Konjunktiv-Katastrophen


Reale Berichterstattung irrealer Ereignisse

Ich habe einen wirklich interessanten Artikel von Burkhard Müller-Ullrich zur aktuellen Berichterstattung über die Möglichkeit eines atomaren Reaktorunfalls in Japan gelesen. Richtig, über die Wahrscheinlichkeit und Eventualität eines möglichen Desasters in Fukushima. Der Autor stellt unter „Verstrahlter Journalismus“ die nicht unberechtigte Frage: „Herrscht beim Thema Atomkraft Rationalitätsverbot?

Müller-Ullrich wirft dabei in weiterer Folge die Fragestellung auf, ob denn nun in Japan ein Erdbeben und ein Tsunami stattgefunden hat oder eigentlich in erster Linie ein Reaktorunfall. Seit Tagen berichten deutschsprachige Medien über die von Fukushima ausgehende Strahlengefahr, doch die vielen tausend toten Menschen werden dabei unter den journalistischen Teppich gekehrt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass bei all der Hysterie, welche im Blätterwald rauscht und das Echo unverändert über die Landesgrenzen weiterträgt, bisher noch kein Mensch durch Verstrahlung ums Leben kam, aber durch die primäre Katastrophe Erdbeben und besonders durch den darauffolgenden Tsunami wohl weit mehr als Zehntausend Mensch ihr Leben ließen. Und dieses völlig unverhältnismäßige Verhalten, diese Verkehrung der Verhältnisse, wie er schreibt, lässt sich einzig und alleine durch ein Realitätsverbot begründen. Der menschliche Verstand setzt dann aus, sobald das Thema „Atomkraft“ zur Sprache kommt.

Konsequent fügt er weitere Beispiele seiner aufgestellten Behauptung auf. Tausende chinesischer Bergarbeiter sterben jedes Jahr beim Kohleabbau, jener Prämisse für fossile Energieerzeugung. Doch wo bleiben vergleichbare Zahlen für die Toten durch Atomkraft? Damit ähnlich viele Menschen durch mögliche Super-GAUs ihr Leben verlieren wie bei realen Unfällen durch berstende Staudämme, müssten jährlich etliche weitere Fukushimas passieren. Aber es bleibt eben bei diesen Konjunktiv-Katastrophen. Fakt ist, dass Naturkatastrophen hauptverantwortlich für die täglich propagierten Schreckensmeldungen wären, aber diese durch „Was wäre wenn …“-Gedankenspiele inhaltsreich und doch wieder inhaltsleer ersetzt werden.

Burkhard Müller-Ullrich stellt deshalb den sogenannten deutschen Journalismus ins Abseits der tatsächlichen Zahlen und Fakten. Hier bestimmen nicht die Werte wie „Wirklichkeit“ und „Kennzahlen“ die Berichterstattung, sondern in erster Linie „Kann-Zahlen“ und „Möglichkeiten„. Zu Anfang seines Artikels bezeichnet er den Journalismus als zynisches Geschäft, einzig und allein dem Unheil verbunden und niederen Trieben verpflichtet. JournalistInnen erhalten ihr Honorar für die Befriedigung dieser niederen Triebe, nicht für sachliche Aufklärung.

Gefühlskitzel als Antrieb des Schreibens, welcher sich anhand bestimmter professioneller Kriterien messen lässt. Wenn bei uns ein Autobus mit wenigen Toten verunglückt, so besitzt dies einen weit höheren Stellenwert als derselbe Autobus mit Dutzenden von Leichen, welcher fernab der Heimat auf einem fremden Kontinent verunglückt. Einschränkung: Wenn es sich in der Ferne um „Landsleute“ handelt, macht dies die Schreckensmeldung wieder umso interessanter und wertet dies dementsprechend wieder ungemein auf. Er bezeichnet das als einen Versuch, das irrationae Schicksal durch Rationalität zu kompensieren.

Zum Schluss vergleicht Müller-Ullrich jene neue Generation, jenes neue Denken des Journalismus mit der alten Garde der schreibenden Zunft. Altgediente JournalistInnen werden lobend als zynisch bezeichnet, diese „Old School„-VeteranInnen sind nicht wie heutige BerichterstatterInnen auf das Prinzip „ausschließen“ konditioniert, sondern huldigen vielmehr dem „Warten wir mal ab, was passiert.“ Diese alte Art des Schreibens sei sachlicher und nicht von Fabulierungen im Stile von „Es ist nicht auszuschließen, dass …“ geprägt.    

Keine Frage, Burkhard Müller-Ullrich hat in vielen Dingen recht. Werbung definiert sich an Auflagenstärken, hohe Einschaltquoten sind meist gleichbedeutend mit Geldeinnahmen. Doch möglicherweise stellt diese neue, wenn es denn eine neue Form der Berichterstattung ist, mediale Landschaft auch in gewisser Weise eine Ohnmacht dar. In Zeiten, da das engmaschige Netz aus Politik und Wirtschaft eine wohl durchdachte und sorgfältige Recherche oftmals nicht zulässt, sind die Menschen, und auch JournalistInnen sind ebensolche, oft auf Vermutungen und Annahmen angewiesen. Informationen werden erst dann der Öffentlichkeit preisgegeben, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Die unglaubliche Desinformationspolitik der japanischen Regierung im Falle der havarierten Kernreaktoren ist der beste Beweis dafür.

Sachliches und verantwortungsvolles Schreiben bedarf dafür notwendiger Quellen, welche sich bereit erklären, durch kooperatives Verhalten zur Aufklärung vom Missständen beizutragen. Doch wenn eben jene Verantwortlichen selbst in keinster Weise zur Publizierung beitragen können oder in vielen Fällen nicht wollen, dann sind Mutmaßungen und mögliche Plausibilitäten vielfach das einzigste Stilmittel, um einen Zusammenhang zwischen Subjektivität und Objektivität herzustellen. Und solange sich Politik und Wirtschaft dieser Rolle nicht bewusst sind oder im schlimmeren Fall bewusst Tatsachen verschleiern, lassen sich am besten die Ängste der Menschen auf zynische Art und Weise manipulieren.         


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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