
Nachts sind alle Katzen grau …
… ist nur bedingt richtig, wenn wir davon ausgehen, dass die Kategorie Katzen in diesem Falle aus hungrigen Löwen besteht und das Schweigen im Walde in den offenen Savannen Afrikas vom Brüllen der Löwen durchzogen wird. Denn richtig gefährlich wird es für den Menschen erst dann, wenn sich der Mond hinter Wolken versteckt oder eine dünne Sichel nach dem Vollmond über dem Himmel steht. Dies soll bedeuten, nicht nur das Meer richtet seine regelmäßigen Phasen Ebbe und Flut nach dem Mond, sondern auch die Löwen haben ihren ganz eigenen Mondkalender. Natürlich weniger, um im Meer zu schwimmen, sondern um Herr über die eigenen Fressattacken zu sein. Oder vereinfacht ausgedrückt: Bei Vollmond endet der zwar nicht zum Beuteschema der Löwen gehörende Homo sapiens wesentlich weniger im knurrenden Löwenmagen als in Nächten abnehmender Mondsicheln. Was das Bild mit dem Artikel zu tun hat? Rein gar nichts, doch die Überschrift wirkte geradezu verführerisch, den faulen Löwen bei Vollmond auch noch zwei faule Hunde bei vollem Tageslicht zur Seite zu stellen.
Aber was uns der Film “Der Geist und die Dunkelheit” mit Michael Douglas und Val Kilmer schon anhand wirklicher Tatsachen aus dem Jahr 1898 im heutigen Tsavo-Nationalpark in Kenia (damals Britisch-Ostafrika) lehrte: Angriffe von Löwen auf Menschen sind etwas Alltägliches in Afrika. Dass Hollywood natürlich in dem Actionfilm gehörig an den Zahlen schraubte bzw. vollkommen überzogene Zahlen übernahm, darf nicht weiter verwundern. Wer sich aber für die angepassten Daten über die tatsächliche Anzahl der Opfer durch die beiden Menschenfresser interessiert, sollte sich doch einmal den englischsprachigen Artikel “A Body Count for Two Man-Eating Lions” von Michael Torrice durchlesen. Ich nehme es vorweg. Wenn Quellen von kolportierten 135 Toten sprechen, haben dies die beiden Forscher Nathaniel Dominy und Justin Yeakel auf 35 Opfer nach unten korrigiert (siehe auch dazu “Cooperation and individuality among man-eating lions.”). Immer noch eine erschreckend hohe Zahl, aber eben nicht ganz im Sinne des blutrünstigen Hollywood.
Und wenn wir schon dabei sind. Die beiden menschenfressenden Löwen, welche im richtigen Löwenleben Bongo und Caesar hießen oder noch heißen, waren auch schon in
anderen Filmproduktionen am Set. Wer “George - Der aus dem Dschungel kam” kennt, wird verblüffende Ähnlichkeiten zu den beiden Menschenfressern aus dem oben angesprochenen Film erkennen können. Aber genug jetzt. Nein, etwas doch noch! Ich war selbst schon sowohl im Tsavo-East als auch im Tsavo-West Nationalpark im ostafrikanischen Kenia und im angrenzenden Tansania. Nicht bei Nacht, nicht bei Vollmond, nicht alleine zu Fuß. Also schon auch bei Nacht, auch zu Fuß, aber nicht allein. Mit dem Vollmond bin ich mir nicht mehr so sicher, doch über eine Tatsache bin ich mir doch sehr sicher. Die Tsavo-Löwen, wie Sie auf nebenstehendem Bild, welches ich damals machte, unschwer erkennen können, tragen keine Löwenmähne. Weder Weibchen noch Männchen. Doch wenn Sie den Film “Der Geist und die Dunkelheit” jetzt im ebensolchen Geiste Revue passieren lassen bzw, irgendwann einmal anschauen sollten, achten Sie doch auf die prachtvollen Löwenmähnen in der Hollywood-Produktion. Selbstverständlich wunderschön anzusehen, solch ein prachtvoller Löwe mit dem Haupthaar, aber eben so an der Wirklichkeit vorbeigedreht, dass es schon wieder dazu verführt, die Produzenten, Regie und Drehbuch allesamt den Löwen zum Fraß vorzuwerfen.
Doch zurück zu Vollmond, Löwen und den damit verbundenen statistischen Kennzahlen über Angriffe auf Menschen. Die Löwen folgen also einem bestimmten Muster und dies bedeutet: Je voller der Mond über der ostafrikanischen Savanne scheint, desto ungefährlicher wird Ihr potentieller Spaziergang in freier Wildbahn. Zumindest gibt diesen kostenlosen Tipp der auf dem Gebiet der Verhaltensforschung für Löwen führende Experte Craig Packer all jenen Menschen, welche sich vielleicht mit dem Gedanken tragen, in einer lauen Sommernacht in der Savanne im afrikanischen Tansania einen solchen Spaziergang an der frischen Luft unternehmen zu wollen. Keine Frage, der Gedanke daran erscheint durchaus reizvoll, sich auf den telegenen Spuren eines Dr. Marsh Tracy, welcher mir noch als Held der Serie Daktari bestens in Erinnerung ist, durch die Wildnis Afrikas zu bewegen. Also habe ich mir, um diesem Ziel des gefahrlosen Gehens durch Mutter Natur im Ursprungsland der menschlichen Rasse ein kleines Stückchen näher zu kommen, den im Fachblatt PLoS ONE publizierten Artikel “Fear of Darkness, the Full Moon and the Nocturnal Ecology of African Lions” durchgelesen.
Und, wie Craig Packer in seiner Studie ausführt, das Reich der wilden Tiere bietet doch immer wieder Erstaunliches. Und sei es auch nur die Tatsache, dass selbst ein nächtliches Abenteuer zu einer gemütlichen Nachtwanderung werden kann. Obwohl, darauf ankommen lassen möchte ich persönlich es doch nicht. Nachts sind zwar alle Katzen grau, doch dafür garantieren wird wahrscheinlich auch nicht Craig Packer.