Rückschritt: Vormarsch der Gentechnik


ISAAA jubelt über Siegeszug der Gen-Gewächse

Das gentechnikfreundliche Institut „International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Application (ISAAA)“ hat am 24. Februar 2011 die neuen Zahlen über die weltweiten Anbauflächen genmanipulierter Pflanzen für das Jahr 2010 veröffentlicht. Und weil 2010 ein kleines Jubiläum (15 Jahre) für die kommerzielle Nutzung des Gen-Anbaus in der Landwirtschaft war, freuen sich die Macher der Studie über die steigenden Zahlen. Doch entsprechen diese Zahlen auch den tatsächlichen Fakten?

ISAAA: Studie Anbau gentechnisch veränderte Nutzpflanzen 2010.

Quelle: ISAAA Report 2010 

Wenn man der Studie (siehe Global Status of Commercialized Biotech/GM Crops: 2010 oder auf linkes Schaubild klicken) Glauben schenken darf, sind wir sogar Zeuge eines historischen Meilensteins in der Geschichte der Nutzung von gv-Pflanzen geworden. Die Anbauflächen der 29 Länder, welche sich der agrarwirtschaftlichen Genmanipulation hingeben, betragen demnach bereits 148 Millionen Hektar Acker- und Nutzfläche. Und wie immer tauchen die üblichen Verdächtigen auf der Rangliste ganz oben auf. Die USA als unumstrittener Marktführer bringt es auf fast 67 Millionen Hektar, dahinter folgen auf einem „guten“ zweiten Platz Brasilien mit 25 Mio, dicht gefolgt von Argentinien (23 Mio). Doch Brasilien hat sich diesen Platz durch zusätzliche vier Mio Hektar auch redlich verdient. Mal sehen, ob Argentinien da im neuen Jahr mithalten kann.

Ich habe mir die Mühe gemacht, einen Größenvergleich herzustellen. Laut der Statistik von wko: Fläche und Bevölkerung verfügt die Bundesrepublik Deutschland über ein Staatsgebiet von 357108 Quadratkilometern, was umgerechnet einer Fläche von annähernd 36 Mio Hektar Land entspricht. Nehmen wir jetzt noch Italien mit 301 336 Quadratkilometern hinzu, kommen wir auf jene Anbaufläche, welche die USA im Jahr 2010 mit Gen-Pflanzen bebaut hat. Da fühlt sich die Gen-Lobby doch gleich viel besser. 

Und die ISAAA freut sich, drei neue Sterne am gentechnikverseuchten Himmel begrüssen zu können. Widmet sich Schweden dem Anbau von Kartoffeln, haben sich die beiden gv-Newcomer Myanmar und Pakistan dem Anbau verseuchter Baumwolle verschrieben. Und genau jene Entwicklungs- und Schwellenländer sind es, welche sich durch die Gentechnik Gewinne und Wohlstand erhoffen. Mehr als 15 Millionen Landwirte und Kleinbauern nutzen 48 Prozent der Biotech-Anbauflächen, um darauf Soja (73 Mio ha), gv-Mais (47 Mio ha) oder Baumwolle (21 Mio ha) anzupflanzen (siehe dazu Biotechnologie: ISAAA-Report 2011: Anbau von gv-Pflanzen legt wieder zu).

Und alles nur, um den Hunger dieser Welt mit effektiven Mitteln zu bekämpfen? Greenpeace sieht die Sache etwas anders. Unter Siegeszug der Gentechnik? – Von wegen! werden die Zahlen und Fakten differenzierter betrachtet. Denn gerade in Europa ist der Gen-Anbau um 13 Prozent zurückgegangen und der Rest der Nutzungsflächen konzentriert sich auf eben auf jene schon genannten Hardliner im Gen-Geschäft. Da könnte einem der Verdacht kommen, dass die Zahlen doch in gewisser Art und Weise zu manipulativen Zwecken der Genmanipulation aufgearbeitet wurden.

Der Gentechnik-Experte Dirk Zimmermann von Greenpeace sieht die Sache ähnlich: „Die ISAAA zählt Deutschland mit seinen 15 Hektar Kartoffeln dennoch zu den 29 Biotech Crop Countries. Ebenso wird mit weiteren Staaten mit verschwindend kleinen Anbauflächen verfahren – die veröffentlichte Weltkarte täuscht daher über das wirkliche Ausmaß der Verbreitung von Gen-Pflanzen hinweg. An der kompletten europäischen Anbaufläche haben Gen-Pflanzen einen Anteil von weniger als 0,06 Prozent. Die Popularitätswerte der manipulierten Pflanzen sinken dabei parallel zu ihrer Verbreitung: 61 Prozent der EU-Bürger stehen ihnen kritisch gegenüber.“

Doch trotz dieser steigenden Ablehnung feiert die ISAAA sich, die führenden Gentechnik-Nationen oder Firmen wie Monsanto, Pioneer oder Syngenta eben selber. Schließlich zeugen diese Zahlenspiele von der zumnehmenden Akzeptanz der WeltenbürgerInnen gegenüber dieser biotechnologischen Wunderwaffen. Und weiterhin freuen sich die Lobbyisten, dass ab dem Jahre 2015 eine Wachablösung stattfinden wird. Denn dann werden die Entwicklungsländer auf den Gentechnik-Zug vollends aufgesprungen sein und die Industrienationen in Bezug auf Anbaufläche und Produktion überflügelt haben. Verschwiegen wird allerdings die Tatsache, dass sich eben diese Länder und die darin lebenden Kleinbauern mit ihren dort angebauten gv-Pflanzen dann in eine noch stärkere Abhängigkeit gegenüber den grossen Firmen und Konzernen begeben.

Und ob die Gentechnik das Allheilmittel gegen den Welthunger ist, bezweifelt Zimmermann: „Die angebauten Gen-Pflanzen sind ausschließlich für den Export bestimmte cash crops, die zum großen Teil zum Beispiel bei uns im Tierfutter landen. Der Anbau für die Ernährung der Bevölkerung wird in der Folge mehr und mehr reduziert und erfordert zunehmend den teuren Zukauf von Lebensmitteln.“

Zum Abschluss, so im Vorbeigehen. Deutschland pflanzte 2010 auf 15 Hektar Kartoffeln an. Hauptsächlich zu Versuchszwecken, wie ich bereits einmal am Rande meines Artikels „Grüne Vernunft vs. Greenpeace“ erwähnt hatte. Dass gerade jetzt die genmanipulierte Kartoffel Amflora in den Schlagzeilen steht, wird die ISAAA auch nicht unbedingt freuen. Und über die Diskussion um den zur Zeit immer noch in sieben europäischen Mitgliedsstaaten verbotenen gv-Mais MON810 wird ebenfalls der Mantel des Schweigens gebreitet.

BASF, welche für die deutschlandweit erste kommerzielle Kartoffelernte einer gentechnisch veränderten Kartoffel verantwortlich zeichnet, hat nun beschlossen, die weit mehr als 100 Tonnen komplett zu vernichten. Denn die im Müritzkreis (Mecklenburg-Vorpommern) gezüchtete Amflora wurde ihren hochgesteckten oder hochgezüchteten Erwartungen des Konzerns nicht gerecht. Anstatt der nun geernteten 138 Tonnen wurde eigentlich von BASF-Seite mit einem Ertrag von 300 Tonnen gerechnet. Marlies Woellner von der Bürgerinitiative „Müritzregion gentechnikfrei„: „Amflora hat generell schlechte Erträge.“ Aber anstatt den biochemischen Ladenhüter, welcher unter Pilzbefall und Viren vor sich hin kränkelte, endgültig zu begraben, versucht es BASF nun erneut. Einziger Unterschied: Anstatt in Mecklenburg-Vorpommern wird nun auf zwei Hektar im Bundesland Sachsen-Anhalt herum experimentiert (siehe auch: Ein Teil der Amflora-Ernte wird vernichtet). Genauer gesagt in Üplingen. Der Name kommt Ihnen bekannt vor? Mein bereits erwähnter Artikel über die Grüne Vernunft kontra Greenpeace führt Sie im Bedarfsfall auf die richtige Spur.

Und wie auch schon erwähnt, hat sich Schweden 2010 auch auf das glatte Terrain gentechnischer Anbauflächen begeben. (Bionity: BASF Plant Science baut 2011 Amflora-Kartoffeln in Deutschland und Schweden an). Und siehe da, wiederum hat die BASF Plant Science die Finger im Spiel. Und selbstverständlich sprechen für den Anbau der Mutanten-Knolle ganz hehre und plausible Ziele und Gründe, wie der Geschäftsführer Peter Eckes sagt: „Für die Nutzung von Amflora in dem für Stärkekartoffeln wichtigen Anbauland Deutschland sprechen viele Gründe. Die Trennung des Stärkegemischs herkömmlicher Kartoffeln für die industrielle Verwendung ist unwirtschaftlich und wenig umweltschonend. Amflora als innovative neue Sorte produziert reine Amylopektinstärke. So spart sie Ressourcen, Energie und Kosten und bietet einen echten Mehrwert für den Landwirt und die stärkeverarbeitende Industrie.

Dass es aber in Skandinavien schon zu Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit der nicht genehmigten gv-Kartoffelsorte namens „Amadea“ im Jahr 2010 kam, wissen die wenigsten. Dies konnten selbst die BASF-Verantwortlichen nicht bestreiten. So kann man auf der BASF-Seite Dialog Amflora unter „Amflora-Vermischung auf Feldern in Schweden vom 06.09.10 wortwörtlich nachlesen: „Im Verlauf unserer eigenen Qualitätskontrollen haben wir sehr geringe Mengen von Amadea-Kartoffeln in Amflora-Feldern im Norden von Schweden entdeckt. …“

Am 28.09.10 wurde dann voller Stolz die Bevölkerung auf eben dieser Plattform darüber informiert, dass die „Ursache der Vermischung von Stärkekartoffeln aufgeklärt“ sei. Und BASF kam zu dem aufschlussreichen Ergebnis, dass Amflora und Amadea zeitweise in den gleichen Räumen herangezogen wurden und es dadurch zu einer Verwechslung kam. Sehr bedauerlich, aber kann ja passieren. Wir sind schließlich alle nur Menschen. Glücklicherweise blüht die Amadea weiss, während die Amflora nur wenige rosa-violette Blüten ausbildet. Und genau dieser Umstand führte bei den Kontrollgängen dann auch zur Entdeckung der Vermischung der beiden Kartoffelsorten.

Ich habe mir, um nun zum Abschluss zu kommen, die frevlerische Frage gestellt, ob es neben der klassischen Farbenblindheit oder exakter Farbsinnstörung oder auch Farbenfehlsichtigkeit (Rot-Grün-Blindheit) auch eine Weiss-Rosa/Violett-Blindheit gibt. Doch glücklicherweise bin ich auf keine dementsprechende menschliche Sinnesstörung gestossen. Hoffentlich wachsen nicht irgendwann einmal grün blühende neben rot blühenden Kartoffeln. Denn dann könnte es wirklich kritisch werden.

Jetzt komme ich mit ganz schlechten Nachrichten, obwohl ich schon ein Happyend angekündigt und in Aussicht gestellt hatte. Denn es gibt eine sogenannte Blaublindheit. Und diese Farbfehlsichtigkeit hat es in sich. Denn Blaublinde. können die Farbe Blau nicht wahrnehmen. Sie verwechseln Rot mit Orange, Blau mit Grün, Grüngelb mit Grau. Doch das dicke Ende kommt noch. Sie verwechseln Violett und Hellgelb mit Weiss.

Paul Bögle wünscht „Guten Appetit!


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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