Kavaliere der alten (ergonomischen) Schule


Die Türe aufhalten als Akt des Energiesparens

Nach meinem letzten Bericht, welcher sich mit den sehr unhöflichen und fast schon menschenverachtenden Praktiken von Desinformation und Vertuschung von AKW-Störfällen beschäftigte, schwenken wir heute dementsprechend ins gegensätzliche und nach meinem Dafürhalten viel freundlichere Lager.

Specifically, we hypothesized that one person exerting more effort in a social context than he or she would on his or her own reflects his or her expectation that his or her effort plus the effort of the other person would be less than sum of the efforts of the two individuals acting individually. According to this view, etiquette, or the form of physically expressed etiquette considered here, is not just a symbol for respect; it is also a means of reducing physical effort for the group.“

So lautet die These des Psychologieprofessors David Rosenbaum und seines Co-Autors Joseph Santamaria von der Pennsylvania State University. Und weil die beiden durchaus ernst meinen, was sie hinsichtlich des bisher als Höflichkeitsaktes verstandenen Aufhaltens einer Türe für nachfolgende Personen und ihren vermeintlichen neuen und andersartigen Beobachtungen herausgefunden haben wollen, haben sie dies in der Studie „Etiquette And Effort: Holding Doors For Others“ auch gleich niedergeschrieben.

Auf Seite 2 steht also, dass eine Person in einem sozialen Kontext mehr Aufwand betreibt, wenn dadurch die Summe des eigenen Aufwandes plus dem Aufwand der zweiten Person geringer ist als die beiden rechnerischen individuellen und getrennten Einzelaufwände. Und daraus folgern die beiden Psychologen, dass eben z.B. das Aufhalten einer Türe für Nachfolgende nicht nur auf gute Manieren schließen lässt und ein Akt des gegenseitigen Respektes und höflichen Miteinanders ist, sondern vielmehr aus der Intention heraus geschieht, dadurch den physischen Aufwand der Gruppe zu reduzieren.

Einfach herrlich! Wenn ich also in Zukunft der allerbesten Ehefrau dieser Welt, sprich meiner Gattin, die Türe galant aufhalte, damit sie die schweren Einkaufstaschen hereintragen kann und sie sich bei mir untertänigst bedankt, argumentiere ich damit, dass ich dies aus dem Antrieb des Energiesparens und ökonomischen Rationalität heraus mache.

Jürgen Schönstein führt als weitere durchaus plausible Beispiele in seinem Artikel „Höflichkeit spart Energie“ an, dass wir einer anderen Person einen Gegenstand schließlich auch in die Hand geben anstatt diesen ihr vor die Füsse zu werfen. Oder eine grosse Person wird einem kleiner gewachsenen Menschen auch nicht etwas am ausgestreckten Arm darreichen, sondern im Regelfall versuchen, diesen Gegenstand in bequem erreichbarer Höhe und Distanz übergeben. Klingt eigentlich alles sehr vernünftig. Doch ist es das auch?

Shared effort„- und „Critical distance„-Hypothese

Mittels einer Videokamera wurden an einem Ausgang 148 Personen aufgezeichnet. Als relevante Faktoren für die Studie diente dabei einerseits die Bereitschaft, ob und wenn, wie lange die Türe vom Hindurchtretenden für nachfolgende Personen aufgehalten wurde. Und andererseits wurde gemessen, in welcher Distanz nachfolgende Personen folgten. Außer Acht blieb dabei der sicherlich nicht unwichtige Umstand, um wen es sich bei den verschiedenen Personen handelte. Doch dies ist wahrscheinlich ein Faktor, welcher eine Interaktion zwischen Menschen, und sei es auch nur ein solch trivilaler Prozess wie das Aufhalten einer Türe, wesentlich beeinflusst.

Wenn ich mir vorstelle, dass hinter mir in 22 Meter Entfernung meine Vorgesetzte oder mein Chef kommt und ich diesen wissentlich als diesen erkenne, werde ich mir höchstwahrscheinlich die Zeit nehmen, auf ihn zu warten und jene zusätzlichen Sekunden in eigenes Warten investieren. Ob sie/er dabei schnellen Schrittes oder langsam telefonierend auf mich zukommt, wird meine Entscheidung nicht beeinflussen. Wenn dagegen hinter mir in acht Meter Entfernung eine mir vollkommen unbekannte Person in Richtung der Türe geht, werde ich wohl weniger Rücksicht walten lassen. Wenn ich zusätzlich weiss, dass mein Parkschein beim Auto abgelaufen ist und um diese Uhrzeit die „Parksheriffs“ ihre Runden drehen, wird mich möglicherweise auch eine Distanz von zwei Metern zu keinem rücksichtsvollen Verhalten und ökonomisch-ergonomischen Denken bewegen.

Doch aus dem gezeigten Verhalten der ProbandInnen lassen sich zwei Theorien ableiten. Zum einen die „Shared effort„-Hypothese, welche sich darauf beruft, dass für die sozialverträgliche Entscheidung oder eben kraftsparende Variante die Summe des Gesamtaufwandes kleiner sein muss als die addierten Individualaufwände. Oder noch besser: Je mehr Personen nacheinander durch die offen gehaltene Türe nacheinander treten, umso grösser ist das Einsparpotential. Und in diesem Bewusstsein steigt dann auch die Bereitschaft, die Türe auch gerne ein bisschen länger aufzuhalten. Und es kommt noch besser! Denn auch diejenigen, welchen die Türe aufgehalten wird, können selbst Teil dieses reduzierten Arbeitsaufwandes werden. Denn sobald sie erkennen, dass da jemand steht, welcher sich die Mühe macht, werden sie die eigenen Schritte beschleunigen und so ebenfalls dazu beitragen, dass der Kraftaufwand des die Türe Aufhaltenden reduziert wird. Je mehr Personen uns also folgen, desto höher das Einsparergebnis und desto eher sind wir bereit, den „Shared effort„-Effekt zu vollziehen. 

Die „Critical distance„-These wiederum geht von der Annahme aus, dass wir nur denjenigen Personen die Türe aufhalten, welche uns in einem bestimmten Umkreis folgen. Wenn also eine von mehreren Personen in einer Distanz folgen, welche es uns nicht der Mühe wert erscheinen lässt, ergonomisch sinnvoll handeln zu wollen, wird es uns letztendlich egal sein, wieviele Menschen dadurch NutznießerInnen unserer Tätigkeit als TürsteherIn sein würden. Ode anders ausgedrückt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“

Rosenbaum und Santamaria präferieren deshalb auch die erste Hypothese. Auch deshalb, weil sich auf dem Videomaterial deutlich erkennen ließ, dass Personen, welche erkennen, dass da jemand steht und für einen die Türe aufhält, auch wirklich die Schritte beschleunigten. Allerdings bleiben einige Fragen unbeantwortet. Gerade der Umstand, dass weit entfernte Personen aus dem Blickwinkel geraten und deshalb nicht als potentielle KandidatInnen für altruistisches und vielleicht auch ökonomisch sinnvolles Handeln in Betracht kommen, macht die „Shared effort„-Hypothese natürlich plausibler. Weiterhin ist oftmals die Absicht weiter entfernter Personen nicht eindeutig zu erkennen, ob diese auch wirklich dieselbe Türe benutzen wollen oder nicht doch einen ganz anderen Weg einschlagen.

Schönstein führt aber noch weitere Gründe an. So haben New YorkerInnen das eigenartige und konditionierte Verhalten, nachfolgenden Menschen eine Türe bewusst nicht aufzuhalten, um so unerwünschten und unbefugten Personen den Zutritt zu verwehren. Und er wirft das Argument in den Raum, dass sich durch das geänderte Bewusstsein in unserer Gesellschaft das Aufhalten einer Türe durch einen Mann auch als Machogehabe interpretiert werden kann und der männliche Teil der Bevölkerung dehalb lieber solchen Konfrontationen aus dem Weg geht.

Jetzt stellt sich für mich am Schluss natürlich die alles entscheidende Frage der Fragen. Was mache ich in Zukunft, wenn die allerbeste Ehefrau dieser Welt, Sie wissen schon, wen ich meine, wieder einmal mit den schweren Einkäufen vor unserer Türe steht? Bin ich Macho und öffne nonchalant die Eingangstüre oder lasse sie lieber nach den Hausschlüsseln suchen, um ihr dann vorzurechnen, dass wir dadurch ergonomisch viel besser dran sind. Höflichkeit hin, gute Sitten her.


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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