Nabucco: Babylonische Gefangenschaft asiatischer Gaslieferungen 2



Vorhang auf, Vorhang zu: Einer Gas-Pipeline geht die Luft aus

Nachdem ich gestern sämtliche persönlichen Vorhänge und in weiterer Folge Hüllen fallen ließ, passt Nabucco recht gut in die Welt der laufenden Bilder von Paul Bögle. Wahrscheinlich hätte es sich Giuseppe Verdi niemals träumen lassen, dass einmal eine so profane Angelegenheit wie ein langes Stückchen Rohr, durch welches irgendwann Gas vom fernen Asien in das ach so nahe Europa fließen wird, den Namen seiner Oper „Nabucco“ tragen wird. Doch zumindest auf den Namen haben sich die Investoren und ErbauerInnen der Gas-Pipeline schon geeinigt, wenngleich sich die Verantwortlichen über den Baubeginn noch etwas unschlüssig sind.

Der Plan war einfach. „Nabucco“ sollte Europa aus den Fängen des wichtigsten Gaslieferanten Russland befreien, sozusagen aus der babylonischen Gefangenschaft russischer Gaslieferungen hinein in das Glück von 30 Milliarden Kubikmeter Gas aus dem Irak, Aserbaidschan oder Turkmenistan. Immer wieder machte Russland aufgrund von Streitigkeiten mit der Ukraine den Gashahn zu. Und wenn auf der einen Seite der Röhre die Gasventile geschlossen werden, denn die Ukraine selbst fungiert in diesem Falle nur als Transitland des russischen Gases, schaut die andere Seite eben durch die Röhre. Auch ein einfacher Plan. Aber wesentlich effektiver als die von RWE, der österreichischen OMV, der bulgarischen BEH, der rumänischen Transgaz, der polnischen MOL und schließlich noch der türkischen Botas geplante Röhre.

Denn diese sollte ursprünglich schon ab 2015 das begehrte asiatische Gas durch die eisernen Lungen mitten hinein in das alpenländische Herz Österreichs pumpen und von dort eben den europäischen Kreislauf versorgen. Durch die Türkei hindurch, über Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis nach Wien sollte zuverlässig Gas geliefert werden. Die Ukraine fernab im Norden und der unzuverlässige russische Partner noch viel ferner von „Nabucco„. Doch manchmal kommt es im Leben eben anders und zweitens als man denkt. Angedacht war, dass mit dem Bau der 3300 Kilometer langen Röhre 2012 begonnen wird, um das zuverlässige Gas drei Jahre später in und aus Europas Gashähnen rauschen zu lassen. Fast acht Milliarden sollte das Projekt kosten, mit einigen hundert Millionen Euro aus dem EU-Topf für Energie-Infrastrukturprojekte oder so ähnlich teilfinanziert.

Aber das Prestigeprojekt bekommt merkliche Risse, noch bevor überhaupt die Bauphase begonnen hat. Zu Lieferproblemen kommt es durch die Gas-Produzenten, heißt es jetzt. Erste Lieferungen erst ab 2017. Kurz und bündig. Und weil dem so ist, macht es auch wenig Sinn, die Gas-Pipeline unter Hoch- und Zeitdruck voranzutreiben. Also warum etwas fertigstellen, wenn dann noch nicht einmal heiße Luft durch die Röhre kommt? Aber dies dürften im Moment noch die geringsten Sorgen der Gas-Opernintendanten sein.   

Jetzt werden nämlich Stimmen aus dem engsten Nabucco-Umfeld laut, welche von einer Kostenexplosion auf zwölf bis 15 Milliarden Euro sprechen. Als Grund hierfür wird genannt, dass die zugrunde gelegten Zahlen aus dem Jahr 2005 stammen und dementsprechend noch einmal überprüft werden müssen. Sechs(!) Jahre später kommen die Verantwortlichen drauf, dass man sich vielleicht noch einmal genauer mit den Zahlen beschäftigen sollte. Der Chef des Konsortiums, Reinhard Mitschek, wollte oder konnte sich jedoch scheinbar zu den kolportierten Kosten von geschätzten acht Milliarden und anderen politischen Unsicherheitsfaktoren bisher nicht entscheidend äußern (Handelsblatt: Nabucco; Reinhard Mischek – Der Schachspieler). Einzige Begründung des Bosses ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Kenntnisstand oder Kenntnisnahme: Neue Einspeisleitungen, welche „Nabucco“ um 20 Prozent länger machen, sorgen eben für höhere Kosten. „Das heißt aber nicht, dass die Kosten im gleichen Ausmaß steigen„, folgerte Mitschek schlüssig und betriebswirtschaftlich vollkommen richtig (siehe FAZ.net: Nabucco-Pipeline kommt später). Denn wenn wir die unterste Grenze von zwölf Milliarden Euro heranziehen, würde dies keine 20-prozentige Steigerung bedeuten, sondern ein paar Peanuts mehr, wie sich 1994 schon einmal ein Herr Hilmar Kopper in seiner damaligen Funktion als Vorstandssprecher der Deutschen Bank so treffend äußerte.

Erschwerend kommt sicherlich hinzu, dass neben „Nabucco“ zwei weitere geplante europäische Pipelineprojekten, das „Interkonnektor Türkei-Griechenland-Italien (ITGI)“ und die „Trans-Adriatische Pipeline (TAP)“ um die zehn Milliarden Kubikmeter Gas aus Aserbaidschan rittern. Aserbaidschan sagt zwar, die geforderte Menge Gas grundsätzlich nach Europa liefern zu wollen, doch durch welche Röhre es strömen wird, bleibt bis dato offen (Financial Times Deutschland: Tiefschlag für Europas autonome Gasversorgung). Dass darüberhinaus die potentiellen Gas-Lieferanten Irak und Turkmenistan feste Lieferzusagen bis zum heutigen Tag verweigern, wird ebenfalls totgeschwiegen oder zumindest nicht der breiten Öffentlichkeit kenntlich gemacht.

Man muss sich das vorstellen. Da möchte Europa eine Röhre für zig Milliarden Euro bauen, welche die Gasversorgung sicherstellen soll. Und gleichzeitig bauen die Europäer zwei weitere Gas-Pipelines, welche parallel dazu dieselbe Gasversorgung sicherstellen soll. Aber weder die erste, noch die zweite und schon gar nicht die dritte Hand weiss, wer letztendlich die Gashähne bedienen darf. Aber alle bauen eben wild drauflos. Irgendetwas wird schon irgendwann durch die Röhren strömen. Und wenn es nur jene heiße Luft ist, welche aus den Luftröhren der Verantwortlichen kommen.

Da stellt sich für mich nur noch eine Frage: Wird das Teatro alla Scala, also die Mailänder Scala, eigentlich mit Gas geheizt? Ich hoffe nicht, denn sonst sitzen wir im nächsten Winter ganz schön verschnupft im ersten Rang. Dass sich mit diesen Milliarden einige Projekte auf dem Sektor erneuerbare Energien finanzieren ließen, lassen wir stillschweigend außen vor.                   


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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2 Gedanken zu “Nabucco: Babylonische Gefangenschaft asiatischer Gaslieferungen

  • Hans

    Also haben wir dann die Wahl zwischen Gas aus dem Kaukasus und Gas aus Russland… wo ist da der Unterschied? Ist ja nicht so als ob Russland viel auf die Souverenität seiner Nachbarstaaten mit Sowjetwurzeln geben würde…

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Nein, lieber Hans. Wir haben die Wahl, uns zwischen erneuerbaren Energieformen und konventionellen Energieträgern zu entscheiden. Anstatt wieder ein neues Milliardengrab zu schaufeln, von welchem wir noch gar nicht wissen, welche Leichenteile dort hineinkommen geschweige denn, ob überhaupt ein Sarkophag hineinpassen wird, sollten wir die Gelder in den Ausbau von Alternativenergie stecken. (Ist jetzt etwas metaphorisch geschrieben, ich weiss.)
    Doch je eher wir mit dieser Energiewende beginnen, desto früher haben wir umweltfreundliche Resultate auf dem Tisch. Der Weltklimarat hat vorgerechnet, dass wir bis zum Jahr 2050 unsere Energie aus fast 80 Prozent umweltfreundlicher Energieträger beziehen könnten. Dass dafür irrsinnig hohe Summen notwendig sind, steht außer Frage. Dass dafür aber ebenfalls die Politik umdenken muss, ist Grundvoraussetzung für diese Vorgaben. Ein kolportiertes Investitionsvolumen von knapp 13 000 Milliarden Euro in den nächsten 20 Jahren hört sich auf den ersten Blick furchtbar an. Doch wenn wir bedenken, dass pro Jahr 1500 Milliarden für Rüstung ausgegeben werden, relativiert dies die ganze Sache schon wieder. Und ich glaube, 12 oder möglicherweise 15 Milliarden aus Nabucco sind mehr als nur ein grüner Tropfen auf dem fossilen Stein.
    Ich glaube zu verstehen, was Du sagen möchtest. Und ich stimme Dir zu. Ob wir uns nun von Putin abhängig machen oder Gas aus anderen demokratischen Baustellen beziehen, macht auch in meinen Augen keinen großen Unterschied. Deshalb auch mein Artikel als unterschwellige Kritik an der Energiepolitik der EU.
    Liebe Grüsse aus Wien von Paul.