AKW-Stresstest: Nur kein Stress


Prüfung von 146 Atomkraftwerken in der EU

In letzter Zeit taucht in den Medien immer wieder ein ominöser Begriff auf: Stresstest. Genauer gesagt AKW-Stresstest. Als Konsequenz von Fukushima haben die 27 Staats- und Regierungschefs im Jahr 2011 noch gar Großes vor. Sie wollen die insgesamt 146 Atommeiler (manche Quellen sprechen von „nur“ 143 AKWs), welche sich auf Boden der EU und zusätzlich jene Kernkraftwerke der angrenzenden Anrainerstaaten wie etwa Russland, der Ukraine oder Weißrussland befinden, einer eingehenden Testreihe unterziehen. Sicherheit wird groß geschrieben in atomaren Zeiten wie diesen. Zu diesem Ergebnis kamen die VertreterInnen der einzelnen Mitgliedsstaaten nun in Brüssel.

Von den 27 EU-Staaten betreiben 14 Staaten aktive Atomstrompolitik. Wenn ich mir die interaktive Karte AKWs in Europa genauer betrachte, fällt dabei auf, dass die neuen Mitgliedsstaaten gerade einmal 21 aktive Atomreaktoren in Betrieb haben und der Großteil von 125 Reaktoren in den Kernländern der EU, den sogenannten EU-15-Staaten, stehen (Atomkraft in Europa – Es gibt keine sicheren AKW). Dass Italien per Volksentscheid aus dem Jahre 1987 kurz nach Tschernobyl vier Atomkraftwerke vom Netz nahm und ein weiteres im Bau befindliches AKW erst gar nicht fertigstellte, verschönerte die Atombilanz zwar nicht nachhaltig, aber war immerhin ein erster richtiger Schritt in Europa. Allerdings folgt nun unter Berlusconi wieder der Rückschritt in alte Zeiten.

Eine neuerliche Volksabstimmung in Italien zur Atomenergie in Italien, ursprünglich für den Sommer 2011 vorgesehen, wird nun im Juni durchgeführt. Die Überlegungen der Verantwortlichen dahinter? Im Juni sind viele ItalienerInnen auf Sommerfrische am Meer. Und wer im Meer badet, kann nicht gegen Atomkraft abstimmen. So zumindest das Kalkül von Berlusconi, Veronesi und VertreterInnen der Atom-Lobby. Ich hatte das Thema schon einmal kurz unter „Manche (Atom)Uhren ticken eben anders!“ gestreift.

Nun also Stresstests für Atomkraftwerke. Erdbeben, Flutkatastrophen, terroristische Anschläge, alles ist möglich in atomaren Zeiten wie diesen. Lassen wir also unabhängige GutachterInnen und unbestechliche ExpertInnen auf die AKWs los und schauen, welche diese Stresstest bestehen und welche durch den Rost fallen. Und dann, nachdem alles ausgiebig getestet wurde und die atomare Spreu vom verstrahlten Weizen getrennt wurde, trennen wir genau jene Atommeiler vom Netz, welche den Vorgabenkatalog nicht bestanden haben. So einfach ist dies in atomaren Zeiten wie diesen.

Die EU-Umwelt- und EnergieministerInnen wollen in ihrer Funktion als politisches Sprachrohr eine einheitliche Prüfung. Da die Schweiz aber nicht Teil des europäischen Staatsapparates ist, haben die EidgenossInnen im Alleingang bereits beschlossen, vor Vorliegen eines allgemeingültigen Kriterienkataloges mit der Überprüfung der eigenen Kernkraftwerke jetzt schon zu beginnen. Für diese durchaus verständliche Maßnahme gibt es zwei Hauptgründe. Bis sich die EU-Staaten auf ein Konzept geeinigt haben, wird noch einiges an Wasser durch die spärlichen umweltfreundlicheren Wasserkraftwerke und Unmengen an heisser Luft durch die ebenso zahlenmäßig unterlegenen Windkraftwerke gespült und geblasen werden. Aber die „Uneinigkeit bei Kriterien für AKW-Stresstests“ betrifft in diesem Falle wohl mehr die unterschiedliche Sichtweise der europäischen Staaten im Hinblick auf den verbalen Kaugummi „höchste Sicherheit„.

Nach EU-Kommissar Günther Oettinger soll zwar in den nächsten Wochen jener Stresstest ausgearbeitet werden. Doch welche Kriterien dabei für die Neubewertung von Sicherheit und Risiken der bestehenden Kernkraftwerke und auch für die zukünftig geplanten Reaktoren ausschlaggebend sein sollen, darüber herrscht leider Uneinigkeit. Der in meinen Augen so wichtige Punkt „Alter der Anlagen“ sorgt für heftige Kontroversen innerhalb der einheitlichen EU-Uneinigkeit. Deutschland und eben auch die Schweiz wollen wesentlich strengere Kriterien für die Bewertung anlegen als etwa der Rest Europas. Großbritannien hat sich überhaupt nur zur Teilnahme auf EU-Ebene bereit erklärt, weil eben jene gewünschte bindende Verpflichtung kaum durchzusetzen sein wird. Sprich eine Selbstverpflichtung zur Überprüfung der „hauseigenen“ Atomkraftwerke wäre erklärtes Ziel, doch letzten Endes entscheiden immer noch Italien, Frankreich oder Großbritannien über Abschalten oder Weiterlaufen. Selbst dann, wenn sich gravierende Mängel und Sicherheitslücken auftun.

Aus Diplomatenkreisen war nun zu vernehmen, dass es einfach noch zu früh sei, aus den Ereignissen rund um Fukushima Konsequenzen zu ziehen. Von daraus abgeleitete notwendigen Maßnahmen ist dabei noch nicht einmal die Rede. Und selbst wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass in Japan nicht alles nach Wunsch verlaufen sein sollte, bleibt abzuwarten, ob ein Maßnahmenkatalog, welcher alle Beteiligten unter einem Dach vereint, überhaupt realitätsbezogene Forderungen beinhaltet. Wer möchte denn schon voraussagen, ob neben Erdbeben und Tsunami nicht auch Hacker und Cyber-Kriminelle in Zukunft nicht auch AKWs mithilfe des Internets stilllegen können? Wer möchte schon die eigene Hand ins Feuer der atomaren Eitlekeiten legen und uns erklären, dass das Containment (Sicherheitshülle des Reaktorkerns) auch den stärksten Sturm und die höchste Flutwelle unbeschadet übersteht?    

Und so hat sich das Schweizer Bundesamt für Energie (BfE) entschlossen, nicht auf Europa zu warten. Bis Ende März sollen erste Ergebnisse über potentielle Schwachstellen auf dem Tisch des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) liegen. Zu diesem Zeitpunkt wird die EU immer noch um des Kaisers Bart verhandeln. Dass maximal eine Diskussionsbereitschaft über erneuerbare Energien bestehe, wie es Österreichs Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner so vorsichtig ausdrückte, dürfte der mächtigen Atom-Lobby auch nicht gerade ungelegen kommen. So kompliziert ist dies in atomaren Zeiten wie diesen.                     


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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