Tag des Respekts: Mehr Toleranz, weniger Respektlosigkeit



Respekt.net ruft zu mehr Respekt auf. Am 20. September findet der erste Tag des Respekts statt.Wir feiern, was normal sein sollte

Es ist eigentlich schon absurd, wenn die westliche Welt oder auch sonstige Menschheit nun einen sogenannten „Tag des Respekts“ ausruft. Nicht, weil Respekt seinen Mitmenschen, aber genauso sich selbst gegenüber eigentlich etwas Selbstverständliches sein sollte, sondern weil es seltsam anmutet, solches Verhalten durch spezielle Aktionen wie diese in Erinnerung zu rufen. Doch weil mir andererseits fast nichts mehr fremd ist, werde ich also am 20. September mitfeiern.

Angesichts solch textiler Abgründe wie sie bei Zara (und nicht nur dort) herrschen, drängt sich allerdings unweigerlich die Vermutung mit topmodisch geschnittener Hemdsärmeligkeit in den Vordergrund, ob hier der Respekt nicht vollständig im Hintergrund sein unbeachtetes Dasein fristet und unter Unmengen von menschenverachtenden Schnittplänen und ausbeuterischen Stoffballen bis zur Unkenntlichkeit begraben liegt und vergessen, verdrängt und verkauft von eben jener westlichen Dekadenz-Maßschneiderei seinem Ende entgegenfiebert.

Es stellt sich aber und trotz meiner verfrühten Feierlaune die sehr respektierliche Frage: „Was, bitteschön, mache ich die restlichen 364 Tage des Jahres, wenn gerade KEIN Tag des Respekts ausgerufen wird?“ Darf oder muss ich dann respektlos durch die Weltgeschichte torkeln und meinen Mikrokosmos mit Unverschämtheiten drangsalieren? Habe ich womöglich die Verpflichtung, mich mit beiden Ellenbogen möglichst effektiv durch die Nachbarschaft zu bewegen und akkurat darauf zu schauen, dass ich auch niemanden übersehe, um sie/ihn/es/euch und welche Personalpronomen auf einem, zwei, vier oder wieviel Beinen auch immer durch meine menschlichen Schaltkreise stolpern, schleichen, humpeln und sich auf jede nur erdenkliche Art und Weise von mir weg und auf mich zu bewegen, mit dem gebührenden Nicht-Respekt zu empfangen und gleich darauf wieder zu entfernen? Was, wenn mir aus Versehen ein „Entschuldigung„, aus welchen Gründen auch immer, morgen schon unbedachterweise entfleucht und mein Gegenüber mich aus verständnislosen Augen anblickt? Bin ich dann auf alle und ewige Zeiten als respektvoller Respektloser mit Hang zu mehr Respekt gebrandmarkt und muss vielleicht sogar um mein Leben, um das Leben von Frau und Tochter oder, noch viel schlimmer, um das Leben unserer Katze fürchten?

Oh nein, ich sehe, 2012 kommt ein Schaltjahr auf mich mit Riesenschritten zu und ich habe sogar noch einen weiteren respektlosen Tag im nächsten Jahr zu überbrücken. Soviel Respektlosigkeit in einem einzigen Jahr kann furchtbar anstrengend sein, glauben Sie mir. Da wäre es durchaus legitim, dass ich mich von all den Verpflichtungen zur nicht befohlenen Respektlosigkeit oder besser gesagt zum genau festgesetzen befohlenen Respekt irgendwo erhole. Vielleicht in Japan? Denn die feiern den „Tag des Respekts vor Älteren“ schon seit dem Jahre 1963. Gefeiert wird dieser Ehrentag übrigens immer amTag des Respekts. Wir feiern, was normal sein sollte. Paul Boegle versteht die respektlose Welt nicht mehr! dritten Montag im September.

Natürlich stellen sich da für mich auch wieder Fragen. Vorläufig derer zwei. Was hat Japan eigentlich vor 1963 gemacht? Wahrscheinlich lag da wie in unseren Breitengraden das ganze Jahr das ganze Land ganz respektlos brach. Und was wäre passiert, wenn die Katastrophe von Fukushima nicht am 11. März, das war übrigens kein respektvoller dritter Montag, sondern glücklicherweise ein vollkommen respektloser zweiter Freitag, stattgefunden hätte? Hätte sich die japanische Regierung oder zumindest Tepco im Zuge der Nuklearkatastrophe der Bevölkerung gegenüber respektvoll verhalten? Nein, nicht der ganzen Bevölkerung gegenüber, nur den Älteren natürlich.

Und was werden unsere Regierungen und all die liebenswerten Wirtschaftstreibenden, die Gentechnik-Konzerne und erdölfördernden Unternehmen, die LobbyistInnen und Verflechtungs-VerfechterInnen, die Banken und AKW-Betreiber und wer sonst noch im Dienste der Menschheit 365 bis 366 Tage im Jahr unterwegs ist, was werden also all diese Respektlosen am 20. September machen? Den Tag einfach streichen und ersatzlos zum 21. September übergehen wäre die einfachste Lösung. Danach könnten sie immer noch sagen: „Wir wussten von diesem Tag des Respekts und so vielen anderen Dingen ja gar nichts!

Und für uns „normale“ Menschen gilt in erster Linie, dass dies wohl eine schöne Einrichtung ist, aber wer sich nur auf dieses Datum fixiert und beschränkt, hat meinen Respekt leider nicht verdient. Der 20. September fällt übrigens auf einen Dienstag. Hoffen wir, dass uns Fukushima erspart bleibt. Auch wenn viele von uns nichts mehr davon wissen (wollen).


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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