Bio Natur - Der Weblog

5.4.2011

Paradox: Kontraproduktives Energiesparen

Abgelegt unter: Was nirgends reinpasst — Paul Boegle @ 04:00


Nachdem ich eigentlich mit dem Vorhaben ans Werk gegangen bin, einen kleinen Artikel zum wenig beachteten und dementsprechend auch nicht allzu bekannten Jevons’ Paradoxon zu verfassen, habe ich wider Erwarten doch wieder drei Beiträge daraus gemacht. Wer die beiden vorangegangenen Berichte (Energiesparen = erhöhter Energieverbrauch und Rebound-Effekt: Bumerang Energiesparen) nicht gelesen hat: William Stanley Jevons hat bereits im Jahr 1865 die Beobachtung gemacht, dass trotz technischer Neuerungen in Bezug auf den sinkenden Energieverbrauch von Dampfmaschinen in Summe der Energieverbrauch der englischen Bevölkerung anstieg. Oder anders ausgedrückt: Je weniger Kohle eine einzelne Dampfmaschine verbaucht, desto höher ist im Endeffekt der gesamte Verbrauch dieses fossilen Brennstoffes. Klingt seltsam? Ist es auch. Aber trotzdem soll der vorliegende Artikel definitiv den Abschluss bilden. 

Sommerzeit, Winterzeit, Energiesparzeit?2.3 Winterzeit, Sommerzeit, Energiesparzeit? 

1980 schrieb die Menschheit Geschichte. Zum wiederholten Male natürlich. Aber in diesem speziellen Fall stand ein neuer Programmpunkt abrufbereit: Die Sommerzeit wurde eingeführt. Einige findige Köpfe beschlossen, aus Gründen der Stromersparnis am Stundenzeiger zu drehen und uns abends eine Stunde mehr Licht zu schenken. Schuld war die damalige Ölkrise, welche mit Beginn des Jahres 1973 ihre (Strom)Kreise zog. Durch eine bessere Nutzung des Tageslichtes in den Abendstunden sollte die natürliche Lichtausbeute erhöht und der Stromverbrauch gesenkt werden. 0,15 Prozent an Strom sollte sich durch diese Maßnahme einsparen lassen. Zumindest hatten dies ExpertInnen ausgerechnet. 

Sie werden es nicht glauben. Die Idee war gar nicht so neu. Sogar Jahrhunderte alt. Geistiger Vorreiter in Sachen Sommerzeit war ein gewisser Benjamin Franklin. Richtig, DIESER Benjamin Franklin. 1784 schrieb er einen Brief an das “Journal of Paris”, in dem er die hohen Kosten beklagte, welche die bei Dunkelheit notwendigen Kerzen verursachten.

MESSIEURS,
You often entertain us with accounts of new discoveries.
Permit me to communicate to the public, through your paper, one that has lately been made by myself, and which I conceive may be of great utility. …”

waren die Einleitungssätze seines “Essay on Daylight Saving“, in welchem er schlussfolgerte und anhand von Zahlen belegte, dass verlängertes Tageslicht eine erheblicheBenjamin Franklin: 1784 schrieb er einen Brief an das “Journal of Paris”, in dem er die hohen Kosten beklagte, welche die bei Dunkelheit notwendigen Kerzen verursachten. Kostenersparnis für die Pariser Bevölkerung bedeute. Doch ob nun ernstgemeinter Vorschlag oder eher hintergründiger Humor des Staatsmannes und Erfinders, machte sich 1907 der Brite William Willett erneut auf, den Oberhäuptern den Nutzen einer Zeitumstellung schmackhaft zu machen. Neun Jahre später war es dann endlich soweit. Deutschland, Irland und die Donaumonarchie Österreich-Ungarn führten die Sommerzeit ein. Aus Gründen des Energiesparens? Nein, selbstverständlich nicht. Der Erste Weltkrieg hatte Europa fest im Griff. Und um die Produktivität der Rüstungsindustrie zu steigern, war eine Stunde mehr Tageslicht ein höchst willkommener Grund für die Umstellung. 

Aber bleibt nun die Hauptfrage: Lässt sich durch die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit wirklich Strom sparen? Ganz ehrlich gesagt habe ich keine Studien gefunden, welche zu der klaren Aussage eines eindeutigen “Ja, sicher doch!” kommen. Es ist eher schon das Gegenteil der Fall. Unbestritten bleibt an schönen Tagen abends der Griff zum Lichtschalter aus. Aber dafür hat sich auch unser Freizeitverhalten geändert. Wenn ich dabei an mich denke, kann ich mir diesbezüglich gleich selbst die Hand schütteln und mir gratulieren.

Jede helle Minute wird draussen in unserem kleinen, aber sehr feinen Garten ausgenutzt. Die Schlagbohrmaschine griffbereit, das Radio spielt leise Musik im Hintergrund, die Stichsäge rattert, der Elektrogrill vom Nachbarn reizt die Magensäfte, die Elektroautos der Nachbarskinder fahren um die Wette, die Nachbarin gegenüber bügelt auf ihrem kleinen Balkon die Wäsche, die eigene Tochter sitzt mit ihrem Laptop auf der Terrasse, der andere Nachbar mäht noch schnell den Rasen, sein Freund geht mit dem Rasentrimmer hinterher. Sie wissen, auf was ich hinaus möchte?

Bei Tageslicht lässt sich genauso gut Strom verbrauchen, wenn nicht sogar noch besser. Und dann kommt noch jener Faktor hinzu, welchen ich oben bereits beschrieben habe. Durch die wesentlich effizienteren Energiesparlampen ist die Stromersparnis bei weitem nicht so hoch wie sich dies die ExpertInnen noch zu Beginn der Einführung der Sommerzeit ausgerechnet hatten. Dafür heizen wir in den noch kalten Monaten März, April und im wieder kalten Oktober morgens dementsprechend deutlich mehr, weil wir ja eine Stunde früher aufstehen. Rein theoretisch natürlich, doch die Heizkosten sind leider nicht theoretischer, sondern völlig praktischer und realer Natur.

Und um noch ein stromverschwenderisches Schäufelchen nachzulegen, bleibt immer noch der gemeinsame Familienausflug mit dem Auto. Wer also keinen Garten hat, aber die schönen lauen Sommerabende nicht in den stickigen vier Wänden verbringen möchte, setzt sich ins eigene Auto und besucht den Badesee gleich nebenan, den Gastgarten in der Stadt oder was auch immer bei solch herrlichem Wetter. Aber das hatten wir bereits im ersten Teil besprochen. Sparen wir Benzin durch sparsamere Motoren, können wir das postwendend in andere Autofahrten investieren.         

Sie sehen selbst, dass Energiesparen kein leichtes Unterfangen ist. Besonders dann, wenn man einen Mann wie William Stanley Jevons kennengelernt hat. Nicht persönlich natürlich. Aber sein lange nachhallendes Paradoxon kann einem wie mir schon den Rest geben. Und alles nur, weil er beobachtet hat, dass Dampfmaschine nicht gleich Dampfmaschine ist.

Insgeheim kommt da ein kleines bisschen Neid auf, wenn ich an die seeligen NeandertalerInnen denke. Saßen gemütlich am Lagerfeuer, über ihren Häuptern die funkelnden Sterne und keine tickenden Uhren weit und breit. Allerdings hatten sie auch keine Dampfmaschine. Aber vielleicht hätten wir dadurch ganz andere Paradoxien, wer will dies schon wissen. Jetzt, nach so langer Zeit. Und weil ich nun vor lauter Energieverschwendung wieder einmal Ihre kostbare Sommer-, Winter- und in erster Linie Lebenszeit verschwendet habe, ist es nun an der eben solchen, aufzuhören. 

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