Collaborative Consumption oder Gemeinschaftskonsum



Paul Bögle: Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion oder GemeinschaftskonsumIch zeig Dir meins und Du gibst mir Deins!

Auch wenn sich Ausstellungen wie jene im niederösterreichischen Krems gezeigten „magischen Abfälle“ nur marginal als Problemlöser für den durch unsere tagtäglich gelebte Religion namens Konsumwahnsinn und die damit verbundenen Folgeschäden an Fauna, Flora und seelischem Gleichgewicht erweisen, schöpfen kreative Köpfe pausenlos neue Möglichkeiten aus dem schier unendlichen Zauberhut Gehirn, um den drohenden Kollaps wenn schon nicht abzuwenden, so zumindest zu verlangsamen. Und so macht seit einiger Zeit ein neuer Ansatz die Runde. „Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion“ lautet das nächste Allheilmittel für all unsere meist selbst verursachten Probleme. Und eben jener uneingeschränkte Konsum als Massenwahnsinn auf singulärer Ebene soll durch Gemeinschaftskonsum in neue Bahnen gelenkt werden.

Weg von der EinzelkämpferInnen-Mentalität „Kauf ich, brauch ich, brauch ich nicht mehr, werf ich weg“ und hinüber ins bisher weitgehend unerforschte Lager altruistischer Mehrfach-Verwendung mit marktwirtschaftlicher Grundhaltung. So zumindest suggeriert es uns dieses neudeutsche Wortspiel Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion„, welches aber bei näherer Betrachtung gar nicht so weltneu ist. Denn Ebay bietet seit langer Zeit das beste Beispiel, wie aus nicht mehr benötigten Artikeln, nutzlos gewordenen Produkten und unbrauchbaren Dingen (z.B. Kinderwagen, Babykleidung etc.) der Wegwerfprozess unterbrochen wird und stattdessen ein neuer Wertschöpfungsprozess in Gang gesetzt wird. Dass dabei finanzielle Interessen im Vordergrund stehen, ist unbestritten. Dass aber gleichzeitig Verbrauchsgüter zu neuen Gebrauchsgütern umgewandelt werden und anstatt auf dem unüberschaubaren Müllberg der Geschichte oder bestenfalls dem etwas kleineren Gipfel der Mülltrennung zu landen, anderen Menschen nützliche Dienste erweisen, wird vielfach übersehen. Dies ist beileibe keine Werbung für Ebay oder ähnliche Plattformen, sondern soll anhand eines anschaulichen Beispiels verdeutlichen, welchen Ansatz die Britin Rachel Botsman wählt.

Wenn Sie jetzt übrigens schon genug von meinen singulären „Schreib ich, veröffentlich ich, habe ich abgehandelt, schreib ich eben was Neues“ Tiraden haben, können Sie selbstverständlich auch gleich zu jenem Video von Frau Botsman Rachel Botsman: The case for collaborative consumption wechseln. Natürlich wäre ich ziemlich böse, wenn Sie mich mit meinen Ausführungen so einfach sitzen ließen, aber ich kann es nicht ändern. Schließlich hätte ich ja den Link zum Video ganz am Schluss plazieren können, um Sie zum Weiterlesen zu animieren. Ach, Sie lesen trotzdem weiter? Nun gut, dies bedeutet, irgendwann wird Ihnen Ihre Neugierde zum Verhängnis, aber es gibt schlimmere Dinge.

Zu Anfang ihrer Ausführungen stellt sie an das Publikum die Frage und bittet um Handzeichen, wieviele der Anwesenden zuhause irgenRachel Botsman: Collaborative Consumption. Gemeinschaftskonsum als Lösungsvorschlag gegen Umweltprobleme und Müllberge.dwelche CDs, Bücher oder Videos herumliegen haben, welche eigentlich keinerlei Verwendung mehr haben. Was kommt, brauche ich wohl kaum weiter auszuführen. Alle anwesenden Personen im Publikum heben das zarte Konsumpatscherchen. Jeder Mensch, zumindest jeder Mensch der sogenannten Ersten Welt oder eben ehrenwertes Mitglied einer Industrienation, hat unzählige Staubfänger in den überladenen Regalen, längst vergessene Konsumleichen in den Kellern und was eben sonst noch so im Laufe der Jahre seinen Platz irgendwo findet oder als unliebsames Weihnachtsgeschenk in der untersten Schublade landet.

Wegwerfen wäre die eine Möglichkeit, Ebay als Beispiel die andere. Doch mittlerweile hat sich dieser Gemeinschaftskonsum auch in anderen Bereichen unseres Alltags breitgemacht. Denken Sie an sogenannte Citybikes, welche von Menschen geliehen werden, um nach Gebrauch von anderen Menschen wieder benutzt zu werden. Fahrgemeinschaften wären rein theoretisch ein gutes Beispiel, wenn es denn funktionieren würde. Das unlängst auf meinem Blog vorgestellte Projekt über Obstallmende dagegen ist ein wundersames Beispiel, wie sich Güter von Einzelnen, sei es nun Privatperson oder Kommune, in den Dienst der Allgemeinheit stellen lassen. Ebenfalls nicht unerwähnt lassen möchte ich dabei das auch schon von mir kurz angerissene Carrot Mobbing. Secondhandläden, Umsonstgeschäfte oder das Couchsurfing, welches die Gastfreundschaft von Menschen zu Hilfe nimmt. Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion begegnet uns eigentlich schon an vielen Ecken und Enden, ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen. Doch dieser Subkonsum kann weiterentwickelt werden. Wie oft im Leben brauchen wir etwa eine Bohrmaschine? Oder was machen wir mit unserem Stückchen Garten, wenn uns der grüne Daumen fehlt, die Nachbarsfamilie mit eben diesem Öko-Händchen gesegnet ist, dafür aber nicht über das entsprechende Fleckchen Erde verfügt? Genau, wir teilen!

Wie schon gesagt. Rachel Botsman hat nicht das Rad neu erfunden. Aber wenn sich durch solche Ideen auf der einen Seite unser Konsumzwang und -wahnsinn zügeln und andererseits der von den Anbietern und Herstellern forcierte Konsumrausch und -terror effektiv bekämpfen lässt, sollten wir Col­la­bo­ra­tive Con­sump­tion doch in Erwägung ziehen. Dass wir dadurch unsere Haushaltskasse schonen können, ist sicherlich kein unliebsamer Nebeneffekt. Die von Frau Botsman geäußerte Aussage „Im 20. Jahrhundert gab es den Hyper-Konsum. Das 21. wird das Jahrhundert des Gemeinschaftskonsums“ (siehe dazu Das Ende des Konsumterrors CSCP Konferenz zu nachhaltigen Lebensstilen in Köln) ist dementsprechend keine Phrasendrescherei, sondern umreißt meines Erachtens vielmehr in kurzen Worten, welcher Weg uns eigentlich vorgegeben ist.

Dass hierbei die neuen Möglichkeiten und Formen der Kommunikation und die rasante Entwicklung von Netzwerktechnolgien von Vorteil für diese Art gemeinschaftlicher Nutzung von Gütern und wohl auch Dienstleistungen sind, mag sicherlich richtig sein. Wenn Rachel Botsman jedoch zu dem Schluss kommt, dass für eine erfolgreiche Umsetzung solcher Ziele das menschliche Vertrauen eine fast schon zwingende Voraussetzung ist, wird es meiner Meinung nach schon schwieriger. Wenn es dann noch unabdinglich ist, dass sich solch ein Vertrauen auf einer Ebene wildfremder Menschen entwickeln muss, wird die Sache noch problematischer. Und wenn schlussendlich Botsman zum Ergebnis kommt, dass der Antriebsmotor für dieses zugrundelgelegte Vertrauen das Bedürfnis der Menschheit ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein oder wenigstens zukünftig zu werden, sehe ich jetzt viele gemeinschaftlichen Felle langsam im Güterstrom davonschwimmen. Aber möglicherweise bin es ja gerade ich, welcher dem innewohnenden Vertrauen der Menschheit zuviel Misstrauen entgegenbringt.

Aber da darf ich zu meiner Entschuldigung vielleicht anmerken, dass schon 1935 die „Kirschen in Nachbars Garten“ bei Liesl Karlstadt, Karl Valentin und anderen zu erheblichen Streitigkeiten, Anschuldigungen und Anfeindungen geführt haben. Ob dabei ein gelegtes Entenei wie in jenem Film ein Allheilmittel darstellt, wage ich zu bezweifeln. Aber möglicherweise irre ich auch hier wiederum. Hat nicht auch bereits Columbus durch solch profane Hilfsmittel wie ein Ei die Welt davon überzeugt, dass alle hätten Amerika entdecken können, aber nur er hat letztendlich diesen Konjunktiv in die Tat umgesetzt.

Ausgewählte Informationen bietet die sehr umfangreiche Studie (war selbst mir zuviel) WIE KOMMEN NACHHALTIGE THEMEN VERSTÄRKT IN DIE MEDIEN?, die beiden englischsprachigen Seiten Collaborative Consumption Hub, SPREAD Substainable Lifestyles 2050 oder das Institute Collaborating Centre on Substainable Consumption and Production (CSCP). Und ganz besonders zu empfehlen ist Matthias Edler-Golla.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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