Energiesparen = erhöhter Energieverbrauch 1


1. Das Jevons‘ Paradoxon: Die Umkehr des Energiespareffektes

Wenn ich es genau betrachte, macht Energiesparen eigentlich keinen Sinn. Oder noch blasphemischer ausgedrückt: Je mehr Energie ich spare, umso mehr EnergieWilliam Stanley Jevons: The Coal Question oder das Jevons’ Paradoxon. verbrauche ich. Wer von Ihnen schon etwas vom doch ziemlich unbekannten Paradoxon von William Stanley Jevons gehört hat, wird mich insgeheim verstehen. Da aber sicherlich die meisten mit dieser seltsam anmutenden Behauptung, gerade auf einem grün orientierten Blog, wenig anzufangen wissen, müssen wir in die Vergangenheit reisen. Aber der Reihe nach.     

John Tierney hat mir wieder einmal vor Augen geführt: Jede Medaille hat zwei Seiten. In der New York Times verweist Tierney unter „Energy Efficient, but Less Than Clean“ auf das mir bisher vollkommen unbeachtete, weil eben unbekannte Paradoxon von William Stanley Jevons. Von einem sogenannten Rebound-Effekt ist hier die Rede. Je mehr Energie eingespart wird, desto sorgloser ist der Umgang der Menschen mit dieser Ressource, wird postuliert. Argumente für diese schon lange bekannte These und Beobachtung folgen.

So etwa der beobachtete Umstand, dass die heutigen Autos aufgrund ihrer Technik wesentlich günstiger im Treibstoffverbrauch sind. An und für sich eine gute Sache, wäre da nur nicht der schon erwähnte Rebound-Effekt. Jene Menge an Benzin, welche wir durch die umweltfreundlicheren Motoren einsparen, blasen wir umgehend wieder durch andere nutzlose Autofahrten aus den Auspuffen hinaus. D.h., überlegten wir früher, ob noch genügend Benzin im Tank ist, um schnell einmal ums Eck Zigaretten zu holen oder die Videothek zu besuchen, stellt sich diese Frage bei Weitem nicht mehr. Jene Tropfen, welche wir bei unserem täglichen Weg zur Arbeit sparen, werden in andere Fahrten investiert. Der Begriff move green, fällt mir passenderweise als Wortspielerei ein, weil ich die Communitiy unlängst vorgestellt habe, bekommt in diesem Falle leider eine völlig neue Bedeutung. 

Ein anderes Beispiel, und hier muss ich selbst zähneknirschend und leise vor mich hin murmelnd „Mea culpa maxima!“ sagen, ist die Tatsache, dass ein anderes Phänomen des eingesparten Benzins nicht von der Hand zu weisen ist. Ich habe also durch den Kauf eines umweltfreundlichen Autos die Voraussetzung geschaffen, Treibstoff und damit in weiterer Folge bares Geld zu sparen. So weit, so leider nicht gut! Denn was tue ich nun mit dem Ersparten? Ich buche gleich die nächste zusätzliche Urlaubsreise, die Mittel dafür sind schließlich vorhanden, setze mich in den nächsten Flieger und das eingesparte CO2 wird durch die Turbinen in die Atmosphäre geblasen. Energiespar-Potential? Die Gleichung geht leider nicht auf.

Sie sehen selbst. So paradox es klingt, aber der alte Herr Jevons und das nach ihm benannte Paradoxon hatte leider den richtigen Riecher mit seiner aufgestellten Behauptung, dass Energiesparen nicht unbedingt und zwangsläufig auch den gewünschten positiven Effekt nach sich zieht.

Dampfkraft: Die Dampfmaschine oder Feuermaschine von Thomas Newcomen.

Bildquelle: Thomas Newcomen 

Jevons hat dieses Paradoxon 1865 in seinem Buch „The Coal Question“ festgehalten und belegt. Wer sich mit dem sehr umfangreichen englischsprachigen Werk auseinandersetzen möchte, findet es auf der The Online Library of Liberty: William Stanley Jevons, The Coal Question; An Inquiry concerning the Progress of the Nation, and the Probable Exhaustion of our Coal-mines [1865]. Er verglich dabei die Leistungen, den Output und vor allem den Kohleverbrauch der kohlebefeuerten und wesentlich effizienteren Dampfmaschine von James Watt mit jener frühen Dampfmaschine von Thomas Newcomen. Ganz nebenbei hier die Feststellung, dass eben nicht James Watt der Erfinder der Dampfmaschine ist, sondern Newcomen im Jahre 1712 mit seiner als Feuermaschine bezeichneten Apparatur schon 24 Jahre vor Watts Geburt das Grundprinzip von Dampf als Energiequelle entwickelte.

Was war aber nun das Postulat, welches Jevons aufstellte? In einfachen Worten ausgedrückt: Obwohl die Dampfmaschine von James Watt wesentlich kostengünstiger produzierte und demnach auch viel weniger Kohle zur Energieerzeugung benötigte, stieg Englands Verbrauch an Kohle drastisch an. Was auf den ersten Blick seltsam klingt, hat doch eine einfache Ursache. Eben, weil nun die Dampfmaschine vom Luxusgut zum billigen Allgemeingut wurde, konnten sich wesentlich mehr Industriebetriebe und natürlich auch die frühen Vorläufer unserer heutigen Verkehrsbetriebe die Dampfmaschine leisten. Der verminderte Einsatz von Kohle zum Betrieb der Dampfmaschine machte diesen Energieträger zu einer leistbaren Ressource und führte damit auch zu einer rasanten Verbreitung der Maschine. Und dies wiederum hatte zur Folge, dass durch den steigenden Einsatz eines ursprünglich energieschonenden Betriebsmittels ein Umkehreffekt eintrat. Nicht weniger Kohle wurde verbraucht, sondern die englischen Kohleminen mussten ihre Förderkapazitäten erhöhen, um die steigende Nachfrage befriedigen zu können.

Diese Mehrproduktion hat aus marktwirtschaftlicher Sicht natürlich wieder in der Regel den Vorteil, dass durch diese Effizienzsteigerung die Konsumgüter billiger produziert werden können. Dies führt zu einer Verbilligung der angebotenen Waren, die Preise fallen, die Nachfrage steigt und letzten Endes wird noch mehr produziert. Und das bedeutet, Sie wissen es natürlich: Die einzelne Dampfmaschine benötigt zwar weniger Kohle, doch in Summe erhöht sich der Verbrauch.

Über andere Studien, z.B. zu den Grenzen des Wachstums etwa von Meadows und Randers oder der sehr anschaulichen „Löffel-Theorie“ des Schweden Wicksell aus dem Jahre 1907 möchte ich mich hier nicht weiter auslassen, da sie den Rahmen des Artikels sprengen würden. Ich verweise dazu z.B. auf mediaclinique, welche in einer sehr schönen Abhandlung mit dem Titel DIE GAZETTE: Karl-Georg Zinn > „Endloses Wachstum? – Wissenschaft im Niemandsland“ auf die allgegenwärtigen Problematiken heutigen ungebremsten Strebens nach Wachstum eingehen.

Wie ich allerdings sehe, hat mein eigenes Streben nach Wachstum dieser Artikel auch schon wieder ein kleines bisschen an formatfüllender Überlänge gewonnen. So beenden wir also heute unseren Kurzausflug in die Vergangenheit unseres Zeitalters der industriellen Revolution und beschäftigen uns morgen in einer wesentlich kürzeren Abhandlung mit dem Jevons‘ Paradoxon der Neuzeit. Wo lauern die Gefahren und Fallen in der Gegenwart, wenn es darum geht, unser Ziel Energiesparen nicht in das Gegenteil eines erhöhten Energieverbrauches zu führen.  


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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