Lichtverschmutzung: Wenn der Schein (nicht) trügt 2


Die künstliche Erleuchtung unserer Gesellschaft

Lichtverschmutzung: Eine weitere Form von Umweltverschmutzung.Originalquelle bei Klick auf das Vorschaubild: Cincano P. et al. 

Ich hatte mich dem Thema „Lichtverschmutzung“ schon einmal im tristen November des Jahres 2009 angenommen. Und da sich am 26.03.2011 die Earth Hour zum fünften Male jährte, dachte ich an eine kleine Auffrischung dieser bisher immer noch wenig beachteten Form von Umweltverschmutzung.

Den Begriff „Dark Sky Park“ werden wahrscheinlich die wenigsten von Ihnen bisher gehört oder gelesen haben. Was vielleicht zuerst seltsam anmutet, hat aber einen umso ernsteren Hintergrund. Der finstere Nachthimmel wird zu einem schützenswerten immateriellen Gut erklärt respektive soll erklärt werden. Und aus diesem guten Grunde widmet sich das „International Symposium for Dark-sky Parks“ der Errichtung spezieller Zonen, welche den dunklen Nachthimmel vor dieser Art von Umweltverschmutzung schützen soll. Die vom 27.06. – 01.07.2011 in den Montsec-Bergen (Katalonien) stattfindende Veranstaltungsreihe lädt Astronomen, Hobby-Sternenbeobachter und Umweltschützer ein, sich aktiv am Prozess des Schaffens abgedunkelter Beobachtungszonen zu beteiligen.

Dass dieses neuzeitliche Phänomen der strahlend hellen Verseuchung unseres Planeten nicht nur Astronomen bei ihren Himmelsbeobachtungen stört, mag auf den ersten Blick verwirrend erscheinen. Doch wer schon einmal nachts z.B. auf einer spärlich beleuchteten Autobahn Richtung Großstadt unterwegs war, wird jene Lichtglocke aus Werbung, Strassenbeleuchtung, Lichtinstallationen oder Autoscheinwerfern und Wohnzimmerlichtern bereits kilometerweit vor Erreichen der eigentlichen Stadtgrenze erblicken können. Oder lassen Sie den Blick bei einem Spaziergang durch die Fussgängerzonen einer Stadt Ihrer Wahl an einem schönen Abend nach oben schweifen und versuchen Sie, zwischen den Häuserschluchten hindurch die Sterne am Firmament zu zählen. Viel zu zählen werden Sie nicht haben, da Ihnen der leuchtende Dunst der abstrahlenden Lichtquellen auch oder gerade bei klarem Himmel die Arbeit abnimmt.

Dass sich dieser Effekt bei bewölktem Himmel um ein Vielfaches verstärkt, haben nun ForscherInnen ausgiebig beobachtet. Christopher Kyba und sein Team von der Freien Universität Berlin haben in Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei den Beweis erbracht, dass die Verstärkerwirkung von Wolken (eine genauere Unterscheidung über die verschiedenen Arten blieb dabei unberücksichtigt) einen Multiplikator von bis zu 10 gegenüber klarem Nachthimmel besitzt. Mit anderen Worten: Der Homo urbanus oder Stadtmensch sieht über sich den wolkenbedeckten Nachthimmel zehnmal heller als es dies ohne künstliche Lichtquellen der Fall wäre. Und selbst jene menschlichen Lebewesen, welche auf den gemeinhin als Land bezeichneten Regionen wohnen, dürfen sich noch über eine dreifache Verstärkung an Lichtverschmutzung „freuen“.

Wo Licht ist, da ist auch Schatten

Light pollution, which causes the “light dome” dome of sky glow over urban areas, is an unintended result of this electric lighting, and because of it approximately 10% of the world’s population, and more than 40% of the US population, no longer view the night sky with dark adapted vision …“ Also schätzungsweise zehn Prozent der gesamten Weltbevölkerung und 40 Prozent der US-amerikanischen BürgerInnen fristen heutzutage ein Dasein, um es überspitzt zu formulieren, ohne einen in seinen ursprünglichen Lichtverhältnissen scheinenden oder eben nicht scheinenden Nachthimmel zu Gesicht zu bekommen. Die gesamte Studie Cloud Coverage Acts as an Amplifier for Ecological Light Pollution in Urban Ecosystems geht dabei dann auch näher auf die umweltschädlichen Faktoren der Lichtverschmutzung ein. Besonders interessant ist die Studie aber in erster Linie, da sie sich mit den verschiedenen Lichtverhältnissen zu verschiedenen Jahreszeiten und insbesondere den Lichtkonstellationen wolkenloser, bewölkter und komplett wolkenverhangener Himmel beschäftigt. D.h., es wird der Lichtdom von Berlin und die daraus resultierenden Veränderungen sowohl in zeitlicher als auch in räumlicher Hinsicht untersucht.

Einem anderen Aspekt widmet sich das interdisziplinäre Projekt „Verlust der Nacht„. „Da Licht positiv mit Werten wie Sicherheit, Wohlstand und Modernität besetzt ist, neigen wir dazu, unsere Umgebung intensiv zu beleuchten.“ Soweit, so gut. Doch was einerseits nicht von der Hand zu weisende Vorteile hat, verbirgt andererseits eben jene damit verbundenen Schattenseiten unseres Be- und Ausleuchtungswahnes. Welche negativen Auswirkungen hat dieses künstliche Umgebungslicht zu allen Tages- und vor allem Nachtzeiten auf Mensch und Natur.

Das Projekt widmet sich deshalb der Fragestellung, welche Folgen ein unangepasster Konsum künstlichen Lichts auf den Organismus und möglicherweise auch unsere Seelenlandschaft hat. Welche Auswirkungen drohen uns aufgrund der allgegenwärtigen Kunstlichter, welche es immer schwieriger machen, eine klare Grenze zwischen Tag und Nacht zu ziehen. Die Berücksichtigung ökologischer und gesundheitlicher Schäden, kultureller und sozioökonomischer Nachteile wurden bisher vernachlässigt. Die Gründe für das zunehmende Bedürfnis des Menschen, alles im wahrsten Sinne zu be- und hinterleuchten, nicht ausreichend hinterfragt. Welche Alternativen würden sich anbieten? Wo bestehen Lösungsansätze für effektivere und wohl auch umweltfreundlichere und stromsparende Beleuchtungskonzepte?

Die Chronobiologie hat die Menschheit im Laufe der Evolution darauf konditioniert, sich anhand tages- und jahreszeitlicher Rhythmen dem unterschiedlichen Wandel von Sonne und Mond, Tag und Nacht, Sommer und Winter zu unterwerfen. Unsere innere Uhr tickt seit Jahrtausenden im Gleichklang mit diesen unterschiedlichen und eben natürlichen Schwankungen unterworfenen Lichtverhältnissen. Leistungskurven steigen und fallen mit den Uhrzeiten. Soziale Verhaltensmuster sind aufgrund dieses stetigen Wechsels entstanden. Erhöhte Aktivitäten und hektische Betriebsamkeit zu festgelegten Stunden, Ruhepausen und Erholungsphasen als Gegenpol zu anderen Stunden des 24-Stunden Tages.

Doch genauso bestimmte der natürliche Kreislauf von Hell und Dunkel Flora und Fauna. Nicht nur die Seefahrt hat sich am Sternenhimmel orientiert und navigierte anhand der verschiedenen Sternenbilder. Das Öffnen und Schließen von Blüten bei Pflanzen ist genauso diesem Rhythmus unterworfen wie die Regelung der Photosynthese. Vögel und Insekten richten sich nach dem Nachthimmel. Unnatürliche Lichtquellen machen sie im wahrsten Sinne orientierungslos. Doch dies soll nur ein grober Überblick über diese nicht mehr ganz so neue, doch leider vielfach noch wenig beachtete Form der Umweltverschmutzung gewesen sein.

Wer sich also selbst verpflichtet fühlt, einen lauen Sommerabend im Garten oder Weihnachten im Kreis seiner Liebsten zu verbringen, könnte ja in Zukunft auf das eine oder andere Highlight verzichten. Denn je weniger Lichtverschmutzung, desto mehr Sternenhimmel. Ihre Kinder werden Augen machen.               

Wer nun neugierig auf das Symposium geworden ist, welches ich zu Anfang des Artikels angesprochen habe und sich anmelden möchte oder einfach nur mehr Hintergrundinformationen zum Thema Lichtverschmutzung haben möchte, holt sich diese unter darksky@montsec.cat.

Und wer sich noch weiter mit dem Thema Lichtverschmutzung auseinandersetzen möchte, findet insbesondere auf Dark Sky – Initiative gegen Lichtverschmutzung gut aufbereitetes Bild- und Kartenmaterial.      


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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2 Gedanken zu “Lichtverschmutzung: Wenn der Schein (nicht) trügt

  • Heiner

    Ein weiterer Aspekt der Lichtverschmutzung sind diese unsäglichen Sky-Beamer, mit denen in letzter Zeit Diskos und Einkaufszentren versuchen auf sich aufmerksam zu machen. Bei uns in der Gegend gibt es inzwischen zwei Stück davon. Echt nervig sowas! Energieverschwendung, negative Einflüsse auf die Natur, Astrofotografie ist fast unmöglich… Wieso dürfen die eigentlich so aggressiv werben, wenn ein kleiner Bio-Bauer noch nicht mal ein Schild an die Straße stellen darf?

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Naja, lieber Heiner, da fällt mir natürlich passenderweise zum Thema George Orwell`s Farm der Tiere ein. Aus „Alle Tiere sind gleich“ wird eben „Aber manche sind gleicher“. Vergleichen wir die Wirtschaftskraft und den Herrschaftsbereich einer armen Sau, also in diesem Falle eines kleinen Bio-Bauern, doch einfach mit dem stinkenden Schweinestall eines Shoppingcenters, wie das so schön Neudeutsch heisst. Je höher die Schmutzschicht, desto grösser die Gefahr des Erstickens. Und um dies eben zu vermeiden, müssen „wir“ diesen schönen Dreckhaufen ordentlich beleuchten. „Wir“ wollen ja schließlich nicht, dass die KonsumentInnen vor lauter Kaufrausch im Zivilisationsmist untergehen. Ob jetzt nachts einige Insekten mehr oder weniger die Orientierung verlieren, darf „uns“ dabei wirklich nicht stören. Hauptsache, die Motte Mensch findet ihren/seinen (schnellsten) Weg zu den hellerleuchteten Nistplätzen oder in diesem Falle eben Konsumtempeln.
    Also lassen wir den Himmel Himmel sein und begeben uns alle miteinander in die perfekt ausgeleuchtete Finsternis unserer selbst geschaffenen Abgründe.