinerlei Berechtigung hat, das Wort an die Öffentlichkeit zu richten geschweige denn sich zu rechtfertigen. Wer mit solchen skrupellosen Methoden und amoralischen Geschäftspraktiken die Rechte des Einzelnen knebelt und stranguliert und in weiterer Folge die Mehrheit in Geiselhaft nimmt, negiert und verweigert selbst die Anwendung demokratischer Prinzipien und stellt sich ins Abseits moralischer Integrität.

14.9.2011

Das Malheur von Marcoule: Wie immer nix passiert!

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 15:58


Ein weiterer Atomunfall: Und die Welt dreht sich weiter!

Paul Boegle: Roulette Weltgeschichte oder das mediale Leben ist ein Glücksspiel. Die Welt dreht sich weiter. Immer schneller, immer im selben Kreis. Welthunger, Atomkriege, Diktatoren, Tsunamis und andere Katastrophen geben sich die Hand.Dass wöchentliche Meldungen über atomare Zwischenfälle (Viele Widersprüche rund um den Atomunfall in Marcoule) die Gemüter der Menschheit für einige wenige Minuten erregen, ist mittlerweile so selbstverständlich wie die lakonisch lapidaren Berichte über Unfälle auf Ölplattformen, brennende Lecks von Gas-Pipelines und sonstige verzweifelte Versuche, die fossile Ressourcenschöpfung bis zur vollständigen Erschöpfung voranzutreiben. Oder etwas zynisch und ketzerischer ausgedrückt: Man freut sich doch in Zeiten medialer Abstumpfung, welche streng linear mit verstrahlter mörderischer Langeweile durch die verschiedenen Informationskanäle sickert, schon über die Tatsache, wenn irgendwo ein Flugzeug abstürzt oder eine neue Verschwörungstheorie über 9/11 auftaucht.

Solch horrorszenarische Abwechslung lässt einen doch gleich viel beschwingter in den Tag starten oder, sollte der Tagesstart ohne entsprechende Schreckensmeldung mit Buttersemmel und Kaffee begonnen werden, nach Erhalt der wohligen Schauermär viel leichter in den Tag hineinleben. Eine Massenkarambolage auf irgendeiner Autobahn, ein neuer Medienstar in Form eines amoklaufenden Menschen, eine Frau der besseren Gesellschaft, welche über Jahre hinweg die Geliebten still und heimlich erst meuchelte und dann im ebenso stillen und heimlichen Kämmerlein handwerklich meisterlich den suchenden Augen der lesenden, surfenden und fernsehschauenden Öffentlichkeit durch Einbetonieren entzog, ein treusorgender Familienvater, zu keiner Zeit verhaltensauffällig und tagtäglich die ihm aufgebürdeten gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllend und sozial verträglich die Normen der Alltäglichkeit erfüllend, aber hinter den spiegelnden Fassaden mit den eigenen Töchtern im familiären Inzest-Bunde und Verwandtschafts-Bande heldenhafte Söhne und glorreiche Töchter zeugend.

Ein Diktator, spurlos vom Erdboden der Revolution verschwunden, die blutige Spur sich im Sande verlierend. “Herrgott, wo ist dieses Schwein!” Schalten Sie ein. Ein Flüchtlingsboot, vollkommen überladen und kieloben im Wasser treibend. Leichen treiben auf der azurblauen Oberfläche. “Mein Gott, da schau, sogar Kinder waren auf dem Boot!” Wir berichten exklusiv in unserer Sondersendung. Eine Hungernot lässt uns innehalten in unserem Jammern. Ein Mann trägt seine kleine Tochter hunderte von Kilometern bis zum nächsten €restlos überfüllten Flüchtlingsdorf. Aus hohlen Augen schaut sie teilnahmslos in die Kameras. Kein Surren der Livebilder, denn das leise Geräusch könnte schließlich das lautlose Hungern stören. Das Schokoladeneis mit heißen Himbeeren schmilzt unbeachtet unter unseren Händen dahin. “Jesus, Maria und Josef, ist das nicht schrecklich. Alle so abgemagert. Das kann man ja nicht mit anschauen!” Wir haben die neuesten Fakten. Die USA sind pleite, Griechenland steht vor dem Staatsbankrott, Europa geht mit fliegenden finanziellen Fahnen unter. “Du lieber Gott, was wird mit unserem Geld passieren?” Wir schalten nun zu unserer Auslandskorrespondentin und zeigen Ihnen die neuesten Börsenberichte. 

Da ist es, was wir hören wollen. Immer auf dem Laufenden bleiben mit dem RSS-Feed und dem elektronischen Newsticker. Dies sind die Horrorszenarien, für welche es sich lohnt, den Fernseher allabendlich aufzudrehen und genüsslich in sein seliges Stückchen Fleisch zu beissen und herzhaft vom fernen Leid der Welt ein kleines bisschen zu naschen, zu kosten und anschließend würgend hinabzuschlucken. Ein kleines Schlückchen Bier hinterher, um auch die letzten bitteren Reste aus Speiseröhre, gutem Gewissen und schlechtem Gedächtnis zu schwemmen und die Welt sieht schon viel anders aus. Wohltuendes Balsam auf unsere gemarterte Seele. Nicht besser, aber eben anders. Und so weit weg! Einmal auf die Fernbedienung drücken und all der Schrecken verschwindet wieder dort, wo er ungehört hingehört. Ad acta gelegt und zum lieben Herrgott betend: “Bitte, bitte, lass morgen einen schönen Tsunami über Südostasien fegen. Sonst bring ich mich um vor lauter Langweile!

13.9.2011

Kalter Nespresso-Kaffee und heißes Grillhuhn-Eisen

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 07:20


Was gibt es Neues bei Wiesenhof und Nespresso?

Ich habe mich nun doch spontan entschlossen, noch einmal umzudisponieren. Dies soll bedeuten, ich werde weder Weihnachten als Konsum-Geburtshelfer zur Seite stehen und schon gar nicht Ostern zu wundersamer monetärer und sklavischer Auferstehung verhelfen. Also kein Nespresso-Kaffee mit dem rotgewandeten Paul Boegle: Kalter Kaffee von Nespresso und Geschmacklosigkeiten von Wiesenhof.Weihnachtsmann oder gut betuchten und nicht minder gutbetuchten George Clooney und auch kein falscher Hase, ja nicht einmal eine kleine falsche Wimper bzw. einen echten Hähnchenschenkel aus dem Hause Wiesenhof in nächster Zeit und wohl auch zur weihnachtlichen Osterzeit oder österlichen Weihnachtszeit.

Gut, im ersteren dieser beiden subsumierten Wenn-Dann-Aber-Und so weiter-Fälle möchte ich kundtun, dass sich Solidar Suisse und die Nespresso-Verantwortlichen zumindest einmal an einen Tisch gesetzt haben und die verschiedenen Standpunkte auf denselben gelegt haben. Solidar Suisse hat den nach Meinung des Kaffeeanbieters ketzerischen Titel “Der geheime Clooney-Spot, den Nespresso verbieten will…” adaptiert und so firmiert dieser Spot jetzt unter der Überschrift “Der geheime Clooney-Spot, der Nespresso geschockt hat…” (Zu sehen unter oben angeführtem Link “kein Nespresso-Kaffee“). Und im Gegenzug sprach Nespresso eine Einladung an Solidar Suisse aus, das kritisierte “Nespresso AAA+ Sustainability Programm” (siehe dazu meinen Artikel: “Email von Solidar Suisse: Kinderarbeit im Nespresso?“) vor Ort in Kolumbien selbst zu begutachten und zu beurteilen. Gut, deshalb heißt es erst einmal abwarten und Tee trinken.

Und was macht Firma Wiesenhof. Nun, im Moment wahrscheinlich riesengroße Hühneraugen. Denn wie ich unter “Schweiz: Diskounter boykottiert Wiesenhof” oder auch “Schweiz: Discounter Denner listet Wiesenhof-Geflügelprodukte aus” zu lesen bekam, machen jetzt ausgerechnet jene gegen den Geflügelfabrikanten mobil, von denen ich es eigentlich am wenigsten erwartet hätte. Die sonst so verrufenen Supermarktketten räumen die Regale. “Sozusagen alles muss raus!” Und das nicht nur zur Weihnachtszeit, wie vielleicht auch Heinrich Böll geschrieben hätte, wenn er es denn nicht sogar geschrieben hat. Natürlich trennen sich die Schweizer Billiganbieter Denner, Migros und Coop nicht von sämtlichen Warenbeständen, sondern nur von jenen der Marke Wiesenhof. Also praktisch jetzt ein Haus ohne Wiesenhof-Güter, um auch weiterhin auf Augenhöhe mit Heinrich Böll zu bleiben. Was andere nur allzu leicht und unbedacht als verbalen Boykott in den vollen Mund nehmen, wird tatsächlich in der Schweiz nun Programm. “Ab heute nimmt Denner bis auf weiteres Pouletprodukte des deutschen Lieferanten Wiesenhof aus seinem Sortiment“, teilte das Unternehmen aufgrund der erhobenen Vorwürfe über die Verletzung von Tierschutzstandards von Wiesenhof mit.

Dass dabei ein etwas schaler Beigeschmack bleibt, möchte ich allerdings nicht verhehlen. Denn irgendwie muss der Rubel und der Schweizer Franken schließlich weiter rollen. Und so werden die aussortierten Wiesenhof-Produkte schnellstmöglich durch inländische Substitute ersetzt. Die unterschwellige Drohung, dass aufgrund dessen auch die Preise für das im Regelfall teurere Schweizer Geflügel gesenkt werden mussten, macht die Sache schon wieder weniger schmackhaft. Denn dies würde den Umkehrschluss zulassen, dass den Schweizer Geflügelproduzentinnen und Bauern wieder einmal die Pistole auf die (Hühner)Brust gesetzt wurde. “Entweder ihr liefert zu unseren Konditionen oder …?” Was nach diesem “oder” kommt, möchte ich mir jetzt gar nicht vorstellen. Vielleicht täusche ich mich, aber ob dies das Gelbe vom Ei ist, wage ich zu bezweifeln. Warum nicht die Preise erhöhen und zwei, drei oder ein ganzes Bataillon Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Die Bauern bekommen vernünftige Preise und können weiter zu vernünftigen Bedingungen und ebensolchen Standards produzieren. Die KonsumentInnen bekommen Produkte aus artgerechter Tierhaltung. Die Discounter vereinen diese beiden Guppen unter ihrem Dach und partizipieren ebenfalls an zufriedenen Lieferanten und konsumfreudigen Kunden. Und Wiesenhof? Naja, die könnten in der Zwischenzeit den ganzen Mist wegräumen und sich bei gegebener Zeit wieder melden. Aber glücklicherweise gibt es außerhalb der Schweiz noch genügend Supermarktketten, welche sich lieber wie die Sau im Trog wälzen, dabei wie die Katze um den heißen Einheitsbrei schleichen und sich in den eigenen Fäkalien pudelwohl fühlen. Oder eben die Bremer Stadtmusikanten für Fortgeschrittene. Ob dabei ein Esel oder eine Sau das tragende Gerüst ist, spielt eigentlich keine große Rolle. Und ob das liebe Federvieh ganz oben steht oder unter der dicken stinkenden Schicht begraben wird, macht den Hühnerbraten auch nicht mehr fett.

12.9.2011

Products of Slavery: Kinderarbeit, Ausbeutung, Sklaverei

Abgelegt unter: Verkehrte Welt — Paul Boegle @ 20:00


Kinder arbeiten für kleine und große Kinder: Visualisierung eines unsichtbaren Themas

Da sich mit Riesenschritten Weihnachten nähert und Ostern sich eigentlich nahtlos daran anschließt, wäre es doch an der Zeit, sich schön langsam mit Geschenken zuInteraktive Weltkarte von Anti-Slavery: Welche Länder produzieren welche Güter durch Kinderarbeit, ausbeuterische Systeme und sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen. befassen. Denn wie wir alle wissen, machen erst Geschenke, Präsente, Mitbringsel und andere Dinge des “Made in Irgendwo”-Lebens das eigene Leben im neoliberalen Nirgendwo und kapitalistisch zerbombten Sowieso erst so richtig schön, unterhaltsam und selbstverständlich lebenswert. Zumindest ein paar Minuten lang. Eben genau jene Zeitspanne, welche wir benötigen, um das Geschenk mit gierig-schmierigen Fingern auszupacken, mit freudestrahlenden und wohlwollenden Blicken zu begutachten und dann lasziv und “Danke” murmelnd auf den großen Haufen anderer Geschenke wandern zu lassen, um sich sogleich dem nächsten gönnerhaften Stückchen Glücklichkeit inmitten eines riesengroßen Berges Glücklichsein hingebungsvoll zu widmen. “Süßer die Glocken nie klingen!

Rauschgoldengel im Konsumrausch, die Heilige Familie mit vollbepackten 18 Einkaufswagen im Sanktuarium Shopping-Center, hinter ihnen die Heiligen Drei Könige Products of Slavery: This poster depicts products produced around the world with a high incidence of forced labour. We hope that it will encourage consumers to ask questions about the workers’ conditions producing the goods we buy and that it will motivate companies to put in place systems to identify, prevent and eradicate forced labour.gestresst in der kilometerlangen Warteschlange von einem eigenen Bein auf das andere fremde Füßchen tretend, brandblasenübersähte Hände mit glühenden Kreditkarten werden kühlend in den Kunstschnee getaucht. Die stille Nacht, heilige Nacht dröhnt aus den Lautsprechern, 24 Stunden lang durch Lichterketten erleuchtet. Natürlich mit Energiesparlampen ganz im Sinne des neuen nachhaltigen Einkaufens entzückt verrückt bestückt. Und mitten drin der flauschige Osterhase, schwitzend und transpirierend unter dem weichen Kostüm verborgen macht er Werbung für seine Zeit, welche unheilvoll naht. Konsum-Geburt, Konsum-Kreuzigung und Konsum-Auferstehung, ein Konsum-Triptychon unter den Dächern der glückseligen Glaubensgemeinschaft der ewig sprudelnden Bankomatkarte und des stetig fließenden mahlströmenden Geldstromes im stillen Tanz vereint.

Kinderarbeit bleibt außen vor, denn ausgebeutet werden wir selbst und SklavInnen des Alltäglichen müssen ihrem Herrn dienen. Auf Gedeih und Verderb. Die Welt gehört in Kinderhände. Doch jene Hände haben alle Hände voll zu tun, um uns glücklich zu machen. Zumindest solange, bis der Messias persönlich erscheint und vom Kreuz des fremdgeschmiedeten und zwangsverordneten Glücks herabsteigt, um uns vom Joch der entweihten Geschenke zu befreien. Mit neuen hochglänzend verpackten Mitbringseln aus jenen fremden Ländern, wo Sklaverei und Ausbeutung leise plätschernd durch Kinderhände fließt. Weihnachten und Ostern können endlich kommen.

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