E10: Biosprit kraft- und saftlos 2


Biotreibstoff E10: Grüner Tiger im Tank oder Öko-Melkkuh?

Eigentlich hatte ich gestern nach den Windkanalmessungen der Buckelwale angekündigt, Sie heute in die costaricanische Hauptstadt San José zu entführen. Doch irgendwie ist mir auf halber Strecke der Sprit ausgegangen und so habe ich kurzfristig umdisponiert. Mit Ende des Jahres 2010 wurde an deutschen Zapfsäulen die neue Benzinsorte E10 angepriesen und wird bis in die Gegenwart natürlich auch verkauft. Unter dem Deckmantel Klima- und Umweltschutz wird dem Kraftstoff seither bis zu 10 Prozent Ethanol beigemischt, was zu einer Verminderung des CO2-Ausstosses durch des Menschen liebstes Fortbewegungsmittel führen soll. Neben den bisher handelsüblichen Benzinsorten selbstredend, schließlich verträgt nicht jedes Auto älteren Baujahres die Öko-Injektion im Benzintank.

Doch ist nun wirklich „Alles super mit Ethanol“? Je mehr Tankstellen 2011 mit Ethanol mobil machen, desto öfter steht E10 in der Schusslinie. Und selbstverständlich wehren sich jene Vereinigungen, Industriezweige und Interessensgemeinschaften gegen die aufgestellten Behauptungen, welche mit dem neuen Treibstoff die gesunden Ökodämpfe namens Gewinn in die eigenen Geldspeicher absaugen. Allen voran der „Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie e.V. (VDB)„, welcher nun in einer Pressemitteilung die einseitige Debatte um E10 vehement kritisiert (siehe Biokraftstoffproduzenten kritisieren einseitige Debatte um E10).

Da werden dann gewichtige Argumente für E10 aus dem ethanolgetränkten Ärmel gezaubert: „BUND und VCD wollen offenbar mehr Öl aus Diktaturen einführen, sie wollen Ölsande aus Kanada nutzen und in der Tiefsee bohren, und das kein Jahr nach der Katastrophe im Golf von Mexiko. Wer die schweren Umweltschäden dieser Erdölförderung hinnimmt und ausgerechnet zertifizierte Biokraftstoffe ausschließen will, verweigert sich der Realität.“ Gut gebrüllt, Löwe!

Der BUND hält von solcherlei Realitätsdenken allerdings wenig. „E10 sei eine Mogelpackung und ein Fall von Verbrauchertäuschung, was die Umweltbilanz betrifft„, bringt es der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger auf einen einfachen Nenner. Der auch als Agrosprit bezeichnete Treibstoff sei um nichts besser als herkömmliches Benzin. Als Gründe für seine Behauptung führt er an, dass durch den erhöhten Ethanolbedarf auch die dafür notwendige Anbaufläche für Weizen, Mais und Zuckerrüben, welche als Rohstoff für die Gewinnung dienen, ausgeweitet werden müsse. Und weil nun festgestellt wurde, dass sich durch E10 der Benzinverbrauch der Autos um mehrere Prozentpunkte erhöht, braucht es rein rechnerisch auch mehr Anbaufläche, um diesen erhöhten Bedarf zu decken. Flächenumwandlung heißt das Zauberwort. Und da auch moderne LandwirtInnen mit den ökonomischen Gesetzen moderner Marktwirtschaft vertraut sind, hat sich auch bis zu ihnen längst herumgesprochen, dass damit Gewinne erzielt werden. Denn die Nachfrage bestimmt den Preis. Und je höher der Preis, desto mehr Flächen werden mit umso mehr eingesetztem Dünger bewirtschaftet.

So seien im vergangenen Jahr 2 Prozent der Wiesen und Weiden in Deutschland in Ackerflächen umgebrochen worden. Dies führe zu einem Verlust biologischer Vielfalt und schädige das Klima, da der Humus unter den Wiesen viel Kohlendioxid binde.“ (taz: Agrosprit schädigt die Umwelt). Doch neben dieser Problematik verweist der BUND auf eine weitere Folge des Einsatzes von Ethanol im Treibstoff, welcher aber in keiner Umweltbilanz berücksichtigt werde. Denn nicht nur in Deutschland wird dieser Wertewandel beobachtet. Weltweit folgen die Bauern dieser Strategie. Wertvolle Anbauflächen für Nahrungsmittel werden rigoros durch diese gewinnversprechenden Energiepflanzen substituiert und der Wachstumsprozess durch den ungebremsten Einsatz von Pestiziden unterstützt. Die fehlenden Flächen dagegen müssen ebenfalls kompensiert werden. Also werden weitere Waldflächen gerodet. Und dies wiederum führt zu einer Erhöhung der CO2-Emissionen. Und so weiter und so fort.       

Dass nach einer Erhebung des „Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) vom 18.02.2011 die Preise für Ethanolbenzin ihren (vorläufigen) Höchststand seit dem Beginn der Messungen im August 2006 erreicht haben, wird zwar zur Kenntnis genommen (siehe dazu auch ADAC kritisiert Bioethanol-Preispolitik an Tankstellen). Doch selbst dafür gibt es eine Erklärung. Schließlich haben dies nicht jene zu verantworten, welche plötzlich dem Golf von Mexiko das ölverseuchte Wasser ab-und den bösen Öldiktaturen die ölverschmierten Hälse umdrehen wollen, sondern dafür müssen schon die Mineralölkonzerne die Verantwortung übernehmen.

Doch diese fühlen sich selbstverständlich auch nicht verantwortlich. Natürlich wisse man um den erhöhten Spritverbrauch durch E10. Da es aber nun beschlossene Sache ist, dass das bisher ersatzweise in den Tank gefüllte Superbenzin E5 mit 95 Oktan wegen E10 vom Markt genommen wird und dadurch jene, deren Spritkarossen mit diesem Treibstoff nicht klar kommen, auf das höherwertige (und teurere) Benzin mit 98 Oktan umsteigen müssen, sei zwar bedauerlich, aber nicht zu ändern. Shell argumentiert dementsprechend so: „Sowohl die Produktionsmöglichkeiten der Raffinerien als auch die Anzahl der Kraftstofftanks in Raffinerien und Tanklagern sowie insbesondere an den Tankstellen sind in der Regel begrenzt“, begründete das Unternehmen die Entscheidung. Die Tanks werden nun für das neue E10 gebraucht. Der Bau neuer Tanks lohne sich nicht.“ (Augsburger Allgemeine: E10-Benzin: Teurer Öko-Sprit)

Ich bin beileibe kein Freund des Autofahrens und fahre Tag für Tag mit der Schnellbahn. Aber selbst ich muss respektieren, dass viele Menschen aufgrund fehlender Infrastruktur oder körperlicher Gebrechen auf ihren fahrbaren Untersatz angewiesen sind. Doch wenn die deutsche Bundesregierung den Ölkonzernen vorschreibt, aufgrund gesetzlicher Regelungen zum Wohle des Klimaschutzes unter Androhung hoher Strafen einen bestimmten Anteil an Biosprit, welcher aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt wird, auf Teufel komm raus zu verkaufen (dazu auch Super E10: Tricksereien gehen weiter), kann einem schon der Verdacht kommen, dass der Hunger dieser Welt eigentlich gar nicht so schlimm sein kann. Oder liegt hier ganz einfach nur ein Missverständnis vor?         


Über Paul Boegle

Bio Natur - Der Weblog, warum dieser Blog und warum gerade ich ? Ich gehöre mittlerweile einer Generation an, welche einerseits noch ohne Internet ihre Kindheit und Jugend verbracht hat, andererseits aber auch durch berufliche Notwendigkeit, das Interesse am Medium Internet und nicht zuletzt durch die Kinder aktiv das www nutze. Ist das nun gut oder schlecht ? Wie so vieles im Leben ist auch das Internet ein zweischneidiges Schwert. Ich denke oft mit Wehmut an eben diese lang zurückliegende Zeit, als Kinder noch mit Fußballspielen oder Indianer und Cowboy ihre Freizeit verbrachten. Viele meiner Generation halten diese Art von Freizeitbeschäftigung als wesentlich sinnvoller, da sie für die Förderung sozialer Kontakte als auch für die Gesundheit, man denke nur an Übergewicht oder die zunehmende Isolation der heutigen Jugend, doch wesentlich förderlicher sind als der tagtägliche Gebrauch des Mediums Internet. Andererseits sehe ich aber auch die Notwendigkeit, daß viele Themen wie eben auch das Gebiet Bio und Natur eine wesentlich größere Resonanz und Verbreitung durch die globale Verlinkung erfahren. Informationen können per Klick abgerufen und Wissenswertes kann von zuhause aus recherchiert werden. Ein weiterer Vorteil für jeden Webmaster ist dementsprechend auch die Möglichkeit, eigene Webseitenprojekte, in diesem Fall http://www.bio-natur.at, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


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2 Gedanken zu “E10: Biosprit kraft- und saftlos

  • Paul Boegle Beitragsautor

    Also bitte, wer wird denn auf das bisschen Umwelt schauen, wenn sich Automobilindustrie, die deutsche Bundesregierung und die Mineralölkonzerne an einen Tisch setzen. Sooo groß ist der Tisch leider nicht, dass hier auch noch ein kleines freies Plätzchen für diverse Umweltschutzverbände zu finden wäre. Und ob jetzt nun die Klimabilanz des E10 gewisse Tendenzen ins Negative hat, das benötigte Ethanol andere Grundnahrungsmittel von den Anbauflächen verdrängt und Pestizide und Kunstdünger zum Einsatz kommen, darf doch wirklich nicht störend wirken. Schließlich geht es hier um das Auto. Jenes unverzichtbare Fahrzeug für Drive-in, Formel 1 und nicht zuletzt zum Zigaretten holen. Wir wollen doch nicht kleinlich sein.