Das Malheur von Marcoule: Wie immer nix passiert! 3



Ein weiterer Atomunfall: Und die Welt dreht sich weiter!

Paul Boegle: Roulette Weltgeschichte oder das mediale Leben ist ein Glücksspiel. Die Welt dreht sich weiter. Immer schneller, immer im selben Kreis. Welthunger, Atomkriege, Diktatoren, Tsunamis und andere Katastrophen geben sich die Hand.Dass wöchentliche Meldungen über atomare Zwischenfälle (Viele Widersprüche rund um den Atomunfall in Marcoule) die Gemüter der Menschheit für einige wenige Minuten erregen, ist mittlerweile so selbstverständlich wie die lakonisch lapidaren Berichte über Unfälle auf Ölplattformen, brennende Lecks von Gas-Pipelines und sonstige verzweifelte Versuche, die fossile Ressourcenschöpfung bis zur vollständigen Erschöpfung voranzutreiben. Oder etwas zynisch und ketzerischer ausgedrückt: Man freut sich doch in Zeiten medialer Abstumpfung, welche streng linear mit verstrahlter mörderischer Langeweile durch die verschiedenen Informationskanäle sickert, schon über die Tatsache, wenn irgendwo ein Flugzeug abstürzt oder eine neue Verschwörungstheorie über 9/11 auftaucht.

Solch horrorszenarische Abwechslung lässt einen doch gleich viel beschwingter in den Tag starten oder, sollte der Tagesstart ohne entsprechende Schreckensmeldung mit Buttersemmel und Kaffee begonnen werden, nach Erhalt der wohligen Schauermär viel leichter in den Tag hineinleben. Eine Massenkarambolage auf irgendeiner Autobahn, ein neuer Medienstar in Form eines amoklaufenden Menschen, eine Frau der besseren Gesellschaft, welche über Jahre hinweg die Geliebten still und heimlich erst meuchelte und dann im ebenso stillen und heimlichen Kämmerlein handwerklich meisterlich den suchenden Augen der lesenden, surfenden und fernsehschauenden Öffentlichkeit durch Einbetonieren entzog, ein treusorgender Familienvater, zu keiner Zeit verhaltensauffällig und tagtäglich die ihm aufgebürdeten gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllend und sozial verträglich die Normen der Alltäglichkeit erfüllend, aber hinter den spiegelnden Fassaden mit den eigenen Töchtern im familiären Inzest-Bunde und Verwandtschafts-Bande heldenhafte Söhne und glorreiche Töchter zeugend.

Ein Diktator, spurlos vom Erdboden der Revolution verschwunden, die blutige Spur sich im Sande verlierend. „Herrgott, wo ist dieses Schwein!“ Schalten Sie ein. Ein Flüchtlingsboot, vollkommen überladen und kieloben im Wasser treibend. Leichen treiben auf der azurblauen Oberfläche. „Mein Gott, da schau, sogar Kinder waren auf dem Boot!“ Wir berichten exklusiv in unserer Sondersendung. Eine Hungernot lässt uns innehalten in unserem Jammern. Ein Mann trägt seine kleine Tochter hunderte von Kilometern bis zum nächsten €restlos überfüllten Flüchtlingsdorf. Aus hohlen Augen schaut sie teilnahmslos in die Kameras. Kein Surren der Livebilder, denn das leise Geräusch könnte schließlich das lautlose Hungern stören. Das Schokoladeneis mit heißen Himbeeren schmilzt unbeachtet unter unseren Händen dahin. „Jesus, Maria und Josef, ist das nicht schrecklich. Alle so abgemagert. Das kann man ja nicht mit anschauen!“ Wir haben die neuesten Fakten. Die USA sind pleite, Griechenland steht vor dem Staatsbankrott, Europa geht mit fliegenden finanziellen Fahnen unter. „Du lieber Gott, was wird mit unserem Geld passieren?“ Wir schalten nun zu unserer Auslandskorrespondentin und zeigen Ihnen die neuesten Börsenberichte. 

Da ist es, was wir hören wollen. Immer auf dem Laufenden bleiben mit dem RSS-Feed und dem elektronischen Newsticker. Dies sind die Horrorszenarien, für welche es sich lohnt, den Fernseher allabendlich aufzudrehen und genüsslich in sein seliges Stückchen Fleisch zu beissen und herzhaft vom fernen Leid der Welt ein kleines bisschen zu naschen, zu kosten und anschließend würgend hinabzuschlucken. Ein kleines Schlückchen Bier hinterher, um auch die letzten bitteren Reste aus Speiseröhre, gutem Gewissen und schlechtem Gedächtnis zu schwemmen und die Welt sieht schon viel anders aus. Wohltuendes Balsam auf unsere gemarterte Seele. Nicht besser, aber eben anders. Und so weit weg! Einmal auf die Fernbedienung drücken und all der Schrecken verschwindet wieder dort, wo er ungehört hingehört. Ad acta gelegt und zum lieben Herrgott betend: „Bitte, bitte, lass morgen einen schönen Tsunami über Südostasien fegen. Sonst bring ich mich um vor lauter Langweile!


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


Kommentar erstellen

3 Gedanken zu “Das Malheur von Marcoule: Wie immer nix passiert!

  • Karla

    Ich glaube nicht dass sich wirklich jemand darüber freuen kann solche Nachrichten zu hören/ zu senden und ehrlich gesagt ist kein Leben langweilig, so lang man nicht arbeitslos und hoffnungslos ist.
    Mit Kindern hat man so viel Trubel dass der Tag nicht für einen selbst reicht da bin ich froh wenn ich meinen Einkauf einigermaßen regional und saisonal und fair verbringe – aber leider ist in den Köpfen unserer Politiker nix drin, sonst wüßten sie worum sich die Welt der „einfachen“ Menschen dreht .
    Ich wünsche mir es ginge allen Menschen auf der ganzen Welt so gut wie uns hier in Deutschland und ich wünsche mir wir Deutschen hätten die Ruhe in uns und eine deutlich größere Portion Gewissen was unseren Konsum angeht.
    Leider ist halt auch bei uns das Geld knapp das Bio nicht immer drin ist oder ökologische Kleidung und Möbel fast unerschwinglich sind (viel zu schnell sind die Kinderschuhe zerschlissen/ od.zu klein).
    Vielleicht machen wir weiter wie bisher (mit unseren kleinen Veränderungen) oder wir Menschen mit Einsicht müssen endlich auf die Straße.
    Karla

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Gut gebrüllt, Löwe! Oder in diesem Falle natürlich: Gut geschrieben, Karla! Doch, diese Freude über das Leid anderer beobachtete ich immer häufiger. Es ist sicherlich kein lauthaltes Lachen, kein breites Grinsen und kein freudig erregtes In-die-Hände klatschen. Es ist die stille Genugtuung und der in sich gekehrte animalische Genuss, um über die eigenen Unzulänglichkeiten und Alltagssorgen hinwegzukommen. Alles empört sich über Hungerkatastrophen, schreit „Da müssen wir helfen!“, um sich dann, wenige Minuten später, beruhigt im Kühlschrank nach Activia umzusehen, um das schlechte und flaue Gefühl im eigenen Magen mit dementsprechend heilsversprechenden Mitteln und Methoden zu bekämpfen.
    Wir echauffieren uns über Fukushima, wohlwissend, dass wir mit diesen drei Minuten „So geht’s aber nicht!“ Genüge getan haben und den lieben Nachbarn und Arbeitskolleginnen gegenüber unserer Anti-Atomstrom Einstellung Ausdruck verliehen haben. Wir befolgen die 10 Gebote, zahlen brav die Kirchensteuer und sagen dann befriedigt, dass uns Nächstenliebe sehr am Herzen liegt.
    Wir werfen eine Jeton nach dem anderen auf das große Roulette der Unzulänglichkeiten und sind erleichtert, wenn die Kugel an Atomfässer, hungernden Kindern oder Kriegen vorbei rollt und im nächsten freien Feld liegt bleibt, welches uns nur aus Funk, Fernsehen und Internet die VerliererInnen solange in Erinnerung ruft, solange wir die Fernbedienung nicht betätigen und weiter zur nächsten großen Spielshow zappen. Alles auf Sieg bedeutet mittlerweile nur ja nichts verlieren und weiter an dem bisschen Wohlstand festzuhalten, welcher uns jene Freiräume schafft, an die wir dank unserer selbst geschaffenen Normen und Spielregeln glauben und glauben möchten.
    Uns geht es gut? Dies wissen wir allerdings. Jedoch eben nur solange wir das Leid der Anderen ertragen können. Und diese Schmerzgrenze hält sich leider in sehr medialen Grenzen.
    Meine eigene Tochter ist nun 21 Jahre alt. Und so weiß ich, welche Freude und damit verbundene monetären Restriktionen damit einhergehen. Aber andererseits ist genau diese Herausforderung immer wieder spannend, dieser zukünftigen Generation zu zeigen, was alles möglich ist, ohne das gewisse Maß Menschlichkeit zu verlieren.
    Liebe Grüße aus Wien
    Paul