Maritimes Bushmeat: Tabubruch wegen Überfischung
Meeressäuger auf dem Speiseplan der Menschen
Lassen wir wieder für einige Zeit Fukushima ruhen. Dass dies auch unmittelbar nach der Kernschmelze für das menschliche Gedächtnis kein großes Problem darstellt, beweist die Tatsache, dass die Nachfrage nach Ökostrom bereits wieder abflaut. In den Tiefen des virtuellen Ozeans bin ich auf einen Beitrag von Walter Karpf mit dem befremdlichen Titel “Bushmeat” aus dem Meer gestoßen, welchen er auf der Plattform Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere e.V. veröffentlicht hat. “Bushmeat” oder zu deutsch “Buschfleisch” steht eigentlich für die Jagd auf die in den afrikanischen Savannen, dem australischen Outback oder den südamerikanischen Regenwäldern vorkommenden “natürlichen” Eisweisslieferanten wie Antilopen, Reptilien, Ratten oder Nager. Doch wo jene Arten bereits vom Aussterben bedroht sind und die geringen Populationen dem Menschen kein Ziel mehr bieten, wird mittlerweile genauso auf Menschenaffen oder Wild-Elefanten Jagd gemacht. Eines noch, bevor Sie weiterlesen. Am Ende dieses Beitrages hab ich Ihnen ein Video mit eingebettet (mehr Videos auf Youtube Video-Channel von Paul Boegle). Es zeigen einfach herrliche Videosequenzen eines Buckelwales vor der Küste Costa Ricas. Gut, die Qualität ist sicherlich nicht die allerbeste, doch ich möchte Ihnen damit zeigen, weshalb maritimes Bushmeat dort bleiben sollte, wo es sich am wohlsten fühlt: Lebendig im Meer. Jetzt aber zurück zu den unterbrochenen Ausführungen.
In den wenigsten Fällen, weil es der Selbstversorgung indigener Völker und Ureinwohner dient. Geschätzte vier Millionen Tonnen an Bushmeat werden heutzutage von meist professionellen Jägern und Händlern in Umlauf gebracht. Einerseits, um auf schnelle und billige Art z.B. jene Arbeiter zu versorgen, welche im Auftrag großer Konzerne die Regenwälder abholzen. Zum anderen, weil sich die Nahrungskette aufgrund fehlender Alternativen immer mehr in Richtung dieser bedrohten Tierarten verschiebt. Und zum dritten, weil Menschen in westlichen Industrieländern gelangweilt und überdrüssig nach immer neuen Delikatessen Ausschau halten, welche trotz oder gerade wegen des Importverbotes besonders reizvoll sind. (Wild Planet Ecoproject: Bushmeat).
Dass aber dieses Wildfleisch weit mehr Gefahren als das Ausrotten von Tierarten mit sich bringt (was den sofortigen Stopp dieser Methode der Fleischbeschaffung alleine schon rechtfertigen würde), dessen sind sich viele KäuferInnen und KonsumentInnen nicht bewusst. Denn Krankheiten wie Milzbrand, der gefährliche Ebola-Virus und nicht zuletzt AIDS machen vor dem Menschen nicht halt. Jennifer Viegas schreibt dazu zu Anfang ihres Artikel “Bushmeat Diseases Entering New York“, dass bereits zwei sich auf den Menschen ausbreitende Virenstämme festgestellt wurden, welche durch für den Verzehr bestimmte Primaten nach New York eingeschleppt wurden. Sie werden fragen, weshalb New York und nicht die oben angeführten afrikanischen Savannen oder südamerikanischen Regenwälder?
Ganz einfach. Was verboten ist, macht Lust auf mehr. Und so hat der Wissenschaftler Justin Brashares zufällig herausgefunden, dass in New York, aber wohl auch in anderen westlichen Großstädten, deren Lichter der Dekadenz und Highways des Unverstandes unablässig nach neuen Erfahrungen für den besonderen Kick suchen, offizielle Märkte für diese Art der Bedürfnisbefriedigung existieren, wie Florian Rötzer in “Lust auf Fleisch von Menschenaffen” berichtet hat.
Nun aber noch einmal zurück ins Meer. Als maritimes Bushmeat bezeichnen die beiden amerikanischen Wissenschaftler Randy Reeves und Martin Robards diese neue Form der Fleischbeschaffung. Als Hauptgrund sehen sie dabei die Tatsache, dass durch die zunehmende Überfischung und Leerfischung der Meere und küstennahen Gewässer den Einwohnern in Peru, Sri Lanka, im nördlichen Australien oder an der afrikanischen Westküste dies eine der letzten Möglichkeiten bietet, den fehlenden Fisch durch ähnliche Kost zu kompensieren. Was eigentlich durch Gesetz geschützt ist bzw. durch die Jahrhunderte ein Tabu war, nämlich die Jagd auf die intelligenten Delfine und niedlichen Seekühe, wird in zunehmendem Maße zu einem Tabubruch wider Willen.
“In most places, there is a taboo against eating marine mammals – because of their ‘cute’ factor, charisma and intelligence. But a decline in global fish stocks (in particular from the developing world to feed Europe) has driven many poor nation populations to eating bushmeat, including primates, and the ‘bushmeat of the sea’, including dolphins (which has a dark, gamey meat like venison).“(Poor nations turn to dolphin meat - May 17, 2011). Dass dieser immer mehr um sich greifende Tabubruch, besonders auf Delphine bezogen, nicht nur als Fisch-Beifang auf den Tellern der ärmeren Bevölkerung landet und dort als Substitut für andere Proteinquellen dient, sondern gerade in sogenannten “hochentwickelten” Nationen wie Japan und Taiwan bedenkenlos gegessen wird, macht die Sache umso unerträglicher. Denn der Umstand, dass sich Delfine nur sehr langsam vermehren und die Tatsache, dass es keine Regularien für Fangquoten gibt, lässt MeeresbiologInnen jetzt bereits Schlimmes für die Zukunft befürchten. Aus dem ursprünglichen Haiköder hat sich ein einträgliches Geschäft entwickelt, was aber spätestens dann ein Ende findet, wenn in den durch die “Erste Welt” finanzierten Fischernetzen aus Kunstfasern weder Meeresfische noch Delfine gefangen werden. Denn konnten Delfine früher die aus Hanf gefertigten Netze wenigstens noch zerreissen und sich so vor dem qualvollen Ertinken befreien, so haben sie in den reissfesten Kunstfasern keine Überlebenschance.



